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Einleitung zur Dante-Uebersetzung.

 Wir werden uns Alle, an frühere Jahre zurückdenkend, erinnern, daß uns große Kunstwerke im Anfang eher abgeschreckt als angezogen, daß sie uns mindestens befremdet haben. Wer glaubte nicht beim ersten Lesen der griechischen Classiker in ein marmorkaltes Antlitz zu schauen, wer verstand die Naivetät des Homer, wer konnte dem Aeschylos ohne Zagen in's Auge blicken? Mancher hat die Empfindung, als bände man ihm mit der Verpflichtung, das Alles kennen, ja bewundern zu lernen, einen Mühlstein um den Hals. Und noch viel Näherliegendes, z. B. Shakespeare! dünkte es uns nicht rauh, hart, ungenießbar? und doch, was trat uns bei fortschreitender innerer Entwickelung näher, was wurde uns nach geduldigem Forschen und Versenken in jene Werke vertrauter und lieber? Wir müssen am Großen erst zum Großen heranwachsen, wie man ja auch erst im Wasser schwimmen lernen kann. Darum thut der sehr Unrecht, der sich gleich beim ersten Blick abwendet, unter dem Vorwand, er sei kein Nachbeter, kein Anempfindler, und was ihm nun einmal nicht gefalle, das gefalle ihm nicht. 

     So viel Pietät sollte Jeder für das durch die Zeit abgeklärte Urtheil des gebildeten Publikums haben, um bei solcher Gelegenheit die Schuld in sich selbst zu suchen und wenigstens einige Mühe an das Verständniß allgemein anerkannter Kunstwerke zu setzen. Hätten wir uns Alle beim ersten Anlauf träge abgewandt, für wie Viele wäre denn überhaupt jetzt eine Antigone, ein Hamlet, ja selbst das deutscheste aller Werke, der Faust vorhanden. Gleiche, ja noch größere Schwierigkeiten werden uns im Anfang beim Dante entgegenstehen.

     Insbesondere finden diejenigen, welche in protestantischer Atmosphäre aufwuchsen, trotzdem daß gerade diese vielseitiger und auch gerechter gegen abweichende Geistesbestrebungen machen sollte, doppelte Hinderniße auf ihrem Wege. Der katholisch (Seite X) Erzogene hat hier den Vortheil, von vorneherein mit der Vorstellungsweise, mit dem ganzen Ideengang des Dichters vertrauter zu sein. Deutsche Commentatoren quälen sich oft mit den spitzfindigsten Auslegungen, wo schon der katholische Katechismus für Kinder bessere Auskunft geben könnte.

     Das erste Verständniß der Divina Commedia, also des göttlichen Schauspiels, wird durch die oft absichtlich dunkle Ausdrucksweise, durch die wunderlichen Bilder und Vergleiche, die in jener Zeit wohl gebräuchlicher als jetzt sein mochten, gehemmt, nicht minder durch die Unkenntniß der Specialgeschichte, der wissenschaftlichen Vorstellungen, z. B. vom Weltbau, und der theologischen und philosophischen Systeme, dem Fundament alles Denkens und Forschens. Hier helfen die gelehrten Commentare, wenigstens zum großen Theil, aus. Dem Genuß des Gedichtes aber, also dem eigentlichen poetischen Verständniß, stehen noch andere Gründe entgegen. Erstens der Widerspruch, welcher in dem ganzen Werk liegt, ein Widerspruch, der gar nicht hinwegzuräumen ist, ohne den dasselbe überhaupt nicht bestehen könnte, der Widerspruch, das körperlose Seelen körperlich leiden, daß sie sehen, hören, schmecken, riechen, ja daß von ihrem Fleisch und Bein die Rede ist. Den Leib haben aber diese Abgeschiedenen im Grab oben auf der Erde gelassen und sie werden am jüngsten Tag dahin zurückkehren, sich wieder mit demselben zu bekleiden. Die Seele des Verräthers soll sogar im Augenblick des Verraths den Körper verlassen, um einem Dämon Platz zu machen. Während der Leib nun noch im Sonnenlicht umherwandelt, schmachtet der Geist schon in der Unterwelt. Ja der Widerspruch wird auf's höchste getrieben, als Dante im Fegfeuer dreimal seinen Freund, den Sänger Casella, zu umarmen strebt und dreimal in die leere Luft greift. Und doch ist dieser Widerspruch Lebensprincip des Ganzen, denn hätte der Dichter uns Seelen, frei von Erdenstoffen, ohne Sinne, ohne feste Gestalt, vorgeführt, was war denn an ihnen zu schildern, was konnte mit ihnen vorgehen? Die Ausmalung einer rein geistigen Reue und Buße wäre in wenig Worten geschehen. Alles müßte zerfließen, sich uns unter den Händen verflüchtigen. Man wird vielleicht auf Klopstocks Messias, auf Miltons verlorenes Paradies verweisen, (Seite XI) aber wie monoton, wie ermüdend sind solche Schilderungen, und doch auch nicht frei von Widersprüchen. Der große Dichter aber, dessen Merkmal stets plastische Gestaltungskraft ist, der Italiener, der scharf und fast nüchtern klar denkt, wie sich ja auch die Natur ihm immer fest umrissen im hellen Sonnenlicht darstellt, der Klassiker, in dessen Leben die Antike hineinragte, konnte sich nicht mit solchen Nebenbildern begnügen.

     Aus diesem Dilemma hilft dem Leser nun aber der gelehrteste Commentar des gelehrtesten Forschers nicht; wir müssen uns darin ergeben und versuchen, uns dadurch so wenig als möglich stören zu lassen, gerade wie es uns ja auch gelingt, uns im Theater durch einige Flügelschläge der Phantasie über große Unwahrscheinlichkeiten hinweg zu setzen.

     Das zweite Hinderniß liegt in unserer modernen Gefühlsweise. Kann von Genuß die Rede sein, wenn wir vom Anblick einer Qual zu dem einer andern geschleift werden, wenn diese Qualen äußerst raffinirt sind und wenn wir uns Gott den allliebenden Vater als den Urheber, ja den listigen Erfinder derselben denken müssen? Dazu gehören sich in der That mittelalterliche Nerven. Woher aber, müssen wir uns fragen, konnte der Dichter das Vorbild für seine Schilderung nehmen? Doch wohl nur aus der Natur, also aus dem ihn umgebenden Leben. Die irdische Gerechtigkeit mußte doch wohl die Norm für die ewige sein. Da sah man nun täglich auf offenem Markt die grausamsten Strafen in Ausübung bringen; Nasen und Ohren wurden abgeschnitten und nicht etwa im Krieg mit Wilden wie heut zu Tage, sondern nach dem Gesetzbuch, ja Dante selbst ward mit dem Scheiterhaufen bedroht, wenn er aus der Verbannung in die Vaterstadt zurückkehren würde. Was Wunder also, daß der Dichter seine Verdammten nicht milder behandelte. Und stellen sich nicht auch jetzt noch viele Strenggläubige mit wahrem Behagen in gleicher Weise die Höllenstrafen vor? Und, beobachten wir uns einmal selbst, ergreift nicht uns Alle beim Anblick entsetzlicher Verbrechen der Durst nach Vergeltung?

     Nicht so einschneidend, aber doch störend wirkt die pedantische Art, religiöse Begriffe und Vorstellungen einzutheilen, ja gleichsam wie materielle Dinge in Schubfächer zu legen und diese mit (XII) Namen zu versehen; so die verschiedenen Kategorien von Sünden und Strafen; da ist Vieles gar spitzfindig ausgeklügelt; ja der größte der Geister streift damit an's Kleinliche. Der freigeborenen Seele widerstrebt solch Herabziehen, solch Zerspalten und Zerfasern göttlicher Dinge, eine Verirrung, die wir weniger dem Dichter selbst, als seiner Zeit zuschreiben dürfen.

     Keine Frage ist es, daß die Einheit des Gedichtes auch durch die Vermischung der griechisch-römischen Mythologie mit dem christlichen Glauben, die man ja auch Schiller in seiner Braut von Messina so sehr zum Vorwurf gemacht hat, leidet. Engel und Musen, Teufel und Centauren tummeln sich auf demselben Schauplatz, ja Gott selbst wird der höchste Jupiter genannt. Bedenken wir aber, daß in diese Zeit das erste Erwachen der Renaissance fällt, so kann uns das nicht Wunder nehmen. Lange vor der Blüthe des Kunstgewerbes waren die verbannten Götter zurückgekehrt, um sich auf dem Parnaß der Dichter zwischen Engeln und Heiligen einzurichten.

     Wenn wir nun die Steine auf dem Weg gezeigt haben, so ist es hohe Zeit, auch das glorreiche Endziel vor dem Wanderer leuchten zu lassen. Glorreich muß es in der That sein, da die Besten dahin gepilgert sind, die Weisen und Gelehrten sich mit der Erklärung dieses Werkes beschäftigt haben, ja die Stadt Florenz unmittelbar nach Dante's Tod dafür einen eigenen Lehrstuhl errichtet hat. Genüge es darüber nur Einen zu hören, der für Viele gelten kann.


      Michel-Angelo sagt:
"Vom Himmel stieg er lebend in die Hölle
Und sah, ein Mensch, die beiden Leidenssphären,
Um dann zu Gott lebendig heimzukehren,
Auf daß der Wahrheit Licht auch uns erhelle.
 
Du Stern, dein Ruhm beglänzt der Heimath Schwelle,
Die dich zum Dank verstößt! und dennoch wären
Zu armer Lohn die Welt, und Schätz' und Ehren,
Nur Gott genügt dir, deines Lebens Quelle.
 
(XIII)
Ich rede jetzt von dir, o großer Dante,
Da Neider dein Verdienst mit Undank zahlen,
Dein Volk dem Edlen feind, dich stets verkannte;
 
Und doch, könnt' ich in deiner Glorie strahlen,
Dann tauscht' ich gern von dir, den Mißgunst bannte,
Für höchstes Glück mir ein, all' deine Qualen.
 
       Und dann:
Wer lobt dich würdig, da wir fast erblinden,
Vor solchem Glanz? viel leichter kann man schmähen,
Das Volk, das dich verbannt, als dich erhöhen,
Kein Wort genügt, um deinen Ruhm zu künden.
 
Du stiegst hinab für uns zu Höllenschlünden,
Du stiegst zu Gott empor, doch ach dein Flehen,
Dem selbst des Himmels Pforten offen stehen,
Läßt nicht in's Vaterland dich Rückkehr finden.
 
Du Stadt des Undanks, Amme, welche nähret
Die eig'ne Schmach! daß man die Besten endlich
Am schlimmsten kränkt, das ist des Wahnsinns Zeichen.
 
Ein einzig Beispiel nur aus vielen höret:
Nie ward ein Bann verhängt, wie dieser schändlich,
Nie ward ein Mensch geboren, Seinesgleichen.



     Das charakteristische Merkmal des Werkes ist die geistige Größe. Groß ist der Vorwurf in der That, den Menschen, seine Geschicke, sein ganzes Dasein in dieser und in jener Welt zu schildern. Ein großer Gegenstand bedeutet freilich an sich nichts; damit kann es auch gehen wie mit Dädalus Flug zur Sonne, wie mit Phaetons Fahrt durch die Himmel.

     Aber Dante hatte Adlerflügel und einen festen Zaum für die Sonnenrosse. Er führte den großen Gegenstand groß aus, weil ihm die dichterische Gestaltungskraft, die Kraft, mit einfachen Mitteln, d. h. wenigen Worten, zu wirken, Schärfe des Verstandes, Feuer der Einbildungskraft, Gelehrsamkeit und gereiftes Urtheil zu Gebote standen. Die richtige Form für das Ganze, das Ebenmaaß der Theile, die Harmonie, die Gegensätze, die den Leser stets wachhaltende Abwechselung, alle Erfordernisse (XIV) eines wahren Kunstwerks sind vorhanden. Genug - von seinem wahren Wehrt kann nur das Gedicht selbst einen Begriff geben. "Der Mensch" ist der Vorwurf! bei diesem Wort werden alle diejenigen, welche an Unsterblichkeit glauben, annehmen, es handle sich um unser Schicksal in dieser und in jener Welt. Den Hauptraum, die Hauptzeit erwarten aber auch sie auf das irdische Dasein verwandt zu sehen.

     Der Materialist hingegen wähnt wohl, das Ganze sei im engen Ring dieses Lebens beschlossen.

     Der Idealist des Mittelalters, Dante, durchaus verschieden vom Idealisten unserer Zeit, verlegt sein Gedicht ganz in die überirdische Welt, und thut nur von dort Rückblicke in die irdische Vorschule zur Ewigkeit.

     Die göttliche Komödie wird mit Recht eine moralische Allegorie und eine politische Allegorie genannt. Im ersten Sinne bedeutet der Wald, in dem wir beim Beginn dem verirrten Wanderer begegnen, das Wirrsal des irdischen Lebens, der sonnebeglänzte Berg, der die waldige Schlucht überragt, ist der Berg des Heils; die Thiere, welche den Aufgang verlegen, sind die menschlichen Leidenschaften, der Panther Sinnenlust, der Löwe Stolz, die Wölfin Geiz oder Habgier.

     Virgil, der Retter in der Noth, der Leiter Dante's, vertritt die menschliche Vernunft und Wissenschaft, genügend uns richtig zu leiten, bis es gilt uns in himmlische Regionen hinauf zu heben, wo dann Beatrice, die göttliche Vernunft und Wissenschaft, die Führerin bis zum Throne des Allerhöchsten, ihn ablösen muß. In politischer Beziehung soll derselbe Wald Italien, oder speziell Florenz, die von Parteien zerrissene Vaterstadt Dante's, bedeuten, welche er selbst einmal einen unwirthlichen, düstern Wald genannt hat; die Thiere sind: der Pardel, wiederum Florenz, gefleckt wegen der sich dort bekämpfenden "Weißen und Schwarzen," geschmeidig und elegant wegen des feinen Benehmens und der anmuthigen Sitten der Florentiner; der Löwe, Frankreich, das damals einen solchen im Wappen führte, und wohl auch der Stärke halber, indem es den größten Einfluß in Italien behauptete; die Wölfin, Rom, denn eine Wölfin nährte den Romulus, denn die guelphische, welfische Partei fand (XV) dort ihren Hauptstützpunkt. Virgil gilt hier für den Vertreter des Kaiserthums, da er der Sänger des Aeneas, des Gründers der römischen Weltmacht ist. Der Windhund, der als der Regenerator Italiens auftritt, und für den man in der religiösen Allegorie keine Stelle weiß, kann kein Anderer als das Haupt der Ghibellinen, Can grande della Scala, Herr von Verona sein. Hier ist der Ort, um den Annahmen entgegengesetztester Art über Dante's religiöse und politische Ueberzeugungen entgegenzutreten. Natürlich möchten alle Parteien ihn zu dem Ihrigen stempeln, da das Zeugniß solchen Mannes jede Sache stärken muß, und es gelingt dies hier und dort um so leichter, weil er nicht selbst wie ein Lebendiger Widerspruch erheben kann. Was auch aus seinen übrigen Werken etwa herauszudeuten ist, Eins drängt sich dem unbefangenen Leser der göttlichen Komödie als unwiderlegliche Thatsache auf, daß Dante ein ausgesprochener Anhänger des Papstthums und des römischen Kaiserthums war. Wenn er sich aber auch stets als gläubiger Katholik zeigt, so doch nicht als blinder Anhänger hierarchischer Macht, im Gegentheil, er sieht die Schäden in der Kirche um so klarer, als ihm ihre Würde aufrichtig am Herzen liegt. Aus diesem Grund versetzt er Päpste in die Hölle, nicht aber, wie Einige behaupten wollen, weill er ein Gegner des Papstthums gewesen. Ebenso straft er römisch-deutsche Kaiser, weil sie ihr Amt in Bezug auf Italien vernachlässigten. Rom war für ihn der Ausgangspunkt und das Endziel alles Strebens, zu dem, wie das Blut zum Herzen, der dort entspringende Strom des geistigen Lebens, in ewigem Kreislauf, zurückkehren muß. Die ganze Darstellung in der göttlichen Komödie beruht auf der damaligen Idee vom Weltenbau, auf dem Ptolomäischen System. Der Mittelpunkt ist hier die Erde, um welche die vier Elemente ebenso viel Ringe bilden.

     Die Himmel, 9 Planeten, zu denen auch die Sonne gehört, kreisen um die Erde. Ueber diesen wölbt sich der Sternenhimmel, der Zodiacus, dann der Crystallhimmel oder die erste bewegende Kraft, zuletzt das Empyreum, der ruhende Himmel.

     Auf der Erde selbst bezeichnet uns der Dichter zwei Punkte als bedeutungsvoll: auf der einen Halbkugel Jerusalem, auf der anderen, gerade entgegengesetzt, den Berg des Purgatoriums. (XVI) Von Jerusalem aus geht ein Kreisausschnitt wie ein Trichter bis zum Erdmittelpunkt; dies ist die Hölle, welche aus 9 sich stets verengenden Kreisen, die aber noch wieder in viele Unterabtheilungen zerfallen, besteht.

     Den Schluß macht Lucifer selbst, von dem als vom Centrum es nun wieder aufwärts geht bis zur Oberfläche, wo der Berg des Purgatoriums errichtet wird. Dieser ist in 7 Kreise eingetheilt und gekrönt durch das irdische Paradies; das himmlische Paradies aber befindet sich erst im letzten Brennpunkt aller der vorher bezeichneten Himmelskreise.

     Um die Thatsachen, deren das Gedicht erwähnt, zu verstehen, die Charaktere zu beurtheilen, den Dichter selbst in seiner Zu- und Abneigung, in seinen oft so ungerechten Verdammungsurtheilen zu begreifen, muß man sich mit der florentinischen Geschichte, in welche sich die des Dante einreiht, einigermaßen bekannt machen. Ihren Ursprung verdankt die schöne Arnostadt dem jetzt viel kleineren Fiesole, das in den letzten Zeiten der römischen Republik viele seiner Einwohner in die Ebene, an die Ufer des Flusses hinabsandte, indem diese offenen Gegend geeigneter für ihre sich immer mehr ausbreitenden Handelsunternehmungen war. Die neu gegründete Stadt, welche erst Villa Arnina oder Camarzo hieß, erhielt bald eine römische Besatzung und wurde nicht lange nachher schon unter die angesehenen Colonien gezählt. Nach dem Sturz der römischen Weltherrschaft kommt sie in die Gewalt der Gothen, dann, obgleich von den griechischen Feldherren Narses und Justin abwechselnd vertheidigt, fällt sie der wilden Tapferkeit des Totilas zum Opfer und wird fast dem Erdboden gleichgemacht. Die Sage berichtet, Carl der Große habe sie später um so schöner wieder aufgebaut. Die Gothen werden von den Longobarden abgelöst, um später den deutsch-römischen Kaisern Platz zu machen, bis endlich der französische Einfluß die ganze Halbinsel überfluthet. Die Kaiser setzen der toscanischen Landschaft Statthalter, welche aber zumeist in dem jetzt schon mächtigen Pisa oder in dem aufstrebenden Lucca Hof halten.

     Da Florenz, durch seine geographische Lage geschützt, dem Zug der Einwanderer weniger offen stand als andere Gegenden, (XVII) erhielt sich die aus etruskischen und römischen Elementen zusammengesetzte Bevölkerung verhältnißmäßig frei von fremder Beimischung. So behauptet es wenigstens der Stolz der Florentiner. Die reine römische Abstammung wurde als das höchste Adelsdiplom angesehen, und deßhalb auch ihren großen Männern, wie dem Dante, ohne weitere kritische Untersuchung verliehen. Wie es auch im Privatleben zu geschehen pflegt, daß die Eltern die erwachsenen Kinder nicht gern aus dem Gehorsam entlassen, die Kinder aber eifrig ihre Unabhängigkeit erstreben, so geht es auch stets mit den Mutterstaaten und Colonien, so ging es auch mit Fiesole und Florenz. Wie aber auch in der Familie Eltern und Kinder schnell wieder einig sind, wenn ein Fremder sich ihre Zwistigkeiten zu Nutze machen will, so verbanden sich Beide auch fest gegen das Andringen des germanischen Elements, ja so fest, daß sie ihre Wappen in eines verschmolzen und Florenz nun zur weißen Lilie im rothen Feld Fiesoles blaue Mondscheibe im weißen Feld hinzubekam. Die schon früh zum Christenthum bekehrte und zu einem Bischofssitz erhobene Stadt wurde auch eine um so treuere Verbündete der Päpste, als sie in ihnen nicht allein die höchste religiöse Autorität, sondern auch das stärkste Gegengewicht gegen den germanischen Einfluß erblickte. Wie sie stets diesen römisch-katholischen Charakter beibehielt, so nicht minder den demokratischen, welcher durch ihren Ursprung bedingt war.

     Schon früh entwickelte sich ihre hauptsächlich von Bürgern und Handeltreibenden gegründete Verfassung in diesem Sinne. In ihren Hauptzügen war sie anfangs der römischen nachgebildet, indem zwei Consuln und der Senat die höchste Gewalt in Händen hielten, denn die kaiserlichen Statthalter, später Markgrafen genannt, und endlich die französischen, besaßen nur eine Schein-Autorität, oder sie verloren doch die hin und wieder gewaltsam errungene Machtstellung in kurzer Frist wieder. Die Hauptwürdenträger wurden allerdings in der ersten Zeit aus dem Adel genommen, aber das Volk ließ nicht ab in zähem Kampf um Gleichstellung Aller zu ringen, so daß die Bahn zu den höchsten Ehrenstellen zuletzt für jeden Bewerber offen dalag. Dem Auseinanderfließen der Autorität folgte naturgemäß immer (XVIII) wieder eine größere Concentration derselben. Die Consuln, welche bis auf zwölf anwuchsen und zu Vorstehern verschiedener Zünfte, also zu Vertheidigern von Privatinteressen herabsanken, und deren römischer Name sich später in den der buoni uomini, gute Männer, und Anziani, Aelteste, auch Priori verwandelte, der Senat, der sich zu einem großen und kleinen Rath ausgestaltete, mußten sich dem podesta unterordnen. Dieser höchste Beamte sollte nach einer Abmachung auf dem Frieden von Constanz zwischen Friedrich Barbarossa und den italienischen Städten immer vom Kaiser ernannt werden; aber wo die Macht fehlt, fehlt auch das Recht; der Podestà wurde stets von den Bürgern gewählt und zwar zumeist aus einer fremden Stadt, damit seine Verwandschaft nicht einen ungebührlichen Einfluß ausübe. Als später die Spaltung in zwei große politische Parteien fast in allen Städten eine dauernde geworden, verdoppelte man auch diese Autorität, gleichsam jeder derselben ein Haupt verleihend; nun wiederholte sich aber derselbe Vorgang wieder, indem ein Capitän des Volks, ein Prior, zuletzt ein Gonfaloniere, Bannerträger, die zerstreute Gewalt in einer Hand sammelte. Ohne die Bewilligung eines solchen durfte eine zeitlang gar kein kaiserlicher Statthalter anerkannt werden. Die Prioren, deren wir später, als dem Gonfaloniere untergeordnet, wieder mehrere begegnen, hatten eine um so einflußreichere Stellung, als sie auch mit der Finanzverwaltung betraut waren, und es ihrer Zustimmung zu jeder bedeutenden Ausgabe bedurfte.

      Obgleich Florenz von Dante selbst als der Fels des Guelfenthums, als der größte Feind der Deutschen bezeichnet wird, obgleich es andererseits von bürgerlichen Unruhen fast aufgerieben wurde, so können wir trotzdem ihm unsere Bewunderung nicht versagen. Wenn wir uns täglich unserer neu errungenen nationalen Unabhängigkeit freuen, müssen wir da nicht eine kleine Völkerschaft achten, die um ein gleiches Gut mit der Weltherrschaft der Kaiser rang, welche zwar römische hießen, aber doch deutsche waren? Und zwingt uns nicht das rastlose Streben nach Gleichheit aller Bürger, nach gesetzlicher Freiheit, nach Theilnahme Aller an den Staatsgeschäften Bewunderung ab?

     Ueber den wilden Parteileidenschaften, über Mord, Brand (XIX) und Zerstörung dürfen wir doch den letzten Zweck, welchen die Florentiner verfolgen, nicht aus den Augen verlieren, nicht vergessen, daß sie um Güter rangen, die wir selbst mit Blut erkauften und als die höchsten achten. Daß eine solche Stadt aber den deutschen Kaisern ein Dorn im Auge war, versteht sich von selbst. Schon Heinrich IV. belagerte Florenz, welches damals unter der Oberhoheit der Gräfin Mathilde, der Freundin Gregor's VII. stand, indessen ohne Erfolg. Die gegenseitige Abneigung hinderte aber später viele Florentiner nicht, sich dem Kreuzzug Conrad des Hohenstaufen anzuschließen, unter denen wir Dante's Urahn, Cacciaguida, begegnen.

     Als Friedrich Barbarossa die Erbschaft Mathildens angetreten hatte, belehnte er damit seinen Onkel Welf, und bei dieser Gelegenheit wurden zuerst die Namen Welfen, Guelfen, und Waiblinger, Ghibellinen, in Italien gehört, welche aber insofern ihre Bedeutung wechselten, als alle Deutsche später unter dem Namen Ghibellinen einbegriffen wurden, naturgemäß, weil im Gefolge der Kaiser ja gewöhnlich auch nur ihre Anhänger mitkamen, und weil die ihnen abholden Italiener sich Guelfen, Antikaiserliche nannten. Von jetzt an nimmt Florenz lebhaften Antheil an dem erbitterten Parteikampf, sowohl nach Außen, besonders gegen das ghibellinische Pisa, um es zu freiem Durchlaß seiner Waaren bis an's Meer zu zwingen, wie auch nach Innen, wo zahllose Privatfehden in politische ausarteten.

     So der Streit der Buondelmonte's mit den Amidei's, denen sich die Uberti's, germanischer Abkunft, anschlossen. Buondelmonte, ein schöner Jüngling, welcher mit einem Mädchen aus dem Hause der Amidei verlobt war, ritt reich gekleidet, voll Uebermuth durch die Straßen. Da trat eine Dame aus der vornehmen Familie der Donati, Aldruda, gefolgt von ihren Töchtern, auf den Balkon ihres Palastes, grüßte ihn und knüpfte ein Gespräch mit ihm an, in welchem sie ihm mit spöttischen Worten das Unpassende dieser Verbindung vorhielt; dann die reizendste der Mädchen bei der Hand nehmend, schloß sie vorwurfsvoll: "Und diese hatte ich dir aufbewahrt!" Da vergaß der leichtsinnige Jüngling sein Versprechen und heiratete die schöne Donati. Als nun die Amidei's mit ihren Freunden einen Rath (XX) hielten, wie sie Rache nehmen wollten, that Mosca dei Lamberti, welchen wir in der Dante'schen Hölle sehen werden, den sonderbaren Ausspruch: "Cosa fatta capo ha", "die gethane Sache hat einen Kopf"; d. h. nur die vollbrachte That gilt; er meinte damit den Tod des Buondelmonte. Dieser erste Mord war der Anfang einer langen Blutrache, an die sich endlose politische Fehden, die bald mit der Verbannung der Ghibellinen, bald mit der der Guelfen endeten, schlossen. Auch mischte sich zeitweise der wildeste Fanatismus in die bürgerlichen Unruhen, als die Patarener, eine Abart der Albigenser, sich wider die alte Autorität der katholischen Kirche aufzulehnen anfingen.

     Alle diese Kämpfe waren um so furchtbarer, als ein Theil derselben sozusagen in der Luft vor sich ging, denn von den hohen Thürmen der Palläste schleuderten die Streitenden Steine entweder gegeneinander, oder gegen die unten auf den Straßen Befindlichen, welchen durch quer herüber gespannte Ketten die Flucht unmöglich gemacht wurde. Dazu regnete es Geschosse aus jedem Fenster, so daß Schutz nur noch im Busen der Erde zu finden gewesen wäre. Dennoch fehlte diesem wüsten Treiben ein ritterlicher Zug nicht. Die verschiedenen Parteien kamen oft nach blutigem Streit am Abend bei Gesang und Wein zusammen, um sich dann am Morgen darauf wieder im Kampf zu messen.

     Während dieses Tumultes ernannte Heinrich IV., der kraftvolle Hohenstaufe, seinen Bruder Philipp zum Markgrafen von Toscana. Dies sollte der letzte Markgraf aus deutschem Stamme sein, denn bei der bald darauf erfolgenden neuen Kaiserwahl eilte Philipp nach Deutschland, und nun schloß sich Florenz dem toskanischen Bund, zu dem auch Papst Cölestin III. gehörte, an. Dieser Bund gewann aber um so mehr Festigkeit, als jede Stadt einen Capitän ernannte, der zwar nichts mit der inneren Verfassung zu schaffen, aber um so mehr Macht nach Außen hatte. Die Capitäne kamen zu bestimmten Zeiten zusammen und setzten sich einen Prior, den sie mit diktatorischer Gewalt bekleideten. Die militärische Organisation wurde damals in Florenz und seinem Gebiet eine stramme, fast unserer Landwehr vergleichbar. Jeder kriegstüchtige Mann mußte sich beim Klang der (XXI) Martinella, einer Glocke, die man eigens zu diesem Zwecke hatte gießen lassen, auf den Waffenplätzen stellen. Ging es gegen äußere Feinde, so zog man den im Dom verwahrten, mit Damastdecken behängten, mit der florentinischen Standarte gekrönten Schlachtenwagen, den Caroccio hervor. Nachdem auf demselben Messe gelesen worden, bespannte man ihn mit vier weißen Stieren und übergab ihn dann der Blüthe der Ritterschaft, welche auf und um denselben zu kämpfen pflegte. Mußten sie ihn im Stich lassen, so fühlten sie sich eben so entehrt, als jetzt ein Regiment, wenn es seine Fahne verloren hat.

     "Zu jener Zeit, sagt der Geschichtschreiber Villani, lebten die Bürger von Florenz mäßig, von einfachen Lebensmitteln, mit wenig Kosten, und bekleideten ihre Frauen nur mit groben Gewändern. Viele hatten keine Tuchkleider. Sie trugen Baretts und gewöhnliche Lederstiefeln, und die Frauen von Florenz Schuhe ohne Zierrath. Viele Damen hatten enge Kleider von grobem Scharlachtuch, mit einem Gürtel nach antiker Mode festgeschürzt, und einen mit Pelz gefütterten Mantel, oben mit einer Kapuze, die sie über den Kopf zogen; und die Frauen aus geringen Ständen eine gleiche Kleidung von grüner Leinwand. Hundert Lire waren die gewöhnliche Aussteuer für ein Mädchen, dreihundert wurden in jener Zeit für eine bedeutende Mitgift gehalten. Die meisten Jungfrauen waren zwanzig Jahr oder noch älter, ehe sie heiratheten."

     Der große Kampf der Hohenstaufen gegen die Päpste und schließlich gegen die Franzosen zog jetzt Florenz in Mitleidenschaft. So gerieth es mit Pistoja, welches sich für Conrad von Hohenstaufen erklärt hatte, aneinander, und bald darauf mit Siena, das es für die Aufnahme der aus Florenz vertriebenen Ghibellinen strafen wollte. Aber Manfred, der herrlichste der Söhne Friedrich's II., welcher für seinen Halbbruder Conrad das Königreich Apulien und Sicilien verwaltete, schickte den Siensern Hülfe, und diese erfochten einen großen Sieg bei Montaperti 1260, wo wir wieder einen Vorfahren Dante's, den Brunetto Aldighieri finden. Die Ghibellinen wollten im ersten Siegesrausch ihre Vaterstadt zerstören, aber Farinata degli Uberti, der Tapfersten Einer, rettete sie durch eine kühne Rede, welche (XXII) ihm, da Dante seinen zürnenden Schatten heraufbeschwört, die Unsterblichkeit eingetragen hat. Die Freude der Ghibellinen aber sollte vergänglicher als Morgenthau sein. Manfred, welcher nach Conrad's Tod selbständiger Herrscher geworden war, unterlag in der Schlacht von Benevent 1266 dem grausamen Carl von Anjou, der sich nun ganz Unteritaliens bemächtigte. In dieser Schlacht hatten viele Florentiner, denen Papst Urban IV., als seinen besonderen Schützlingen, eine eigene Fahne, einen Aar mit einer grünen Schlange in den Fängen darstellend, verliehen hatte, an der Seite der Franzosen gefochten. Trotz alledem gewannen weder die Statthalter, welche ihnen Carl, noch die Legaten, welche ihnen die Päpste sandten, ein Ansehen in der Stadt, wohl aber zwangen die Florentiner aus eigener Kraft das stolze Pisa, die vertriebenen Guelfen wieder aufzunehmen, unter denen auch Ugolin della Gheradesca, den der 33. Gesang der Hölle so berühmt gemacht hat, genannt wird. Nachdem der junge Conrad, der letzte unseres herrlichen Königsgeschlechts, gefallen, und die Herrschaft der Franzosen in Unteritalien festgestellt war, trat für Florenz eine Periode verhältnißmäßiger Ruhe ein. Bei einem so hochbegabten Volke genügte sie, um alle Künste, insbesondere aber die italienische Sprache zur Entwicklung zu bringen. Villani, der Spezialhistoriker von Florenz, giebt uns folgende Schilderung:

     "In dieser Zeit war das Volk mehr zum Genuß als zu ernsten Dingen aufgelegt. Jedoch veredelten die Künste und ein feiner Geschmack diese Genußsucht insoweit, daß sie nicht in's Unmäßige ausartete. Jetzt entstanden schnell hintereinander jene alten Bauwerke, in welchen die Größe von Florenz besteht, jetzt genoß das Volk, welches sich seine neue Sprache gebildet hatte, den Zauber des jungen Wortes, das ihm von den Lippen floß. Diese Sprache war eine Offenbarung der Harmonie seiner Seele und ein glänzendes Ausdrucksmittel für all' seine Gedanken. Noch fand kein Mißbrauch des Reichthums statt, noch artete die Freiheit nicht in Willkür aus, noch hatte sich die patriotische Leidenschaft nicht zu persönlicher Habgier und persönlichem Ehrgeiz erniedrigt. Florenz genoß, obgleich schon im Ueberfluß lebend, doch noch die Freuden, welche aus den einfachen Sitten (XXIII) entspringen, und die befreieten Völker blickten mit Liebe auf ihre Befreierin. Fröhlich und glänzend war das Leben. Dem Gonfaloniere folgten 300 Jünglinge als Leibgarde, prächtig gekleidet, auf muthigen Rossen; außer diesen durchzogen noch andere Schaaren von berittenen Kavalieren die Stadt. Täglich riefen sie Stunde und Platz aus, wo fröhliche Feste gefeiert werden sollten. Aus ganz Italien kamen hier die Gaukler und Sänger zusammen. Vornehme Fremde besuchten die Stadt und wurden von jenen Rittern um die Wette eingeladen, auch zeigten ihnen diese, sie überall hin begleitend, alle Merkwürdigkeiten in der Umgegend.

     Im Mai errichtete man auf alle Plätzen und breiten Straßen Baldachine und Zelte, in denen man Feste abhielt, ja am Johannistag zogen mehr als tausend Männer, in neue weiße Gewänder gekleidet, einen Anführer an ihrer Spitze, den man den Signor dell' amore nannte, über den Arno auf's Land. Frauen und Mädchen gingen auch hinaus, blumenbekränzt, musikalische Instrumente in den Händen tragend, liebliche Tänze ausführend und sie mit Gesang begleitend. Alles vergnügte sich mit Mittag- und Abendessen, mit Spielen und Liedern im Freien. Es war ein Leben, welches nach Gefallen hier und dorthin abschweifte, keines, welches sich auf einen Punkt richtete, gesammelt, unter der Herrschaft eines starken Willens stehend. Florenz hatte wenig gelitten im Vergleich zu anderen Städten, und der Zustand des Volkes hatte sich auf eine natürliche bequeme Art herausgebildet, weil die Stadt in sich selbst Alles besaß, was man zum Leben bedurfte, und weil hier im Ganzen das Volk mehr galt und die Adeligen weniger als anderswo. Daher werden auch die Staats-Angelegenheiten mehr durch verständiges Uebereinkommen als durch Gewalt oder durch die geheimnißvolle Weisheit Einzelner geordnet. Betrachten wir die bürgerlichen Anordnungen, so könnte es scheinen, dies Alles sei ein Leben auf's Geradewohl; dennoch aber erhielt sich die Republik, ja sie gab sogar ein Vorbild für andere Staaten ab, denn zahlreich waren hier die tüchtigen Männer, aufgeweckt die Geister, die Gemüthsart der Menschen war für jene Zeit mäßig, fröhlich der Sinn und auf's Vergnügen gerichtet, aber wie es einem (XXIV) künstlerisch angelegten Volk ziemt, nur auf einen gewählten und edlen Genuß beschränkt. Dies war die Jugendzeit des Dante und des Giotto. Florenz besaß Männer, geübt in Geschäften, erfahren im Handel, eingeschult im Umgang mit den andern Bürgern, redegewandt, ausgebildet durch häufige, weite Reisen, durch den Anblick vieler Dinge und den Verkehr mit vielen Menschen."

     Dieser gerühmte Friede war aber nicht das, was wir jetzt darunter verstehen. Die Streitigkeiten des Adels dauerten fort, und zwar in dem Maaße, daß die Prioren, an ihrer Spitze Giano della Bella, und Dino Compagni, der Historiker, Ausnahmegesetze gegen diesen einen Stand erließen, von denen das eine traurige Folgen nach sich zog, indem es gebot, die Privathäuser der Schuldigen niederzureißen. So verschwanden eine Menge historischer Monumente vom Erdboden. Eine dieser Privatfehden sollte sogar das größte Unheil heraufbeschwören, welches die Stadt noch erlebt hatte. Bei einer Rauferei tödtete Corso Donati, ein schöner und stolzer Mann, vom ältesten Adel, einen Plebejer. Da bei der darauffolgenden Gerichtsverhandlung Corso wider alle Voraussicht freigesprochen wurde, durchtobte das Volk die Stadt und richtete, als Giano della Bella Ruhe stiften wollte, seine ganze Wuth auf den unglücklichen Podestà.

     Bonifaz VIII., welcher jetzt anfing sich in die Angelegenheiten von Florenz zu mischen, fügte dem von der Stadt ausgesprochenen Bann noch die Excommunication für Giano und Jeden, der sich seiner annehmen würde, hinzu.

     Trotzdem wurde die Ruhe nicht wieder hergestellt, im Gegentheil, die entfesselten Leidenschaften tobten fort und bieten ein Vorbild der französischen Revolution im Kleinen dar. Die Hefe des Volks kam nach oben; ein Fleischer durchraste mit seinem Anhang die Stadt, und verbreitete überall Angst und Schrecken. Später zogen die Parteien der Cerchi's, schnell reich gewordene Kaufleute, und die der Donati, alter Adel, alle Streitlustigen an sich; diesen beiden Familien schlossen sich die aus Pistoja ausgewiesenen Parteihäupter, die sogenannten "Weißen" und "Schwarzen" an, jene den Cerchi's, diese den Donati's, ihre eigenen Namen auf die Einheimischen übertragend; jedoch ist (XXV) hier noch nicht von einer demokratischen und aristokratischen Partei die Rede, indem die ältesten Familien sowohl in der einen als in der anderen genannt werden. Der erbitterste Kampf brach an einem jener oben beschriebenen Maifeste los. Als die Männer in verschiedenen berittenen Schaaren dem Tanz der Frauen auf einem freien Platze zusahen, fielen von hier und dort einige spöttische Bemerkungen, das willkommene Signal zum Angriff, der bald in das wildeste Getümmel ausartete. Diese Privatfehde wurde in die große Politik übertragen; insbesondere als Bonifaz VIII., den Carl v. Valois, den Bruder des Königs Robert von Neapel, als Friedensstifter nach Florenz schickte. Dieser sog Toscana in kürzester Zeit so aus, daß Mancher die verhaßten Deutschen mit Thränen zurückwünschte.

     Wie gut der Papst es mit der schutzbefohlenen Stadt meinte, geht aus der Antwort hervor, welche er dem, ihn um Geld angehenden Carl gab: "Ich hatte dich", sagte er "an die Quellen des Goldes geschickt; wenn du da nicht deinen Durst gelöscht hast, so ist es dein eigener Schade." Benedict XI., sein Nachfolger, wollte das wahre Beste der Stadt, aber eben darum hörte kein Mensch auf ihn, obgleich man bei Anwesenheit seines Legaten, des Cardinals Nicolo da Prato, die prächtigsten Feste feierte. Eins von diesen hat insofern eine historische Bedeutung, als sich später die Meinung verbreitete, Dante habe daraus die Idee der göttlichen Komödie geschöpft, was aber in sich unwahrscheinlich ist und auch nicht mit der Zeit stimmt. Merkwürdig bleibt es indessen immer, weil man erfährt, worin damals eine Lustbarkeit bestand, und womit man einen Kirchenfürsten zu ehren dachte.

     Auf die Einladung, "wer etwas von jener Welt wissen wolle, möge sich an einem bestimmten Abend auf die Arnobrücke begeben", war ein großer Volkshaufen hinzugeströmt. Da hob nun auf Böten und Flößen ein sonderbares Schauspiel an, die ganze Hölle mit Feuer, Verdammten, Martern und Geschrei darstellend. Von jener Welt erfuhren die Zuschauer allerdings mehr, als sie begehrten, weil die Brücke einbrach und Viele zwischen dem Teufelsspuk umkamen.

     Nachdem abwechselnd die verschiedenen Parteien verbannt (XXVI) worden waren, wobei indeß die Ghibellinen meistentheils den Kürzeren zogen, erreichte in dem großen Brand von Florenz 1304, der fast die ganze Stadt zerstörte, das Elend den höchsten Punkt. Wohl konnte damals Dino Compagni seinen Landsleuten zurufen: "Steht auf, Ihr bösen Bürger, die Ihr voller Lästerung und Gräuel seid, nehmt Eisen und Feuer in die Hand! führt Euere schändlichen Pläne, führt Euere verruchten Vorsätze aus! denkt nicht weiter nach, und verwandelt Euere schöne Stadt in eine Ruine. Vergießt das Blut Euerer Brüder, thut alle Treue und Liebe von Euch ab, versagt Euch einander jede Hülfe, jeden Dienst! Glaubt Ihr, daß die Gerechtigkeit Gottes abgenommen hat?     

     Schon die Welt giebt Eins für Eins wieder!

     Blickt auf Euere Vorfahren, seht, ob sie eine Belohnung für ihre Zwistigkeiten erhalten haben!

     Haltet Euch nicht länger auf, Ihr Elenden, denn mehr verbraucht man an einem Kriegstage, als man in vielen Friedensjahren gewinnen kann, und klein nur ist der Funke, der genügt, ein großes Reich zu zerstören!"

     In solcher Lage erschien der deutsche Kaiser Heinrich VII. von Luxemburg bei seiner Ankunft in Italien allen Friedensfreunden als ein Stern des Heils; nicht aber dem guelfischen Florenz, unbeirrt davon, daß Papst Clemens selbst ihn berufen hatte. Um seine Nationalität und bürgerliche Freiheit zu wahren, die jetzt allerdings nur noch die Freiheit, sich selbst zu zerfleischen, war, schloß es einen Bund mit Robert von Neapel und widerstand, als der Kaiser später die Stadt belagerte, erfolgreich seinen gefürchteten Waffen.

     Dadurch aber gerieth es in die Abhängigkeit der Franzosen, die überhaupt dem ganzen Italien ein schwereres Joch auflegten, als es die deutschen Kaiser je gethan hatten.

     Jetzt stieg mancher Seufzer auf nach dem glänzenden Geschlecht der Hohenstaufen, dessen tragisches Ende noch lange in Liedern und Klagegesängen im Munde des italienischen Volkes fortlebte. Nur wenige Jahre, ehe der letzte Stern dieser glorreichen Reihe am Horizont versank, wurde unser Dichter im Mai 1265 in Florenz geboren. Seine Vorfahren trugen erst (XXVII) den Namen Degli Elisei, welcher der Frau des Cacciaguida, den wir schon in den Kreuzzügen antrafen, zu Liebe in Alighieri verwandelt wurde.

     Des Wohllauts wegen zog man ihn im Laufe der Zeit noch um eine Silbe zusammen. Dante's Vater, der sehr früh starb, bekleidete eine höhere Gerichtsstelle; von seiner Mutter weiß man nichts weiter als ihren Vornamen "Bella"; daß sie aber eine sehr verständige Frau war, geht aus der sorgfältigen Erziehung hervor, welche ihr Sohn erhielt.

     Er studirte Jurisprudenz und, wie man sagt, auch Theologie, da er zu erst für den Franziskanerorden bestimmt war. Die Bitterkeit der Verbannung, welche Dante später so ganz auskosten sollte, hatte seine guelfische Familie oft gespürt.

     Was Wunder also, daß er selbst in solchen Traditionen aufgezogen, sich als Jüngling dieser Partei anschloß und bei Campaldino und Caprona in ihren Reihen tapfer mitfocht. Erst in seinem Mannesalter, erst als er eine hohe Verwaltungsstelle bekleidete und viele vergebliche Versuche gemacht hatte, den Frieden wieder herzustellen, wandte er, von einer festen Autorität allein das Heil erhoffend, sich den Ghibellinen zu.

     Bei den vorhererwähnten Maifesten erblickte er in seinem neunten Jahre die nur um Weniges jüngere Beatrice Portinari; daß er sie seitdem immer im Herzen getragen haben will, erscheint um so mehr als eine poetische Fiction, da er sie erst in seinem 18. Jahr wieder sah. Von dieser Begegnung erzählt er in seinem Buch, der vita nuova, dem neuen Leben, d. h. dem Liebesleben: ein Freund habe ihn in eine Villa mitgenommen, wo viele Mädchen und Frauen sich mit Gesprächen und Liedern vergnügten. Als er ahnungslos hereintrat, gewahrte er plötzlich Beatrice, und keines Wortes mächtig, lehnte er bebend und halb ohnmächtig an der Pforte; die andern Frauen aber, welche gleich wußten, was das bedeute, neckten die Freundin, und lachten und flüsterten miteinander. Da floh der Verschüchterte und machte sich in einem Sonett Luft, dem viele andere auf die Geliebte folgten. Trotz all' dieser Gluth thut er nichts, dieselbe zu erringen, steht vielmehr dabei, wie sie dem Simone Bardi angetraut wird. Nun nimmt es uns auch nicht mehr Wunder, ihn (XXVIII) ein Jahr nach dem Tode der Vielbeweinten eine Andere, Gemma dei Donati heirathen zu sehen, von welcher er fünf Kinder hatte. So wahr ist es, daß die Liebe den Dichtern des Mittelalters oft nur als Leiter diente, zum Parnaß heraufzuklimmen. Ist nun aber die Liebe zu Beatrice keine solche, wie ein deutches Herz sie giebt und verlangt, so hat sie doch einen weit höheren Werth als die Huldigung, welche an den Liebeshöfen der Minnesänger Mode war. Sie schließt Alles in sich, was der Mensch Gutes und Edles in sich trägt, sie ist ihm, dem Dante ein Sporn zu edlem Thuen, ein Leitstern in den Irrwegen des Lebens, ein Unterpfand seliger Unsterblichkleit. Da es zu jener Zeit Vorbedingung für ein Amt war, in einer der Zünfte eingeschrieben zu sein, ließ sich Dante in die der Aerzte und Apotheker aufnehmen. Schon früh wurde er zu diplomatischen Missionen verwandt, bis er schließlich in seinem 35. Jahre zur Würde eines Prior's aufstieg. Diese Ehrenstelle aber war die Wurzel aller seiner Leiden, indem er mit den andern Prioren zusammen die Verbannung der Häupter beider streitenden Parteien aussprach. Da die Cerchi's aber einige Vortheile erhielten, und zudem mehrere von ihnen ihre Rückkehr durchsetzten, auch Dante schon im Verdacht des Ghibellinismus stand, warfen die guelfischen Donati's trotz der Verwandschaft bittern Groll auf ihn.

     Eine würdige Neutralität zu beobachten wurde ihm ohnedies durch die Ankunft des Carl von Valois, der seinem Bruder Robert helfen wollte, Sicilien zurück zu erobern, unmöglich gemacht. Im Gegentheil, Dante wurde mit zwei andern als Gesandter der Republik an Bonifaz VIII. geschickt, um den vom Papst zum Friedensstifter ausersehenen Carl von Florenz fern zu halten.

     Bei seiner Abreise soll er, durchdrungen von der Gefahr seiner Vaterstadt und voll Mißtrauen gegen seine Mitbürger, ausgerufen haben: "S'io vado, chi resta, s'io resto, chi va! Wenn ich gehe, wer bleibt? wenn ich bleibe, wer geht?" Bonifaz, den Wehrt des Mannes erkennend, entließ nach manchen fruchtlosen Verhandlungen die andern Gesandten, behielt ihn aber in Rom, bis Carl glücklich in Florenz angekommen war. Als der Ueberlistete nun zurückeilte, traf ihn in Siena die Nachricht (XXIX) seiner Verbannung. Sein Haus war zerstört, seine Güter confiscirt, indem eine Anklage wegen Unterschlagung von Geldern und Verkauf von Aemtern zu seinem Nachtheil entschieden, seine Person mit dem Feuertod bedroht worden war bei etwaiger Rückkehr in's Vaterland. Nun konnte er schmecken:

     "wie salzig das Brod der Andern schmeckt, wie hart der Gang ist fremde Treppen hinauf und hinab."

     Obgleich die Ghibellinen sich unter Alessandro Romano's, eines tapfern Feldherrn Fahnen vereinigten, obgleich Florenz von den Weißen belagert wurde, so schlug doch Alles zu ihren Ungunsten aus.

     In solcher Lage erschien Heinrich VII. als Retter in höchster Bedrängniß. Dante sah den Kaiser in Mailand, und von heiligem Eifer getrieben, verfaßte er ein Schreiben, in welchem er alle Fürsten und Völker Italiens zur Einigkeit und Unterwerfung ermahnte. Um des Kaisers Eifer anzuspornen, schrieb er auch an ihn: "Florenz ist die Wurzel und das Nest der Rebellion, das kranke Schaaf, welches die ganze Heerde des Herrn ansteckt." Mit diesem Briefe versperrte er sich für immer die Thore der Vaterstadt, wenn er auch nicht persönlich, wie viele seiner Gesinnungsgenossen, an der Belagerung derselben durch den Kaiser Theil nahm. Florentinische Tapferkeit vereitelte auch hier wieder jede Anstrengung der Feinde. Nachdem Heinrich, wie man sagt, durch eine Hostie vergiftet, in Italien gestorben war, 1313, lieferte Uguccione della Faggiuola von Pisa noch ein Nachspiel jener ghibellinischen Kämpfe, um dann geschlagen zu Cane grande, dem Herrn von Verona zu fliehen, wo er mit Dante zusammentraf. Obgleich der Dichter erst ein ausgesprochener Liebling dieses Fürsten war, so verscherzte er doch durch seine Offenherzigkeit in etwa dessen Gunst, denn als Cane grande, bei Gelegenheit eines Spaßmachers, der ihn und den ganzen Hof unterhielt, den Dichter fragte, "wie kommt es doch, daß all' diese Leute mehr Freude an diesem da, als an dir haben?" antwortete er: "Weil Gleiches zu Gleichem paßt".

     Nach langen Leidensjahren wurde endlich dem Dante durch Vermittlung eines Freundes die Rückkehr erlaubt, aber unter der Bedingung, daß er eine Geldbuße erlege und in feierlicher (XXX) Prozession, gleichsam als reuiger Sünder, in eine Kirche von Florenz pilgere. Das war zu viel für diesen stolzen Geist. "Ist das also", schreibt er, "die Art, wie man Dante Alighieri in's Vaterland zurückruft, nach den Leiden eines Exils von fast drei Lustrum's? Ist dies der Lohn für seine Allen bekannte Unschuld? Dazu also nützen ihm der vergossene Schweiß und die Mühe bei seinen Studien? Fern sei dem Manne, der mit der Philosophie vertraut ist, eine so niedrige Gesinnung, die nur einem Herzen, aus Staub und Koth gebildet, eigen sein kann, fern sei ihm die Demüthigung, daß er sich fast wie ein Gefangener loskaufe, fern sei es von dem Herold der Gerechtigkeit, daß er seinen Beleidigern, fast als wären es seine Wohlthäter, Tribut zahle! Wenn man nicht auf ehrenvollem Wege nach Florenz zurückkommt, so komme ich niemals zurück! Wie, kann ich nicht von jeder Stelle der Erde aus die Sonne und die Sterne schauen? Kann ich nicht unter jeder Zone des Himmels die süßen Wahrheiten betrachten, wenn ich mich nicht vorher zu einem Mann ohne Ruhm, ja zu einem Mann der Schmach im Angesicht des Volks und der Stadt Florenz gemacht habe?" "Die Verbannung", äußert er an einer anderen Stelle, "rechne ich mir zur Ehre; mit den Guten fallen, das ist des Lobes werth". Die letzte Zufluchtstätte fand er bei Guido Novello da Polenta, Herrn von Ravenna. Nachdem er für diesen eine diplomatische Mission in Venedig zu Ende geführt hatte, erkrankte er und beschloß im 56. Jahre am 14. September 1321 sein Leben. Boccaccio, der erste, welcher den Lehrstuhl zur Erklärung der göttlichen Komödie in Florenz einnahm, schildert die poetische Todtenfeier, welche ihm Guido bereitete, die Kränze und den künstlerischen Schmuck des Sarkophags; die besten Bürger trugen ihn auf ihren Schultern zu Grabe, und Guido hielt ihm eine Leichenrede, welche genügt haben würde, ihn unsterblich zu machen. Erst im Jahre 1483 errichtete ihm der Vater des berühmten Cardinals Bembo das Denkmal, welches sein Freund durch politische Zwischenfälle verhindert wurde ihm zu setzen. Kaum war er verschieden, so verlangten seine Landsleute mit demselben Eifer den Todten, wie sie vorher den Lebendigen fortgestoßen hatten. Selbst noch zu Michel Angelo's Zeiten, der sich anbot, das Grabmal (XXXI) umsonst zu meißeln, wiederholte man diese Versuche. Ravenna aber, als leitete der stolze Geist Dante's selbst seinen Ausspruch, gab den großen Todten nicht heraus. (23)

     Dante aber setzte seinem Beschützer ein dauernderes Denkmal als Erz, indem er seinen Namen im fünften Gesang der Hölle durch Paolo und Francesca verewigte.

     Wie über die Lebensumstände des Dichters viel hin und her gestritten worden ist, so auch über die Art und Zeit der einzelnen Theile des Gedichtes. Der erste ist dem Uguccione della Faggiuola, der zweite dem Marchese Malaspina, die Beide den Verbannten aufnahmen, der dritte dem Can grande von Verona geweiht. Was die Zeit betrifft, so sind die Commentatoren uneinig, ob er es schon vor seiner Ausweisung begonnen habe, fest aber steht es, daß er es vor dem Tode Kaisers Heinrich vollendete, da er noch in einem der letzten Gesänge des Paradieses die Hoffnung ausspricht, welche er auf ihn setzt. Außer diesem Meisterwerk und der schon genannten vita nuova schrieb er noch den Traktat über die Monarchie, das Convito, das Gastmahl, im geistigen Sinne, und Abhandlungen über die Volkssprache.

      Wenn wir so viel von der Barbarei jener Periode hören, wenn uns in Deutschland auch fast nie ein Buch aus jener Zeit in die Hände geräth, so möchten wir wohl glauben, Dante sei plötzlich wie ein heller Stern in die dunkle Welt gefallen, so möchte man die Einführung der italienischen Sprache, gleich so vollkommen und rund, für ein Wunder halten; aber auch hier bestand das geistige Band, welches Geschlecht an Geschlecht fesselt, das Band schönster Menschenliebe, welches aus der stetig fortwachsenden Volksbildung gewoben ist.

     Nur Pallas Athene sprang in voller Rüstung aus dem Haupte des Zeus, sie eine Göttin. Menschen aber, selbst die genialsten, wachsen langsam im Boden ihrer Zeit auf, geleitet, erzogen, beeinflußt von ihren Vorfahren und Mitlebenden. Freilich wurde in jenem Zeitalter noch zumeist in lateinischer Sprache geschrieben, die Poesie fast nur in gelehrten Schulen und Klöstern gepflegt und so das frisch pulsirende Volksleben von ihr ausgeschlossen. Hier und da aber sproßte doch ein frisches Reis an (XXXII) des "Lebens gold'nem Baum", und auch diesmal wieder sollten die Hohenstaufen mit leuchtendem Beispiel voranschreiten. Schon an Friedrich's II. Hof in Palermo dichtete man mehr italienisch als lateinisch, schon der große Kaiser erholte sich im Gesang von den Staatssorgen. Manfred, sein schöner und geistvoller Sohn, zog mit einer poetisch gestimmten Gesellschaft in Sommerabenden an's Meer, um in italienischer Sprache zu improvisiren. So gingen auch italienisch-schreibende Autoren dem Dante vorher und viele lebten mit ihm, von denen ihm Guido Cavalcanti am nächsten stand.

     Fand der große Dichter aber auch keinen ganz unbebauten Boden vor, so wuchs er doch weit über Vorgänger und Zeitgenossen hinaus, wie eine stolze Ceder, oder vielmehr wie die dunkle Steineiche seines Vaterlands, kräftig der Stamm, knorrig und zäh die Aeste, tiefgrün, melancholisch das Laub, ein Baum, der Jahrhunderte überdauert und mit seiner Krone viele Geschlechter beschattet. -

     Nachdem wir den Inhalt des vorliegenden Werkes und seine Form im Allgemeinen, d. h. Eintheilung, Gruppirung und Styl betrachtet haben, müssen wir noch einen Blick auf seine Form im engeren Sinne des Wortes, auf die Versart nämlich, in welcher es geschrieben ist, werfen. Die Terzine, ein Maaß, welches durch die göttliche Komödie berühmt geworden ist, verräth ihren romanischen Ursprung durch das complicirte Reimgesetz. Sie entstammt einer Sprache, in welcher es fast schwerer ist den Reim zu vermeiden, als ihn zu finden. Die Dreizahl ist ihr Grundprincip, wie es der Name schon andeutet. Jede Zeile hat 11 Silben. Da dem Charakter der Sprache gemäß nur weibliche Reime, also mehrsilbige, die auf der vorletzten Silbe den Accent haben (wie z. B. geben, Stärke) angewendet werden, und männliche Reime, also einsilbige oder solche, deren letzte Silbe (wie Kraft, Verstand) betont wird, ausgeschlossen sind, so fällt die im Deutschen zumeist übliche, abwechselnde Verlängerung oder Verkürzung fort und alle Zeilen stimmen auf's Genaueste miteinander in der Silbenzahl überein. Das Reimgesetz der Terzine hat in seiner Strenge, seiner Symmetrie, seiner regelmäßigen, aber in's Endlose auszudehnenden Verschlingung (XXXIII) etwas Architektonisches. Wie Säulenhallen sich vor unserm Auge weiter und immer weiter vertiefen, wie man mindestens mit der Phantasie stets wieder eine Säule der Reihe zusetzen kann, so fügt sich auch Terzine zu Terzine, und nur der Wille des Dichters oder vielmehr der dichterische Inhalt selbst setzen hier ein Ziel. Dieser edle und prächtige rhytmische Bau, welcher mich immer an den Säulenwald der Basiliken erinnert, muß natürlich ein Eingangsportal und einen Abschluß haben. Beide werden durch ein Reimpaar im Beginn und eines am Ende, gebildet. Zwischen der ersten und dritten Zeile hebt dann die eigentliche Terzine an, deren drei Reime aber nicht aufeinander folgen, sondern nach dem ersten schon von einem neuen Dreiklang durchbrochen werden; aber auch dieser kommt nicht zu Ende, ohne daß eine andere Terzine eingreift, und so fort, bis das letzte Reimpaar den Schluß macht. Durch dies Ineinandergreifen, durch dies ununterbrochene Fortspinnen des Fadens unterscheidet sich die Terzine wesentlich von allen andernn gereimten Formen, die meist Abschnitte haben und Strophen bilden. Da der Dichter der vielen Reime wegen, von denen der dritten doch schon in einiger Ferne, also am Schluß der sechsten Zeile liegt, eine ganze Gedankenreihe zugleich in's Auge fassen muß, so gestaltet sich hier Alles einheitlicher und harmonischer als es sonst wohl der Fall ist. Die Ideen fließen glatt ineinander über und nur selten springt uns ein starker, unvermittelter Gegensatz in's Auge. Kommt aber einmal ein solcher, dann erschrecken wir fast und es ist uns, als müßten wir plötzlich eine hohe Stufe hinauf oder hinabsteigen. Solch ein Weckruf erschüttert stets wohlthätig, da die Dauermelodie der Terzine uns sonst endlich einlullen würde. Um so weniger ist es rathsam auch im Deutschen, am Schluß jeder Zeile den weiblichen Reim mit seiner weichen Monotonie beizubehalten. Allerdings hängen Form und Inhalt zusammen wie Leib und Seele, und so würde es ein Zerreißen des schönsten Bundes sein, wollte man die Terzine ganz verwerfen. Die vorerwähnte Einheit und Harmonie, der eigenthümliche Tonfall, der wie Musik Alles verklärt und uns das Wunderbarste annehmbar macht, müßten dabei verloren gehen. Den männlichen Reim aber, den markigen Schluß, auszumerzen, dafür liegt kein stichhaltiger Grund vor. (XXXIV) Sollen wir einem pedantischen Triebe nach Gleichförmigkeit, die kräftigsten Worte für das Ende der Zeile, auf das das Ohr doch besonders merkt, aufopfern? Bei unserer Armuth an Reimen würden wir uns selbst zu Bettlern machen und den geistigen Inhalt, auf den es doch am meisten ankommt, wesentlich schädigen. Hätten wir aber auch Reime in Hülle und Fülle, so müßten wir doch an den kräftigsten Charakterzügen unserer Muttersprache (in diesem Fall am männlichen Reim) festhalten. Freue sich der Italiener nur des weichen Ausklingens seiner Verse, wir können dafür stolz sein auf den ersten Schlußakkord, der vielen der unsrigen eigen ist. Entsteht auch beim Wechsel männlicher und weiblicher Reime eine Ungleichheit der Silbenzahl, so wirkt sie doch nicht störend, wenn sie nur regelmäßig wiederkehrt. Gerade wie bei der Architektur ein unordentliches Zusammenwürfeln der Formen verwirrt, eine starre Symmetrie indessen erkältet, so ist es auch in der Metrik. Hier wie dort befriedigt nur die Ordnung im Wechsel. Wenn die Armuth an Reimen, die ja dem Altdeutschen ganz fremd waren und erst durch romanischen Einfluß in unsere Sprache hineingetragen wurden, ein Nachtheil ist, so bietet doch wieder die Beweglichkeit der Satzbildung, der Reichthum an Wendungen, die Zusammenfügbarkeit der Worte Ersatz dafür. Bereitet der Reimmangel schon dem Uebersetzer tausend Hindernisse, so noch mehr die Kürze und Länge der Silben, welche es nicht erlaubt, die Worte willkürlich aneinanderzureihen. Dem Romanen ist jede Silbe gleich lang und gleich kurz, ja er zieht sogar zwei bis drei zusammen, wo Vokale aneinander stoßen. Wollten wir uns aber über diese Formenfülle unserer Sprache beklagen, so wäre es ebenso thöricht, als wenn ein Millionär seinen Reichthum bejammerte, weil ihm die Verwaltung Mühe kostet. Wie herrlich schreiten eben dieses festen, gegliederten Baues halber unsere Versmaaße daher. Ja in der Metrik bewährt sich unsere Sprache als die echte Tochter der griechischen, die allein das Erbtheil der hohen Mutter bewahrt hat, oder die vielmehr den Schatz, welcher ihr nach der ersten eigenen Entwicklung durch gelehrtes Studium zugebracht wurde, in Fleisch und Blut aufnahm und bis heute treu bewahrt hat. Diese Versmaaße, in welchem Volke leben sie noch als in dem unsrigen, wem ist es (XXXV) vergönnt als dem Deutschen, seine Gedanken in so herrliche Formen zu kleiden? Die Italiener legen dafür ihre Reimmusik in die Wagschale. Da sind die Ottave rime, prächtig und stolz, ein wahrhaft königlicher Bau, da ist das Sonett, feingegliedert und vollendet, da ist die Canzone, sangbar und durch Zeilen von verschiedener Länge dem Ohr Abwechslung bietend, da sind endlich die Terzinen, eine Versart, welche in ihrer Anwendung dem Hexameter und den reimlosen Jamben, die bei größeren Vorwürfen im Deutschen gebraucht werden, entspricht. Alle diese romanischen Maaße athmen die edle Grazie, welche dem italienischen Volke eigen ist. Terzine folgt der Terzine in ununterbrochenem Lauf, wie Welle sich auf Welle im Flusse folgt. Wir stehen am Ufer des Stromes und horchen auf das Rauschen der Wogen, aus dem die große Seele des unsterblichen Florentiners zu uns redet.   17.09.2006

 

1. Gesang

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