Die Hölle. 11. Gesang.
|
|
| Der 11. Gesang besteht aus einem Gespräch der Dichter, in welchem Virgil seinen Schützling über die Abstufungen der Höllenstrafen unterrichtet. Die Region der Verbrechen, welche aus angeborenen Trieben der Natur hervorgehen, also entschuldbarer als andere sind, ist durchlaufen, und wir treten nun in diejenige der Bosheit ein, welche in drei Unterabtheilungen zerfällt. Diese werden wieder in verschiedene Kreise zerlegt, die erste Abtheilung der Gewaltthätigen, in drei, also derer, die an Andern Gewalt üben, derer, die an sich selbst durch Selbstmord freveln, derer, die sich wider Gott empören; die zweite Unterabtheilung, die der Betrüger in 10, welche eigenthümlich construirt, durch Kreisausschnitte gesondert, den Namen des üblen Schlauches tragen, in deren Mitte sich ein Brunnenschacht befindet, durch den man in die dritte Unterabtheilung, das Reich der Giganten hinabsteigt. Unter diesem erst befindet sich der Aufenthalt der Verräther, der neunte und letzte Kreis. Warum diese nicht im 7. oder 8. Kreis bei Gewaltthätigen und Betrügern untergebracht sind, ergiebt sich aus dem großen Unterschied, der im Betrug überhaupt, oder im Betrug des Vertrauens, in Verletzung allgemeiner Menschenliebe, oder der besondern Herzensliebe eines Menschen zu einem andern, gemacht werden muß. Virgil verweist hier auf die Etica, eine Sittenlehre des Aristoteles, und die Physica, eine Art Naturphilosophie desselben, und auf die Genesis, die Schöpfungsgeschichte des Moses. Am Schluß bezieht er sich in seiner Schilderung auf die Sternbilder, den Wagen, also den großen Bär und die Fische. In diesem Kapitel wird von historischen Personen nur des Papstes Anastasius II, der um das Jahr 497 den Stuhl Petri einnahm und sich von einem Irrlehrer, Photin, hat fortreißen lassen, gedacht. Herrlich ist die hier ausgesprochene Ansicht über die Natur und Kunst; da jene die Tochter Gottes genannt wird, so ist die Kunst, welche aus der Natur hervorgeht und ihr folgt, gleichsam die Enkelin Gottes; eine höhere Stellung kann man ihr wohl nicht anweisen? | |
| 1 | Am Klippenrand, zerrissen, unterhöhlt |
| Des Kesselthals, gelangten wir zu Schaaren, | |
| Die mehr sind als die ersten noch gequält; | |
| 4 | Und hinterm Deckel einer jener Bahren |
| Versuchten vor dem Dampf aus dem Geklüft, | |
| Geduckt wir und verhüllt, uns zu bewahren, | |
| 7 | Auf diesem Stein las ich in großer Schrift: |
"Papst Anastasius, den von Wahrheitspfaden |
|
Photin verlockt durch falscher Lehren Gift, |
|
| 10 | Schließ ich hier ein!" "Laß uns auf Felsgestaden", |
Hob an Virgil, "noch säumen, bis der Sinn |
|
Den Dunst gewöhnt ist, dann wird er nicht schaden." |
|
| 13 | Und ich: "Dies Zögern bringt mir nur Gewinn, |
Giebst du Ersatz für die verlor'ne Stunde." |
|
"Hör zu", sprach er, "wie drauf bedacht ich bin. |
|
| 16 | Drei eng're Kreise schließt die weite Runde |
Den höh'ren gleich hier ein, die ein Gewühl |
|
Von bösen Geistern füllt. Gern geb ich Kunde, |
|
| 19 | Wie und warum sie dulden, ach so viel, |
Damit dir klar sei gleich beim ersten Blicke |
|
Was schau'n du ferner wirst. Der Bosheit Ziel |
|
| 22 | Und Schluß sind Frevelthaten stets, dem Glücke |
Des Nächsten tödtlich, ob dies Glück man trübt |
|
Durch List, ob durch Gewalt. Doch mehr ist Tücke |
|
| 25 | Dem Herrn verhaßt, da nur der Mensch sie übt, |
Und die Natur dazu nicht drängt. Drum wohnen |
|
Verräther in dem tiefsten Schlund, den's giebt. |
|
| 28 | Der erste Kreis, der in drei klein're Zonen |
Sich wieder theilt, birgt blut'ger Frevler Schaar, |
|
Und ist in drei getheilt, weil drei Personen |
|
| 31 | Gewalt man anthun kann; gleich wird dir's klar. |
An Gott, an sich, am Nächsten, sei's am Gute, |
|
Sei's an ihm selbst, übt man Gewalt fürwahr; |
|
| 34 | Der Missethäter rast im Frevelmuthe, |
Bringt Wunden und bringt Tod, und raubt und sengt; |
|
Und über die, die sich mit Bruderblute |
|
| 37 | Befleckt und Raub begeh'n, wird Pein verhängt |
Im ersten Ring; von Schaaren ist, den dichten, |
|
Gesondert jede Art, der Raum beengt. |
|
| 40 | Sich selbst kann und sein Gut der Mensch vernichten, |
Und büßt es in der zweiten Zone ab, |
|
Doch nutzt die Buße ihnen ach mit nichten. |
|
| 43 | Wer sein Talent verwüstet, wer ins Grab |
Sich selbst gebracht, weilt hier; wer saß in Thränen, |
|
Als Gott ihm Grund zu Dank und Freude gab. |
|
| 46 | Der Mensch kann wider Gott auch auf sich lehnen, |
Wenn er ihm flucht, ihn läugnet, die Natur |
|
Verschmäht und ihre Gaben all', die schönen. |
|
| 49 | Der dritte Ring drückt seines Siegels Spur |
Auf Sodoma und auf Cahors; dort liegen, |
|
Die Gott verachtet mit dem Mund nicht nur, |
|
| 52 | Nein auch im Herzen. Sieh', man kann belügen |
Den, der uns traut, und den, der auf der Hut; |
|
Wenn diesen, der da Wache steht, wir trügen, |
|
| 55 | Im Rücken lauernd, wie's der Mörder thut, |
Zerreißen wir das Band der Nächstenliebe, |
|
Das die Natur geknüpft! die Lügenbrut |
|
| 58 | Weilt demgemäß im zweiten Kreis; der Diebe, |
Der Wuch'rer Nest; und wer da Simonist, |
|
Wer Schmeichler, Heuchler war im Weltgetriebe. |
|
| 61 | Trügst aber den du, der dir traut, so ist |
Nicht nur die Liebe der Natur vernichtet, |
|
Nein, die besondre Liebe auch, durch List. |
|
| 64 | Solch' doppelter Verrath wird schwer gerichtet |
Im Mittelpunkt der Welt, an Satans Thron, |
|
Im tiefsten Grund, wo nie die Nacht sich lichtet." |
|
| 67 | Und ich: "O Meister, klar wird Alles schon, |
Den Abgrund schilderst deutlich du, den grimmen, |
|
Und die, die dort empfangen üblen Lohn! |
|
| 70 | Doch sag', warum man die im Sumpf dort schwimmen |
Und die der Regen schlägt, der Sturmwind jagt, |
|
Das Volk, das hadert mit so rauhen Stimmen, |
|
| 73 | Nicht straft in dieser Stadt, die glühend ragt, |
Wenn Gott sie doch verwarf, der Hölle Beute? |
|
Und thut er's nicht, warum sind sie geplagt?" |
|
| 76 | "Wie komm'ts", frug er entgegen, "daß du heute |
Mehr irrst, als sonst, und nicht die Gründe faßt, |
|
Wie, oder blickt dein Geist nach andrer Seite? |
|
| 79 | O, daß die Lehre du vergessen hast |
Der Etika, die es beweist durch Gründe, |
|
Wie drei Gebrechen tief der Himmel haßt, |
|
| 82 | Begierde, Bosheit und die Wuth, die blinde, |
Die viehisch rast. Doch ist nicht die Begier |
|
So schlimm, als jene zweit' und dritte Sünde; |
|
| 85 | Erwägst den Ausspruch du und rufest dir |
Zurück, wer jene sind, die dich gejammert, |
|
Die dulden in dem äußersten Revier, |
|
| 88 | Siehst du, warum von diesen, die umklammert |
Das inn're Rund, sie trennt der Herr der Welt, |
|
Und seine Rache wen'ger sie zerhammert." |
|
| 91 | "O Sonne, die mein trübes Aug' erhellt, |
So sehr freut die Erläut'rung mich, die lichte, |
|
Daß Zweifeln", rief ich, "mir so sehr gefällt, |
|
| 94 | Als Wissen. Doch nach einem Punkte richte |
Den Blick zurück, wo du des Wuchers Schuld |
|
So schwer genannt, und jeden Knoten schlichte." |
|
| 97 | "Philosophie", erklärt er voll Geduld, |
"Zeigt uns, wenn wir Verständniß nicht entbehren, |
|
Daß die Natur durch schöpferische Huld |
|
| 100 | Aus Gottes Geist und seiner Kunst, der hehren, |
Entsprungen ist. Wie Eure Kunst entstand, |
|
Das wird dich deine Fisika schon lehren. |
|
| 103 | Göttlicher Kunst, die die Natur erfand, |
Folgt Eu're Kunst, wie'n Schüler folgt dem Lehrer; |
|
D'rum wird des Schöpfers Enklin sie genannt. |
|
| 106 | Denkst du der Genesis", schloß mein Erklärer, |
"Dann siehst du, daß aus Kunst und aus Natur |
|
Wir Leben ziehen soll'n; so sind Vermehrer |
|
| 109 | Der ird'schen Güter ohne Schuld wir nur. |
| Doch weil die Wuch'rer beide gleich verschmähen, | |
Und ihre Hoffnung läuft auf andrer Spur. |
|
| 112 | Sind sie verdammt. Genug, jetzt laß uns gehen, |
Denn schon neigt westwärts sich des Wagens Rad; |
|
Am Horizont die Fische blitzend stehen, |
|
| 115 | Und weit bis zum Abhang noch der Pfad." 14.09. 2006 |