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Uebersicht

 

Die Hölle. 21. Gesang.
S. 93 - 97  
    Hier müssen wir uns abermals die sonderbare Construktion des sogenannten "bösen Schlauches", von der wir schon geredet haben, vergegenwärtigen. Diese Region, welche ein Rund ist, wie die andern Höllenkreise, wird von Unterabtheilungen durchschnitten, die oben breit, unten spitz zulaufen, da der Kreis der Giganten, in welchen sie einmünden, ja viel enger als die über ihm liegende Runde ist. Diese verschiedenen Unterabtheilungen sind durch Felsensimse getheilt, auf denen man wie auf Brücken hinabsteigen kann. Wenn von der Zerstörung derselben die Rede ist, so bezieht sich das wohl auf den Sturz der Engel. Von einer solchen aus sieht man den Pechsee, in welchen die niederthrächtigsten Schelme und Betrüger eingetaucht werden. Von den Teufeln, welche dabei in Dienst sind, Malebranchen, böse Tatzen genannt, braucht man weiter nichts zu sagen. Sie sind so lebensvoll gezeichnet, daß sie für sich selbst sprechen. Ihr Anführer, italienisch "Malacoda", also böser Schwanz, benimmt sich etwas besser als die Andern, verschmäht es aber doch nicht die Wanderer in Bezug auf die Brücke, welche sie später zu betreten haben, schändlich zu betrügen. Er versichert, sie stehe noch fest, um die Wanderer doch noch zuletzt in die Hände seiner Rotte zu liefern.
     In diesem Gesang werden besonders die Einwohner von Lucca, bei welcher Stadt der Serchio vorbeifließt, auf's Korn genommen. Lucca stand unter der Schutzherrschaft der h. Zita, einer frommen Magd, die von Nicolaus dem III. heilig gesprochen wurde. Ebendaselbst verehrte man auch ein Gnadenbild,  (94) welches ein frommer Bischof Namens Gualfredus in Jerusalem gefunden hatte. Ein Schiff ohne Segel und Ruder soll dasselbe in den Hafen von Luna getragen haben. Von den Lucchesischen Schelmen nennt Dante nur den Buonturo Dati, welcher ironisch gelobt wird. Bei dem Auszug der Teufel mit den beiden Dichtern, kommt der Vertrag von Caprona zur Sprache. Diese Burg der Pisaner wurde im Jahre 1289 von den verbündeten Guelphen von Toscana und den verbannten Pisanern durch Kapitulation eingenommen. Man sagt, Dante sei persönlich bei der Uebergabe gewesen und mag da die Eindrücke empfangen haben, welche er beim Auszug der Teufel schildert.       
   

1   

Indeß von Brücke wir zu Brücke klommen,     

Besprachen Viel wir, was ich im Gesang,

Da's fremd dem Gegenstand, nicht aufgenommen.

4

Am höchsten Punkt erst hielt ich und sah bang'

In's nächste Thal, das dröhnt von eitlen Klagen;

Kaum daß mein Blick die Finsterniß durchdrang.

7    

Wie bei Venedig kocht an Wintertagen

In der Darsena Pech, ein zäher Brei,

Womit das Fahrzeug, das der Sturm zerschlagen,

10 Die Schiffer auskalfatern in der Bay,

 

Dort, wo am Strand die Einen Segel flicken,

Und Andre Ruder bessern, die entzwei,

13

Am Besam und am Hauptmast, an den Brücken,

 

Am Bug und Hinterdeck sich müh'n; mit Harz

Die Fugen schmieren, Hanf sich dreh'n zu Stricken,

16

Wie dort durch Feuersgluth kocht zäh' und schwarz

 

Das Pech, so hier durch höhere Gewalten,

Und rings beklebt es ganz des Ufers Quarz.

19

Ich sah das Pech, doch nicht was drin' enthalten,

 

Nur Blasen stiegen zischend an die Luft,

Es schwoll und sank', doch wird es nie erkalten.

22

Noch blickt' ich starr hinab, da plötzlich ruft:

 

"Gieb Acht, gieb Acht!" Virgil, und seine Rechte

Zieht hastig fort mich von dem Saum der Kluft.

25

Jetzt wend' ich mich wie der, der sehen möchte,

 

Was ihm zu fliehen ziemt, den Neugier bannt,

Und der doch auch, weil Schreck den Muth ihm schwächte,

28

Nicht zaudern will am Platze, wo er stand,

 

Und sehe zu dem höchsten Punkt der Brücken 

Mit leichtem Fuß, die Flügel ausgespannt, 95

31

Jetzt einen Dämon jagen, voller Tücken:

Wie war des Schwarzen Anblick mir verhaßt!

Er hatte auf den hohen, spitzen Rücken

34

Sich aufgebürdet eines Sünders Last,

Der mit den Beinen hing um seine Flanken,

Und den er um die Knöchel stramm gefaßt.

37

"Ihr Brückenwächter", schrie er, "Malebranchen!

Ein Aelt'ster von St. Zita ist schon da,

Taucht gut ihn ein! ich muß auf meinen Pranken

40

Zurück zur Stadt, wo mehr solch' Volk ich sah,

Den Schacher treibt dort Jeder, nur der eine

Bonturo nicht. Gold macht dort "Nein" zu "Ja"!"

43

Jetzt warf den Sünder er vom Klippensteine

Und lief wie'n Hund davon, der Diebe hört,

Der Dogge gleich, wenn man gelöst die Leine.

46

Doch Jener sank und kam herauf verkehrt.

Da schrie'n die Teufel unter'm Brückenjoche:

"Hier wird kein heilig' Angesicht verehrt,

49

Nicht wie im Serchio schwimmt sich's hier im Loche,

Gebt Acht, nur nicht den Hals herausgereckt.

Daß Jeder unten im Verborg'nen koche!"

52

Jetzt wurden hundert Gabeln ausgestreckt;

"Tanz' doch im Dunkeln, daß ich dich nicht steche,"

Rief's hier und dort, "stiehl nur, doch halt's versteckt."

55

So machen's grad' die Jungen auch der Köche,

Die mit den Gabeln stoßen in den Sud,

Das Fleisch abhaltend von der Oberfläche.

58

Da sprach mein Führer: "Sei auf deiner Hut,

Hock hinter diesem Stein am Felsenhange,

Duck' dich, dann sieht dich nicht die Höllenbrut;

61

Und was sie mir auch thun, sei nur nicht bange,

Ich kenn' das Wesen hier, denn einmal war

Ich schon bei solchem Strauß auf anderm Gange."

64

Die Brücke überschritt er, und fürwahr,

Noth that ihm, als er kam zum sechsten Schlunde,

Die feste Stirn, kalt trotzend der Gefahr.

67

Wie auf den Bettler, der bei seiner Runde,

 

Da, wo er stillsteht, klopft an Thür und Thor,

Wie auf den Bettler stürzen wilde Hunde, 96

70

So stürmten unter'm Brückendach hervor,

Auf ihn die Haken richtend, jene Geister.

"Gewalt üb' Keiner hier! aus Eurem Chor

73

Tret' Einer erst heraus," so sprach der Meister,

"Und hör' mich an; berathet dann in Ruh,

Ob mich ein Dämon ankrall'n darf, ein dreister."

76

Da schrie'n sie Alle: "Ringelschwanz, geh du!"

Und standen still, nur Einer ausgenommen.

Er trat heran und frug: "Was soll's, wozu?" -

79

Da sprach Virgil: "Glaubst du, ich wär' zum Frommen

Des Mann's, der mit mir geht, vor Eurer Macht

Und List geschützt, so tief hinabgekommen,

82

Wenn Gottes Wille mich nicht hergebracht?

Im Himmel will man, daß den Pfad ich weisen

Noch einem Andern soll durch diese Nacht.

85

D'rum laß uns unbelästigt weiter reisen."

Da sank sein Stolz, der Stab entfiel der Hand,

Er rief den Andern zu: "Fort mit den Eisen!" -

88

"Du, der du hockst dort hinterm Brückenrand",

Rief jetzt Virgil, "komm, keine Sorge hege!"

Ich flog zu ihm, doch als ich bei ihm stand,

91

Trat vor die Rotte, sperrend uns die Wege;

Da glaubte ich, denn Alle dräuten wild,

Sie würden uns nicht halten die Verträge.

94

So sah, trotz des Vertrags, ich furchterfüllt

Beim Auszug von Caprona manchen Streiter,

Als Feinde ihn umringten im Gefild.

97

Dicht drängt ich mich an meinen güt'gen Leiter

Und starrt' auf die Gesichter unheilvoll.

Da streckten sie die Haken weit und weiter,

100

Und Einer frug die Andern: "Sagt mir, soll

Am Kreuz ich fassen ihn mit diesem Eisen?"

"Stich zu, stich zu!" schrie'n Alle jetzt wie toll;

103

Da wandt' der, der gesprochen mit dem Weisen,

Sich um und rief: "Still, Raufbold, stille doch."

Und dann zu uns: "Auf diesen Felsengleisen

106

Kommt ihr nicht weiter, weil das sechste Joch

Zerspalten ist, und die gesprengten Stücke

Im Abgrund liegen. Habt trotzdem Ihr noch 97

109

Zum Weiterwandern Lust, umgeht die Lücke,

Durch diese Höhle kriecht, dann kommt ein Grat,

Der Eurem Fuße dienen kann als Brücke.

112

Erst gestern, doch fünf Stunden später grad',

Da gingen schon zweitausend Jahr zu Ende,

Und sechsundsechzig, seit der alte Pfad

115

Dort unterbrochen ward. Just heute sende

Nach dieser Richtung ich 'nen Trupp, zu späh'n,

Daß Keiner mir entwische aufs Gelände.

118

Sie thun Euch nichts, mit ihnen könnt Ihr geh'n.

Tritt vor, Krummflügel, Graufsporn, Hundsmaul, Drache,

Borsthaar und Giftpilz! Krausbart führ' die Zehn!

121

Ihr "grimmen Tatzen" übernehmt die Rache,

Auf Hundsklau, Springwurz, Stachelhaut herbei,

Sucht Alles ab und haltet strenge Wache!

124

Doch laßt mir ungeschoren diese Zwei

Bis zu der Brücke nach der andern Seite,

Die unversehrt noch steht, von Trümmern frei."

127

"Weh, Meister", rief ich, "weh' o welch' Geleite,

Kennst du den Weg nur, so genügt es schon,

Ich brauche Keinen sonst, der mich begleite,

130

Du siehst, merkst auf wie sonst du nur, ihr Droh'n;

O wie sie knirschen, wie die Augen rollen!"

"Laß du sie knirschen, laß sie dräu'n, mein Sohn;

133

Nicht uns, nur jenen Schächern gilt ihr Grollen."

Bereit zum Ausmarsch stand die volle Zahl

Der Teufel jetzt; da gab der Schaar, der tollen,

136

Ihr Hauptmann ein abscheuliches Signal,

Und diese fletschten wider ihn die Zähne

Und streckten aus die Zungen allzumal.

139

Fort ging's nun an der linken Bergeslehne.  30.01. 2007

22. Gesang

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