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Uebersicht

 

Die Hölle. 23. Gesang.
S. 102-107  
      In diesem Gesang bezieht der Dichter sich auf eine Fabel des Aesop, welche also lautet: Eine Landmaus schloß zum Unglück Freundschaft mit einem Frosche. Der Frosch nun, welcher ein falscher Freund war, band den Fuß der Maus an den seinigen. Zuerst wanderten sie über das Land, um ihre Mahlzeit zu verzehren; als sie aber hierauf an den Rand des Wassers kamen, riß der Frosch die Maus in die Tiefe des Sees, indem er selbst vergnügt im Wasser quakte. Die unglückliche Maus aber starb, vom Wasser geschwollen, und wurde in der Fluth am Fuße des Frosches fortgezogen. Da sie jedoch ein Weih erblickte, packte derselbe sie mit den Klauen, und der angebundene Frosch wurde nachgezogen und vom Raubvogel, wie jene, verspeist. Wie klein der Unterschied zwischen dieser Fabel und dem Vorgang bei den Teufeln hier ist, soll durch Anführung zweier Worte aus verschiedenen Dialekten, welche zwar jedes anders lauten, aber dasselbe bedeuten, klar gemacht werden. Diese Worte gleichen sich so wie im Deutschen "nun" und "jetzt".

     Die Bewohner des 23. Kreises sind die Heuchler, welche in goldenen Kutten, weit und groß wie die Benedictiner in Clugni sie tragen, daher kommen. Innen sind diese glänzenden Gewande mit schlechtem Blei gefüttert. Sie sind so schwer, daß das bleierne Hemd, welches der Sage nach Friedrich der II. den Hochverräthern anthuen ließ, dagegen leicht wie ein Strohalm erscheint. Unter diesen findet Dante mehrere frati gaudenti, übersetzt: Lustige Brüder. Cavaliere aus mehreren Städten hatten den Papst gebeten, einen Orden stiften zu dürfen, allerdings nicht mit den strengen Regeln und Gelübden der Mönche, aber doch zu einem guten Zweck. Sie wählten sich den Namen: Ritter unserer lieben Frau. Leider gewährte ihnen der getäuschte Papst diese Erlaubniß, welche sie durch Anstiften von Fehden, bei deren einer der Gardingo, ein Stadttheil von Florenz, eingeäschert wurde und durch ein lustiges Leben mißbrauchten. Alle diese (103) Heuchler sind geschminkt, weil sie etwas anders vorstellen wollten, als sie waren. Zwei Männer aus Bologna, Lodoringo und Catalano werden hier besonders erwähnt. Der Gekreuzigte, über welchen die Kuttenträger hinwegschreiten, ist der Hohepriester Annas, oder wie Andere sagen, Caiphas, welcher die Aeußerung that: "Es ist besser, daß ein Mensch sterbe, als daß das ganze Volk umkomme." Dante nimmt an, dies sei eine heuchlerische Rede, wider besseres Wissen gewesen und stellt ihn deßhalb als so schlecht hin, daß er werth ist selbst von Heuchlern mit Füßen getreten zu werden.

     Carakteristisch ist in diesem Gesang, daß die Schatten Dante als einen Lebenden an der Bewegung seiner Kehle, am Athmen erkennen.
   
1       Schweigsam allein, so gingen wir dahin,   
   Wie Laienbrüder hinter'nander schleichen;
  Dabei lag Aesop's Fabel mir im Sinn,
4 Vom Frosch und Maulwurf: denn so sehr kaum gleichen
  Sich "nun" und"jetzt", die ja dasselbe fast,
  Als wie zu jener Teufel list'gen Streichen
7 Der Vorgang in des Dichters Fabel paßt;
 

Ja ähnlich scheinen sie in jedem Zuge,

 

Wenn Schluß und Anfang man zusammenfaßt.

10

Wie ein Gedanke andre zeugt im Fluge,

 

So war's auch hier; und was jetzt ein mir fiel

 

Verdoppelte die Furcht vor neuem Truge

13

Und neuer Bosheit. Bei dem wilden Spiel

 

Sind sie genarrt dacht ich, und sind's im Grunde,

 

Durch meine Schuld; das weckt ihr Rachgefühl,

16

Und ist mit bösem Willen Zorn im Bunde

 

Dann wächst die Grausamkeit, dann folgt die Schaar

 

Uns nach wie einem Hasen wilde Hunde.

19

Oft sah ich um, es sträubte sich mein Haar,

 

Und zagend rief ich: "Weh die Malebranchen

 

Verfolgen uns gewiß, sind nah wohl gar!

22

Verbirg uns Meister! ach schon in Gedanken

 

Seh ich sie kommen, fühl sie schon! mich däucht

 

Sie fassen schon in Rücken mich und Flanken!

25

"Wär ich ein Spiegel," sprach er, "kaum so leicht,

 

Hätt' ich dein äuß'res Bild dann aufgenommen

 

Wie jetzt dein Seelenbild, dem meins nun gleicht; 

28

Ich denk wie du und fühl' mich tief beklommen, 104

 

Ich strahl' dich wieder, wie's der Spiegel macht;

 

So müssen wir zum selben Rathschluß kommen.

31

Hör denn, steht noch der Damm zum nächsten Schacht,

 

So mag die rasche Flucht uns wohl gelingen,

 

Und wir entgeh'n der vorgeahnten Jagd!"

34

Weh, nicht zum Schluß konnt' er den Vorschlag bringen,

 

Denn schon kam angesaust der ganze Schwarm,

 

Uns folgend pfeilgeschwind mit off'nen Schwingen.

37

Da zog Virgil mich plötzlich in den Arm,

 

So rasch wie eine Mutter aus dem Bette,

 

Wenn Feu'r entstand und sie gehört Allarm,

40

Den Sohn herausreißt; von der Unglücksstätte

 

Im Hemd entflieht, denn nicht denkt auf der Flucht

 

An sich das Weib, nur daß ihr Kind sie rette.

43

Virgil glitt auf dem Rücken in die Schlucht,

 

Den steilen Fels hinab, deß andre Seite

 

Begränzt als Scheidewand die nächste Bucht.

46

Nicht glaub' ich, daß im Rinnsal schneller gleite

 

Der Mühlbach, selbst wenn nah er schon dem Rad,

 

Und sich vermindert stets des Grabens Breite,

49

Als jetzt der Meister hinfuhr auf dem Grat;

 

Dabei trug auf der Brust er mich, der treun,

 

Als wär sein Sohn ich, nicht bloß sein Kam'rad.

52

Kaum langten an im Schlunde wir dem neuen,

 

Sieh, da erschien hoch auf dem Trümmerfeld

 

Die Rotte schon, doch war sie nicht zu scheuen,

55

Da von der Vorsehung sie nur bestellt,

 

Ihr Amt im fünften Schlunde auszuüben;

 

Und sich in seinen Grenzen Jeder hält.

58

Jetzt blickt ich um im Dämmerlicht, dem trüben,

 

Und sah, gemalten Angesichtes, sacht

 

Ein wunderliches Volk sich vorwärts schieben.

61

Den Kutten glich von Clugni ihre Tracht,

 

Die überhängend das Gesicht verstecken.

 

Von Außen sind sie golden, welche Pracht!

64

Doch innen bleigefüttert. Mit den Decken

 

Verglichen ist so leicht wie Stroh das Kleid,

 

In das einst Friedrich ließ Verbrecher stecken. 

67 O schwerer Mantel für die Ewigkeit! 105
  Wir wandten uns nach links mit diesen Schaaren,
  Doch brauchten sie zu jedem Schritte Zeit,
70 Da sie belastet mit den Bleitalaren,
  So daß, wenn wir nur einen Schritt gethan,
  Wir stets zur Seite neuen Leuten waren.
73 "O Herr", bat ich, "schau an, die dort sich nahn,
  Ob du nicht Eines Namen kennst und Leben?"
  Da rief ein Kuttenträger laut uns an,
76 Der wohl gehört Toskana's Sprache eben:
  "Steht still, die so Ihr rennt, denn siehe, ich
  Kann Euch die Auskunft, die Ihr sucht, wohl geben."
79 Nach Jenem wandte um der Weise sich
  Und sprach zugleich zu mir: "Halt an, steh stille,
  Erwart' ihn, der schon lang so traurig schlich,
82 Und dann halt Schritt mit ihm, ihn hemmt die Hülle."
  Ich that's und hinter mir sah auf dem Weg
  Zwei Schatten ich, die vorwärts trieb der Wille,
85 Doch war zu schwer ihr Kleid, zu eng der Steg!
  Als sie genaht, sahn scheel mich an die Matten,
  Dann steckten sie die Köpfe im Gespräch
88 Zusammen, und es raunt' der eine Schatten:
  "Ich glaub' der lebt, die Kehle regt sich ja!
  Doch sind sie beide todt, wer konnt's gestatten,
91 Daß mantellos sie gehn?" und dann: "Du da:
  Der kam zur Heuchlerzunft, Toscaner, sage,
  Wer bist du? sprich, was auf der Welt geschah?"
94 Und ich: "Geboren ward zur Lust und Klage
  Am schönen Arno ich, in großer Stadt.
  Der Leib, den ich bekam am ersten Tage
97 Umhüllt mich noch. Doch Ihr verweint und matt
  Wer seid Ihr? Warum schwanken Eure Glieder?
  O welche Strafe läßt Euch hell und glatt
100 Erscheinen hier?" Da sprach der Eine wieder:
  "Des Leibes Waage schwanket hin und her,
  Denn Blei im Mantel drückt uns lastend nieder,
103 Frati Gaudenti waren wir, und er
  Lodringo, Catalano ich, wir stammen
  Ja aus Bologna Beide; hör noch mehr;
106

Zu Friedenshütern wählte uns zusammen 106

 

Dein Heimathland; wie wir das Amt versahn,

 

Wie hoch in Florenz brannten Zwietrachtflammen,

109

Das zeigt Gardingo noch." Da hob ich an:

 

"Weh Brüder" - doch das Wort stockt' in der Kehle,

 

Denn siehe, mitten lag auf meiner Bahn

112

Gekreuzigt Einer, festgemacht an Pfähle,

 

Der krümmt als er mich sah ein jedes Glied

 

Und schnob in seinen Bart. Da sprach die Seele

115

Des Mönchs: "Der ist's, der einst den Juden rieth

 

Für's ganze Volk den Einen Mann zu tödten;

 

Hier muß am Kreuz er liegen, schmerzdurchglüht,

118

Und fühlen, wenn auf ihn im Weg wir treten,

 

Was Jeder einzeln wiegt nun in der That.

 

Sein Schwiegervater krümmt in gleichen Nöthen

121

Sich hier im Schlund, und die vom hohen Rath

 

Die gift'gen Samen streuten auf der Erde,

 

Aus dem den Juden aufging böse Saat."

124

Der Dichter sah mit staunender Geberde

 

Auf den, der hier im ewigen Exil

 

So schmachvoll lag, daß er zertreten werde:

127

Dann wandte sich und frug den Mönch Virgil:

 

"Giebt's einen Durchgang hier zur rechten Seite,

 

Wo die Verbindungsbrücke nicht zerfiel,

130

Wie's mir versichert einer von der Meute,

 

Die just verschwand; und werden auf dem Damm

 

Wir nicht etwa der schwarzen Engel Beute?"

133

Und Jener: "Nah liegt hier ein Felsenkamm,

 

Vom großen Kreis ausgehend, der als Brücke

 

Die Thäler überspannt, wie'n Riesenstamm.

136

Nur hier ist er gesprengt, doch Felsenstücke

 

Steh'n in der Mitte noch, zertrümmert, alt;

 

Dort überrklettert Ihr vielleicht die Lücke."

139

Virgil, gesenkten Hauptes machte Halt

 

Und rief: "So hat mich über diese Stiege

 

Der falsch berichtet, der die Sünder krallt!"

142

"Vom Teufel hörte Böses zur Genüge,"

 

Sprach Catalan, "ich in Bologna schon,

 

Auch daß er lügt, und Vater ist der Lüge!"

145

Jetzt ging mit großem Schritt Virgil davon, 107

 

Ein Zorneswölkchen auf der Stirn, den klaren,

 

Und ich folgt seiner theuren Spur wie'n Sohn,

148

Verlassend schnell die in den Bleitalaren.                    30.01.2007

 

24. Gesang

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