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Paradies. Vorrede.
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Für das Verständniß des dritten Theils der göttlichen Komödie ist es vor Allem nöthig, sich die Konstruction des Weltalls, welche im Anfang auseinandergesetzt worden ist, zurückzurufen. Im Paradiese wiederholt sich, jedoch in umgekehrter Weise, der Bau der Hölle; während sich in der Unterwelt die Kreise bei weiterem Fortschreiten verengen, dehnen sie sich hier aus. Der Vorhölle entsprechen die Kreise der Elemente; jene und diese sind eine neutrale Zone, nur ein Durchgang, eine Vorstufe. Da wir die Erde durchschneidend, bei den Antipoden herauskamen, den Berg des Purgatoriums bestiegen und auf dessen Spitze das irdische Paradies fanden, so stehen wir beim Beginn unserer Himmelfahrt noch auf unserem Planeten. Es gilt nun die Elemente als nächste Atmosphäre desselben zu durchkreuzen. Obgleich es vier gibt, so wird doch nur das Feuer in Betracht gezogen. Diese Inconsequenz stimmt aber mit der Natur, denn da Erde und Wasser überall vertreten sind, können sie keine besondere Umhüllung bilden, ebensowenig wie die Alles erfüllende Luft, wenn man nicht etwa einen Unterschied zwischen Aether und Luft macht. Aus dem elementaren Kreis, welcher noch nicht durch Geister belebt ist, schwingen sich die Himmelspilger in die Sphäre des Mondes auf, deren besondere Art noch später erläutert werden wird, von da Stufe für Stufe in die der andern Planeten, bis in's Empyreum, den Kreis des himmlischen Feuers, der geistigen Liebe. Von diesem, welcher am schnellsten kreist und die Bewegung des ganzen Weltalls anregt und beschleunigt, gelangen sie in den ruhenden Himmel, zur Anschauung Gottes. Das Aufsteigen geschieht unbewußt. Der Dichter bemerkt immer erst an der sich steigernden Schönheit seiner Geliebten, daß er (328) sich auf einer höheren Stufe befindet. Da für ihn das Gesetz der Schwere aufgehoben ist, zweifelt er, ob sein Leib noch ein irdischer sei. Das Wesen der Beatrice wird im Paradies ein doppeltes. Sie ist nicht allein das angebetete Mädchen, sie ist auch die Personification der Theologie, der Religion. Nur einem so großen Dichter war es möglich, ihr in dieser allegorischen Bedeutung ihre lebendige Individualität zu erhalten. Einem Andern wäre sie zum blassen Schemen erkaltet. Dieses angeborenen Feuers bedurfte es auch, um das Paradies nicht zu einem Lehrgedicht zusammenschrumpfen zu lassen. Da uns die Ansichten der bedeutenden Theologen, die Systeme der Philosophen, ja das ganze Lehrgebäude der Kirche darin auseiandergesetzt werden, könnte es uns nicht Wunder nehmen, wenn ein rein wissenschaftliches statt eines künstlerischen Werkes zu Stande gekommen wäre. Immer aber bleibt für den Laien hier noch viel zu überwinden. Unergründliches soll erklärt, Unglaubliches wahrscheinlich gemacht werden. Wir staunen über die Naivität, und im nächsten Augenblick hinwiederum über die Spitzfindigkeit in diesen Auseinandersetzungen. Und doch müssen ehemals diese Beweisführungen annehmbar, diese Haarspaltereien wichtig erschienen sein. So verschieden ist eine Zeit von der andern, so haben sich die Menschen gewandelt, denn die hier niedergelegten Ansichten sind ja nicht allein die persönlichen des Autors, sondern auch die der Mitlebenden. Wohltuend ist es, wenn die Scheingründe, wenn das Winden und Drehen und Verdrehen plötzlich bei Seite gelassen wird, um den Menschen auf den Glauben, auf das kindliche Gottvertrauen zu verweisen. Trotz all' dieses Theoretisirens führt uns der Dichter aber doch auf grüne Weide. Das Gleichgewicht zwischen scharfem Verstand und warmem Gefühl wird immer wieder hergestellt. Ueberquellende Begeist'rung, flammende Liebe leitet uns stets neue Ströme der Erquickung zu. Die höchste Aufgabe aber erfüllt er, indem er uns wenigstens einen annähernden Begriff von der Seligkeit giebt. Wer hat nicht schon versucht sich von diesem Zustand eine Vorstellung zu machen. Der schweift dabei im Eden des Muselmanns umher, der nimmt am Gastmahl des Lucull Theil, der ringt siegreich um den Olympischen Preis. Diese Bilder sind wie eine Photographie der (329) Seele, welche sie hegt. Die Meisten verzichten auf jede Vorstellung und erstreben einen Zustand der Ruhe, welcher aber nur als Gegensatz zum irdischen Gewühl Werth hat. Der Geist fühlt sich nicht glücklich in dauernder Ruhe, denn Ruhe ist ja nicht immer Frieden, Frieden, welcher ein gleichmäßiges , ungetrübtes Glücksgefühl bedeutet. Bethätigung seiner Kräfte, freie Bewegung, Entwicklung verlangt der Geist. Diese hat ihm der Dichter im vollsten Maaße gegönnt. Und wunderbar hat er die neuen Errungenschaften der Naturkunde, von denen damals Keiner einen Begriff haben konnte, vorausgeahnt und zu seinem dichterischen Zweck verwerthet. Wir wissen jetzt Alle, daß Licht und Ton Wellenschwingungen der Luft sind, also Bewegung. Was ist das Kreisen der Gestirne, der Sphärengesang denn anders? Vom höchsten Licht, der Gottheit, strömen die Strahlen herab auf die Geister; einer wirst sie auf den andern wie Spiegel, in ewiger Wechselwirkung, herüber und hinüber. Dies Licht erzeugt den Ton und diese Klänge fließen zur göttlichen Harmonie zusammen. Recht entzetzt werden aber diejenigen sein, welche den Tanz als etwas Frivoles ansehn, und ihm nicht den Namen einer Kunst zugestehen wollen, wenn sie hier den Reigen und Runden zuschauen müssen, in denen sich die Geister durch den Aether schwingen. Selbst diejenigen, welche eine kurze Ruhepause machen, begleiten diese seligen Tänzer, in ihren Anblick versunken, mit herrlichen Gesängen. Sie geben ihre Freunde durch ein höheres Ausstrahlen ihrer Lichtatmosphäre kund, welches bei ihnen unser Lächeln und Lachen vertritt. Fallen uns bei dieser Schilderung nicht die naiven Darstellungen der Florentiner ein, wo wir die geflügelten Musikanten mit ihren Geigen und Cymbeln, wo wir lieblich bewegt die Engel und Seligen, wie zum Tanze gereiht um Mariens Thron versammelt sehn? |