INDEX oder MISCELLANEOUS

Der

Teutsche Merkur.

October 1789.

C. J. Jagemann:

 

Von

der Luft in Campagna di Roma

und dem Einfluß, den sie auf den Feldbau hat.

 

     Zwischen den Sonnenwenden des Winters und des Sommers, nemlich vom 22. December bis den 22. Junius, ist die Luft im Gebiethe der Stadt Rom vollkommen gesund. Auch ist sie den ganzen Herbst hindurch unschädlich, wenn im Monath September häufige Regen fallen, und die Herbstwitterung frisch und mit öfteren Regen untermischt ist. Aber im Sommer, vom 22. Junius bis den 22. September, ist daselbst die Luft durchaus ungesund, und bleibt es auch nach dem 22sten September in den Jahren, in welchen die Herbstregen sich später einstellen, dieselbe zu reinigen und zu erfrischen. Zur Zeit der ungesunde Luft kan Niemand, es sey bey Tage oder bey Nacht, auf dem Lande schlafen, ohne sich augenblicklich das Fieber oder den Tod zuzuziehen. Daher ist es in dieser Jahrszeit fast gänzlich unbewohnt. In den Bauerhütten schläft niemand, als eine geringe Anzahl von Hirten und Tagelöhnern, welche vom Fieber und Verstopfungen beständig geplagt sind, und größtentheils in wenigen Jahren sterben. Nur der übermäßige Tagelohn, den diese Unglückseligen im Sommer erhalten, reitzet sie, ihre Gesundheit und Leben in diese Gefahr zu setzen. Ein Schnitter oder Drescher erhält hier, ausser der freyen Beköstigung, täglich 12 bis 15 und in manchen Jahren auch 20 Groschen. Die fremden Arbeiter laßen sich hierdurch nicht anlocken. Am Ende des Maymonaths und im Anfang des Junius fliehen sie vor dieser Luft, wie vor der Pest. Nur wenige, zu Hause vom äussersten Elend gedrückte Wagehälse bleiben zurück, welche von gewissen Werbern, die man Feld-Corporale nennt, wie Soldaten angeworben werden, und fast alle ihre Gesundheit und viele ihre Leben verlieren.

     Viele sind der Meinung, in den blühenden Zeiten der Römer sey die Luft des Römischen Gebietes durchaus gesund gewesen, und erst in den folgenden Jahrhunderten durch den Verfall des Ackerbaues, und durch die Verminderung der Bevölkerung verursacht worden. Allein es läßt sich beweisen, daß sie auch in den besten Zeiten der Römer in der westlichen Gegend des Römischen Gebiethes, nehmlich in der Nachbarschaft des Meers, besonders wo das Ufer sich nicht hoch über das Meer erhebt, nicht besser als jetzt war. Man weiß aus der Geschichte, daß sich die Römer mehr als einmal mit der Verdämmung der Pomptinischen Sümpfe beschäftigt, und ihren Endzweck nie erreicht haben. Man weiß auch, daß das Toskanische Seeland, zu der Römer Zeit, wie jetzt, von vergifteter Luft angesteckt war. Plinius der jüngere schreibt in einem Briefe an den Apollinaris: Est sane gravis et pestilens ora Tuscorum, quo per littus extenditur. Weil Tuscien sich damals sehr weit in das jetzige Römische Gebiethe erstreckte, und das Römische Seeufer von Natur eben so niedrig ist, als das Toskanische, so mußte es von jeher dem nehmlichen Unheil, welches aus der allzuniedrigen Lage des Landes entstehet, unterworfen seyn. Es war nie möglich, Sümpfe und Regenwasser von einer Ebene ind Meer zu leiten, die von Natur nicht über dasselbe erhoben ist. Zu allen Zeiten mußten die daselbst herrschenden Südwinde die bösen Ausdünstungen in das Innere des Landes vertreiben, und den Luftkreis vergiften. Aus der ungeheuren Bevölkerung des alten Roms, und vieler Seeländischen Städte, deres Rudera noch vorhanden sind, folget nicht, daß die Luft an sich selbst reiner und gesunder war, sondern vielmehr, daß die schädliche Wirkung derselben durch die gedrängte Menge der Menschen und Feuer-Heerde nicht statt fand. Hierzu trugen die hohen und massiven Gebäude der Städte und Landhäuser, welche mit Bedienten und Sklaven angefüllt waren, und die große Menge Wasserleitungen, die ihnen das reinste Quellwasser zum Trinken und Kochen herbeyführten, sehr viel und vielleicht alles bey.

     Man findet dieses durch die Erfahrung bestätigt. In den Städten und Kastellen, wo viele Menschen beysammen wohnen, und mit gesunden Wasser versehen sind, schadet die Luft nicht: jedoch müssen sie die Behutsamkeit brauchen, nie, auch nur eine Stunde, auf freyem Felde zu schlafen. Diese Regel wird von den Bauern und Winzern in der Nachbarschaft der Stadt Rom auf das pünktlichste beobachtet. Sie verlassen im Anfang des Sommers ihre Landhäusewr, und ziehen in die Stadt. Von hieraus besuchen sie täglich ihre nächsten Aecker und Weinberge, ohne jedoch auch nur eine Viertel Stunde ausser der Stadt des Schlafs zu genießen, bis die häufigen Herbstregen erfolgt sind. Alsdann ziehen sie wieder aufs Land, und bewohnen daselbst ihre Häuser. Das nehmliche geschiehet zu Civita Vecchia, zu Tivoli, Frascati, Albano, Genzano und Velletri, wo die Einwohner im Sommer mehr oder weniger ihrer Gesundheit genießen, je mehr oder weniger diese Oerter bevölkert sind.

     An andern Orten ist auch bey einer geringern Bevölkerung die Luft minder schädlich. Sie liegen auf hohen Hügeln, oder sind durch hohe Bäume wider die salzige Feuchtigkeit des afrikanischen Südost-Windes geschützt, besonders in den Jahren wo derselbe im Sommer wenig bläset. An solchen Orten, und in den nächsten Fluren der erwähnten Städte ist das Tagelohn der Arbeiter im Sommer viel mäßiger. Schade, daß hier bey geringerer Gefahr die Arbeiter nicht zahlreicher sind. Diejenigen, welche in dem Römischen Gebiete das Feld bearbeiten, kommen hieher entweder aus den Apenninischen Gebirgen, oder aus dem Königreich Neapel, oder sind Toskaner, Luckeser, Modeneser, oder wohl gar Bewohner der Alpen. Diese verlaßen ihre Heimath nicht, bis die Herbstregen gefallen sind, und halten sich, ausser sehr wenigen, nicht über die ersten Tage des Junius im Römischen Gebiethe auf. Von des Herbstes Anfang aber bis ans Ende des folgenden Frühlings fehlt es nicht an Arbeitern. Sie kommen Scharenweise aus allen Gegenden Italiens, obgleich das Tagelohn in diesen Jahreszeiten nicht größer als vier bis sechs Groschen ist.

     Bey solchen Umständen wäre es rathsamer, daß die Römer und die Bewohner der übrigen Städte und Kastelle in Campagna di Roma nur solche Produkte cultivirten, welche in den Sommermonathen keine Bearbeitung erfordern, z. B. den Oehl- und Seidenbau, und von den übrigen nur solche, ohne welche man nicht leben kann, und zwar nur in der Nachbarschaft der bewohnten Oerter. Sie würden alsdenn auch die Unglückseligen zu ihrer Arbeit benutzen können, welche, durch die Feld-Corporale angelockt, in entfernten Gegenden ihre Gesundheit und Leben aufopfern. Den Güterbesitzern und Kaufleuten, welche des Gewinns halben daselbst Reis, Flachs, Hanf, Tobak, Hirse, Buchweitzen, und dergleichen zu bauen, so viele römische Unterthanen (denn die Fremden laßen sich hierzu nicht gebrauchen) gleichsam auf die Schlachtbank führen, sollte ein so grausames Handwerk verbothen werden; weil hierdurch die Bevölkerung der Bauern von Jahr zu Jahr mehr abnimmt.

     Die Folge, daß die entferntern Gegenden ungebauet und wüste liegen bleiben würden, sollte durch ganz andere Wege, die der Natur der Sache mehr angemessen und für die Menschheit vortheilhafter wären, vermittelt werden. Wenn die unermeßlichen Summen, welche auf die Verbesserung der Pomtinischen Sümpfe, auf neue Kirchen und Sakristeyen, auf Errichtung der Obelisken und Pyramiden u. d. g. verwendet werden, zum allmählichen Bau neuer Dörfer und Flecken auf dem Lande bestimmt würden; wenn der ungeheure Troß von Bauersöhnen, die um eines bequemern Lebens willen vom Pfluge entflohen sind, und in glänzenden Livreen alle Vorzimmer zu Rom anfüllen, zum Landbau zurückkehrten; wenn dem vielen Almosengeben vor den Thüren und Kirchen, und in den vielen Hospitälern, wodurch Rom und die übrigen Städte dieser Gegend mit Bettlern überschwemmt sind, gesteuert würde; wenn die Landgüter, welche jetzt wenigen Herren zugehören, unter viele vertheilt, oder wenigstens der weitere Ankauf verbothen würde; wenn man die erbauten Dörfer wohl versorgten Kolonisten einräumte, und sie mit gutem Quellwasser durch Wasserleitungen versähe, welche Herr Johann Baptist Doni in seinem goldenen Werkchen de restituenda salubritate agri Romani, und der Arzt Johann Maria Lancisi in seinem Buche de noxiis paludum effluviis, vorschreiben: so würde hier die Luft dem Ackerbau und der Bevölkerung eben so unschädlich, als zu Zeiten der alten Römer seyn.

                                                                                            J . . .

     SEITENANFANG

Teksten afskrevet i Kobberø i Thy den 18. 01. 2010