Die Hölle. 15. Gesang.
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| Die Hauptrolle im 15. Gesang spielt Brunetto Latini, Dantes Lehrer, der Verfasser "des Schatzes", eines damals berühmten Buches. Er schändete seine Talente und hohe Bildung durch ein scheußliches Laster. Erwähnt werden hier noch Prisciano. Sprachforscher aus Cäsarea, Franz Accursio, Rechtsgelehrter in Bologna und Andrea dei Mozzi, Bischof, vom Knecht der Knechte, dem Papst Nicolaus dem II. nach Vicenza am Bacchiglione geschickt, wo er starb. Der Autor gedenkt noch des Wettlaufs um das grüne Fahnentuch, welcher jährlich zu Verona stattfand. | |
| 1 | Uns trug der harten Ufer eines jetzt, |
| Beschattet so vom Wasserdampf, dem dichten, | |
| Daß nicht in Brand das Feu'r die Ränder setzt. | |
| 4 | Den Dämmen, die die Flamänder errichten, |
| Aus Furcht vor Sturm und Fluth, bei Kevesand | |
| Und Brügge, zwingend stets das Meer zu flüchten, | |
| 7 | Und die die Paduaner baun am Strand |
Der Brenta, schützend Städte und Castelle |
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Eh Chiarentana spürt den Sonnenbrand, |
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| 10 | Sind diese gleich, nur daß des Flusses Schwelle |
Vom Meister, wer's auch sei, nicht so erhöht |
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Als jene sind, die trotzen jeder Welle. |
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| 13 | Vom Wald, nach dem ich oft zurückgespäht, |
War ich so fern schon, daß wo er gelegen |
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Ich nicht mehr sah, wenn ich mich umgedreht. |
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| 16 | Da kam ein Zug heran, der uns entgegen |
Im Sande unten ging entlang dem Wehr. |
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Wie Wandrer Nachts sich anschaun auf den Wegen |
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| 19 | Beim Neumondlicht, und wie auf's Nadelöhr |
Der alte Schneider blickt, die Stirn in Falten, |
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Die Brau'n gekniffen, so von unten her, |
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| 22 | Sahn scharf nach mir wandernden Gestalten, |
Und Einer hatte plötzlich mich erkannt |
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Und rief, bemüht am Rock mich festzuhalten: |
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| 25 | "Welch Wunder!" und so prüfend und gespannt |
Blickt ich auf ihn, als er die Hand ausstreckte, |
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Damit sein Antlitz, ganz verstellt vom Brand, |
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| 28 | Mir nicht den Mann, den einst ich sah, versteckte. |
"Du hier Brunetto!" rief ich, "welch Geschick!" |
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Indem hinab nach ihm den Arm ich reckte. |
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| 31 | Und er: "Gestatte, daß mit dir ein Stück |
Bruno Latini geh', indeß ins Weite |
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Dies Rudel stürmt, nachher kehr ich zurück." |
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| 34 | "Ich fleh' dich an", bat ich, "gieb mir Geleite, |
Und wenn es meinem Führer dort gefällt, |
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So sitz ich nieder hier an deiner Seite." |
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| 37 | "Wer einen Augenblick nur innehält", |
Rief er, "liegt hundert Jahr dann an der Erde |
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Und wehrt dem Feuer nicht, das auf ihn fällt. |
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| 40 | Drum geh' voran; denn dir zur Seite werde |
Ich bleiben, bis das Schicksal mir bestimmt |
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Zurückzukehren zur verdammten Heerde." |
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| 43 | Nicht wagt ich mich in's Feld, das raucht und glimmt |
Zu ihm hinab, doch beugt ich Haupt und Glieder, |
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Wie der, der pilgert ehrfurchtsvoll gekrümmt. |
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| 46 | "Welch Schicksal führt hinab dich", frug er wieder, |
"Noch vor dem letzten Tag in's Schreckensthal, |
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Wer ist dein Führer, sag, wo stiegst du nieder?" |
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| 49 | Und ich: "Dort auf der Welt im Sonnenstrahl |
Verirrt ich mich in einem wald'gen Grunde, |
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Eh' noch vollbracht war meiner Jahre Zahl. |
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| 52 | Den Rücken wandt' ich ihm zur Morgenstunde |
Erst gestern; doch als wieder ich betrat |
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Dies Thal, erschien mir Jener, aus dem Schlunde |
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| 55 | Nach Haus zu führen mich auf rauhem Pfad." |
"Folg deinem Stern", sprach er, und nicht verfehlet |
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Dein Schiff des Ruhmes Port. Ja, in der That, |
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| 58 | Mein Beistand hätte dich im Kampf gestählet, |
Denn hold war auch der Himmel meiner Fahrt, |
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Wenn nciht der Tod mich vor der Zeit entseelet; |
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| 61 | Doch jenes Volk von undankbarer Art, |
Das kam aus Fiesole von Felsenhöhen, |
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Und noch des Bergs, des Stein Natur bewahrt, |
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| 64 | Wird, weil du Gutes thust, dich feindlich schmähen. |
Nicht Recht ist's, bringt der Feigenbaum die Frucht, |
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Die süße, wenn er steht bei sauren Schlehen. |
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| 67 | Vor alter Zeit schon hat man sie verflucht; |
Halt rein von ihren Sitten dich und meide |
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Ein Volk voll Neid, Geiz, Trug und Eigensucht. |
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| 70 | Ja hungern werden die Parteien beide |
Nach dir, weil Ruhm du noch erlangst, doch sieh, |
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Vom Schnabel ist dann weit das Gras der Weide. |
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| 73 | Zertrampeln mag das Fiesolaner Vieh |
Sich selbst wie Streu, doch an das Reis, das gute, |
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Sproßt je 'ne Pflanze noch, d'ran rühr es nie, |
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| 76 | Denn Saame keimt in ihr vom Römerblute, |
Der Römer, die als Bosheit uns're Flur |
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Zu ihrem Nest gemacht, mit edlem Muthe |
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| 79 | Dort ausgeharrt mit uns." Und ich: "Hätt' nur |
Der Himmel mich erhört, nicht wärst vertrieben |
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So früh du aus der menschlichen Natur. |
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| 83 | Dein Bild, das jetzt des Jammers Spuren trüben, |
Das väterliche, wie's mir oft genaht |
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Auf Erden, ist im Herzen mir gebleiben. |
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| 85 | Es wies mir zur Unsterblichkeit den Pfad. |
So lang' ich leb' im irdischen Getreibe, |
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Will ich verkünden, wie mir half dein Rath. |
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| 88 | Was du von meiner Zukunft sagst, das schreibe |
Ich mir in's Herz, und steig ich je empor, |
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Leg' ich mit anderm Text dem hehren Weibe, |
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| 91 | Das Alles weiß, es zur Erläut'rung vor. |
Ich trage mein Geschick, sei es wie's wolle, |
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Wenn mein Gewissen mich nicht schilt. Dem Ohr |
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| 94 | Ist neu auch nicht dies Handgeld; wohl, so rolle |
Ihr Rad fortan Fortuna, wie sie mag, |
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So zieh den Karst der Bauer durch die Scholle!" |
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| 97 | Jetzt wandte sich Virgil zurück und sprach, |
Mich scharf betrachtend: "Gut versteht zu hören, |
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Wer das sich merkt und handelt einst darnach." |
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| 100 | Ich aber ließ mich im Gespräch nicht stören, |
Indem ich den Brunetto eifrig frug, |
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Wer in dem Schwarm die angesehnsten wären. |
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| 103 | Er sprach: "Gut ist von Manchem aus dem Zug |
Zu wissen, besser Andre gar nicht kennen! |
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Auch bleibt zu viel Geschwätz nicht Zeit genug. |
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| 106 | Es waren geistlich Alle, die hier brennen, |
Berühmt, gelehrt, doch alle unterthan |
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Demselben Laster. In dem Rudel rennen |
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| 109 | Francesco von Accorso und Priscian |
Auch konntest schaun die Seele du, die schlechte, |
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(Siehst etwa solchen Aussatz gern du an?) |
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| 112 | Des Mannes, den geschickt der Knecht der Knechte |
Vom Arno an des Bacchiglione Strand, |
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Wo er den sünd'gen Leib verließ. Ich möchte |
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| 115 | Noch weiter mit dir gehn, doch seh im Sand |
Ich neuen Rauch, es kommen neue Seelen, |
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Aus deren Umgang ein Gesetz mich bannt. |
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| 118 | Laß mich den "Schatz" zuletzt dir noch empfehlen, |
Ich lebe ja nur fort in meinem Buch, |
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Mehr will ich nicht, stets wird's mein Geist beseelen." |
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| 121 | Jetzt wandt er sich und nahm so raschen Flug |
Wie die, die auf Verona's Feldern laufen |
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Beim Wettkampf um das grüne Fahnentuch. |
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| 124 | Und sieh, er schien vom siegenden der Haufen. 29.07.2006 |