Die Hölle. 9. Gesang.
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| Nachdem Virgil seinem Schützling mitgetheilt hat, daß er schon einmal auf Erichto's, der Thessalischen Zauberin Ruf, welche, wie Lucan erzählt, Geister heraufbeschwören konnte, in den Kreis des Judas, den tiefsten hinabgestiegen sei, um von dort eine Seele emporzuziehn, treten die Furien, Megära, Alecto und Tisiphone den Dichtern entgegen. Sie drohen mit dem Gorgonenhaupt, welches die versteinert, die es anschaun, und beklagen, nicht Rache an Theseus genommen zu haben, welcher in die Unterwelt hinabgestiegen war, um Proserpina, ihre Königin, deren Mägde sie genannt werden, die Tochter der Ceres, zu entführen, beklagen es um so mehr, weil dadurch Andere zu gleichem Wagniß ermuthigt werden. Jetzt erscheint der angekündigte Retter in Engelsgestalt, bedroht die Widerspänstigen, und hält ihnen das Beispiel des Cerberus vor, dem Hercules bei seiner Höllenfahrt eine Kette umlegte und ihn daran fortschleifte, wovon er noch heute die Spuren an sich trägt. Er öffnet den Beiden die Stadt, deren Inneres Dante an die Grabgefilde, einestheils bei Arles in der Provence, andrentheils bei Pola am Quernaro, wo Carl der Große Schlachten geliefert hat, mahnt. Jetzt treten sie in den Kreis ein, wo die Irrlehrer, die Eresiarchen, bestraft werden. | |
| 1 | Als mit der Feigheit Farbe der Getreue |
| Mein Antlitz wieder überzogen sah, | |
| Drängt seine Blässe er zurück, die neue, | |
| 4 | Und horchend weit hinaus, stand fest er da, |
| Denn selbst der schärfste Blick konnt' hier nichts frommen, | |
| Da Nebel dicht sich ballten fern und nah. | |
| 7 | "Hier giebt es Kampf und Sieg", sprach er beklommen, |
"Denn sonst" - "zwar bot sich an zu Schirm und Hort |
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Ein Mächt'ger uns; wann wird er endlich kommen!" |
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| 10 | Des Meisters Absicht merkte ich sofort, |
Der Rede Anfang durch den Schluß zu decken, |
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| 13 | Da zu verschieden war das letzte Wort |
Vom ersten, um zu mildern meinen Schrecken, |
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Ja, Schlimmres, als vielleicht er selbst gedacht, |
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| 16 | Schien jener Widerspruch mir zu verstecken. |
"Stieg je vor dir in dieser Höhlung Nacht |
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Ein andrer Geist hinab vom ersten Kreise, |
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| 19 | Wo Hoffnung nur Euch fehlt, die seelig macht?" |
So frug ich und zur Antwort gab der Weise: |
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"Nur selten geht ein Geist aus jenem Chor |
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| 22 | Den Pfad, den ich erwählt, den dir ich weise: |
Doch ich ging einmal ihn schon, lang zuvor, |
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Als Eriton mich rief voll Zauberkunde, |
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| 25 | Die Geister in den Leib zurückbeschwor. |
Kaum hatt' ich abgelegt mein Fleisch zur Stunde, |
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Als sie hier ein mich ließ, um einen Geist |
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| 28 | Zu zieh'n aus Judas, des Verräthers Runde; |
Die Kluft ist schwarz und tief und ganz vereist, |
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Vom Himmel, weltumspannend, weit wie keine. |
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| 31 | So kenn' den Pfad ich, den so sehr du scheu'st. |
Rings kränzt der Sumpf die Stadt im Feuerscheine, |
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Die ohne Kampf uns nicht erschlossen wird." |
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| 34 | Er sprach noch viel, doch merkt ich nur das Eine, |
Da mich ein Grauenanblick ganz verwirrt, |
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Denn auf den Thürmen, deren Zinnen flammten, |
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| 37 | Sah, blutbespritzt, von Feu'r und Dampf umschwirrt, |
Drei Furien ich, die aus dem Abgrund stammten; |
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Nach Weiber Art, Geberde und Gestalt, |
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| 40 | So standen aufgerichtet die Verdammten, |
Ein Gurt von grünen Schlangen, glatt und kalt, |
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Umschloß den Leib: statt Haaren sträuben Jenen |
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| 43 | Sich Wipern auf der Stirne, kraus geballt. |
"Schau die Erinnien, die das Bollwerk krönen!" |
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So sprach der Dichter; denn er kannte schon |
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| 46 | Die Mägde jener Kön'gin ew'ger Thränen. |
"Sieh hier Megaera, dort Aletto drohn", |
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Begann er wieder, "zwischen beiden Frauen |
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| 49 | Steht Tisifone, um die Flammen loh'n!" - |
Weh! sie zerfleischten sich mit eignen Klauen |
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Die Brust, sie schlugen Hand an Hand voll Wuth, |
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| 52 | Daß ich mich drängte an Virgil voll Grauen. |
"Medusa komm, und mach' zu Stein die Brut", |
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So schrien sie wild, und starrten auf mich nieder; |
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| 55 | "Weh, daß gestraft nicht Theseus Uebermuth!" |
"Wend ab dich", mahnt der Meister, "schließ die Lider, |
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Denn zeigt sich Gorgo, siehst du je ihr Bild, |
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| 58 | So kehrst zur Oberwelt du niemals wieder!" |
Selbst wandt' er jetzt mich um und legt als Schild, |
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Aus Furcht, daß meine Hand genug nicht wäre, |
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| 61 | Mir seine vor die Augen, dichtverhüllt. |
Betrachtet klare Geister scharf die Lehre, |
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Die hier verborgen unterm Schleier ruht |
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| 64 | Der dunklen Verse, daß ihr Sinn sich kläre! - |
Jetzt kam heran, weit über schlamm'ger Fluth, |
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Erschütternd beide Ufer, furchtbar Brausen; |
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| 67 | So hört man Winde von verschiedner Gluth |
Mit starkem Anprall sich entgegen sausen. |
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Sie stürmen in den Wald mit wilder Hast, |
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| 70 | Zerschlagen alle Zweige und zerzausen |
Die Blüthen, weit entführend sie vom Ast, |
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Durchrasen Staub aufwirbelnd dann die Auen, |
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| 73 | Wo Hirt und Heerden fliehen angsterfaßt. |
"Jetzt", spricht Virgil und macht mir frei die Brauen, |
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"Richt deine Sehkraft auf den alten Schaum, |
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| 76 | Da wo am dichtesten die Nebel brauen." |
Wie Frösche, wenn im Teich sich zeigte kaum |
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Die gier'ge Hyder, auseinanderstieben, |
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| 79 | Und ein sich wühlen unterm Ufersaum, |
So floh'n zerstörte Seelen, furchtgetrieben, |
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Vor Jenem, der daherschritt wunderbar |
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| 82 | Mit trocknen Füßen auf der Fluth, der trüben; |
Oft hob er zu der Stirne sonnenklar |
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Die Linke auf, den Qualm sich abzuwehren, |
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| 85 | Der einzig ihm zur Last im Abgrund war. |
Als Gottesboten kannt' ich gleich den Hehren; |
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Ich wollte fragen, doch mir winkt Virgil |
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| 88 | Zu schweigen und den Engel still zu ehren. |
Wie flammt' der Mächt'ge da voll Zorngefühl! |
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Er tritt zum Wall und sprengt mit seiner Gerte |
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| 91 | Die Pforte auf, als sei's nur leichtes Spiel, |
Und ruft durch's Schreckenthor, das aufgesperrte: |
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"Empörtes Volk, vom Himmel längst verbannt, |
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| 94 | Was nährt in Euch den Eigensinn, die Härte? |
Warum nur leistet frech Ihr Widerstand |
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Dem Willen, stets erfüllt, von dem verloren |
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| 97 | Kein Titel geht, der straft mit starker Hand! |
Was lauft Ihr wider Euer Schicksal, Thoren, |
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Mit hartem Kopfe an; seht Cerberus, |
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| 100 | Dem Hals und Maul darum noch heut' geschoren." |
Dann, uns nicht achtend, wandt mit leichtem Fuß |
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Er schweigend sich zurück, doch die Geberde |
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| 103 | Sagt, daß er anderm Dienst sich widmen muß |
Als unserm Schutz, da frei wir von Gefährde. |
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So nah'n wir dann, vom heil'gen Wort geschirmt, |
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| 106 | Uns sorglos jenem ew'gen Feuerheerde. |
Still nahm uns auf die Veste, hochgethürmt, |
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Und ich gespannt, was dort für Schrecken lauern |
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| 109 | Und welche Qual die Bürger dort bestürmt, |
Ließ schweifen meine Augen in den Mauern. |
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Da sah ich ein Revier, von Wäll'n umbaut, |
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| 112 | Das ganz erfüllt von Jammer war und Trauern. |
So wie bei Arles, wo sich der Rhone staut, |
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Bei Pola, wo durch des Queraro Becken |
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| 115 | Geschlossen wird Italien und bethaut, |
Voll Grabeshügel sind die öden Strecken, |
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So füll'n hier Gräber auch das ganze Land, |
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| 118 | Doch birgt die Gruft hier mehr als dort der Schrecken, |
Da Flammen loh'n um jedes Grabmals Rand. |
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Der Grund ist so erhitzt, daß mühlos Eisen |
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| 121 | Man schmieden könnte in dem wilden Brand. |
Die Deckel standen auf der Truh'n, der heißen, |
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Und Jammer, ausgepreßt von größter Qual, |
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| 124 | Drang aus dem dunklen Schooß. Ich frug den Weisen: |
"Wer ist begraben hier im Schmerzensthal, |
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Wer sind die in den Archen Ausgestreckten?" |
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| 127 | "Hier liegen Eresiarchen, ohne Zahl", |
Erwidert er, "die sich mit Schuld befleckten; |
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Der Gleiche wird dem Gleichen zugesellt; |
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| 130 | Mehr als du denkst sind hier von allen Sekten, |
Und mehr als Einen manche Gruft enthält. |
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Auch glüh'n mehr oder minder die Gemächer." |
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| 133 | Der Meister sprachs und wandt' durchs Hügelfeld |
Zur Rechten sich, entlang die Reih'n der Schächer. 13.09. 2006 |
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