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Uebersicht

 

Die Hölle. 17. Gesang.
S. 73 - 77  
Gerion, das Ungeheur, welches, da jeder Weg und jede Verbindung von hier aufhört, die Dichter auf seinem Rücken in 74 den tiefsten Schlund hinabträgt, gilt als Wächter der Heuchler, Lügner und Betrüger. Die Sage erzählt, Gerion sei ein König von Spanien gewesen, zauberkräftig und listig. Er konnte sich in verschiedenen Gestalten zeigen. Fremde empfing er aüßerst freundlich, warf sie aber nachher seinen Stieren vor, welche sie auf die Hörner spießten und todttrampelten. Bei diesem Ritt wird an Phaeton, der mit Apollos Wagen stürzte, und an Icarus, der auf seines Vaters Dädalus Rath mit wächsernen Flügeln aufflog, die an der Sonnenwärme schmolzen, erinnert. Zum Schluß erwähnt Dante das Federspiel, eine aus Federn und Haken zusammengesetzte Maschinerie, welches man vor dem Falken aufsteigen ließ, um ihn zum Stoß auf lebendige Vögel abzurichten.      
   
1      "Da ist das wilde Thier mit spitzem Schweif,
  Das Berge übersteigt und Mauern spaltet
  Und Schwert und Schild zerbricht! Da ist der Greif,
4 Der rings die Welt verpestet, wo er waltet,
  Mit Lug und Trug!" So redend winkt' herbei
  Virgil den Drachen, wunderlich gestaltet.
7 Da kam das Bild des Trugs, und ohne Scheu
 

Zog's Kopf und Brust auf's Ufer und die Beine,

 

Doch nicht den Schwanz, der hing in Lüften frei.

10

Wie des Gerechten Antlitz ist das seine,

 

Denn sanft von Außen scheint's. Die Haut ist zart,

 

Doch schlangengleich der Leib, in buntem Scheine.

13

Die Klau'n sind bis zum Schulterblatt behaart,

 

Und Ring' und Streifen schmücken Brust und Lenden

 

Und Rücken farbenreich. Von Türken ward

16

Und von Tartaren mit geschickten Händen

 

Kein bunt'rer Stoff gewirkt, es spann kein Tuch

 

Arachne, an dem so die Farben blenden!

19

Wie am Gestade liegt der Kahn, den Bug

 

Schon auf dem Land, das Hinterdeck im Meere,

 

Wie fern bei Deutschen, die da hold dem Krug,

22

Der Biber auf dem Strand sich stellt zur Wehre,

 

Indeß der halbe Leib im Wasser schwimmt,

 

So lag er da, so züngelt weit ins Leere

25

Der spitze Schwanz, an dem sich aufwärts krümmt

 

Die gift'ge Gabel mit dem Stachelende,

 

Scorpionen gleich, zum Stich bereit, ergrimmt.

28

Da sprach der Meister: "Deine Schritte wende 75

 

Zur Seite bis zum Platz, wo jener ruht!"

 

So gingen rechtshin auf dem Felsgelände

31

Am Saum wir dicht, aus Scheu vor Rauch und Gluth,

 

Und standen nach zehn Schritten an der Seite

 

Des Lagers schon der giftgen Lügenbrut.

34

Von dort sah ich nicht fern noch viele Leute,

 

Die sich am Wüstenrande dicht geschaart,

 

Da wo der Abgrund gähnt, der leere, weite.

37

"Damit du ganz verstehst des Kreises Art,

 

Geh, sprich mit diesen, merk des Volkes Sitte,

 

Doch sei die Rede kurz; es drängt die Fahrt.

40

Ich bleibe bis du wiederkommst und bitte

 

Den großen Drachen hier mit klugem Wort,

 

Daß er die Schultern leihe uns zum Ritte."

43

Er sprach's, da ging allein am Rand ich fort

 

Des siebenten der Kreise zu den Schemen,

 

Die traurig lagerten am düstern Ort.

46

Aus ihren Augen quoll der Schmerz in Strömen;

 

Bald wehrten sie vor Feuer sich und Dampf,

 

Bald vor des Erdreichs Gluth, und ihr Benehmen

49

Glich dem der Hunde, die sich mit Gestampf

 

Und Schnappen wehren gegen Flöh' und Mücken,

 

Und Schnauz' und Pfoten brauchen stets im Kampf.

52

Ich kannte keinen; wie ich auch mit Blicken

 

Sie prüfte, doch ward Neugier nicht gestillt.

 

Sie trugen Beutel um den Hals an Stricken,

55

Und Jeder blickt' auf seiner Tasche Schild;

 

Verschied'ne Zeichen sah ich, alte, neue;

 

Und auf verschied'nem Grund stand jedes Bild.

58

So als ich weiter schritt durch manche Reihe

 

Gewahrt ein Wappenthier ich, himmelblau

 

Auf gelbem Grund, gestaltet wie ein Leue,

61

Auch eine Gans, die weidet auf der Au,

 

So weiß wie Rahm, von rothem Stoff umwoben,

 

Auf weißem Schild dann eine blaue Sau;

64

Der dieses trug, rief jetzt, das Haupt erhoben:

 

"Was machst du, geh! warum siehst du uns an?

 

Doch da du lebst, hör Eins, und sag's dort oben,

67

Bald kommt hierher mein Nachbar Vitilian. 76

 

Ich Paduaner sitz' bei Florenz Söhnen,

 

Die schrei'n nach ihrem besten Rittersmann

70

So laut, daß mir vom Lärm die Ohren dröhnen.

 

"Die Tasche mit drei Schnäbeln, gut versteckt,

 

Bring mit!" so rufen sie und harr'n auf Jenen

73

Und jetzt wie'n Ochs, der sich die Nase leckt,

 

Zog er das Maul in schiefe, krause Falten,

 

Die Zunge zeigend, weit herausgestreckt.

76

Da schied ich von den traurigen Gestalten,

 

Um nicht des Meisters Zorn mir zuzuzieh'n,

 

Der mir befahl, nicht lang mich aufzuhalten.

79

Schon fand ich auf des Unthiers Rücken ihn.

 

"Man steigt hinab auf wunderlicher Leiter

 

In diese Kluft! Wohlan, sei stark und kühn,

82

Sitz' vor mir auf," so mahnte mein Begleiter,

 

"Ich bleib in Mitten, daß dich nicht berührt

 

Der gift'ge Schwanz; nun zög're auch nicht weiter!"

85

Wie der, der schon des Fiebers Anfall spürt,

 

Dem blau die Nägel sind und lahm die Glieder,

 

Der schon beim Anblick schatt'ger Orte friert,

88

So schaudert ich und sank vor Schreck fast nieder.

 

Doch wie aus Scham vor seinem Herrn der Knecht

 

Sich muthig aufrafft, sammelt ich mich wieder,

91

Sprang auf und setzt' mich auf dem Thier zurecht.

 

"O halt mich, Meister!" wollt' ich zu ihm flehen,

 

Doch blieb die Stimme aus, von Angst geschwächt.

94

Er aber stets bereit mir beizustehen

 

Griff gleich nach mir und hielt mich umgefaßt;

 

"Setz' dich in Gang, Gerion, doch von den Höhen,"

97

So rief er, "senk dich nieder ohne Hast!

 

Nur große, weite Kreise mußt du machen;

 

Bedenk' die neue, ungewohnte Last!"

100

Wie rückwärts abstößt von dem Strand der Nachen,

 

So stieß hier ab der Greif auch nach und nach,

 

Und als sich freier Spielraum beut dem Drachen,

103

Dreht er den Schwanz hin, wo die Brust erst lag,

 

Regt ihn wie'n Aal, und kürzt und streckt die Lenden,

 

Und rudert mit den Tatzen Schlag auf Schlag.

106

Nicht größer war die Furcht, als aus den Händen 77

 

Die Zügel glitten einst dem Phaeton

 

Und roth der Himmel ward von tausend Bränden,

109

Nicht größer, als einst, nah dem Sonnenthron,

 

Das Wachs dem Icarus schmolz an den Schwingen,

 

Und laut der Vater rief: "Du stürzest Sohn!"

112

Als meine Furcht, da wir in Lüften hingen,

 

Und jede Aussicht mir der Greif benahm,

 

Mit dem wir langsam kreisend niedergingen,

115

So langsam, daß den Fall ich wahr nur nahm,

 

Weil uns entgegen stets von unten wehte

 

Der Strom der Luft. Schon in dem Schlund voll Gram

118

Hört brausen ich die Fluth, die dort sich drehte;

 

Ich neigte gleich das Haupt hinabzuschau'n.

 

Doch als ich drunten sah der Flammen Röthe,

121

Und Klaggeschrei vernahm, wuchs noch mein Grau'n,

 

So daß ich doppelt fest mich hielt an Jenen,

 

Der durch die Lüfte rudert mit den Klau'n.

124

Beim Anblick der verschied'nen Schreckensscenen,

 

Bald rechts, bald links, war's klar mir, daß zum Ziel

 

Im Kreis wir kamen zwischen Bergeslehnen.

127

Wie'n Falk, der sich getummelt allzuviel,

 

Im Bogen fliegt herab aus luft'ger Höhe.

 

Sieht er auch Vögel nicht, noch Federspiel,

130

So daß der Falkner ruft: "Du fällst ja, wehe!"

 

Wie langsam er, dann schneller kreist zuletzt,

 

Wie angelangt er scheut des Meisters Nähe.

133

Sich fernhin hockt, verdrossen, abgehetzt,

 

So schwebt Gerion hinab die Wand, die steile,

 

Und fährt, als er am Fuß uns abgesetzt,

136

Dahin, wie von der Kerbe flieh'n die Pfeile.           30.01.2007

18. Gesang

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