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Uebersicht

 

Die Hölle. 6. Gesang.
   
Der Dritte Kreis zeigt uns ein charakteristisches aber widerliches Bild. Die Schlemmer liegen im Morast, vom Regen und Schnee durchnäßt, vom Hagel gepeitscht, umnebelten Geistes, in Stumpfsinn versunken. Cerberus mit seinen drei Rachen, der Höllenhund, das Bild der Gefräßigkeit, bewacht die Elenden, und wird erst durch zwei Handvoll Erde, welche ihm Virgil in den Rachen wirft, zur Ruhe gebracht. Die Schlemmer bekümmern sich in ihrer Geistesträgheit nicht um die Vorübergehenden, nur einer erhebt das Haupt und läßt sich auf ein Gespräch ein. Dante erkennt in ihm den Ciacco, einen Lebemann und Parasiten seiner Zeit. Er kommt in einer Novelle des Boccaccio vor, und gilt nebst Philipp von Argenti, der im folgenden Gesang auftritt, als einen Typus der Florentiner Gesellschaft. Dante läßt ihn vielleicht deßhalb allein aus dem Taumel erwachen, weil er, trotz seiner Schwelgerei, ein geistreicher, witziger Tischgenosse gewesen sein soll. Von dem Glauben ausgehend, daß die Bewohner jener Welt die Zukunft voraussehen, befragt Dante ihn über das Schicksal seiner von Bürgerkriegen zerrissenen Vaterstadt, und erfährt, die Waldpartei, also die Weißen, die Ghibellinen, würden die Oberhand behalten bis zur Ankunft Carls von Valois, der noch an den Küsten Italiens herumsteuert. Wir werden uns aus der Einleitung der Kämpfe jener Periode des Erscheinens der Franzosen, der Statthalterschaft Carls in Toscana, erinnern. Auch die Gesandtschaft Dante's an den Papst Bonifaz den VIII., das Hinhalten des Diplomatendichters in Rom, seine endliche Rückkehr und Verbannung fällt in diese Zeit. Er läßt sich also hier von Ciacco ein Unglück prophezeihen, (27) welches schon längst geschehen war. Ebensowenig Tröstliches hört er von verschiedenen verstorbenen Parteihäuptern, nach deren ewigem Zustand er sich erkundigt. So erfährt er, daß Farinata degli Uberti, der Ghibelline, welcher nach der Schlacht bei Monte Aperti seine Vaterstadt gegen seine eigene Partei so mannhaft vertheidigte und sie vom Untergang rettete, Thegghaio, der Guelphe, welcher ein echter Patriot war, Rusticucci, Mosca und Arrigo, unruhige Köpfe aber doch nicht ohne Verdienste um die Republik, nicht in himmlischen Regionen weilen, sondern noch tiefer in der Hölle als Ciacco. Dante hatte gemeint Einige von ihnen in diesem Kreise zu finden, da sie bei aller Energie und Tapferkeit dennoch dem Lebensgenuß allzusehr ergeben waren. An dies politische Gespräch knüpft sich ein theologisches über den Zustand der Seelen nach dem jüngsten Gericht. Diese sind ja eigentlich noch nicht endgültig verdammt, da das letzte Urtheil erst nach dem Untergang der Welt verkündet wird, wenn die Feindesmacht, der Antichrist, heranzieht; da es aber nicht anders ausfallen kann als das erste, so ist doch von keiner Hoffnung mehr die Rede. Das Resultat der verschiedenen Auseinandersetzungen besteht darin, daß, da Alles vollendet, also vervollkommnet, jede Empfindungsfähigkeit demgemäß gesteigert sein wird, Leid sowie Freude zunehmen werden. Am Schluß des Gesanges wird auf Pluto verwiesen, welcher bei den Alten der Herr der Unterwelt war, hier aber, wo es sich stets um die Vorstellung der gefallenen Engel handelt nur eine Art Unterteufel darstellt. Wer die beiden Gerechten sind, deren in diesem Gesange gedacht wird, weiß kein Commentator, es scheint also an solchen gerade kein Ueberfluß in Florenz gewesen zu sein. Einige behaupten, Dante habe sich selbst und seinen Freund, den Schriftsteller Guido Cavalcanti gemeint.
   
1 Als endlich wiederkehrten meine Sinne,
  Die Mitleid mir für jene Beiden nahm,
  Die erst verschwägert war'n, dann Eins durch Minne,
4 Da sah ich neue Peinen, neuen Gram,
  Und Neugequälte; überall nur Trauer,
  Wohin ich blickte, ach, wohin ich kam!
7 Ich war im dritten Kreis, wo Regenschauer
 

Von oben strömen; schwarz ist der Erguß,

 

Verflucht und kalt und schwer, von ew'ger Dauer.

10

Schnee, dicker Hagel, schmutz'ger Wasserfluß

 

Stürzt durch die Luft herab, die neblig dumpfe,

 

Die Erde stinkt, die das empfangen muß.

13

Ein Unthier bellt, mit vielgestalt'gem Rumpfe,

 

Aus dreien Kehlen hier und flößet Graun

 

Den Sündern ein, versenkt in jenem Sumpfe.

16

Rothäugig und den Stachelbart, den rauh'n

 

Von Geifer triefend, dick, den Leib geschwollen,

 

Zerreißt's und schindet's Alle mit den Klau'n.

19

Wie Hund' im Regen heulen sie und wollen

 

Mit einer Seite Schutz der andern leih'n,

 

Sodaß im Schlamm sie hin und wieder rollen.

22

Mir aber zittert jegliches Gebein,

 

Als Cerberus anstürmt mit Wuthgeberde,

 

Und große Hau'r im offnen Rachen dräu'n.

25

Mein Führer aber bückt sich und nimmt Erde

 

Und wirft dem großen Wurm zwei Fäuste voll

 

In seine Schlünde, daß er ruhig werde.

28

Und wie sich legt des gier'gen Hundes Groll,

 

Wenn in den Fraß er beißt, den langentbehrten,

 

Und still der wird, der erst vor Hunger toll,

31

So wandeln die Gesichter, die verstörten

 

Des Dämons sich, der sonst so lärmt und brüllt,

 

Daß taub zu sein die Geister längst begehrten.

34

Wir gingen über Schatten dicht verhüllt

 

Vom Regen, stellten unseren Fuß in's Leere,

 

Denn was uns Mensch erschien, war Luftgebild.

37

Nur Einer setzt' sich auf vom trägen Heere,

 

Das durch den Regen lahm war und betäubt,

 

Und rief, als ich vorüber ging: "O höre,

40

Du Mensch, den man durch diese Hölle treibt!

 

Erkennen mußt du mich, hier in der Nähe,

 

Da du den Leib empfingst, eh ich entleibt!"

43

Und ich: "Verändert hat dich wohl dies Wehe

 

So sehr, daß ich dich wieder nicht gekannt.

 

Mich dünkt, daß ich zum erstenmal dich sehe;

46

Wer bist du, an den Schmerzensort gebannt,

 

Den Strafe trifft, mir widerlich wie keine,

 

Wenn ich auch andre Strafen härter fand."

49

Und er zu mir: "Die Stadt, die auch die deine,

 

So voll von Neid, daß überfließt der Krug,

 

Umschloß mich, als ich lebt' im Sonnenscheine,

52

Und Ciacco war der Name, den ich trug.

 

Ich sinke hier, durch Schuld der gier'gen Kehle,

 

Im Regen hin, gestraft, ach, schwer genug;

55

Und nicht allein bin ich betrübte Seele,

 

Denn diese Alle dulden ebenviel,

 

Da gleiche Strafe folgt dem gleichen Fehle."

58

"O Ciacco", rief ich, "herzlich Mitgefühl

 

Ergreift beim Anblick mich all' der Beschwerden;

 

Doch sag mir, wenn du's weißt, zu welchem Ziel

61

Die Bürger jener Stadt noch kommen werden?

 

Ist einer dort gerecht, ist einer gut?

 

Warum die ew'ge Zwietracht dort auf Erden?"

64

Und er: "Nach langem Hader fließt dort Blut,

 

Die Waldpartei wird einst, von Haß befeuert,

 

Die andre stürzen, der viel Leids sie thut;

67

Doch wenn das Jahr sich dreimal hat erneuert,

 

Tritt diese wieder vor und triumphirt

 

Durch dessen Kraft, der jetzt am Strand noch steuert.

70

Lang trägt die Stirn sie hoch, die streng regiert,

 

Und drückt den Gegner mit dem Joch, dem schweren,

 

Der schamroth weint; so wirds einst ausgeführt.

73

Gerecht sind zwei, doch keiner wird sie hören,

 

Stolz, Neid und Geiz entflammen jeden Sinn;

 

Drei Funken sind's, die alles einst zerstören!"

76

Er schwieg, es starb der Schmerzenslaut dahin.

 

Ich aber bat: "Noch weit're Kund ertheile,

 

Da ich zu wissen so begierig bin,

79

Wo Farinata, wo Tegghaio weile,

 

Und Rusticucci, die mit Recht man preist,

 

Ob Mosca, ob Arrigo kam zum Heile,

82

Und wer dem Besten nachgestrebt zumeist?

 

Sind sie beglückt im Himmel, oder quälen

 

Die Höllenstrafen sie?" Da sprach der Geist:

85

"Sie weilen bei den schwärzesten der Seelen,

 

Verschied'ne Schuld zieht schwer sie in den Grund,

 

Du wirst sie finden in den tiefsten Höhlen.

88

Doch kommst du heim auf's heitre Erdenrund,

 

Ruf ins Gedächtniß mich zurück der Leute.

 

Nichts sag ich mehr, nichts thu ich weiter kund."

91

Der grade Blick wich schielend ihm zur Seite,

 

Er blinzt' mich an, dann sank das Haupt, er fiel

 

Den andern Blinden gleich, des Regens Beute.

94

"Der steht nicht wieder auf", sprach jetzt Virgil,

 

"Bis zum Posaunenruf, wenn mit Gedröhne

 

Die Feindesmacht heranzieht. Im Gewühl

97

Sucht jeder dann sein traurig Grab: auch Jene

 

Zieh'n wieder an ihr Fleisch und die Gestalt,

 

Das Urtheil zu vernehmen, wie's auch töne,

10

Den Richterspruch, der ewig wiederhallt!"

 

So schlichen wir durch Dunst und Schattenbilder,

 

Die Regen wie ein Knäul zusammenballt,

103

Vom künft'gen Leben redend. "Werden milder,"

 

So frug ich, "wenn der große Spruch gethan,

 

Die Qualen, oder toben sie noch wilder?"

106

"Frag deine Wissenschaft", so hob er an,

 

"Sie lehrt, nur um so stärker fühlen Wesen

 

Je mehr sie der Vollkommenheit sich nahn;

109

Und werden auch vollkommner nie die Bösen

 

Im echten Sinn, ihr Zustand wird's zur Zeit,

 

Gesteigert in der Art, wie er gewesen."

112

Den Kreis umschritten in der Runde weit

 

Wir ganz, noch redend, was ich nicht erzähle,

 

Bis wo der Weg sich senkt zur Kluft voll Leid,

115

Und Pluto naht, der große Feind der Seele.     11.01. 2007

7. Gesang

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