Paradies. 1. Gesang. |
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Dante tritt mit Beatricen in den Kreis des Feuers ein. Der Eingang des ersten Gesanges betont den Unterschied der göttlichen Gegenwart im Paradiese und der göttlichen Allgegenwart in jedem andern Theil der Welt. Dann folgt, als echte Renaissance, die Anrufung des Apoll, wobei der Doppelgipfel des Parnaß, dessen eine Spitze dem Helios, die andere den Kamönen, d.h. den Musen geweiht war, vorkommt. Hier weist der Dichter auch auf den Wettkampf des Gottes im Flötenspiel mit Marsyas hin, welcher nicht allein besiegt, sondern auch noch der Scheide seiner Glieder, der Haut beraubt wurde, auf Daphne, die Tochter des Königs Peneus, die um den Apoll zu entfliehn in einen Lorbeer, hier peneisches Laub genannt, verwandelt wurde; der Stadt Cyrrha wird gedacht, welche am Parnaß liegt und die hier den Musenberg selbst vertritt. Astronomisch wichtig ist die Stelle, wo von einem Punkt, an dem vier Kreise sich durch drei Kreuze ziehn, geredet wird. Es sind dies die Kreuzungspunkte der Ekliptik, des Aequators, des Horizonts und der Koluren, also der Tag- und Nachtgleiche. Hier soll der Frühlingsanfang, die Neubelebung der Natur, damit bezeichnet werden. Diesen astronimisch-mathematischen Anschauungen ist auch die Theorie der Strahlenbrechung anzureihen. Ein Strahl der Gottessonne fällt in Beatricens Augen und wird von ihnen nach oben zurückgeworfen, einem Pilger vergleichbar, der nach der Heimath zurückeilt. Auf seinem Wege streift er des Dichters Auge und so entsteht zwischen ihm und der Gottessonne eine neue Wechselwirkung, wodurch Dante gottähnlicher wird und die Kraft erhält, in das volle Licht der Wahrheit zu blicken. Hier tritt die symbolische Bedeutung Beatricens als die Religion, welche den Menschen zur Erkenntniß Gottes heranzieht, besonders hervor. Der Zustand, welcher bei Dante geschildert ist, erinnert an den des Fischers Glaucus, welcher am Gestade der See von einem unbekannten Kraute kostete und dadurch zum Meergott wurde. Ovid läßt ihn von sich sagen: "Kaum noch hatte vom Saft, dem unbekannten, getrunken / Recht' die Kehl', als das Herz im Innern ich zittern mir fühlte./ Und von andrer Natur Sehnsucht hingerissen den Busen!"/ (332) Beatrice erklärt nun ihrem Getreuen das Aufsteigen Beider in höhere Regionen an der Natur des Feuers, welches auch immer in die Höhe lodern muß; so ist es auch mit der von göttlicher Liebe brennenden Seele. Es wäre logischer, meint sie, sich über das Herabströmen des Wassers zu wundern, als über das Aufsteigen des entflammten Geistes. Damit soll aber nun ein mögliches Herabsinken durch die Anziehung irdischer Kräfte nicht ausgeschlossen sein, wie es das Beispiel des Blitzes verdeutlicht, welcher ja Feuer ist und doch herabfahren kann. Die Gottessonne, die tönend kreist, das ganze Weltall bewegt und dabei herrliche Harmonien ausströmt, wird das große Feuerrad benannt. |
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| 1 | Des Allbewegers Glorie erhellt |
| Den Himmel und die Erde allerorten, | |
| Wenn auch gleichviel nicht jeder Theil der Welt | |
| 4 | In Licht empfängt. Jetzt aber war ich dorten, |
| In jener Sphäre, die zumeist verklärt | |
| Von seinem Glanz, und sah, was man mit Worten | |
| 7 | Nicht sagen kann, wenn man zurückgekehrt, |
| Denn wenn dem Ziel wir nahn, wächst die Erkenntniß, | |
| Doch wenn der Augenschein nicht mehr belehrt, | |
| 10 | Verdunkelt bald sich wieder das Verständniß. |
| Was aufgehäuft indeß ich liebevoll | |
| Im Geiste an Erinnerung und Kenntniß, | |
| 13 | Wie einen Himmelschatz, das Alles soll |
| Zum Inhalt dienen diesem letzten Sange. | |
| Mach zum Gefäß mich deiner Kraft, Apoll! | |
| 16 | Damit den Loorbeer ich von dir empfange; |
| Ein Joch war vom Parnaß genug mir jüngst, | |
| Jetzt thun, damit zum Ziele ich gelange, | |
| 19 | Mir zweie Noth! Wenn du mich ganz durchdringst, |
| O Gotteskraft, mir einhauchst solche Lieder | |
| Wie die, mit denen du zum Wettstreit gingst, | |
| 22 | Mit denen aus der Scheide seiner Glieder |
| Du Marsyas zogst, dann, wenn du mit mir bist, | |
| Geb' im Gesang ich auch den Himmel wieder! | |
| 25 | Dann tret' zum Baum ich, der dir theuer ist, |
| Und pflückt' vom Laube, dessen werth mich machten | |
| Mein Stoff und du! Da ach zu dieser Frist | |
| 28 | Nicht Kaiser, nicht Poet nach jenem trachten, |
| O willensschwach Geschlecht, o Schmach, o Hohn! | |
| So freut, wenn nach des Peneus Laub mir schmachten, | |
| 31 | Sich Delphi's heitrer Gott. Oft folgte schon |
| Die große Flamme, sichtbar in der Runde, | |
| Dem Fünkchen nach. So wird mit hell'rem Ton | |
| 34 | Nach mir ein größrer flehn, und ihm zur Stunde |
| Giebt Cirra Antwort dann. Es steigt empor | |
| Des Weltalls Leuchte stets aus anderm Schlunde, | |
| 37 | Und nimmt, kommt sie an jenem Punkt hervor, |
| Wo durch drei Kreuze sich drei Kreise winden, | |
| Den besten Lauf, und aus dem Sternenchor | |
| 40 | Führt sie die besten mit, die Heil verkünden. |
| Der Weltstoff ist gefügig dann, sie mag | |
| Ihn mühlos kneten, bilden und verbinden. | |
| 43 | Von diesem Punkt aus hatte jetzt den Tag |
| Verlieh'n sie schon der einen Himmelssphäre, | |
| Indeß in Nacht gehüllt die andre lag. | |
| 46 | Weiß war der Himmel hier, der wolkenleere, |
| Und drüben schwarz. In diesem Augenblick | |
| Sah ich die Frau, nach links gewandt, die hehre, | |
| 49 | Grad' auf die Sonne richten ihren Blick! |
| So fest sah nie ein Aar in's Himmelsfeuer. | |
| Ein Strahl erzeugt den andern und zurück | |
| 52 | Strebt wie der Pilger, dem die Heimath theuer, |
| Der zweite Strahl nach oben. So entsprang | |
| Dem Strahl in ihren Augen gleich ein neuer, | |
| 55 | Der aus den ihren in die meinen drang, |
| Um dann zum Quell des Lichts zurückzustreben. | |
| Jetzt konnt' ich, ohne daß die Wimper sank, | |
| 58 | Grad' in die Sonne schau'n, wie nie im Leben. |
| Dort ist erlaubt, was hier erlaubt uns nicht, | |
| Dem Orte Dank, der uns von Gott gegeben | |
| 61 | Zum Wohnsitz war. Ich sah so lang in's Licht, |
| Bis, wie von glühndem Eisen, Funken stoben. | |
| Da plötzlich war's vor meinem Angesicht, | |
| 64 | Als bräche Tag auf Tag jetzt an da droben, |
| Als wär 'ne zweite Sonne dort entfacht. | |
| Die Augen wandte Beatrix nach oben; | |
| 67 | Mir war genug der Widerschein der Pracht. |
| Durch diesen Anblick ward verwandelt grade | |
| Wie Glaucus ich, den auch zum Gott gemacht | |
| 70 | Das Kraut, von dem er aß einst am Gestade. |
| Dies "übermenschlich werden", diesen Flug | |
| Der Seele, wer beschreibt's? Nur wer die Gnade | |
| 73 | An sich erfährt, dem ist dies Bild genug. |
| Ob sie mit dem zuletzt geschaff'nen Theile | |
| Nur meines Wesens in die Höh' mich trug, | |
| 76 | Ob nur mein Geist gelebt für eine Weile, |
| Ich weiß es nicht, doch du o Liebe weißt, | |
| Du ew'ge es, die mich geführt zum Heile. | |
| 79 | Jetzt, da hinaufgezogen ward mein Geist |
| Durch Harmonien, die im Aether schwammen, | |
| Entströmt dem Feuerrad, das tönend kreist, | |
| 82 | Blickt' ich empor und sah sich rings entflammen |
| So große Strecken, wie kein See bespült, | |
| Sei's, daß die Wasser aus den Wolken stammen, | |
| 85 | Sei's, daß ein Strom sich breite Betten wühlt. |
| Dies Leuchten regte auf und dieses Tönen | |
| Ein heiß' Verlangen, nie so stark gefühlt | |
| 88 | Als heute, nach Erkenntniß alles Schönen. |
| Die mich durchschaut, wie ich mich selbst durchschau, | |
| Gab Antwort eh ich frug und stillt' mein Sehnen. | |
| 91 | "Du machst dich selber irr", hob an die Frau, |
| "Bedenk, daß du nicht mehr aus Erden weilest. | |
| Kein Blitz schießt aus den Wolken dicht und grau | |
| 94 | So schnell herab, als wie hinauf du eilest." |
| Und ich: "Der Zweifel weicht, doch folgt ihm nach | |
| Ein zweiter, den vielleicht du auch noch heilest. | |
| 97 | Wie kommt's, daß zu durchschneiden ich vermag |
| Die leicht'sten Körper? giebt's hier keine Schranken?" | |
| Da sah sie an mich, hauchend sanft ein Ach! | |
| 100 | So blickt die Mutter auf den Sohn, den kranken, |
| Der irre spricht, mit zartem Mitgefühl. | |
| "Der Ausdruck ist der göttlichen Gedanken, | |
| 1+3 | Das Weltall! nichts ist da des Zufalls Spiel, |
| Gesetz und Ordnung herrscht ja, und die Spuren | |
| Der Gottheit, die der Dinge Grund und Ziel, | |
| 106 | Sehn staunend hier die höchsten Creaturen. |
| Geneigt nach ihrem Ursprung hin sind mehr, | |
| Sind minder die verschiedenen Naturen, | |
| 109 | Und nach verschied'nen Häfen ziehn durch's Meer |
| Des Sei'ns sie hin zum Land, dem sie entstammen. | |
| Es treibt sie, wie der Wind treibt das Gefähr, | |
| 112 | Ein innrer Drang; er zieht zum Mond die Flammen, |
| Er wirkt auch in den Herzen ruhelos, | |
| Durch ihn ballt sich die Erde fest zusammen | |
| 115 | Und reißt, was nah ihr kommt, in ihren Schooß. |
| Und nicht allein bewegt von solchen Trieben | |
| Sind niedre Wesen, vegetirend bloß, | |
| 118 | Nein, Wesen auch, die denken und die lieben. |
| Die Vorsehung, die Alles so gefügt, | |
| Und solch' Verlangen weckt in Jedem drüben, | |
| 121 | Erfüllt mit ihrem Licht, das nie versiegt, |
| Den Himmel, daß nicht nur er eine Weile, | |
| Nein ewig Frieden hat und ruhig liegt, | |
| 124 | Indeß das, was sich regt in höchster Eile, |
| Von ihm umschlossen kreist. Der Bogen schickt, | |
| Den Sehnsucht spannt, nach diesem Ziel die Pfeile. | |
| 129 | Wie durch die Form nur selten ausgedrückt |
| Des Künstlers Intention, da Hindernisse | |
| Das Material bereitet, so mißglückt | |
| 130 | Der Flug auch oft dem Geist, dem Weltgenüsse |
| Verlockend winken; offen steht die Bahn | |
| Nach untem Jedem auch. Durch Wolkenrisse | |
| 133 | Stürzt ja der Blitz herab, ob himmelan |
| Auch sonst das Feuer strebt. Mehr Wunder nehmen | |
| Darf dich dein Steigen nicht, als staunen kann | |
| 136 | Der, der die Wasser sieht zu Thale strömen, |
| Ein Wunder wär' es, stocktest du im Lauf, | |
| Da Hindernisse nicht wie dort dich lähmen; | |
| 139 | Viel eher stiege nicht das Feuer auf, |
| Als daß ein Geist beim Anblick solcher Wonne | |
| Am Boden bliebe;" sprach's, und gleich darauf | |
| 142 | Sahn ihre Augen wieder in die Sonne. 15.12.2006 |