Die Hölle. 8. Gesang.
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| Die Dichter kommen jetzt an einen Wachtturm, welcher am Ufer des Stix gelegen ist. Von den Zinnen werden dem Fährmann Phlegias Zeichen zum Herüberholen der Wanderer gegeben. Phlegias ist um der Rachethat willen, welche er an Apollo durch den delphischen Tempelbrand beging, besonders geeignet zum Wächter des Kreises der Zornigen. Beim Besteigen des Kahns senkt sich derselbe, weil ein Mensch, Dante, hineintritt. Ein Schwimmer, welcher sich bei der Fahrt an den Kahn klammert, wird, nachdem er als Philipp von Argenti, der florentinische Wütherich, ein allgemein gehaßter Mann, erkannt ist, zurückgestoßen. Der Nachen landet bei der Stadt Dis, d. h. Pluto, der Stadt der Vergeltung. Virgil, von den Bewohnern übel empfangen, verweist auf einen Helfer, der durch dieselbe Pforte eindringen wird, wie Christus auf der Höllenfahrt, durch die Pforte, über der Dante die verhängnißvolle Ueberschrift gelesen hat. Aufmerksam ist noch zu machen auf die seltsame Anrede, in welcher Virgil "das Wissensmeer" wegen der unbegrenzten Fülle seiner Kenntnisse und seiner Weisheit genannt wird, sowie auf das Zwiegespräch zwischen Dante und Philipp von Argenti; dieser staunt, daß der Dichter als ein Lebendiger herabkommt und es scheint ihm lieb zu sein, ihn auch der gleichen Strafe mit verfallen zu sehen, worauf Dante aber erwidert: "ich kam, doch bleib' ich nicht." Die Stelle wo Virgil ihn allein läßt, ist so zu verstehen, daß der Erschrockene auf Flucht sinnt, "Ja und Nein" im Haupt wälzt, und doch den Muth nicht findet, ohne Jenen die gewundenen Schreckensorte, die Höllenrunde zurückzugehen. |
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| 1 | Schon lange eh zum Fuß des Thurms mitsammen |
| Wir beide kamen, blickte ich gespannt | |
| Nach seinem Gipfel, wo zwei kleine Flammen | |
| 4 | Entzündet wurden auf dem höchsten Rand; |
| Gleich drauf erschien, als ob's ein Zeichen wäre, | |
| Die dritte, weit am Horizont entbrannt. | |
| 7 | Da kehrt ich fragend mich zum Wissensmeere; |
"Was sagt dies Licht, wer hat es angesteckt, |
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Und was erwidert jenes? Das erkläre!" |
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| 10 | Und er: "Gleich siehst du ein, was man bezweckt |
Und was man rief; schon auf den dunklen Wellen |
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Mußt du es schaun, wenn's Nebel nicht verdeckt." |
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| 13 | Die Sehne kann so rasch den Pfeil nicht schnellen, |
Daß er beflügelt schwirrt auf luft'ger Bahn, |
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Als jetzt ein Boot sich naht, im Lauf, dem schnellen; |
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| 16 | Ein einz'ger Fährmann nur führt jenen Kahn. |
"Hah, schnöde Seele, bist du da!" so dräute |
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Der Schiffer mir. Da rief Virgil ihn an: |
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| 19 | "Halt Flegias, halt, vergebens schreist du heute, |
Denn dein sind auf der Ueberfahrt wir nur |
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Für diesmal, länger nicht; gieb uns Geleite!" |
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| 22 | Wie Jener zürnt, der groben Trug erfuhr, |
Dem andre mitgespielt zu seinem Schaden, |
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So grollte Flegias, grimmiger Natur. |
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| 25 | Da stieg mein Führer an des Styx Gestaden |
Ins schwanke Boot und zog am Arm mich mit, |
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Und erst als ich darin war, schien's beladen. |
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| 28 | Das Schiff stieß ab, und in die Fläche schnitt |
Viel tiefer, als wenn Andre es getragen, |
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Der alte Kiel; indeß durch's Moor er glitt, |
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| 31 | Ballt sich der Schlamm vor mir zur Form und fragen |
Hört ich die Ungestalt, die gurgelnd spricht: |
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"Wer bist du, der, eh' seine Zeit geschlagen, |
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| 34 | Zur Hölle kommt?" "Ich kam, doch bleib' ich nicht", |
"Doch wer" rief ich, "bist Schmutzger du?" "Sieh Einen, |
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Der weint", erwidert er, "getrennt vom Licht!" |
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| 37 | "Ja, ewig magst du jammern, magst du weinen, |
Verdammter Geist!" rief ich, "du bist erkannt |
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Wie Schlamm und Moder auch dein Antlitz bräunen." |
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| 40 | Da streckt er aus die recht' und linke Hand |
Nach unserm Bord. "Fort zu den andern Hunden", |
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Schrie jetzt Virgil, und wehrt ihm ornentbrannt, |
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| 43 | Dann küßt er mich, hielt mir den Hals umwunden |
Und sprach: "O Seele, edlen Eifers voll, |
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Gesegnet sei, die dich gebar! Verschwunden |
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| 46 | Ist der, bei dem der Hochmut überschwoll, |
Des Angedenken keine Tugend zieret, |
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Und dies Bewußtsein macht vor Wuth ihn toll. |
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| 49 | Ja, mancher König, der viel Volk regieret, |
Wird hier sich wälzen gleich dem Schwein im Schlamm, |
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Verachtet von der Welt, wie sich gebühret." |
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| 52 | Und ich: "Gern säh' ich Jenen, der hier schwamm |
Ersticken in dem Brodem, jenen Wüsten, |
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Eh' wir gelangt zum andern Uferdamm!" |
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| 55 | "Das wird geschehn", sprach er, "bevor die Küsten, |
Die gegenüber liegen, sind in Sicht, |
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Und ganz gesättigt wird bald dein Gelüsten." |
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| 58 | Und in der That sah jetzt zerrauft den Wicht |
Vom schmutzgen Volk ich, wie mit Geierskralle, |
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Daß heute noch mich freut dies Strafgericht. |
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| 61 | "Heran, auf Philipp von Argenti, alle!" |
So schrie'n sie und der Florentiner schlug |
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In's eig'ne Fleisch die Zähne ein beim Falle. |
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| 64 | Er bleib' im Schlamm, ich sprach von ihm genug. |
Gespannt blickt' ich nach vorn, da grad entgegen |
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Die Luft mir langgezog'ne Klagen trug. |
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| 67 | "Wir nahn der großen Stadt, am Sumpf gelegen", |
Hob an Virgil, "die Dite wird genannt, |
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Wo Bürger schuldbeschwert sich zahllos regen." |
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| 70 | Und ich: "Schon zeigen sich Moscheen am Strand, |
Und Thurm und Minaret ich unterscheide, |
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So roth zu schaun, als stünden sie in Brand." |
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| 73 | Da gab der Meister Antwort: "Die Gebäude |
Sind roth von ew'gem Feuer, dessen Schein |
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Die Höllenstadt durchglüht." Jetzt fuhren Beide |
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| 76 | Auf unserm Boot wir in die Gräben ein, |
Die rings umziehn die schmerzensreiche Stelle. |
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Von Eisen schien die Mauer mir zu sein, |
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| 79 | Und erst, nachdem wir lang umschifft die Wälle |
Legt unser Fährmann an und ruft uns zu: |
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"Steigt aus, hier ist die Pforte, ist die Schwelle!" |
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| 82 | Zusammenlaufen sah vorm Thor im Nu |
An Tausend ich; herabgeregnet schienen |
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Von Oben die, die schrien: "Wer bist denn du, |
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| 85 | Der du nicht todt bist, doch den Gang, den kühnen, |
Ins Todtenreich gewagt?" Da winkt Virgil, |
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Daß er geheimen Zwiesprach wünscht mit ihnen. |
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| 88 | Den Zorn verbeißend, der sie überfiel |
Bei meinem Anblick, sprachen sie zum Meister: |
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"Komm du allein, ihn trage heim der Kiel, |
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| 91 | Den Weg voll Grau'n geh er allein, der dreister |
Als Andre scheint, zurück, denn du bleibst hier, |
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Du Führer ihm im dunklen Land der Geister; |
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| 94 | Jetzt zeig' er was er kann!" Denk Leser dir, |
Wie beim verfluchten Wort mich Angst bestürmet. |
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Unmöglich schien die Heimkehr damals mir. |
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| 97 | "O, theurer Führer", bat ich, "der mich schirmet, |
Mich mehr als siebenmal dem Mißgeschick |
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Entrissen hat, nun Graun auf Graun sich thürmet |
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| 100 | Verlaß mich nicht im bängsten Augenblick, |
Und dürfen wir nicht vorwärts, laß uns leise |
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Die eignen Spuren suchen, schnell zurück!" |
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| 103 | "Verzag nur nicht; denn keiner hemmt die Reise, |
Da uns ein Solcher sie gestattet hat, |
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Dem Niemand wehrt. Wart hier", so sprach der Weise. |
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| 106 | "Und Hoffnung stärk' dein Herz, das schreckensmatt; |
Nicht hülflos werd ich dich im Abgrund lassen!" |
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So scheidet er von mir vor jener Stadt, |
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| 109 | Der süße Vater, und ich steh' verlassen, |
In Zweifeln; nein und ja, so folgenschwer, |
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Bekriegen sich im Haupt; wie nur sich fassen! |
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| 112 | Nicht was dem Volk er vortrug, hört ich mehr, |
Doch blieb nicht lang' er fort, da plötzlich Jene |
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Der Stadt zustürzten, wie ein wildes Heer. |
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| 115 | Grad' vorm Gesicht ihm schlossen mit Gedröhne |
Das Thor sie zu, und auf dem Pfad', dem rauh'n, |
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Kehrt langsam er zurück zur Uferlehne, |
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| 118 | Gesenkt das Auge und umwölkt die Brau'n, |
Und seufzend frug er, "wer kann mir versagen, |
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Die Wohnungen der Schmerzen anzuschaun? |
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| 121 | Dich soll mein Zorn, o Sohn, nicht niederschlagen! |
Die Probe werd ich schon bestehn im Streit, |
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Wer dort sich auch bemüht uns abzuschlagen. |
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| 124 | Ihr Widerstand ist auch nicht neu; zur Zeit |
Ward er an weniger verborg'ner Pforte, |
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Die ohne Schloß noch steht, geübt wie heut. |
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| 127 | Von ihr, an der du lasest Todesworte, |
Kommt der, der keinen Führer braucht, im Lauf |
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Herab, durch die gewund'nen Schreckensorte, |
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| 130 | Der Helfer kommt; dem thut die Stadt sich auf!" 03.08. 2006 |