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Uebersicht

Die Hölle. 25. Gesang.
S. 111-116  
      Vanno Fucci, der im vorigen Gesang genannte Bösewicht, gefällt sich in gotteslästerlichem Spott, welchen eine der Schlangen an ihm rächt. Da Jener aus Pistoja stammt, so giebt dies dem Dante Gelegenheit eine Strafpredigt an diese Stadt zu halten. Der Geist aus Thebens Mauern, welcher hier als Gotteslästerer genannt wird, ist der schon im 14. Gesang angeführte Capaneus, einer der Erstürmer von Theben. Ein Centaur sprengt jetzt heran, noch phantastischer gebildet, als ihn ohnehin schon die griechicsche Mythologie ausgestattet hat. Die Schlangen, welche er trägt, werden mit denen der Maremmen, der Sümpfe in Mittelitalien und der pontinischen Sümpfe verglichen, der Drache, welchen der Dichter ihm auch noch aufbürdet, speit Flammen und Rauch aus, alles entzündend was ihm naht. Diese Ausgeburt der Phantasie stellt den Cacus dar, den Virgil, welcher von ihm erzählt, einen Halbmenschen nennt. Er kann als Symbol der Diebe gelten, da er dem Hercules die Heerde stahl, welche dieser (112) eben dem Geryon, dem König von Spanien, den wir als Drachen die Dichter hinabtragen sahen, entrissen hatte. Der Centauer zog die Thiere an den Schwänzen in seine Höhle unter dem Aventin, damit ihre Spur ihn nicht verrathe. Durch das Brüllen der Heerde aber wurde Hercules aufmerksam, drang in die Grotte und erschlug das diebische Unthier. Wir haben es hier mit 5 Verdammten zu thuen, Cianfa Donati, Buoso Donati, Agnello Bruneleschi, Puccio Sciancato de Galigai und Guercio Cavalcanti. Sie gehörten theils der Partei der Weißen, theils der der Schwarzen an, mögen oft Farbe und Gestalt gewechselt haben in politischer Hinsicht, worauf mir ihre oftmaligen Verwandlungen hinzudeuten scheinen. Alle sollen sich Unterschleife im Staatsdienst zu Schulden haben kommen lassen. Ihre Tücke bezeichnet es, daß sie sich in Schlangen- und Drachengestalt bewegen. Die drei, welche zuerst kommen und nach ihrem verlorenen Gefährten Cianfa rufen, sehen ihn als Drachen wieder erscheinen; er wirft sich über einen von ihnen und schmilzt mit ihm zusammen, d.h. sie vereinen sich in ihren bösen Umtrieben und sind so für dieMenschheit zu einem Drachen, dem Symbol alles Schreckens geworden. So geht es mit der schwarzen kleinen Giftschlange, die mit Buoso Donati, welcher an den Hohenstaufen Verrath geübt haben soll, die Gestalt wechselt. Nur Guercio Cavalcanti, um den Garille, eine Stadt im Arnothal weint, weil seinetwegen viele ihrer Bewohner umgebracht wurden, und Puccio Sciancato bleiben als Menschen zurück. Bei diesen Verwandlungen wird des Sabellus und Nisus gedacht, von denen der römische Schriftsteller Lucan erzählt, zweier Soldaten, welche mit Cato's Heer durch die lybische Wüste zogen, hier von Schlangen gebissen wurden und unter sonderbaren Symptomen starben. Der Dichter ruft den Ovid mit seinen Metamorphosen gleichsam zum Wettkampf auf, behauptet aber den Vorrang, indem er zwei Wesen ineinander übergehn und die Gestalt tauschen läßt, so also eine Doppelverwandlung ausführt, indeß jener sich damit begnügt, einen Menschen in ein Thier oder in eine Quelle zu wandeln; so den Cadmus, der lebensmüde von Theben nach Illyrien gefloh'n war und dort sich sehnte, in den Drachen verwandelt zu werden, dessen Zähne er einst nach der Sündfluth gesäet hatte, um neue Menschen zu schaffen; so die Arethusa, die Nymphe, welche, vom Gott Alpheus verfolgt, auf ihre Bitte durch Diana in eine Quelle aufgelöst wurde. Sie verschwand in Griechenland und tritt in Sicilien wieder zu Tage, wohin ihr der Flußgott Alpheus nicht folgen konnte.
   
1       So schloß der Dieb und machte jetzt zum Spott    
  Geberden mit den Fingern, mit den langen, 
  Abscheulich frech, und schrie: "Dir gilt's, o Gott!" 113
4 Von nun an wurden Freunde mir die Schlangen,
  Denn eine sprang ihn an und zog den Schlund
  Ihm zu, das Worte nicht hervor mehr drangen.
7 Es war, als sagte sie: "Du hältst den Mund!
 

'Ne and're schnürt die Arme ihm zuammen

 

Mit Kopf und Schwanz umklammernd ihn im Rund.

10

Pistoja zünde selbst dir an die Flammen,

 

Stürz' dich hinein, verzög're nicht den Fall,

 

Denn schlechter werden stets, die dir entstammen;

13

Sah' ich doch in den Höllenkreisen all',

 

Wie ihn sich keinen wider Gott erfrechen!

 

Selbst den nicht, der gestürzt von Thebens Wall.

16

Schon floh er, ohne noch ein Wort zu sprechen,

 

Als ein Centaur erschien, der folgt' ihm dicht

 

Und schrie: "Wo ist der Schuft, das will ich rächen!"

19

In den Maremmen sind mehr Ottern nicht,

 

Als wie auf diese Pferdes Rücken hingen,

 

Doch frei blieb Hals und menschliches Gesicht;

22

Und im Genick saß ihm mit off'nen Schwingen

 

Ein Drache, der was sich ihm naht, versengt.

 

Da sprach Virgil: "Der in den Schlangenringen

25

Ist Cacus, welcher so mit Blut getränkt

 

Am Berge Aventin, die hohle Erde,

 

Daß es zu Seen sich staute, schlammvermengt.

28

Nicht darf er laufen mit der Brüder Heerde,

 

Weil Kuh und Stier dem Hercules er stahl,

 

Die nah geweidet diesem list'gen Pferde.

31

Dafür traf es die Keule hundertmal.

 

Indeß zehn Schläge es wohl kaum ertheilte;

 

So schlossen Frevelthaten ohne Zahl!"

34

Schon hatten, während der Centaur enteilte

 

Und im Gespräch ich mit dem Meister war,

 

Drei Schatten unten sich genaht, doch weilte

37

Mein Blick noch nicht auf jener kleinen Schaar;

 

Erst als sie schrie'n: "Wer seid Ihr dort, Ihr Neuen,

 

Wurd' ich am Fuß des Dammes sie gewahr.

40

Wir kannten Keinen, doch ward von den Dreien

 

Ein Name wohl genannt, der mir vertraut, 

 

Der gleich mich ahnen ließ, wer sie wohl seien. 114

43

"Cianfa, wo bist du?" schrie der Eine laut;

 

Da legt ich, daß Virgil aufmerken möge,

 

Den Finger an die Nase. Wenn dir's graut

46

O Leser, und du, dem zu glauben träge,

 

Was jetzt ich sagen will, mich wunderts nicht,

 

Kaum glaub' ich selbst, was auf dem Schreckenswege

49

Ich sah, und schaud're noch vor dem Gesicht,

 

Denn auf die Geister stürzt sich wild 'ne Schlange,

 

Die mit sechs Füßen Einen fest umflicht.

52

Die Mittelbeine schlägt das Thier, das lange,

 

Ihm um den Leib, die vordern schnüren ganz

 

Die Arme ein; so beißt's ihm in die Wange;

55

Die Hinterbeine schließen wie ein Kranz

  Sich um die Lenden ihm, hinauf den Rücken
 

Preßt's durch die Beine ihm den glatten Schwanz.

58

So eng sah bärt'gen Epheu nie umstricken

 

Den Baum ich, als um fremde Glieder hier

 

Es schlingt die eignen Glieder! ohne Lücken,

61

Wie heißes Wachs verschmelzen Mensch und Thier.

 

Nicht mehr was Jeder war, kannst du entdecken,

 

Denn sieh, es mischen hier wie beim Papier

64

Die Farben sich, wenn Flammen es belecken;

 

Am Blatt steigt dann das Schwarze auf im Nu,

 

Und drängt das Weiß bis in die höchsten Ecken.

67

Die beiden Andern sehn dem Schauspiel zu,

 

Und schrein: "Agnel, wie wandelst du die Glieder!"

 

"Nicht Einer bist und auch nicht Zweie du!"

70

Jetzt wird zu einem Haupt der Kopf der Hyder

 

Und der des Mann's, doch zwei Gesichter schau'n

 

Trotzdem mich an aus einem Antlitz wieder!

71

Die Arme sind vereint den Vorderklau'n,

 

Die Lenden mit den Flanken; es gestalten

 

Sich Bauch und Brust zu Formen, die ein Grau'n;

76

Bald scheinen im verzerrten Bild enthalten

 

Mit Zwei, bald wieder Keiner! Sieh, so zieht

 

Das Scheusal fort durch jene Felsenspalten.

79

Von einer Hecke zu der andern flieht

 

Die Echse nicht so schnell bei Hundstaghitze,

 

Und kreuzt den Pfad, der in der Sonne glüht, 115

82

Als jetzt ein Schlänglein fährt aus einer Ritze,

 

Wie Pfefferkörner schwarz; Gift ist sein Hauch.

 

Auf Jene stürzt es rascher sich als Blitze

85

Und sticht den Einen mitten in den Bauch,

 

Dann fällt zur Erde es, und aus dem Schlunde

 

Quillt gift'ger Dampf und mischt sich mit dem Rauch,

88

Der strömt aus des gebiss'nen Mannes Wunde.

 

Kein Wort spricht dieser, schwankt wie schlafberückt,

 

Und bebt, als schüttle Fieber ihn zur Stunde.

91

Wie er gebannt jetzt auf die Schlange blickt,

 

Und sie auf ihn mit Augen, die ihn lähmen,

 

Hat sich zu Wolken schon der Rauch verdickt,

94

Die glühend, ungestüm zusammenströmen.

 

Schweig von Nasidius und Sabell, Lucan,

 

Du mußt erst was ich sagen will vernehmen,

97

Ovid, von Aretusa schweig fortan,

 

Von Cadmus schweig, sprich nicht von ihren Leiden;

 

Macht ihn zum Wurm, zum Quell, dein Dichterwahn,

100

Das Weib, solch Wunder will ich dir nicht neiden,

 

Denn zwei verschied'ne Wesen stellst fürwahr

 

Nie gegenüber du und läßt die Beiden

103

Vertauschen Form und Seele ganz und gar.

 

Als hätten sie's vereinbart; so gestaltet

 

Das Wesen jetzt sich um, das Schlange war

106

Zum Menschen, indem rasch der Schwanz sich spaltet,

 

Der Mensch wird Wurm in umgekehrter Art,

 

Da er die Beine eng zusammenfaltet,

109

So daß man keine Fuge mehr gewahrt.

 

Die Form, die hier sich auflöst, wird am Ende

 

Des Schweifs dort neu erzeugt, die Haut wird hart,

112

Doch weich an jenem Leib; die Arm' und Hände

 

Ziehn in die Achselhöhlen sich zurück,

 

Indeß die mittlern Tatzen dort zur Lende,

115

Zum schlanken Bein im selben Augenblick

 

Sich ausgestalten und die Hinterfüße

 

Zusammenwachsen in ein einzig Stück,

118

Daß so der neuerbaute Leib sich schließe.

 

Der Dampf leiht Beiden and're Farben auch,

 

Erzeugt hier Haar, daß es in Fülle sprieße, 116

121

Und tilgt es dorten aus; da steht im Rauch

 

Das eine Wesen auf und regt sich freier,

 

Das andre fällt und kriecht nach Schlangenbrauch.

124

Doch lassen mit der Augen wildem Feuer

 

Sie nicht sich los, bis endlich sie zum Schluß,

 

Das Antlitz tauschen unterm Wolkenschleier.

127

Das Wesen zieht, das steht auf festem Fuß,

 

Das Fleisch vom Maul zur Stirne, die sich ründet,

 

Die Ohren bildend aus dem Ueberfluß

130

Des Stoffes, der schon an den Wangen schwindet,

 

Der Rest, der nicht herauf sich zog zum Haar,

 

Wird Nas' und Mund; das Wesen, das sich windet

133

Im Staub, streckt vor den Mund, der Lippen baar,

 

Und zieht die Ohren in die Backenflächen,

 

Wie Schnecken einziehn wohl ihr Hörnerpaar,

136

Die Zunge, die geschaffen war zum Sprechen,

 

Zerspaltet sich, die andre, spitz wie'n Pfriem

 

Und zweigetheilt, wächst zu und kann nicht stechen.

139

Der Dampf hört auf, und fort mit Ungestüm

 

Schwirrt der verthierte Geist. Das andre Wesen

 

Dreht zu die neugewonn'nen Schultern ihm,

142

Spuckt aus und ruft: "Sei, was ich bin gewesen,

 

Lauf Boso auf dem Bauch durch diese Schlucht!"

 

So sah ich Formen bilden sich und lösen

145

Graunvoll in dieser siebten Felsenbucht

 

Aus ihrem Bodensatz emporgetrieben!

 

Wie wirr mein Sinn, wie schnell auch Jener Flucht,

148

Doch hatt' ich den, dem die Gestalt geblieben,

 

Erkannt. Puccio Sciancato hieß er einst,

  Der andere war der Räuber schlau durchtrieben,
151

Um dessen Thaten du Gaville weinst.                        30.01.2007

26. Gesang

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