Die Hölle. 18. Gesang. |
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| S. 77-81 | |
| Gerion setzt seine Bürde an einem Ort, Malebolge genannt, d. h. schlechtes Felleisen, übertragen in bösen Schlauch, ab. Dies Malebolge 78 ist ein Rund, in 9 Kreise getheilt, mitten darin ein tiefer Brunnen; von ihm gehen Brücken zum äußeren Rand. Diese Schranken erinnern Dante an die Eintheilung der Engelsbrücke bei dem von Bonifaz dem VII. angeordneten Jubiläum, wo man des Gedränges wegen solche Absperrungen machte. Der hier erwähnte Berg ist der Janiculus. In der ersten Unterabtheilung des üblen Schlauchs sehen die Pilger den Venedico Caccianemico, einen Guelphen, welcher um des Marchese Azzo von Este Gunst zu erlangen, ihm seine Schwester Ghisola verkauft haben soll; dann Alexius Interminei, Ghibelline, einen Erzheuchler und Schmeichler; aus dem Alterthum Jason, welcher die Hypsipyle, eine Königstochter auf Lemnos, verließ, Jason, der treulose Gatte der Medea, und Thais, die berüchtigte Griechin. Reno und Savena sind zwei kleine italienische Flüsse, zwischen denen Bologna liegt, wo es Mode war "sipa" statt, "si", "ja" oder "sia", "es sei", zu sagen. |
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| 1 | Es klafft ein Abgrund, böser Schlauch genannt, |
| Aus eisenfarb'nem Stein hier in der Hölle; | |
| Und gleichgefärbt ist auch des Kessels Rand. | |
| 4 | Ein tiefer Brunnen liegt an dieser Stelle |
| Im Mittelpunkt; das ist ein Schreckensort. | |
| Ich rede später mehr noch von der Quelle; | |
| 7 | Der Raum, der zwischen ihm bleibt und dem Bord, |
Theilt in zehn Thäler sich von gleicher Breite. |
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An Plätze mahnt die Form, wo man zum Hort |
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| 10 | Der Mauern Gräben zog nach jeder Seite |
Im Kreise um die Festung, daß vom Land' |
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So leicht kein Feind die inn're Burg erbeute. |
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| 13 | Wie man mit Brückchen jene überspannt, |
Vom äußern Ufer führend zum Castelle, |
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So wölben hier vom Fuß der äußern Wand |
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| 16 | Sich bis zum Mittelpunkt statt Brücken Wälle, |
Und diese Bogen laufen, Zug für Zug, |
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Zum Schluß zusammen an des Brunnens Schwelle. |
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| 19 | So war der Ort, an dem von seinem Bug |
Gerion uns abgesetzt mit rauhem Stoße. |
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Dem Dichter folgt' ich, der nach links sich schlug, |
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| 22 | Und rechts von mir im ersten Felsenschooße, |
Sah neuen Mitleids werth, ich neuen Harm, |
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Und neue Henker für die Schuld, die große. |
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| 25 | Es kamen aus der Mitte, nackt und arm 79 |
Grad' uns entgegen viele Missethäter; |
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Mit uns, doch schneller, lief ein andrer Schwarm. |
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| 28 | So auf der Brücke drängen sich die Beter, |
Zwei lange Reih'n beim Jubelfest in Rom, |
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Hier geht die eine Reihe nach St. Peter, |
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| 31 | Den Blick gewendet zum Castell und Dom, |
Dort strebt die zweite grad' dem Berg entgegen, |
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Und überschreitet umgekehrt den Strom. |
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| 34 | Jetzt tauchten zwischen schwarzen Felsgehegen |
Gehörnte Teufel auf, und jeder trieb |
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Die Sünder an mit scharfen Geißelschlägen. |
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| 37 | Die gaben Fersengeld beim ersten Hieb |
Und harrten nicht des zweiten oder dritten. |
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So daß von Allen Keiner stehen blieb. |
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| 40 | Denn Sträuben half hier wahrlich nicht noch Bitten. |
Da fiel im Zug mir einer auf voll Gram; |
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"Mein Auge hat einst Mangel nicht gelitten |
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| 43 | An deinem Anblick!" rief, als nah er kam, |
Ich diesem zu, und mehr noch zu entdecken |
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Blieb mit Virgil ich steh'n. Doch senkt voll Scham |
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| 46 | Das Haupt der Mann, bedacht' sich zu verstecken. |
Umsonst, ich hatt' ihn doch erkannt und sprach: |
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"Du, der die Augen senkt voll Noth und Schrecken, |
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| 49 | Trügt mich dein Antlitz nicht, so bist du, ach |
Venedico Caccianemico! sage, |
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Was brachte auf den Anger dich der Schmach?" |
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| 52 | Und er: "Nicht gern beantwort' ich die Frage, |
Doch zwingt dein Wort mich, das die Welt des Lichts |
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So klar zurück mir ruft und bessre Tage. |
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| 55 | Ich bin's, der Ghisola verführt, daß Nichts |
Sie dem Marquis versagt, ihm zu gefallen; |
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So war's, únd achte du nicht des Gerüchts. |
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| 58 | Doch aus Bologna bin ich nicht von Allen |
In diesem Kreis allein, nein mehr sind hier, |
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Als Zungen heute lernen, "sipa" lallen |
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| 61 | In Reno's und Savena's Flußrevier. |
Und willst du mir nicht ohne Zeugniß trauen, |
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So denk' an unsern Geiz, an unsre Gier." |
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| 64 | Mit Geißelhieben unterbrach, mit rauhen, 80 |
Ein Dämon ihn, der schrie: "Was säumst du lang' |
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Du Kuppler! hier verkauft man keine Frauen." |
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| 67 | Und zu Virgil gewandt in rasch'rem Gang |
Kam ich dahin, wo zwischen Felsenstücken |
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Ein Klippenbogen vorsteht gleich 'ner Bank |
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| 70 | Hier stiegen, niederblickend durch die Lücken, |
Die ew'gen Kreise meidend, wir empor |
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Und blieben stets fortan auf jenen Brücken. |
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| 73 | Vom ersten Bogen sah wie durch ein Thor |
Ich die Gepeitschten zieh'n, die nie verschnaufen, |
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Grad' unter mir: "Komm her und sieh dich vor", |
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| 76 | Sprach jener, "schau die Leute an im Haufen, |
Denn nur vom Rücken sahst du sie annoch, |
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Weil sie in gleicher Richtung sind gelaufen |
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| 79 | Mit uns, doch schneller noch als wir. Vom Joch |
Der Brücke blickt hinunter ich mit Zagen |
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Auf's Volk, das sich gedrängt durch's Felsenloch. |
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| 82 | Da rief Virgil, nicht braucht' ich erst zu fragen: |
"Den Großen, der dort kommt, den sieh dir an! |
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Nicht preßt der Schmerz ihm Thränen aus noch Klagen. |
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| 85 | O welche Würd' und Hoheit blieb dem Mann. |
Sieh, das ist Jason, der auf Colchis Auen |
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Durch Muth und Klugheit einst das Vließ gewann; |
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| 88 | Dann ging nach Lemnos er, wo kühne Frauen, |
Gemordet alle Männer mitleidlos, |
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Doch Jene, die mit ihrem Rath, dem schlauen, |
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| 91 | Die andern Weiber trog, traf gleiches Loos. |
Durch Blick und Wort verführt ward Isifile, |
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Und da sie trug der Liebe Frucht im Schooß, |
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| 94 | Verließ er sie und floh mit schnellem Kiele. |
Hier büßt er diese Schuld, und auch der Fluch |
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Medea's trifft ihn nun am letzten Ziele. |
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| 97 | Wer Gleiches that, der geht in seinem Zug. |
Vom ersten Thal weißt du und den Geschicken |
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Der Geister, die's umklammert hält, genug!" |
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| 100 | Jetzt stand ich, wo die erste sich der Brücken |
Durchkreuzet mit des zweiten Grabens Damm, |
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Der dient zum Fundament mit festem Rücken |
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| 103 | Für neue Bogen. Vom gezackten Kamm 103 |
Hört' ich im nächsten Schlund ein wild' Getümmel, |
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Ein Prusten und ein Schlagen in dem Schlamm, |
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| 106 | Mit Schnauz' und Hand. Die Thalwand deckt ein Schimmel, |
Der ekle Niederschlag der bösen Luft. |
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Um klar zu schau'n das scheußliche Gewimmel, |
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| 109 | Denn düster war die pestdurchhauchte Kluft, |
Klomm bis zum höchsten Punkt ich auf der Brücke |
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Und sah vom Klippenvorsprung, in der Gruft |
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| 112 | Versenkt fast hier im Schlamm bis zum Genicke, |
Das wüste Volk. Wie in des Führers Schutz |
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Hinabgebeugt ich stand, zeigt' meinem Blicke |
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| 115 | Sich Einer, dem der Schädel schwarz vor Schmutz, |
So daß ich zweifelt', ob er einst zu Priestern, |
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Ob er zu Lai'n gehört. Der schrie voll Trutz: |
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| 118 | "Warum nach meinem Anblick nur bist lüstern |
Und nicht nach anderm du"? Und ich: "Fürwahr, |
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Weil einst, täuscht jetzt mein Aug' sich nicht im Düstern, |
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| 121 | Ich dich Allessio sah mit trock'nem Haar! |
Interminei mußt nach deinen Zügen |
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Du sein, der einst in Lucca Bürger war." |
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| 124 | Jetzt schlug sich auf's Genick der Mann der Lügen |
Und schrie: "Hier taucht mich ein die Schmeichelei, |
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Denn satt ward nie die Zunge zu betrügen!" |
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| 127 | Da sprach Virgil zu mir: "Komm nah' herbei, |
Bück' vor dich, daß dein Blick das Haupt erreiche |
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Der kahlen Dirne, die sich ohne Scheu |
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| 130 | Mit schmutz'gen Nägeln kratzt, bald auf die Weiche |
Sich niederlegt und bald, gequält vom Dunst, |
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Sich aufrecht stellt. Sieh, Thais ist die Bleiche, |
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| 133 | Die ihr Geliebter frug, steh' ich in Gunst |
Bei dir? und dann zur Antwort gab die Buhle: |
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"In großer!" also übt' sie Schmeichelkunst. |
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| 136 | Gesättigt laß den Blick jetzt sein am Pfuhle. 30.01. 2007 |