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Uebersicht

Die Hölle. 20. Gesang.
S. 88 - 93  
     In langem Zuge kommen die Wahrsager und Zauberer, welche sich vermaßen den Schleier der Zukunft lüften zu wollen, auf uns zu. Zur Strafe, daß sie zu weit voraussehen wollten, müssen sie jetzt vorwärtsschreitend, mit verdrehtem Kopf zurückblicken; so hängt Einer der Zopf über die Brust, Einem der Bart über die Schulterblätter. Unter diesen ist Amfiareus, ein Seher aus Theben. Er wollte nicht mit in den Kampf ziehen, welcher zwischen den beiden unnatürlichen Brüdern, Eteocles und Polineikes entbrannt war, da er seinen Tod voraussah, ließ sich aber doch bereden und ward mitten in der Schlacht von der Erde verschlungen. Dann Teiresias, auch ein Thebaner, bekannt aus dem Trauerspiel Antigone, welcher den Zorn des Creon auf sich zog. Durch Zauberei soll er in ein Weib verwandelt worden sein, nachher aber wieder seine männliche Gestalt zurückerhalten haben. Dante bezeichnet diese Verwandlungen mit dem Wechseln des Gefieders. Aus dem Alterthum finden wir dann noch Manto hier, die Tochter des Teiresias, welche nach dem Tod ihres Vaters und der Zerstörung Thebens, der Bachusstadt, nach Italien wanderte und sich auf der Stelle niederließ, wo später Mantua gebaut wurde. Virgil redet so ausführlich davon, weil er dort geboren war. Er betheuert auch, daß bei dieser Gründung keine andern Bräuche vorgenommen seien, wahrscheinlich im Bezug auf grausame Opfer, welche bei solcher Gelegenheit wohl dargebracht wurden. Im Anschluß daran giebt er eine Beschreibung der Umgegend, wo er des Mincio und des Gardasees, welcher damals Benaco hieß, des Thals von Camonica, Peschiera's, erbaut zum Schutz gegen Brescianer und Bergamasker, gedenkt; auch des Punktes, wo die Bisthümer von Verona, Brescia und Trient zusammenstoßen, wo also drei Hirten ihren Segen spenden konnten. Mantua's Blüthe rechnet er bis zum Augenblick, wo Casalodi von Pinamonte überlistet ward, eine Begebenheit, welche den Anfang bürgerlicher Unruhen und fortwährender Kämpfe verschiedener vornehmer Geschlechter untereinander oder dieser mit dem Volke, bildet. Gedacht wird auch des Eurypolos, des Wahrsagers, der mit Calchas den Wink zum Kappen der Taue gab, als die Griechen von Aulis aus den Troerzug antraten. Virgil läßt ihn in der Aeneis auftreten, und nennt dies Epos hier eine Trgödie, damit ein ernstes, feierliches Dichterwerk bezeichnend. Von mittelalterlichen Gestalten zeigt sich hier Guido Bonatti, aus Forli, Sterndeuter des kriegerischen Grafen Guido von Montefeltro, welcher seine Kriegsleute nur auf den Wink Bonatti's ausrücken ließ, Asdente, ein Schuster, berühmt durch seine Weissagungen,(89) Arun, ein Magier, welcher bei Luni, in der Nähe Carrara's, aus weißen Marmorgrotten weit über das Meer hinaussah und von dort die Sterne beobachten konnte. Die Frauen, welche im Mittelalter Liebestränke brauten und Wachsbilder, Portraitfigürchen verschiedener Personen verfertigten, von denen man glaubte, daß das was man ihnen anthäte auch dem Original geschähe, werden nur mehr in Bausch und Bogen erwähnt. Angeführt wird noch Michael Scotus, der Schotte, welcher im Mittelalter hochberühmt war. Auf einem schwarzen Zauberroß daherschnaubend, flog er über Meere und Länder, richtete als Gesandter des schottischen Königs in Frankreich Wunder bei Ludwig dem Heiligen aus, kämpfte mit Hexen und Ungethümen, ja überwand und überlistete den Teufel selbst, der sich in seinem schwarzen Roß eingenistet hatte. Endlich fiel er wie viele andere große und kleine Männer durch Weiberlist. Historisch ist nur, daß Michael Sterndeuter Friedrich des II. war und mit diesem geistreichen Fürsten, welcher nicht an die Astrologie glaubte, manchen Wortkampf hatte. So gingen Beide eine absonderliche Wette ein. Ehe Friedrich nach einem längeren Aufenthalt Padua verließ, hatte Michael gesagt, er wisse aus welchem Thor der König hinausreiten werde. Den Namen desselben wolle er auf ein Papier schreiben und dies versiegelt Friedrich übergeben. Draußen solle man es öffnen. Der König dachte ihn zu Schanden zu machen, ließ ein Loch in die Stadtmauer hauen und ritt dort hinaus. Als man nun neckend und höhnend das Zettelchen öffnete, stand darauf geschrieben: "Friedrich wird zu einem neuen Thor hinausreiten." Er soll auch prophezeit haben, der große Hohenstaufe werde in Florenz sterben, weshalb dieser die Stadt vermied. Friedrich starb zwar nicht dort, aber in Firenzuola, welches ebenso von "fiore", Blume abgeleitet wird und nur das Diminutiv von Firenze, Florenz, Blumenstadt ist. Wenn von Cain mit dem Dornbusch geredet wird, so muß man sich erinnern, daß man unter dem Mann im Mond eigentlich den Brudermörder, welcher Disteln und Dornen als Symbole der Bosheit trägt, verstand. Schon stand der Mond den Wanderern im Westen, bei Sevilla, an den Säulen des Hercules, die die Meerenge von Gibraltar bilden. Aufmerksam zu machen ist noch auf Dante's Aeußerung, er wolle jetzt den Stoff für den 20. Gesang aus dem Stoff für das ganze Gedicht ausscheiden, und auf die Bemerkung, Mitleid mit den Bösen haben, sei kein wahres Mitleid; da dies ein Tadeln der göttlichen Anordnungen in sich schließe, sei es zu unterdrücken.
   

1    

     Von neuer Pein muß ich Euch jetzt erzählen;     

Ausscheiden muß aus meinem ersten Lied,  

Das handelt von den hier versunk'nen Seelen, 90

4

Und nur auf diesen Abgrund sich bezieht,

Ich für den zwanzigsten jetzt der Gesänge

Den Stoff und Inhalt mir. Schon war bemüht

7    

Hinabzuspäh'n ich von dem Felsgehänge

In's thränenfeuchte Thal; da kam heran,

Wie eine Prozession von großer Länge,

10

Ein Zug von Leuten, die sich einzeln nah'n.

Verdreht, ach, zwischen Kinn und Brust erschienen

Die Waller mir, die all' nach hinten sah'n;

13

Es stand ihr Haupt mit den verzerrten Mienen

Verkehrt auf ihrem Hals; durch Krämpfe nur

Wird so der Mensch verdreht; doch wie bei ihnen

16

Sah nie den Kopf ich steh'n auf der Figur;

 

Auch glaubt' ich nicht, daß je es möglich wäre,

 

Da's widerspricht der menschlichen Natur.

19

Läßt Gott dich Früchte zieh'n aus dieser Lehre,

O Leser, dann begreifst du in der That,

Wie ich mich nicht enthalten konnt' der Zähre,

22

Als unser Ebenbild in solchem Grad

Verzerrt ich sah, daß aus dem Aug' die Thräne

Herab ihm perlte an des Rückens Grat.

25

Noch stand gestützt ich auf die Felsenlehne

Und weinte, als der Meister rief: "So bist

Auch du ein Thor! Das Mitleid lebt, das schöne,

28

In Wahrheit nur, wenn's hier gestorben ist!

Schlecht acht' ich, wer den Richtspruch ohne Fehle

Durch Mitleid zu bemäkeln sich vermißt.

31

Erhebt das Haupt, sieh dort des Mannes Seele,

Vor dem in Theben auf sich that der Schacht!

Laut rief das Volk, als ihn verschlang die Höhle:

34

"Wohin, Amfiareus! du fliehst die Schlacht!"

Er aber fiel und hielt nicht ein im Fallen,

Bis Minos ihn zuletzt zum Steh'n gebracht,

37

Der Keinen läßt entwischen seinen Krallen.

Ihm sitzt der Rücken, wo die Brust einst saß;

Zurück muß jetzt er schau'n und rückwärts wallen,

40

Weil er voraus zu schau'n sich einst vermaß.

Sieh Jenen, der, verwandelnd seine Glieder,

Vom Mann zum Weibe ward, Teiresias. 91

43

Erst als er fand die beiden Schlangen wieder

Und mit dem Stab sie traf, wie sich's gebührt,

Bekam zurück er männliches Gefieder.

46

Der mit dem Rücken an den Leib ihn rührt,

War Zaub'rer und in weißen Marmorgrotten

Hat er der Zukunft Räthsel ausgespürt.

49

Von Luni's Berg, an dessen Fuße rotten

Ihr Feld die Carraresen, sah umher

Arun weit auf die See mit ihren Flotten,

52

Und sah die Sterne tauchen aus dem Meer.

Die dort, die mit gelösten Flechtensträngen

Die abgewandte Brust bedeckt, weil quer

55

Das Haupt ihr steht und vorn die Haare hängen,

Ist Manto. Sie durchzog der Länder viel,

Nachdem ihr Vater todt, und bei dem Drängen

58

Der Feinde, Bacchosstadt in Knechtschaft fiel.

Zuletzt ließ sie sich nieder an dem Orte,

Der mich gebar; d'rum drängt mich das Gefühl

61

Der Heimathliebe, daß noch ein'ge Worte

Dem Land ich widme und der Zauberfrau.

An Deutschlands Marken vor der Alpenpforte,

64

Da wo Tyrol begrenzt Italiens Au,

Dehnt sich ein See, den Benaco wir hießen.

Wohl tausend Quellen spenden ihren Thau

67

Dem Apennin, die zwischen Garda fließen

 

Und Val Cammonica, das Berge trennt,

 

Bis alle dann sich in den See ergießen.

70

Dort weiß ich einen Punkt, wo segnen könnt'

Der Hirt von Brescia, käm' er an die Stelle,

Der von Verona, der auch von Trient.

73

Gebaut ist an der flachsten Uferschwelle

Peschiera, daß Brescianern dieses Schloß

Und Bergamaskern sich entgegenstelle.

76

Das, was nicht Raum hat in des Sees Schooß,

Tritt aus als Fluß. Er strömt durch grüne Auen,

Und Mincio heißt er, bis ihn als Genoß

79

Der Po dann aufnimmt in Governo's Gauen.

Nach kurzem Lauf, noch nah' dem Ausgangsthor,

Kommt er auf's Feld, wo sich die Wasser stauen; 92

82

Das wird im Sommer ungesundes Moor.

Vorüber ging die Jungfrau hier, die wilde,

Und ragen sah sie aus dem Sumpf hervor

85

Ein unbebaut und unbewohnt Gefilde.

Hier blieb sie, meidend menschlichen Verkehr,

Und trieb Magie; hier ließ ihr Staubgebilde,

88

Den Leib, im Grab sie einst. Das Volk umher,

Zerstreut bis jetzt, kam nun zum Inselteiche,

Und blieb, weil dieser Sumpf die stärkste Wehr.

91 Gegründet ward die Stadt auf ihrer Leiche;
  D'rum und weil sie zuerst den Ort erkor,
 

Ward Mantua er genannt, und andre Bräuche

94

Nahm man bei dieser Namenswahl nicht vor.

Bis Casalodi einst sich hintergehen

 

Von Pinamonte ließ, stand er in Flor;

97

Und will man meiner Vaterstadt Entstehen

  Berichten anders, als du's jetzt gehört,

So laß du dir die Wahrheit nicht verdrehen."

100

"Dein Wort steht mir so fest, daß mehr nicht werth",

So rief ich,"Gegenreden mir erscheinen,

Als ausgelöschte Kohlen auf dem Heerd.

103

Doch sprich, siehst der Beachtung würdig Keinen

Im Zug du mehr, der naht in seltner Art?

Nur das liegt mir am Herzen! Zeig mir Einen."

106

Und er: "Augur war der, dem dort den Bart

Verdreht du siehst auf braunen Schultern liegen;

Er lebt', als Hellas leer von Männern ward,

109

So daß genug kaum blieben für die Wiegen.

Auf seinen und auf Calchas' Wink zerhieb

Das erste Tau man vor den Troerzügen

112

In Aulis. Euripylos' Namen schrieb

Ich oft genug in meinem Trauerspiele;

Du weißt's, da Wort für Wort im Sinn dir's blieb.

115

Der Schlanke dort übt' auch der Künste viele,

Man hieß ihn Michael Scotus; mit ihm naht

Asdente sich, der ach zu spät am Ziele

118

Bereut', daß Leder er verließ und Draht,

Um zu ergeben sich der Kunst, der dunkeln;

Bonatti sieh, der wie die Andern that, 93

121

Und die, die Nadeln einst verschmäht und Kunkeln,

Um Kräuter einzusammeln Nachts am Born,

Mit Tränken und mit Bildern viel zu munkeln.

124

Jetzt aber komm, denn Cain mit dem Dorn

Steht auf der Grenze beider Himmelstheile,

Und schon berührt das Meer sein gold'nes Horn

130

Fern bei Sevilla, an Herakles' Säule.

Und doch ward gestern Nacht der Mond erst rund,

Wie du's im Wald erfuhrst zu deinem Heile."

133

So redend wanderten wir fort im Schlund.  30.01. 2007

21. Gesang

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