Die Hölle. 3. Gesang. |
|
| In diesem Abschnitt handelt es sich um die Lauen, welche dem charakterfesten Dante in den Fehden seiner Vaterstadt besonders zuwider geworden waren. Zu diesen rechnet er auch die Männer, welche ein Amt, in dem sie Gutes wirken könnten, aufgeben. Der hier besonders Getadelte soll Papst Cölestin der V. sein. Bonifaz der VIII. beredete ihn der hohen Würde zu entsagen und in die Einsamkeit zurückzukehren, um sich dann selbst auf den päpstlichen Thron zu setzen. Das leichte Schiff, von welchem geredet wird, ist der Kahn, in welchem die Seelen zum meerumspülten Berg des Purgatoriums gefahren werden. Durch die Erwähnung desselben erhält Dante ein Pfand seiner einstigen Errettung. Der Ausdruck "Man will's, dort wo man kann, das was man will", bedeutet, man will's bei Gott dem Allmächtigen. | |
| 1 | "Durch mich geht man zur Stadt der ew'gen Klagen, |
| Durch mich geht man zu nie gestilltem Leid. | |
| Durch mich zu dem verlor'nen Volk, voll Plagen; | |
| 4 | Wer mich erschuf, den trieb Gerechtigkeit. |
| Von höchster Macht, von Weisheit ward, der klaren, | |
| Und erster Lieb' geschaffen ich zu Zeit. | |
| 7 | Nur ew'ge, nicht erschaff'ne Dinge waren, |
| Eh' ich entstand, und ewig dau'r ich fort; | |
| Wer mich betritt, laß jede Hoffnung fahren!" | |
| 10 | In düstrer Farbe sah dies Räthselwort |
| Hoch über einem Thor ich angeschrieben. | |
| "O Meister", frug ich, "welch' ein Spruch steht dort? | |
| 13 | Ich las, doch dunkel ist der Sinn geblieben." |
| Und er, der schnell versteht: "Komm, fasse Muth! | |
| "Und laß die bangen Zweifel rasch zerstieben, | |
| 16 | Die Feigheit sterbe! Jetzt, in meiner Hut, |
| Kamst du zum Ort, den ich genannt, zu Wesen, | |
| Die eingebüßt der Seelen höchstes Gut." | |
| 19 | Als jetzt die Räthsel er begann zu lösen, |
| Mit heitrem Blick, auf meiner, seine Hand. | |
| Da fühlt' ich mich von jeder Furcht genesen; | |
| 22 | Doch wie ich noch bein Jenem lauschend stand, |
| Kam durch die sternenlose Luft ein Klagen, | |
| Und rauhe Stimmen hört' ich, zornentbrannt, | |
| 25 | Von vielen Händen ein Zusammenschlagen. |
| Verschied'ne Sprachen, Flüche, Schrei'n der Wuth; | |
| So wirbelt auf im Sturm der Sand, so jagen | |
| 28 | Die Well'n zur Küste, raset Wind und Fluth, |
| Wie mit Gestöhn hier schwirrt auf luft'gen Wegen | |
| In ew'ger Dämm'rung diese Höllenbrut. | |
| 31 | Ich aber, dem vor solchen Schreckensschlägen |
| Betäubt das Haupt, ich frug: "Was hört mein Ohr? | |
| Wer ist dies Volk, das so dem Schmerz erlegen?" | |
| 34 | Und er zu mir: "Das ist der Seelen Chor, |
| Die ohne Schmach gelebt und ohne Ehre, | |
| Ein Volk, das schwankend stets, sein Heil verlor; | |
| 37 | Gemischt ist es mit jenem Engelheere, |
| Das nicht rebellisch war, und auch nicht treu, | |
| Nein, ganz für sich blieb, das gesinnungsleere. | |
| 40 | Der Himmel, daß nicht minder schön er sei, |
| Stößt Jene fort, noch nimmt sie auf die Hölle, | |
| Verdammte selbst verschmähn sie." "Sag mir frei, | |
| 43 | O Meister", bat ich, "was denn ist die Quelle |
| Des Gram's, von welcher Qual sind sie bedroht?" | |
| "Erklären will ich's", sprach er, "auf der Stelle; | |
| 46 | Sie haben keine Hoffnung auf den Tod, |
| Und wähnen, da der Neid den Bösen eigen, | |
| Es leide wie sie selbst, kein Andrer Noth. | |
| 49 | Die Welt löscht aus den Namen jener Feigen, |
| Erbarmen und Gerechtigkeit verschmähn | |
| Sie Beide gleich: wir woll'n von ihnen schweigen: | |
| 52 | Schau rasch sie an, und laß vorbei uns gehn." |
| Da blickt ich hin und sah in dem Gedränge | |
| Sich eine Fahne wie ein Kreisel drehn, | |
| 55 | Und dieser folgt ein Zug von solcher Länge, |
| So Viele, daß ich nie vorher geglaubt | |
| Dem Tod sei schon erlegen solche Menge. | |
| 58 | Bemerkt' hat schon ich manch' bekanntes Haupt, |
| Als jener Schatten kam, der seinem Amte, | |
| Aus Furcht entsagt, sich selbst des Rechts beraubt. | |
| 61 | Nun wußt' ich wer dies Volk sei, das gesammte, |
| Das Gott und Gottes Feinden gleich verhaßt: | |
| Die nie lebendig war'n, die nie entflammte | |
| 64 | Ein edler Muth, sie irrten hier in Hast |
| Nackt, bleich umher, zerstochen von Insekten, | |
| Gespornt von Wespenstichen ohne Rast. | |
| 67 | Es rann das Blut vom Antlitz, dem befleckten, |
| Und träuft' herab, mit Thränen, ach, vermengt, | |
| Die von der Erde ekle Würmer leckten. | |
| 70 | Als endlich ich die Blicke abgelenkt, |
| Sah And're ich an eines Stromes Küste, | |
| Viel Volk, das dort zur Ueberfahrt sich drängt. | |
| 73 | "O Meister", fleht' ich, "da so gern ich wüßte, |
| Wer diese sind, mach gleich es mir bekannt, | |
| Warum treibt sie zum Fluß solch' heiß Gelüste?" | |
| 76 | "Sobald wir Acherons morast'gem Rand |
| Eindrücken werden", sprach er, "unsre Schritte, | |
| Durchschaust Du, was jetzt dunkel dem Verstand." | |
| 79 | Gesenkten Blicks, beschämt ob meiner Bitte, |
| Brach bis zum Fluß ich nicht des Schweigens Bann. | |
| Vom andern Ufer kam, schon in der Mitte | |
| 82 | Des Stromes treibend, jetzt ein Boot heran. |
| Das lenkt' ein Ferge, weiß an Bart und Haaren, | |
| Und schon von fern rief laut der greise Mann: | |
| 85 | "Weh' Euch Verderbten! nie seht sünd'ge Schaaren |
| Den Himmel Ihr! ich komm' in ew'ge Nacht, | |
| In Gluth und Frost herüber Euch zu fahren! | |
| 88 | Doch du, lebend'ge Seele, habe Acht, |
| Trenn' von den Todten Dich, die baar der Gnade". | |
| Da ich am Ort verharrte mit Bedacht, | |
| 91 | Rief er noch lauter: "Geh; auf andrem Pfade, |
| Durch andre Häfen kommst Du einst zum Ziel, | |
| Dann trägt ein leicht'rer Kahn Dich zum Gestade." | |
| 94 | ""Erzürn Dich Charon nicht," sprach jetzt Virgil, |
| ""Uns frag nicht mehr, denn nutzlos ist Dein Grollen, | |
| Man will's dort wo man kann, das was man will"". | |
| 97 | Da schwieg der bärt'ge Mund, doch sah ich rollen |
| Die Augen feu'rumkränzt, wie'n glühend Rad. | |
| So fährt er durch den Sumpf, den schwermuthvollen. | |
| 100 | Als das gehört die Schatten nackt und matt, |
| Da schlugen bang zusammen ihre Zähne; | |
| Sie fluchten Gott, der sie geschaffen hat, | |
| 103 | Den Eltern fluchten sie mit Angstgestöhne, |
| Dem menschlichen Geschlecht, dem Ort, der Zeit, | |
| Verfluchten ihren Saamen, ihre Söhne, | |
| 106 | In denen ihre Art sich stets erneut. |
| Dann schaaren sie sich dicht am Strand, dem trüben, | |
| Den Jeder einst betritt, der Gott nicht scheut; | |
| 109 | Und Charon, dem vom Auge Funken stieben, |
| Winkt sie herbei und sammelt sie in Hast, | |
| Und treibt die Zaudrer an mit Ruderhieben. | |
| 112 | Und wie im Herbst der Blätter leichte Last |
| Eins nach dem andern fällt, bis seine dürren, | |
| Zerzausten Hüll'n am Boden sieht der Ast, | |
| 115 | So Adams böser Saame; alle schwirren |
| Auf Charon's Wink vom Abhang in den Kahn | |
| Gleich Vögeln, die des Jägers Rufe kirren. | |
| 118 | Jetzt zieh'n sie fort auf träger Wasserbahn, |
| Und eh' das and're Ufer sie erreichen | |
| Häuft eine neue Schaar sich diesseits an. | |
| 121 | "Mein Sohn", spricht jetzt der Meister, die erbleichen |
| In Gottes Zorn, rebellisch bis zum Schluß, | |
| Die finden hier sich ein aus allen Reichen, | |
| 124 | Zusammen drängen sie sich an dem Fluß, |
| Denn die Gerechtigkeit spornt solche Wesen | |
| So heiß, daß Furcht zur Sehnsucht werden muß. | |
| 127 | Hier ist noch nie ein guter Geist gewesen; |
| Drum wies Dich Charon fort mit zorn'gem Mund; | |
| Jetzt weißt den Sinn der Worte Du, der bösen". | |
| 130 | Er schwieg; da bebte so der schwarze Grund, |
| Daß mir den Angstschweiß auf die Stirn, den kalten, | |
| Noch jetzt Erinnrung treibt. Der Erde Schlund | |
| 133 | Stieß Klagewinde aus, und durch die Spalten |
| Flammt' rother Blitz. Der Sinne ganz beraubt, | |
| Konnt' taumelnd ich mich nicht mehr aufrecht halten, | |
| 136 | Und fiel wie der, dem Schlaf betäubt das Haupt. 11.01.2007 |