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Uebersicht

Die Hölle. 16. Gesang.
S. 70 - 73  
Von den unseligen Flüchtlingen, welche diese feurige Wüste durchjagen, werden hier noch genannt: Guido Guerra, ein Neffe der schönen Waldrada, einer Florentinerin, ebenso berühmt wegen ihrer Sittsamkeit, als ihrer Reize, ein Guelphe vom reinsten Wasser und Mitkämpfer Carls von Anjou; dann Tegghaio Aldobrandini von derselben Partei, der guten Rath gab aber keinen Glauben fand, weshalb die Schlacht an der Arbia, zwischen Florentinern und Sienesern, für Erstere verloren ging; Jacob Rusticucci, ein ausgezeichneter Krieger aus einer plebejischen Familie und Wilhelm Borsiere, ein feiner Cavalier, bekannt durch seine Schlagfertigkeit und seinen Witz. 
   
1      Schon hört' ich das Geräusch der Wasserfälle,     
  Die niederrauschten in den nächsten Schlund,
  Das klang wie Bienensummen in der Zelle,
4 Als drei Gestalten ganz verbrüht und wund
  Sich plötzlich trennten von der wilden Bande,
  Die uns vorüberflog im sand'gen Grund.
7 Sie stürmten auf uns zu, gejagt vom Brande,
  Und schrie'n: "Steh still du da! nach deiner Tracht,
 

Wett' ich, du kamst aus unserm bösen Lande."

10

Ach welch' ein Anblick! Die Erinnerung macht

 

Mich ihres Elends schaudern noch bis heute.

 

Auf ihr Geschrei gab auch der Meister Acht,

13

Dann wandte er den Kopf nach meiner Seite

 

Und sprach: "Merk', daß sich Höflichkeit hier paßt,

 

Bedächt' des Orts Natur ich nicht und scheute

16

Die Flamme nicht, die dort dich schutzlos faßt,

 

Wo Feuerpfeile schwirr'n, so würd' ich sagen,

 

Mehr ziemte dir, als Jenen solche Hast."

19

Kaum hielten wir, begann auf's Neu' ihr Klagen,

 

Dann als sie uns erreicht, sah Hand in Hand

 

Ein Rad die drei ich bilden, wie vorm Schlagen

22

Die Kämpfer thun. Sie schwenkten sich gewandt

 

Wie Ringer, die gesalbt und nackt, erspähen

 

Wo wohl zum Anlauf sei der beste Stand.

25

Da stets nach mir sie blickten bei dem Drehen,

 

So schien in andrer Richtung oft der Fuß 71

 

Als Hals zu steh'n und Kopf. "Kannst du verschmähen

28

Uns selbst und unsre Bitten, weil von Ruß

 

Geschwärzt wir sind," rief Einer mir entgegen,

 

"Der Ort auch, wo wir sind, dich schrecken muß!

31

So mag doch unser Ruhm dein Herz bewegen!

 

O sag' uns, wer du bist, der wunderbar,

 

Lebend'gen Fußes geht auf Höllenwegen."

34

"Der Mann, auf dessen Spur ich gehe, war

 

Von höh'rem Range einst, als zu vermuthen,

 

Wenn man so nackt ihn sieht, der Haut fast baar,

37

Der Neffe von Gualdrada ist's, der guten,

 

Sein Name Guidoguerra, dessen Schwert

 

Und Geist so viel gewirkt, da nie sie ruhten.

40

Tegghaio Aldobrandi, einst geehrt,

 

Der hier mir folgt, muß gleiche Strafe tragen;

 

Von ihm hast oft du hohes Lob gehört,

43

Und ich, mit ihnen an das Kreuz geschlagen,

 

Bin Jacop Rusticucci! Eines glaubt,

 

Mein stolzes Weib ist Urgrund meiner Plagen".

46

O hätt' ich schützen können nur mein Haupt

 

Vor'm Feuerregen, gern wär' zu den Armen

 

Ich jetzt hinabgestürzt, auch hätt's erlaubt

49

Der Meister; doch die Furcht hemmt' mein Erbarmen

 

Und trieb den Wunsch aus, der mich überkam,

 

Die ersten Männer drunten zu umarmen.

52

Da hob ich an: "Verachtung nicht, nur Gram

 

Erregte Euer Elend mir im Herzen,

 

Als aus des Meisters Reden ich entnahm,

55

Wer uns entgegenstürmt in solchen Schmerzen.

 

Erst spät wird's mir gelingen, Euer Bild

 

Voll Qual aus dem Gedächtniß auszumerzen.

58

Ich bin aus Eurem heimischen Gefild,

 

Und o wie oft hört' ich von Euch berichten

 

Und nannte Eure Namen ruhmerfüllt,

61

Bei Seit' lass' ich die Galle, geh nach Früchten,

 

Den süßen, die der Meister mir verheißt;

 

Doch muß ich durch die tiefste erst der Schichten

64

Den Mittelpunkt erreichen." "Soll dein Geist,"

 

Rief er, noch lang regieren deine Glieder 73

 

Und willst du, daß man nach dem Tod dich preist

67

So sag, ob tapf're Männer treu und bieder

 

Beherrschen uns're Stadt, wie's recht und gut,

 

Wie, oder stieß sie aus die Edlen wieder?

70

Denn Wilhelm von Borsieri in der Gluth

 

Erst kurze Zeit, der rennt dort mit der Meute

 

Bracht' böse Kunde mit, die weh uns thut."

71

"Der plötzliche Gewinn, die neuen Leute

 

O Florenz nährten Stolz und Ueppigkeit

 

In solchem Grad, daß du's bereust schon heute."

76

So rief erhob'nen Haupt's ich aus voll Leid.

 

Und sie: "Wohl dir, kannst allen Fragen dienen

 

Du stets so gut wie jetzt, dann sprichst du klar.

79

Wenn du dereinst vollbracht den Gang den kühnen,

 

Entfloh'n dem dunklen Ort und der Gefahr

 

Die Sterne wiedersiehst in ew'ger Schöne,

82

Dann rückwärts schauend, rufen kannst "ich war",

 

So mahn' an uns das Volk und Florenz Söhne!"

 

Jetzt lösten sie das Rund und flohn gehezt;

85

Nicht Beine schien's, nein Flügel hatten Jene,

 

Denn schneller sagt man Amen nicht, als jetzt

 

Die drei verschwanden. Zeit dünkt's aufzubrechen

88

Dem Meister auch, doch hatten fortgesetzt

 

Den Weg wir kaum, als nah den Wasserbächen

 

Der Widerhall so laut ward in der Schlucht,

91

Daß man sich nicht verstehen konnt' beim Sprechen.

 

Dem Fluß, der eignen Weg zuerst sich sucht

 

Vom Vesoberge, an der linken Schwelle

94

Des Apennin, ostwärts zur Meeresbucht,

 

Und "ruhig Wasser" heißt bis zu der Stelle,

 

Wo er bei Forli springt vom Alpenjoch,

97

Nah bei Sankt Benediktus Klosterzelle,

 

Wo Raum für Tausend ist im Thale noch,

 

Dem Flusse gleich, wie von der Felsenbrücke

100

Er wild sich stürzt in jenes dunkle Loch,

 

Tobt hier die schwarze Fluth. Wenn Augeblicke

 

Du nur den Lärm vernähmst am steilen Hang,

103

So würd' dein Ohr dich schmerzen. Mit dem Stricke

 

War ich gegürtet noch, den ich zum Fang

 

Der bunten Panth'rin, käm im Reich der Todten

106

Sie wieder mir entgegen, um mich schlang.

 

Rasch löst ich auf Virgil's Befehl die Knoten

 

Und reicht', gewunden und zum Knäul geballt,

109

Den Strick ihm hin, sowie er's mir geboten.

 

Nach Rechts hin wandt' er sich und mit Gewalt

 

Warf er der Leine aufgelös'te Ringe,

112

Zurückgebeugt vom Ufer in den Spalt.

 

Dem neuen Zeichen folgen neue Dinge,

 

So dacht ich still und merke auf Virgil,

115

Der eifrig nachspäht der versunk'nen Schlinge.

 

Bei Jenen braucht's der Vorsicht wahrlich viel,

 

Die nicht nur uns're Thaten sehn, die klaren,

118

Nein die durchschau'n auch der Gedanken Spiel.

 

Dies mußt ich an dem Meister jetzt erfahren.

 

Er sprach: "Was du dir denkst, steigt auf im Flug.

121

Was ich erwarte, wirst du gleich gewahren;"

 

Die Wahrheit, die das Ansehn hat von Trug

 

Soll'n wir verschweigen, daß sie Niemand höre,

124

Denn ohne Schuld trägt Scham sie ein genug.

 

Doch hier kann ich nicht schweigen, nein ich schwöre,

 

Bei diesem Lied, und will, wenn falsch ich schwor,

127

Verlieren eines Dichters Ruhm und Ehre,

 

Daß ich ein Unthier sah, wie nie zuvor,

 

Das Tapf're selbst erfüllen würd' mit Schrecken.

130

Es schwamm durch's dicke Dunstmeer schon empor.

 

Den Oberkörper sah das Thier ich strecken,

 

Die Füße zog es an; so kehrt zurück

133

Der Taucher aus dem tiefen Meeresbecken,

 

Der von den Klippen löst' den Ankerstrick.             30.01.2007

17. Gesang

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