TOP

Uebersicht

 

Die Hölle. 24. Gesang.
S. 107-111  
      Im 24. Gesange müssen wir uns vergegenwärtigen, daß wir an eine Unterabtheilung des 8. Kreises desjenigen der Lügner und Betrüger aller Art, gelangt sind. Wir sind jetzt bei den Dieben. Vanno Fucci, der erwähnt wird, war ein übelberüchtigter Mann, der an einem Fastnachtsabend, nach Lust und Spiel, in den Dom von Pistoja schlich und die Schätze raubte. Er prophezeit viel Krieg und Noth dem Vaterland des Dichters, bloß um diesen zu ärgern und zu kränken. Bei Magra, ein Ort in der Nähe von Florenz, wird gekämpft. Mars thürmt die Kriegswolken empor. Weiße und Schwarze wüthen gegen einander, bis erstere den Kürzeren ziehen.

     Bei Erwähnung der Schlangen wird von dem Heliotrop gesprochen, einem Stein, dem man im Alterthum die Kraft zutraute, den Biß giftiger Reptilien zu heilen.
   
1       Im jungen Jahr, zur Zeit der Regenschauer,    
  Wo Phöbus' Haar der Wassermann benetzt,
  Und Tag und Nächte sind von gleicher Dauer,
4 Der Reif im Feld den weißen Schnee ersetzt,
  Obgleich ihn schneller schmilzt der Strahl, der warme,
  Als seinen weißen Bruder er zerfetzt,
7 Zu jener Zeit steht auf der Bau'r, der arme,
 

Läuft rasch hinaus und sieht den Boden weiß,

 

Er schlägt sich an die Brust, daß Gott erbarme,

10

Und wähnt die Saat zerstört, umsonst den Fleiß,

 

Er stürzt zurück in's Haus mit Gramgeberde

 

Und dann auf's Neu in's Feld; fort ist das Eis! 

13

Da staunt er froh auf die gebräunte Erde

 

Und holt rasch sein Geräth, das lang' geruht,

 

Und aus dem Stall jagt er die Ziegenheerde.

16

Wie er gefühlt, so ward auch mir zu Muth,   

 

Als ich umwölkt sah meines Führers Mienen, 108

 

Doch schnell wie dort ward hier auch Alles gut,

19

Denn freundlich, wie zuerst er mir erschienen

 

Am Fuß des Berges, sah mich an Virgil,

 

Als wir gelangten zu des Wall's Ruinen;

22

Er sann und prüfte, dann voll Mitgefühl

 

Umfing er mich und blieb mir stets zur Seite.

 

Wie der, der handelt, und eh' noch das Ziel,

25

Das erste er erreicht, zugleich das zweite,

 

Das dann noch vor ihm liegt, in's Auge faßt,

 

So that auch er; er hob, daß ich nicht gleite,

28

Von Klippe auf zu Klippe meine Last.

 

"Halt fest dich an der Zacke", rief der Weise,

 

"Doch prüf' erst, ob du sichern Halt auch hast."

31

Für Kuttenträger wahrlich ist's kein Gleise,

 

Denn ich, von ihm gestützt, und er so leicht,

 

Wir konnten kaum vollenden diese Reise;

34

Ja ich, wenn er auch wohl, hätt' nie erreicht

 

Den Gipfel, wär' nicht kürzer diese Küste,

 

Als die im vor'gen Kreis und mehr geneigt;

37

Da sich zum Brunnen senkt der Schlund, der wüste,

 

Bringt's jedes Thales Lage mit und Raum,

 

Daß bald sich hebt, bald senkt das Felsgerüste;

40

So ist verschieden stets der Schlünde Saum,

 

Bald kürzer und bald länger. Schon erklommen

 

Hatt' ich die Spitze; droben war ich kaum,

43

Da warf mit dürrer Kehle ich, beklommen,

 

Im ersten Spalt mich nieder, athemlos,

 

Da sprach Virgil: "Was kann hier Ruhe frommen,

46

Warum so träg? auf Daunen und auf Moos

 

Sucht uns der Ruhm nicht auf; und ohn' Beschwerden,

 

Auf Polstern liegend, ward noch Keiner groß!

49

Wer ohne Ruhm lebt, läßt zurück auf Erden

 

Nicht fest're Spur, als Rauch in Lüften macht,

 

Im Wasser Schaum, er wird vergessen werden!

52

Auf, siege durch den Geist, der jede Schlacht

 

Gewinnt, wenn er nur nie der Körperschwere

 

Sich unterwirft. Noch hast du nicht vollbracht,

55

Viel Stufen sind noch auf dem Pfad der Ehre;  

 

Glaub' nicht, es sei damit genug gethan, 109

 

Daß du entwischtest jenem wilden Heere."

58

Da stand ich auf und nahm die Miene an,

 

Als hätte Athem ich und Kraft die Menge.

 

"Ich folg' dir kühn", rief ich, "schreit' nur voran",

61

So gingen auf dem Wall wir, steil und enge

 

Auf Pfaden, rauher als der Weg vorher,

 

Und redend kürzte ich des Weges Länge,

64

Denn feig' erscheinen wollt' ich nun nicht mehr.

 

Da hört' ich aus dem Graben eine Stimme,

 

Doch konnt' ich oben von dem Brückenwehr,

67

Das weit hier überdacht das Thal, das schlimme,

 

Die Worte nicht versteh'n; doch merkt' am Klang

 

Ich wohl, daß sie erbebt' vor Zorn und Grimme;

70

Ich bückte mich, doch in die Tiefe drang

 

Mein Auge nicht. "Laß, Meister, von der Höhe",

 

So bat ich, "niedersteigen uns am Hang,

73

Denn wie ich höre, aber nicht verstehe,

 

So sehe ich, doch unterscheid' ich nicht."

 

"Die beste Antwort ist, daß schon ich gehe",

76

Erwidert er, "denn ich eracht's als Pflicht,

 

Vernünft'gen Bitten schweigend zu genügen,

 

Da man dem Wunsch nur durch die That entspricht."

79

Wo Brückenkopf und Strand sich einen, stiegen

 

Am achten Ufer wir hinab in's Thal;

 

Da sah ich in den Schlund, wo Schlangen liegen

82

Verschied'ner Art, so gräulich allzumal,

 

Daß noch mein Blut gerinnt bei dem Gedanken.

 

Nicht rühme Lybien sich 'ner größ'ren Zahl,

85

Ob's Hydern auch, ob's Vipern auch, die schlanken,

 

Die Anaconden, Lanzenschlangen zeugt,

 

Die doppelköpf'gen, die getupften, blanken,

88

Du siehst doch keine Brut, die dieser gleicht,

 

Und machtest durch Aethyopien du die Runde

 

Und schautest, was am rothen Meere kreucht;

91

Und Schatten floh'n vor dem Gethier im Schlunde;

 

Doch giebt's Verstecke keine hier, nie fand

 

Den Heliotrop man hier, der heilt die Wunde.

94

Ach, festgeknüpft ist Jedem Hand an Hand,

 

Gefesselt auf dem Kreuz durch grimme Schlangen, 110

 

Und Kopf und Schweif umschließt den Leib wie'n Band.

97

Auf Einen, der entgegen uns gegangen,

 

Schießt solch ein Unthier los, das ihn durchsticht,

 

Wo Hals und Schultern grad' zusammenhangen.

100

Fürwahr, so schnell schreibst 'I', schreibst 'O' du nicht,

 

Als Jener glüht und flammt, dann sinkt er nieder

 

Und wird zu Asche; weh', welch' Strafgericht!

103

Doch sammelt der zerstreute Staub sich wieder,

 

Gestaltet sich und schwillt so breit und groß,

 

Ganz wie er war, eh' ihn erlegt' die Hyder.

106

So sagen Weise von des Phönix Loos,

 

Der stirbt, wenn bald fünfhundert Jahr verflossen,

 

Und neugeboren wird im Flammenschooß.

109

Nicht hat er lebend Gras und Korn genossen,

 

Ihn nährten Weihrauch nur und Ambrasaft,

 

Bis Myrrh'n und Narden ihn zuletzt umschlossen.

112

Wie der, der fiel, sei's durch dämon'sche Kraft,

 

Sei's, daß ein Schwindel ihm den Sinn umfangen,

 

Wie der, wenn er sich endlich aufgerafft,

115

Vergebens sinnt, was mit ihm vorgegangen,

 

Da ihm die Qual getrübt fast den Verstand,

 

Und seufzend um sich schaut mit innerm Bangen,

118

So that der Mann jetzt auch, der neu erstand;

 

O Allmacht, o Gerechtigkeit, du hehre,

 

Wie hart straft diese Sünden deine Hand!

121

Jetzt frug Virgil den Schatten, wer er wäre,

 

Und er: "Grad' aus Toscana fiel ich hier

 

In diesen Schlund hinab durch meine Schwere.

124

Ich heiße Vanno Fucci und wie'n Thier,

 

Nicht wie ein Mensch hab' ich gelebt da droben;

 

(Mauleseln war ich gleich, d'rum diente mir

127

Zum Stall Pistoja und zum Schweinekoben)."

 

Und ich zum Meister: "Gern wüßt' ich den Grund,

 

Warum der Mann, den ich gekannt dort oben

130

Als Blutmensch, gerade kam in diesen Schlund."

 

Und Fucci, der gehört die Worte eben,

 

That schamroth sein Verbrechen selbst mir kund.

133

"So schmerzte mich der Abschied nicht vom Leben,

 

Als daß du hier mich siehst in Schmach und Qual, 111

 

Und doch muß leider ich dir Antwort geben.

136

Ich kam so tief hinab, grad' in das Thal,

 

Weil ich beraubt' St. Jacob's reiche Pfründen

 

Und aus der Sakristei die Schätze stahl,

139

Und weil ein andrer starb für meine Sünden.

 

Doch soll gewiß nicht meine Schmach dich freu'n,

 

Wenn du an's Licht kommst aus den dunklen Schlünden,

142

D'rum hör' mich an: Leer wird Pistoja sein

 

Von Schwarzen erst, dann ziehen neue Leute

 

Und neue Sitten auch in Florenz ein.

145

In Magra sammeln und an andrer Seite

 

Kriegswolken sich, und Mars wälzt von den Höh'n

 

Sie in die Ebene; Alles fliegt zum Streite,

148

Gestürmt, gerast wird auf dem Feld Piseen;

  Dann reut's den Mars und er zerreißt die Wolke,
 

Doch nun ist's um die Weißen bald gescheh'n,

151 Ich sag's, weil Schmerz dir's macht und deinem Volke."  30.01.2007     

25. Gesang

Seitenanfang