Paradies. 3. Gesang. |
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| (341) Beatrix wird im Beginn dieses Kapitels die Sonne genannt, was leicht Anlaß zu Mißverständnissen geben kann. Das Gleichniß mit Narziß ist folgendermaßen zu verstehn: Der Jüngling hielt sein Spiegelbild im Bach für einen fremden, lebendigen Menschen, ich hielt, sagt Dante, die Gesichter, welche ich im Mond sah, für Spiegelbilder. Also war die Täuschung eine entgegengesetzte. Hier weilen Menschen, welche ihre Gelübde nicht ganz vollbracht haben. Von diesen Mondbewohnern erscheint zuerst Piccarda, deren Namen wir schon im Purgatorium hörten. Sie war die Schwester Corso und Forese Donati's, eine vornehme Florentinerin, durch Dante's Heirath mit ihm verschwägert. Schon hatte sie ihr Gelübde im Kloster der h. Clara abgelegt, als die Brüder sie zwangen, den Roselino della Tosa zu ehelichen. Dann tritt uns Constanze, die Tochter des Königs Roger von Sicilien entgegen. Nach dem Tode der übrigen Erben mußte sie das Kloster, in welches sie schon früh sich zurückgezogen hatte, verlassen und Heinrich VI., den deutschen König, heirathen. So wurde sie die Mutter Friedrich II. und brachte Sicilien den Hohenstaufen zu. Der Dichter, welcher diese die "Stürme aus Schwaben" heißt, also die unruhigen, weltbewegenden, sagt von ihr, sie habe nie den Schleier des Herzens, die Zurückgezogenheit und Zartheit des Gefühls, abgelegt. Wenn hier vom Latein in einer den Deutschen befremdlichen Weise geredet wird, so muß man bedenken, daß diese Sprache ja die Wurzel des Italienischen ist und zu Dantes Zeit noch von allen Gebildeten gesprochen wurde. Als Kern und Nerv dieses Gesanges betrachte ich die Auseinandersetzung in Betreff des verdschiedenen Grades der Seligkeit, welcher den Erlösten zu Theil wird. Man sagt ja "er ist in den siebenten Himmel versetzt" und frägt sich, "ist man dort glücklicher als im ersten?" Der Zustand ist allerdings ein erhöhter, je nach der Verfassung der genießenden Seele, aber Jeder ist gleich glücklich an seiner Stelle, Keiner möchte an einer (342) andern sein. Der Wille des Einzelnen stimmt ganz mit dem Willen Gottes, und darum ist Alles, was von diesem geordnet wird, auch dem, den es betrifft, das Willkommenste. Dies ist auch der Grund des vollkommenen Friedens aller Himmelsbewohner untereinander. Wer sich an seinem Platz eben am glücklichsten fühlt, wen sollte der beneiden. Und fühlen wir nicht schon Aehnliches auf Erden? wenn wir an einem heitern Frühlingsmorgen durch Wald und Wiese gehen, Wasser mit der hohlen Hand aus dem Bach schöpfen, unser Brodkrüstchen in den Quell tauchen, uns ein paar Vergißmeinnicht dazu pflücken, wen beneiden wir da! keinen König! So genügt uns schon auf Erden ein bescheidenes Glück; es muß nur gerade für uns passen. | |
| 1 | Die Sonne, die mit Liebe flammenheiß |
| Zuerst mein Herz erwärmt, die Sonne zeigte | |
| Der Wahrheit Antlitz mir, da durch Beweis | |
| 4 | Und Widerlegung sie mich überzeugte. |
| Daß von dem frühern Irrthum ich genas. | |
| Wollt' ich bekennen ihr, als meine Beichte | |
| 7 | Ich über himmlischer Vision vergaß; |
| Denn zart, wie dir dein Antlitz, nur noch blässer | |
| Als sonst es scheint, zurückwirft klares Glas, | |
| 10 | Wie es zurückwirft dir ein still' Gewässer, |
| Doch kein zu tiefes, da's sonst trüb am Grund, | |
| So zart, daß sich die Perle abhebt besser | |
| 13 | Von weißer Stirn, sah ich im Strahlenrund |
| Gesichter, hingehauchte, leicht umzogen, | |
| Die schon zum Reden öffneten den Mund, | |
| 16 | Wie ich es grad' gethan. Da ward betrogen |
| Vom Widerspiel des Wahns ich, lockend süß, | |
| Durch den der Mensch zum Quell einst hingezogen, | |
| 19 | Ich starrte in das Glanzmeer wie Narziß. |
| Nur Spiegelbilder glaubt' ich zu erblicken, | |
| Doch nun mich wendend, ward ich ungewiß, | |
| 22 | Weil ich kein Urbild sah in meinem Rücken, |
| Da schaut ich mein Geleite fragend an. | |
| Sie lächelte, o himmlisches Entzücken! | |
| 25 | Und lächelnd sprach sie: "Freund, dich täuscht ein Wahn, |
| Nicht Fuß kannst auf der Wahrheit Grund du fassen, | |
| Du starrst in's Leere, wie du's stets gethan! | |
| 28 | Ach die Gewohnheit kannst du noch nicht lassen!" |
| Die Wesen hier sind wirkliche Substanz, | |
| Zu höh'ren Sphären nur nicht zugelassen, | |
| 31 | Weil die Gelübde sie erfüllt nicht ganz, |
| Die sie gethan im Erdenleben hatten. | |
| Sprich, hör' und glaub'; des ew'gen Lichtes Glanz | |
| 34 | Wird nimmer, daß sie irre gehn, gestatten." |
| Da wandt ich mich zur Seele, die zumeist | |
| Mir Lust bezeugt zum Reden. "Edler Schatten, | |
| 37 | O sei mir gnädig," bat ich, "sprich o Geist, |
| Der du von Wonnestrahlen hier umflossen, | |
| Dich eines Glückes, das so süß ist, freust, | |
| 40 | So süß, daß der's nur faßt, der es genossen, |
| Sag' wie dein Name war und wie dein Loos?" | |
| "Dem guten Will'n wird nie das Thor verschlossen | |
| 43 | Von uns, wie's unser König nie verschloß, |
| Der will, daß wie er selbst, sein Hof auch handelt. | |
| Jungfrau und Nonne war ich, und so groß | |
| 46 | Ist jetzt mein Glück, daß es mich ganz verwandelt. |
| Doch bin ich schöner auch, du kennst mich jetzt! | |
| Piccarda siehst du, die mit dir gewandelt | |
| 49 | Auf Erden hat. Wir sind hierher versetzt |
| In diese Sphäre, die mit mindrer Eile | |
| Als alle kreist. Was Gott gefällt, ergötzt | |
| 52 | Auch uns, das ist's, warum ich gern hier weile, |
| Und diesen Ort hat Gott für uns gewählt, | |
| Weil die Gelübde nur vollbracht zum Theile, | |
| 55 | Die wir gethan, weil die Vollendung fehlt. |
| "Du schienst mir fremd, weil dich der Glanz, der hehre", | |
| Erwidert ich, "der Gottheit neu beseelt; | |
| 58 | Doch jetzt erkenn ich dich und fleh dich an, erkläre, |
| Was räthselhaft mir deucht, daß wie Latein | |
| Verständlich sei, was hier ich seh und höre. | |
| 61 | Verlangt ihr nicht an höh'rem Platz zu sein, |
| Wo Einsicht Ihr und Freunde Euch unzählig | |
| Erwerben könntet? würd' Euch das nicht freun?" | |
| 64 | Da lächelte sie zu den Andern fröhlich, |
| Und sie und alle schienen wonnerfüllt. | |
| "O Bruder", rief sie aus, "wir sind ja selig, | |
| 67 | Da durch die Liebe jeder Wunsch gestillt. |
| Wir wünschen das nur, was uns schon gegeben. | |
| Wir wären anders ja wie Gott gewillt, | |
| 70 | Verlangten wir uns höher zu erheben. |
| Dies Einigsein mit Gott ist auch der Grund | |
| Der Eintracht unter uns; verschiednes Streben | |
| 73 | Würd' schnell zersprengen unsern Friedensbund. |
| Der uns gewillt macht, was er will, zu wollen, | |
| Freut seines Reichs sich, und von Rund zu Rund | |
| 76 | Stimm'n dieser Ordnung zu, der wundervollen, |
| Die Geister, und sind grad' auf ihrem Stern, | |
| Am frohsten, weil sie wollen, was sie sollen. | |
| 79 | Sieh, unser Friede ist der Will'n des Herrn; |
| Er ist das Meer, zu dem sich hinbewegen | |
| Die Wesen, die er schuf, von nah und fern; | |
| 82 | Was die Natur gemacht, eilt ihm entgegen." |
| Jetzt faßt' ich's, daß im Himmel jeder Ort | |
| Das Paradies sei, thaut auch Gottes Segen | |
| 86 | In gleicher Art herab nicht hier wie dort. |
| Doch fühlt' ich mich gedrängt in solcher Weise | |
| Zu äußern durch Geberden mich und Wort, | |
| 88 | Wie der, gesättigt an der einen Speise, |
| Nun dankt für die, von der er aß genug, | |
| Indeß, um eine and're, höflich leise, | |
| 81 | Er noch zu bitten wagt. "O sag, welch' Tuch, |
| Das aufgespannt du auf dem Webestuhle," | |
| So bat ich, "ist's, das bis zum letzten Zug | |
| 94 | Du nicht vollendet hast mit deiner Spule?" |
| "Ein Weib lebt droben, höhrer Seligkeit | |
| Noch fähig, als wie wir; in ihrer Schule | |
| 07 | Trägt ihren Schlei'r man", sprach sie, "und ihr Kleid, |
| Damit man wach' und schlafe bis zum Grabe | |
| Mit dem Gemahl, den jed' Gelübde freut, | |
| 100 | Das Liebe dar ihm bringt als freie Gabe. |
| Ein Mägdlein zart, floh ich das Weltgewühl, | |
| Und hätte, was ich einst versprochen habe, | |
| 103 | Gehalten wohl bis an mein Lebensziel, |
| Wenn Menschen nicht, die mehr geübt im Bösen | |
| Als Guten, eingedrungen in's Asyl. | |
| 106 | Dem süßen Kloster, das ich mir erlesen, |
| Entriß man mich, und Gott weiß nur, mein Hort, | |
| Was, ach, mein Leben seit dem Tag gewesen. | |
| 107 | Die Leuchte, funkelnd mir zur Rechten dort, |
| So hell, weil alle Strahlen treffen müssen | |
| Der Sphäre, diesen Punkt, kann wohl mein Wort | |
| 112 | Auf sich bezieh'n; denn Nonne, mußt du wissen, |
| War diese drüben, und man hat ihr auch | |
| Die heil'ge Binde einst vom Haupt gerissen, | |
| 115 | Ganz wider ihren Will'n und frommen Brauch. |
| Doch legte nie sie ab des Herzens Schleier, | |
| Nein, diesen trug sie bis zum letzten Hauch. | |
| 118 | Der zweite Wind aus Schwaben war ihr Freier, |
| Der Dritte, der zuletzt regiert, ihr Sohn. | |
| Constanze ist dies reine Himmelsfeuer." | |
| 121 | Piccarda sprach's, und hob mit süßem Ton |
| Ave Maria an, und bei dem Schwellen | |
| Der Töne taucht' sie in das Glanzmeer schon. | |
| 124 | Ein schwerer Gegenstand sinkt in die Wellen |
| Des tiefen Sees, wie sie in dies Gestirn. | |
| Da wend' ich mich dem höh'ren Ziel, dem hellen, | |
| 127 | All' meiner Sehnsucht zu; doch strahlt die Stirn |
| Der Hehren solche Blitze aus, daß zagend | |
| Mein Aug' sich senkt', die Sinne sich verwirr'n, | |
| 130 | Ich schweig betreten, Wunsch und Wort vertagend. 31.12. 2006 |