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Uebersicht

Die Hölle. 28. Gesang.
S. 125 - 29  
     Hier befinden sich Diejenigen, welche die Welt durch Streit und Kampf zerrissen haben. Als bedeutendste Gestalt tritt Mahomet mit seinem Anhänger Ali hervor. Dann wird Bezug genommen aus Robert Guiscard, den Normannenfürsten, den Eroberer der letzten griechischen Besitzungen in Apulien, auf Erhardt von Vallery, welcher Carl von Anjou in der Schlacht bei Tagliacozzo durch einen schlauen Rath über (126) Conradin von Hohenstaufen zum Sieg verhalf, auf Fra Dolcin, einen berüchtigten Bandenführer, und auf Pier di Medicina, einen Streitstifter und Ränkeschmied. Guido und Angiolello, Edle aus Fano, welche durch Verrath starben, werden dagegen hochgerühmt. Das Register der Schuldigen verlängert der Autor noch durch Mosca Lamberti, den Urheber der florentinischen Bürgerkriege, und durch Bertram von Born, einen Troubadour, welcher durch seine feurigen Kriegslieder die Ritter gegeneinander aufhetzte. Aus der alten römischen Geschichte wird Curio genannt, ein aus seiner Vaterstadt vertriebener Tribun, welcher zu Cäsar an den Rubicon eilte und ihn zum Zug nach Rom aneiferte, und aus der Bibel Architophel, der Unfriede zwischen David und Absalon stiftete.       
   
1       Wer könnte je von all' den Schreckensbildern,    
  Die hier ich sah, berichten Zug für Zug,
  Wer all' das Blut und all' die Wunden schildern,
4 In freier Rede selbst wär's schwer genug;
  Die Zunge, das Gedächtniß müßten fehlen,
  Und machte noch so oft man den Versuch!
7 Ja, stiegen alle aus den Grabeshöhlen,
 

Die jemals in Apulien umgebracht,

 

Sei's in dem Römerkrieg, wo viele Seelen

10

Beweint den frühen Tod, sei's in der Schlacht,

 

Von der erzählt uns Livius hat, wo Beute

 

An gold'nen Ringen zahllos ward gemacht,

13

Sei's wider Robert Guiscard auch im Streite,

 

Sei's bei Ceprano, wo zu jener Frist

 

Verrath im Lande übten alle Leute,

16

Bei Tagliacozzo sei's, wo nur durch List

 

Erardo ohne Waffen Sieg gewonnen,

 

Und noch das Feld bedeckt mit Knochen ist,

19

Ja, kämen sie von Blut noch überronnen

 

Und zeigten uns, wo sie das Schwert durchstach,

 

Die grausen Stümpfe in dem Licht der Sonnen,

22

Der Anblick ständ doch diesem Schauspiel nach.

 

Kein Faß klafft weiter, durch und durch zersprungen,

 

Als wie ein Mensch hier auseinander brach

25

Vom Kinn bis an die Lenden. Herz und Lungen,

 

Der Sack, in dem die Nahrung wird verdaut,

 

Die Eingeweide hingen krausverschlungen  

28

Ihm aus dem Leib, so daß noch heut' mir graut. 127

 

"Sieh Mahomet! hier geht er ganz zerrissen",

 

Rief er und riß die Brust sich auf, "o schaut,

31

Wie'n Holz bin von einander ich gesplissen!

 

Vom Wirbel bis zum Kinn getheilt durch's Schwert

 

Geht Ali dort vor mir! so spalten müssen

34

Sich die Schismatiker, die falsch gelehrt,

 

Und lebend einst die Welt durch Streit zertheilet.

 

Mit scharfem Eisen steht ein Geist bewehrt

37

Am Weg dort, wo vorbei ein Jeder eilet,

 

Der trifft uns Alle dann mit kaltem Stahl.

 

Weil jede Wunde, die er schlug, auch heilet,

40

Eh' wir den Rundgang noch vollbracht durch's Thal,

 

So findet Platz er stets zu neuen Hieben,

 

Und endlos wiederholt sich so die Qual.

43

Doch du, der dort vom Fels hinabspäht drüben,

 

Was stehst du still? Hoffst du so nah am Ziel,

 

Der Strafe Antritt zaudernd aufzuschieben?"

46

"Nicht traf der Tod ihn", sagte jetzt Virgil,

 

"Nicht kam er, daß an ihm 'ne Schuld sich räche,

 

Nein, nur weil's einer höhern Macht gefiel,

49

Daß Alles selbst er prüfe ohne Schwäche;

 

Mir ziemt's, dem Todten, Führer ihm zu sein.

 

So wahr ist dies, als daß ich mit dir spreche."

52

Solch Wort vernehmend hielten Viele ein,

 

Und mehr als Hundert sahen aus dem Graben

 

Zu mir herauf, vergessend ihrer Pein.

55

"Du, den vielleicht bald wird die Sonne laben,

 

Kehrst heim du, sag' von mir dem Fra Dolcin,

 

Sollt' er nicht Lust mir schnell zu folgen haben,

58

So sammle er Proviant, sonst schlagen ihn,

 

Da schon bedrängt vom Schnee er auf den Höhen,

 

Die Novaresen, einst gewohnt zu flieh'n."

61

Den einen Fuß erhoben schon zum Gehen,

 

Sprach's Mahomet, dann trat er auf und bald

 

War in der Ferne er nicht mehr zu sehen.

64

Jetzt mit durchstoch'nem Hals kam 'ne Gestalt

 

Uns nah, die dort mit Allen steh'n geblieben,

 

Und nun vor Allen sprach: "Du mache Halt  

67

Ein wenig noch, den Schuld nicht hergetrieben, 128

 

Du, den, täuscht Aehnlichkeit mich nicht, ich froh

 

In Latium einst geseh'n, dem Land, dem lieben.

70

Wirst an der schönen Au, benetzt vom Po,

 

Du jemals deine Blicke wieder weiden,

 

Gehst von Vercelli du nach Macabo,

73

Dann denk an Pier di Medicina's Leiden,

 

Dann sag den besten Bürgern Fano's gleich,

 

Dem Guido und dem Angiolello, Beiden,

76

Daß, wenn vorausschau'n wir im Schattenreich,

 

Und ich betrogen nicht vom Wahn, dem leeren,

 

Schon über ihnen schwebt der Todesstreich.

79

In Säcken und am Hals den Stein, den schweren,

 

Wird stoßen man sie bei Cattolica

 

Vom hohen Schiff, zu sterben in den Meeren.

82

Verrath, so schlimm wie diesen, wahrlich sah

 

Noch nie Neptun, so schaudervolle Thaten

 

Von Cypern nie bis nach Majolica,

85

Geübt von Argos' Volk und von Piraten.

 

Auf einem Aug' ist der Verräther blind,

 

Der sie entbieten wird, um ihm zu rathen,

88

Doch wird so weit er's treiben, falschgesinnt,

 

Daß kein Gelübde, kein Gebet von Nöthen

 

Zum Schutz für sie mehr vor Focara's Wind.

91

Das Land, das nur zum Schaden einst betreten

 

Ein Schatten hier, den Reue quält, ist sein."

 

Und ich: "Soll ich in Zeiten noch, in späten,

94

Von dir berichten und dir Klagen weih'n,

 

So sag, wen meinst du, den Erinnerung quälet?"

 

Da griff er Einen in's Gesicht hinein

97

Und zeigt den Mund mir, wo die Zunge fehlet.

 

"Der ist's", rief er, "doch spricht nicht mehr, der ach

 

Verbannt vor Zeiten und von Haß beseelet,

100

Zum Kampf einst Cäsar trieb, indem er sprach:

 

"Was fertig ist, wird stets durch Zaudern schlechter."

 

Wie schien mir Curio jetzt voll Schmerz und Schmach,

103

Wie stumm der kühne Redner, der Verächter

 

Von Treu und Redlichkeit! Jetzt kam, o Graus,

 

Der Hände baar, ein Mann, ein ungerechter,

106

Und rief: "Des Mosca auch gedenk' zu Haus, 129

 

Der sprach: Die That nur gilt! so streute Samen

 

Ich, bösen, für Toscana's Bürger aus!"

109

"Und Allen, die da tragen deinen Namen",

 

"Fügt' ich hinzu, "hast du gebracht den Tod!

 

Es mordete dein Wort, die nach dir kamen!"

112

So häuft' ich neuen Schmerz auf alte Noth,

 

Und ganz verzweifelt schwankt' er fort in's Weite.

 

Doch ich, dem sich ein neuer Anblick bot,

115

Blieb steh'n und sah hinab den Zug der Leute.

 

Was ich erblickt', erzählt' ich lieber nicht,

 

Da mir kein andrer Zeuge steht zur Seite,

118

Bestät'gend den unglaublichen Bericht.

 

Doch giebt ein gut Gewissen Selbsvertrauen

 

Und stärkt, wie'n Freund es thut, die Zuversicht.

121

Ein Mensch, dem von dem Rumpf der Kopf gehauen,

 

Trat uns entgegen; dieser trug am Haar

 

Das eig'ne Haupt mit schmerzverzog'nen Brauen.

124

Wer faßt's, ob Einer hier in Zweien war,

 

Ob Zwei in Einem, wer begreift es, wehe!

 

Nur dem, der's so geordnet, ist das klar.

127

Am Fuß der Brücke hob er in die Höhe

 

Den Kopf, wie eine Leuchte, das versteh'n

 

Wir so ihn besser könnten aus der Nähe,

130

Und sprach: "Du, der du athmend durftest geh'n,

 

Zu schau'n die Todten, hast hier in den Gräben

 

Du einen Schmerz gleich meinem Schmerz geseh'n?

133

Damit du meiner dort gedenkst im Leben,

 

So wisse, daß ich Bertram bin von Born,

 

Der Trost Johann dem König nie gegeben;

136

Denn Vater hetz' ich auf und Sohn zum Zorn,

 

Wie Architophel, Absalon entzweite

 

Mit David, brauchend gift'ger Worte Sporn.

139

Weil Engverbundne ich getrennt, trag' heute

 

Mein Hirn ich fern vom Lebensursprung hier,

 

Dem Herzen, das in meines Rumpfes Seite.

142

So ward Vergeltungsrecht geübt an mir."      30.01. 2007

29. Gesang

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