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Uebersicht

 

Die Hölle. 1. Gesang.
   
Im ersten Gesang kommt die Grundidee des ganzen Werkes, der geistige Kern desselben zur Anschauung. Deßhalb genügt zur Erklärung der Hauptzüge das in der Vorrede Gesagte; für das Verständniß der Einzelheiten müßte noch Folgendes hinzugefügt werden. Dante ist bis zur Mitte des Lebens gelangt, wie man annimmt das 33ßigste Jahr, als seine Wanderung beginnt. Er hat sich im Traum in ein düstres Waldthal verirrt, welches er zagend durchschreitet, bis er an einen sonnenbeglänzten Hügel kommt, den Stein des Anstoßes für die Commentatoren. Ob dieser Berg das irdische Paradies, ob er überhaupt nur ein Symbol des Friedens, der Tugend, des ewigen Zieles ist, das fragt man sich vergebens. Fraticelli will, daß der Wald die Anarchie der Welt, der Berg die Gesetzlichkeit, das Recht bedeute. Die aufgehende Sonne, welche den Hügel erhellt, steht in denselben Himmelszeichen, wie bei Erschaffung der Welt, also im Beginn des Frühlings, und wird ein Planet genannt, wie schon Eingangs erwähnt. Dante versucht den Berg hinanzuklimmen, welches höchst eigenthümlich damit bezeichnet wird, daß der Fuß, der ruht, immer am tiefsten steht. Hier halten ihn die wilden Thiere auf, deren wir schon gedachten. In höchster Bedrängniß wird Virgil sein Führer, der ihm von Mantua seiner Geburtsstadt und vom heidnischen Rom unter Augustus berichtet. Im Verlauf des Gesprächs zwischen Dante und Virgil wird auch des Can' grande, (d. h. der große Windhund), des Beschützers des verbannten Dante gedacht. Er war Herr von Verona und sein Stammsitz lag zwischen Feltre im Piavethal und Feltro in der Landschaft Urbino, daher Dante ein Wortspiel mit jenen beiden Namen anbringt. Die Nahrung dieses absonderlichen Hundes soll keine irdische sein, er lebt vielmehr nur von Weisheit, Lieb' und Tugend. Mit dem Hinweis auf seine Hülfe verbindet sich die Verherrlichung aller derer, welche für ihr Vaterland, Italien gelitten und gekämpft haben, so des Eurialus und Nisus, troische Jünglinge, die den Aeneas begleiteten, des Turnus, Sohn des Rutulerkönigs Daunus, und der Camilla, Tochter des Volskerkönigs Metabo. Virgil tritt nun mit Dante die Höllenfahrt an, auf der er ihm die Geister zu zeigen verspricht, welche den zweiten Tod beweinen. Dieser, Vielen so sonderbar erscheinende Gedanke des Doppeltodes wird oft in der italienischen Poesie aufs barockeste ausgesponnen, ist aber nichts anderes als die alte Katechismuslehre vom Tod des Leibes, und dem Tod der Seele, d. h. ihrer Verdammung zur Hölle.
   
1 Den Pfad des Lebens hatt' ich bis zur Mitte
 

Durchlaufen schon, als sich in Waldesnacht,

 

Vom Wege fern, verirrrten meine Schritte;

4

Mir graut die Wildniß, die ich unbedacht

 

Betreten hatte, jetzt im Lied zu schildern,

 

Da neu die ausgestandne Angst erwacht;

7

Der Tod erscheint uns nicht in düst'rern Bildern;

 

Doch mach' ich kund was Gutes dort ich fand,

 

Darf Schlimmes nicht verschweigen ich, noch mildern.

10

Wie's kam, daß ich im Walde plötzlich stand,

 

Erklären kann ich's nicht, denn traumbefangen

 

Fehlt ich den Weg, vom Schlafe übermannt.

13

Als bis zum Fuß des Hügels ich gegangen,

 

Der hier am Ende sperrt das dunkle Thal,

 

Blickt' ich empor und fühlte mindres Bangen,

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Da der Planet, der aus der Sterne Zahl,

 

Am sichersten uns führt, des Berges Flanken

 

In Lichtgewande hüllt. Sein heitrer Strahl

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Beschwigtigte die quälenden Gedanken,

 

Die auf des Herzens Tiefe schwer und bang

 

Gelagert in der Nacht; die Schatten sanken.

22

Und Jenem gleich, der sich dem Meer entrang

 

Und nun vom Ufer, athemlos erklommen,

 

Betäubt zurückblickt auf den Wogendrang,

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So sah im Geist noch fliehend, ich beklommen

 

Den Pfad zurück, auf dem erstarrt mein Blut,

 

Den Pfad, den noch kein Lebender gekommen.

28

Nach kurzer Rast macht' ich mit neuem Muth,

 

Mich wieder auf, in solcher Richtung schreitend,

 

Daß stets am tiefsten war der Fuß, der ruht;

31

Doch sieh ein Pardel, bunt das Fell, kommt gleitend,

 

Mir schon entgegen an des Hügels Rand,

 

Springt hin und wieder immer mich geleitend,

34

Verlegt den Aufgang, hält dem Blicke Stand,

 

So daß ich fliehend mich zum wald'gen Grunde

 

Wohl mehr als einmal schon zurück gewandt.

37

Am Morgen war's, es stieg zu dieser Stunde

 

Die Sonne auf, in jener Sterne Kreis,

 

Die sie umstanden, als die Weltenrunde

40

Der Herr erschuf zu ewiger Liebe Preis;

 

Die Morgenstunden, die das Leben wecken,

 

Die Jahreszeit, wo Blume sproßt und Reis,

43

Des Panthers goldnes Fell mit bunten Flecken,

 

Sie schienen gute Zeichen mir zu sein,

 

Doch wandelt' meine Hoffnung sich in Schrecken,

46

Beim Anblick eines hungrig wilden Leu'n,

 

Erhobnen Haupt's, voll Gier, an Gliedern mächtig,

 

So daß die Luft selbst bebt bei seinem Dräu'n,

49

Und eine Wölfin seh ich, sehnig schmächtig,

 

Durch welche mancher schon versenkt in Leid,

 

Die mager zwar, doch an Begierden trächtig;

52

Sie war's, die mir verwehrt mit Wuth und Neid

 

Das Haupt des schönen Berges zu erreichen.

 

Dem Mann, der gern erwirbt und schätzt die Zeit,

55

Dem günst'ge Stunden ungenützt verstreichen,

 

Ihm war, wie er beweint sein widrig Loos,

 

Auch ich bei solchem Hemmniß zu vergleichen.

58

Mich drängt zurück in Schluchten sonnenlos,

 

Wo jeder Strahl erlischt, das Thier das grimme,

 

Und wie auf's neu zu düstrer Thäler Schooß,

61

Vom heitren Hügel ich hinunterklimme,

 

Zeigt sich ein Menschenbild im Dämmerschein,

 

Dem langes Schweigen wohl gedämpft die Stimme.

64

Kaum sah ich's, rief ich laut: "Erbarm' Dich mein,

 

"Wer Du auch seist, der hier vernimmt mein Stöhnen,

 

"Ob Schatten, oder Mensch von Fleisch und Bein!"

67

""Kein Mensch, doch Mensch gewesen," hört ich's tönen,

 

""Der Lombardei entstammt mein Elternpaar,

 

Geboren ward ich unter Mantua's Söhnen

70

Als Julius herrschte; weilt in Rom manch Jahr

 

Zur Zeit August's, der seinem Volke theur,

 

Wo falschen Göttern rauchte der Altar.

73

Ein Dichter war ich und besang zur Leyer

 

Anchises Sohn, der kam von Troja's Au'n,

 

Als Ilion, die stolze, sank im Feuer.

76

Doch Du, was kehrst Du um zu Schmerz und Graun

 

Vom Berg, der aller Freude Grund und Schwelle?""

 

Beschämt sprach ich, doch froh ihn anzuschaun:

79

"So bist denn Du Virgil, bist jene Quelle,

 

Die sich zum Strome der Beredsamkeit

 

Ausbreitet wunderbar, das Licht, das helle,

82

Der Dichter Ruhm und Krone allezeit!

 

Gefalle Dir mein Forschen und mein Lieben,

 

Das Deinem Werk und Dir ich stets geweiht.

85

Du bist mein Meister stets, mein Quell geblieben,

 

Von Dir entlehnt ich jenen reinen Styl,

 

Der Ruhm mir gab, den Dir ich nachgeschrieben.

88

O sieh die Wölfin, die mich überfiel,

 

Sieh meine Angst, zu Dir fleh ich, dem Weisen,

 

Beschütze mich und führe mich an's Ziel."

91

""Mach dich bereit,"" sagt' er, ""zu andern Reisen,

 

Wenn du entfliehen willst dem Schreckensort,

 

Denn sie, die Dich umschwärmt in engen Kreisen,

94

Läßt keinen durch, hemmt Alle fort und fort,

 

Hetzt den zu Tod, der kreuzet ihre Straße,

 

Und wird an Dir auch üben blut'gen Mord.

97

Ihr Hunger wächst ganz in demselben Maaße,

 

Als Speise sie verschlingt, und größer ward

 

Die Gier, wie vor dem Mahl, stets nach dem Fraße.

100

Viel Thiere haben sich mit ihr gepaart,

 

Und viele werden's thun, bis ihr das Leben

 

Ein Windhund raubt; es rührt so edle Art

103

Nicht Gold noch Länder an, denn Nahrung geben

 

Ihm Weisheit, Lieb und Tugend, dessen Brod,

 

Der zwischen Feltro wird und Feltro leben.

106

Italien hebt er auf aus Schmach und Noth,

 

Für das Eurialus sein Blut vergossen,

 

Turnus und Nisus, und für das den Tod

109

Camilla litt, die Jungfrau; treibt entschlossen

 

Von Stadt zu Stadt, hinab zum Höllenthor

 

Die Wölfinn, der der Neid es einst erschlossen.

112

Komm folge mir, Dein Führer schreit' ich vor,

 

Denn andern Weg zur Rettung seh' ich keinen.

 

Ich leite Dich zu jenem Schattenchor,

115

Wo Geister Dir aus alter Zeit erscheinen;

 

Da wirst du hören, wie des Trostes baar

 

Den zweiten Tod, den ew'gen, sie beweinen.

118

Auch Jene siehst du, in den Flammen zwar,

 

Doch still zufrieden, weil nach diesem Wehe

 

Sie hoffen einzugeh'n zur seel'gen Schaar.

121

Strebst dann Du weiter noch, so führt zur Höhe

 

Dich eine rein're Seele, froh bereit,

 

Und scheidend laß ich Dich in ihrer Nähe;

124

Denn jener König, der allda gebeut,

 

Will nicht, da ich mißachtet seine Lehre,

 

Das in sein Reich man kommt durch mein Geleit;

127

Er herrscht ja überall, doch diese Sphäre

 

Ist seine Stadt, sein Thron! beglückt fürwahr,

 

Wen er erwählt, wer weilt am Sitz der Ehre.""

130

"Bei jenem Gott, der unbekannt Dir war,

 

O Dichter", rief ich aus "erhör mein Flehen,

 

Entreiß mich jetzt und künftig der Gefahr,

133

Laß mich die schmerzensreichen Geister sehen,

 

Laß mich das Thor des h. Petrus schau'n."

 

Sieh, da bewegt der Schatten sich zum Gehen,

136

Und ich, ich folgte gleich ihm voll Vertrau'n!    11.01. 2007

2. Gesang

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