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Uebersicht

Die Hölle. 31. Gesang.
S. 139-43  
       Der 31. Gesang führt uns zu den Riesen, Urwelts-Gestalten, allen Mythologien gemeinsam. Genannt werden: Ephialtes, dem Homer neun Klafter Höhe giebt, Briareus der hundert Arme hat, Titius und Typhoeus, und endlich Anteus, der Sohn der Erde, der in Lybien bei Zama, wo Scipio den Hannibal besiegte, sich von erjagten Löwen nährte und rings die Bewohner tödtete, der Erde Sohn, welcher stets neue Kräfte gewann, wenn er niederstürzte und so der Mutter Schooß berührte. Auch ihm machte Hercules den Garaus, indem er ihn in die Höhe hob, also von der Muter entfernte und erwürgte. Dieser, nicht gefesselt wie die andern, weil er nicht im Kampf gegen die Götter war, läßt sich willig finden, die Wanderer in den tiefsten Höllenschlund hinabzutragen. In diesem Gesang sind so viel einzelne interessante Bezüge, daß mir nichts Anderes übrig bleibt, als sie ohne Zusammenhang einzeln zu erwähnen. Was von Achilles Lanze gesagt wird, bezieht sich auf folgende Sage: Telephos, König von Mysien, war durch Achilles Lanze verwundet und konnte nur dadurch geheilt werden, daß man ihm den Rost eben jener Waffe auf die Wunde that. Das Horn, welches geblasen wird, mahnt an Rolands Horn nach der Schlacht bei Roncevalles gegen die Saracenen, mit dem er Carl den Großen zur Hülfe rufen wollte. Montereggione, dessen man gedenkt, ist eine sienensische Festung, die Carisenda dagegen einer der vielen schiefen Thürme Bologna's. Unter dem Thal, wo Scipio Ruhm erwarb, wird Zama in Afrika verstanden, bekannt durch den großen Sieg der Römer über Hannibal. Die Worte, welche Nimrod ausruft, sollen heißen: "wie er nicht dreist dahergeht, Ihr Wässer des Abgrunds, der irdische Knabe!" Bei dem Gang des Virgil durch die Unterwelt, auf den er früher schon hingedeutet hat, rief ihm Nimrod diese zu. Andere sagen diese arabisch-hebräischen Laute bedeuten: "Uebles schlingt, wer Uebles zu thun liebt" in Bezug auf die angerichtete Sprachenverwirrung.
   
1   139   Die Zunge, die so tief mich erst verwundet,     
  Daß sich die Wangen färbten, gab nachher
  Arznei mir, durch die ganz ich bald gesundet.
4 Wie mit Achill's und seines Vaters Wehr,
  So ging's auch hier, denn böses Handgeld reichte
  Im Anfang, gutes dann zum Schluß der Speer.
7 Wir gingen schweigend fort und bald erreichte
 

Den Felskamm ich, der abschließt diese Gruft. 140 

 

Hier war's, wo sich das nächste Thal uns zeigte!

10

Nicht Tag, nicht Nacht herrscht hier in dieser Kluft.

 

Nichts unterschied ich an den Felsenlehnen,

 

Doch hört' ein Horn ich blasen durch die Luft,

13

So laut, daß neben diesen Donnertönen

 

Dumpf klingen müßte, was ich je vernahm.

 

Entgegen wandt' ich mich dem wüsten Dröhnen

16

Und spähte nach dem Punkt, woher es kam.

 

Selbst Roland blies so stark nicht, als vorüber

 

Die Schlacht war, die einst Carl versenkt in Gram.

19

Nicht lange durch die Lüfte, trüb' und trüber,

 

Hat ich geblickt, da meint' auf Bergeshöh'n

 

Ich eine Stadt zu schau'n, und frug: "O Lieber,

22

Sag mir, was dort im Kreis für Thürme steh'n?"

 

Und er: "Es irrt die Phantasie, die schnelle,

 

Weil durch den Nebel du zu weit willst späh'n.

25

Die Täuschung siehst du ein an Ort und Stelle,

 

D'rum sporn' dich selbst, von Furcht nicht mehr gehemmt,

 

Daß Alles in der Nähe sich erhelle."

28

Und da er sah, wie mir die Brust beklemmt,

 

Nahm bei der Hand er mich und sprach: "Nun wisse,

 

Damit dir Alles nicht nachher zu fremd,

31

Daß dich das Bild getäuscht, das ungewisse.

 

Nicht Thürme sind's, nein Riesen ragen weit

 

Mit halbem Leib aus diesem Felsenrisse; -

34

Wie klar dem Blick wird, wenn der Dunst zerstreut,

 

Was eben noch ein Chaos ihm erschienen,

 

So schwand mein Wahn, doch wuchs zu gleicher Zeit

37

Die Angst, als nah' ich kam. Es füllten Hünen

 

Den Kreis vom Rand bis in die Mitte schon,

 

Da wo der Brunnen gähnt; ich sah nach ihnen

40

Mit Schauder hin, die schon von fernher droh'n.

 

Wie Thürme ragen eine große Runde,

 

Dort auf den Höh'n von Montereggion,

43

So ragten jene Riesen aus dem Schlunde,

 

Nach denen Jupiter den Donnerkeil

 

Geschleudert hat und schleudert bis zur Stunde.

46

Gesicht und Brust sah ganz ich nur, zum Theil

 

Den Leib, die Arm' und Lenden jener Wilden;141

 

Natur thut wohl, und uns gereicht's zum Heil,

49

Daß sie die Kunst verlernt solch' Volk zu bilden,

 

Und solche Schergen nicht dem Mars verschafft;

 

Ja preisen muß ich ihren Sinn, den milden,

52

Ob sie auch heut noch Elephanten schafft

 

Und Waale, denn wie furchtbar diese immer,

 

So sind der böse Wille doch und Kraft,

55

Wenn der Verstand sie unterstützt, viel schlimmer.

 

Jetzt plötzlich über mir im Dämmerlicht

 

Sah ich ein Antlitz riesenhaft, und grimmer

58

Als mir erschienen jemals ein Gesicht.

 

Dem Pinienapfel vor St. Peters Halle,

 

War's gleich, der lang und dick, schwer von Gewicht.

61

Die Glieder stimmten zu dem Kopfe alle;

 

Das Ungeheu'r maaß ohne ihn fürwahr,

 

Noch halb verborgen hinterm Uferwalle,

64

Der Schurzfell ihm für Leib und Beine war,

 

Nur mit dem Obertheil allein fünf Ellen.

 

Drei Friesen reichten noch ihm nicht an's Haar,

67

Und wollten aufeinander sie sich stellen.

 

Von da wo man am Hals zusammenfaßt

 

Den Mantel, bis zum Gürtel des Gesellen,

70

Maß seine mächt'ge Brust drei Palmen fast.

 

"Rafel mai amech zabi almi", schnaubte

 

Der Mund, für den ein süß'res Lied nicht paßt.

73

"Bei deinem Horn bleib, Seele, sinnberaubte,

 

Willst Luft du machen deiner Wuth, Gigant!

 

Am Hals hängt's dir dort unter'm Riesenhaupte!"

76

So sprach Virgil, und dann zu mir gewandt:

 

"Sich selbst verklagt er, weil durch ihn verloren

 

Die Sprache ging, die Jeder einst verstand.

79

Sieh Nimrod ist's, der größte aller Thoren;

 

Sprich nicht mit ihm, denn er versteht kein Wort,

 

Wie Niemand ihn, wo auch der Mensch geboren."

82

Wir schritten nach der linken Seite fort,

 

Wo bald, 'nen Büchsenschuß von dieser Stätte,

 

Wir einen größ'ren sahen noch als dort.

85

Ich kenne keinen Schmied, der Kräfte hätte

 

Zu fesseln diesen ungeheuren Mann,  142

 

Und doch schnürt jeden Arm ihm fest 'ne Kette,

88

Den auf der Brust, den auf dem Rücken an.

 

Fünfmal umwindet ihn die ehr'ne Schlinge,

 

So weit den mächt'gen Leib man sehen kann,

91

Der hoch hervorragt überm Uferringe.

 

Da sprach Virgil: "Der ist's, der frevelhaft

 

Sich wider Zeus empört, den Herrn der Dinge!

94

Fialtes sieh, der Proben gab von Kraft,

 

Als Furcht den Göttern einst die Riesen machten.

 

Jetzt rühren sich nicht mehr in solcher Hast

97

Die Arme, die er schwang in so viel Schlachten."

 

Und ich zu ihm: "Mein Wunsch, o Herr, ist groß,

 

Zu schau'n den Briareus, den ungeschlachten."

100

"Du wirst gleich Anteus sehn, der fessellos",

 

Rief er, "der redet und uns viel kann nützen,

 

Denn er trägt uns zum tiefsten Höllenschooß,

103

Der, den du sehn willst muß viel weiter sitzen,

 

Doch gleicht er, wisse, ganz hier dem Fialt,

 

Nur daß die Augen ihm noch wilder blitzen,

106

Auch ist gefesselt seine Urgestalt!"

 

Gerüttelt hat kein Erdstoß je, ich wette,

 

Den höcsten Thurm mit größerer Gewalt,

109

Als sich Fialt jetzt schüttelte; es hätte

 

Dier Furcht mich schon getödtet, wär ich da

 

Nicht eingedenk gewesen seiner Kette.

112

Wir eilten fort, bis wir dem Anteus nah,

 

Der abgesehn vom Haupt noch aus dem Schachte

 

Fünf Ellen ragt; als den der Meister sah,

115

Rief er: O du, der einst zur Beute machte

 

An tausend Leu'n in dem glückseel'gen Thal,

 

Dem Scipio seinen hohen Ruhm vermachte,

118

Da hier den Rücken wandte Hannibal,

 

O du, der Sieg den Brüdern hätt' errungen,

 

Enthieltest du des Kampfs dich dazumal

121

Nicht mit den Erdensöhnen, mit den jungen;

 

Komm, bücke dich, zieh uns kein schief Gesicht,

 

Und trag uns zum Cocytus eisbezwungen.

124

Laß geh'n zu Tifon uns und Ticius nicht,

 

Denn dieser kann, was hier man wünscht dir geben,143

 

Den Nachruhm, der fortan dir nie gebricht.

127

Sieh nur er lebt und wird noch lange leben,

 

Wenn Gnade vor der Zeit ihn nicht entführt."

 

Jetzt streckte aus, den Meister aufzuheben,

130

Die Hand sich, die einst Hercules gespürt.

 

Da rief, "komm her, ich fasse dich!" der Treue.

 

Und nun hielt ich mit Armen ihn umschnürt,

133

So daß ein Bündel ausgemacht wir Zweie,

 

Und als hinauf ich sah, von Angst bedrängt,

 

Da dünkt es mir, als stünde ich auf's Neue,

136

Dort wo die Carisenda überhängt,

 

Und im Moment, grad wo 'ne Wolke leise

 

Die Linie kreuzt, in der der Thurm sich senkt.

139

Den Anteus sah ich drohn in gleicher Weise,

 

Zu fallen schien auch hier auf uns die Last.

 

Da wünscht ich andre Pfade mir zu Reise,

142

Doch setzt' im Schlund, der Lucifer umfaßt

 

Und Judas birgt, er jetzt uns sicher nieder,

 

Und wie sich auf dem Schiff erhebt der Mast,

145

So richtete sich auf der Riese wieder.    31.01. 2007

32. Gesang

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