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Uebersicht

Paradies. 5. Gesang.
   
       Im Beginn dieses Kapitels werden wir auf den Zusammenhang der irdischen Liebe mit der himmlischen aufmerksam gemacht. Dann spinnt der Dichter das Hauptthema des vorigen Gesanges weiter aus. Die Frage spitzt sich dahin zu, ob für ein gebrochenes Gelübde durch ein anderes Ersatz geleistet werden kann. Die Antwort ist in der That, was den Gegenstand selbst betrifft, ja, nur muß der Ersatz sich zum Ersetzten verhalten wie 6 zu 4, also vielleicht wie eine Pilgerschaft nach Jerusalem zu einer nach Kevelaar, welche man versäumt hat. Das Opfer des freien Willens, des Kostbarsten was der Mensch hat, also der Kern und Sinn des Gelübdes, kann hingegen nie durch irgend etwas Anderes ersetzt werden. Wenn von den Schlüsseln die Rede ist, so bedeutet das die Lösegewalt der Kirche. Dann wird auf Jephta's Gelübde und auf das des Agamemnon hingewiesen, und der Mensch davor gewarnt, nicht auf besondere außerordentliche Weise sein Heil suchen zu wollen. Die Juden, welche erwähnt sind, sollen hier Mönche bedeuten, welche für eine bestimmte Summe von Gelübden lossprachen. Am Schluß des Gesanges treten die Himmelspilger in den Mercur ein.  
   
1      "Siehst du in solcher Liebesgluth mich brennen,
  Hell, wie auf Erden nie ein Wesen glüht,
  Wie's deine Augen nicht ertragen können,
4 So staune nicht! denn siehe, es geschieht
  Solch Wunder nur an dem, der ohne Schleier
  Die Gottheit in vollkomm'ner Klarheit sieht.
7 In deinem Blick auch flammt solch Himmelsfeuer,
  Das Gegenliebe gleich in mir erzeugt,
  Denn auch was drüben dich verlockt, ward theuer,
19 Allein dir, weil sich solch ein Licht gezeigt,
  Durchschimmernd nur, da's Erdenstoff verhüllte,
  In Wesen, denen liebend du geneigt.
13 Du frugst vorher, ob Menschen, gutgewillte,
  Im Stand sind, durch Verdienste andrer Art
  Gelübde zu ersetzen, unerfüllte.
16 Die höchste Gabe, die verlieh'n uns ward,
  Uns Allen bei dem Eintritt in das Leben,
  Die Gottes Großmuth ganz uns offenbart,
19 Die er zumeist auch schätzt, und die gegeben
  Vernünft'gen Wesen nur, belebt vom Geist,
  Ist freier Wille! Diesen giebst du eben
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Zurück, wenn du dem Herrn, Gelübde weih'st!

 

Und diesen höchsten Schatz von allen Schätzen,

 

Wie kannst du, wenn du den Vertrag zerreiß'st,

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Den du mit Gott geschlossen, ihn ersetzen?

 

Mit diesem Raube willst du Gutes thun,

 

Und treibst doch Spott mit ewigen Gesetzen!

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Im Hauptpunkt hast du völl'ge Klarheit nun!

 

Und dennoch läßt der Zweifel dein Gewissen,

 

Und zwar aus guten Gründen, noch nicht ruh'n,

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Denn oft schon har die Kirche, wie wir wissen,

 

Gelöst den Schwur. Wer mag im Recht hier sein?

 

Bleib an der Tafel sitzen noch, den Bissen,

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Den harten zu verdau'n! sorg für Arznein

 

Aus deiner Vorrathskammer! suche Gründe,

 

Beweise, Schlüsse! kannst du's nicht allein,

37

So höre und behalt, was ich verkünde,

 

Denn Wissenschaft ist mehr als Hören nur,

 

Noth thut's, daß man behalte und begründe.

40

Gelübde sind von doppelter Natur;

 

Aus dem bestehen sie, was wir geloben,

 

Und aus dem Will'n zu halten solchen Schwur.

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Und nie darf dieser Wille aufgehoben,

 

Ersetzt nicht werden durch ein andres Pfand.

 

So wurden die Hebräer nicht enthoben

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Des Opferns, wenn auch oft der Gegenstand

 

Ein and'rer ward; doch darfst du umgestalten

 

Des Opfers Inhalt nicht auf eig'ne Hand,

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Nicht eh die Schlüssel, nach dem Brauch, dem alten,

 

Der weiß' und gelbe, sich im Schloß gedreht.

 

Auch muß des ersten Opfers Stoff enthalten

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Im Stoff des zweiten sein, wie viere geht

 

In sechs, des ersten Werth ist aufzuwiegen

 

Nur so, daß man des zweiten Werth erhöht.

55

Doch wenn ein Ding so schwer ist, daß beim Wiegen

 

Die Wage stets nach seiner Seite sinkt,

 

Was kann als Gegenzahlung da genügen?

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Treibt Spott nicht mit Gelübden, die Ihr bringt!

 

Denkt nach Ihr Menschen! seid nicht beim Versprechen

 

Wie Jephta blind, daß nicht Vernunft Euch zwingt

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Solch' übereilt Gelöbniß dann zu brechen!

 

Denn Jephta konnt' nicht halten seinen Eid,

 

Wollt er begehen nicht ein groß Verbrechen,

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So groß wie jenes, das einst vor dem Streit

 

Begangen ward vom Fürsten der Hellenen,

 

Ach eine That, um die bethaut zur Zeit

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Das Antlitz Iphigenie mit Thränen,

 

Und um die heut noch manche Zähre rinnt,

 

Von Weisen und von Thoren, Allen denen,

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Die hören was einst litt des Königs Kind.

 

Beginnt zu schnell doch nicht den Lauf, den raschen,

 

Seid wie die Feder nicht, die fliegt im Wind,

73

Glaubt nicht ein jedes Wasser könn' Euch waschen!

 

Ihr habt das alt' und neue Testament,

 

Ihr habt den Hirt der Kirche! müßt Ihr haschen

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Nach andrer Hülfe noch? Ihr Christen, könnt

 

Ihr so genug nicht thun zu Eurem Heile?

 

O, daß so mächt'gen Beistand Ihr verkennt!

79

Ruft nur, wenn And'rer Habgier treibt zur Eile,

 

"Wir sind nicht tolle Schaafe, wie Ihr wähnt,

 

Nein, Menschen sind wir!" Nehmt Euch Zeit und Weile,

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Daß nicht der Jude Euch nachher verhöhnt,

 

Seid nicht wie'n Lamm, das müd gesunder Nahrung,

 

Zu früh sich von der Muttermilch entwöhnt;

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Umher springt' blind und toll und ohn' Erfahrung

 

Und schädigt sich durch dummen Uebermuth."

 

Sie schwieg, und ich nach weit'rer Offenbarung

88

Begierig, wollte fragen, doch der Muth

 

Entsank mir, da sie sich der Himmelsgegend

 

Der Lebenspendenden, voll Sehnsuchtsgluth

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Schon zugewandt. Nach Osten mich bewegend,

 

Dem Pfeil gleich, der in's Ziel trifft, eh noch ganz

 

Die Sehne ruht, flog auf ich froh mich regend

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Mit ihr zum zweiten Stern; sein Strahlenkranz,

 

Wuchs an, seit Beatrix in ihn versunken.

 

Wenn hier ein Stern gelacht in höhrem Glanz

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Und sich verwandelt hat vor Wonne trunken,

 

Was mußt aus mir, der ich so wandelbar,

 

Erst werden bei dem Anblick. Tausend Funken,

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Bewegten auf uns zu sich, Schaar auf Schaar.

 

Oft sah, wenn etwas in den Teich fiel, schießen

 

Die Fische ich durch's Wasser sonnenklar,

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Nach Speise lüstern, die sie gern genießen;

 

So auch die Lichter in dem Strahlenmeer;

 

"Da kommen", hört' ich froh sie uns begrüßen,

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"Die Lieb' und Wonne bringen noch viel mehr!"

 

In Athemzügen hauchten diese Seelen,

 

Die selber fleckenlos und schattenleer,

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Die Strahlen aus. Hört auf ich zu erzählen,

 

Würd' nicht was ich begann zum Schluß gebracht,

 

O Leser, dann müßt' dich die Neugier quälen!

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Stell's vor dir, und du weißt, wie heiß gemacht

 

Die Angst mir, daß ich vom Geschick nichts höre

 

Der Geister, die ich sah in solcher Pracht.

115

"Zum Heil geborner, der das Reich der Ehre,

 

Die Stätten des Triumphs sieht, eh' er schied

 

Von dem im steten Kampf begriff'nen Heere."

118

So sprach ein Geist, "wir sind vom Licht durchglüht,

 

D'rum sätt'ge dich daran!" "O sprich und glaube,

 

Als wären's Götter," rief um mich bemüht,

121

Die Gute, die mich aufhob einst vom Staube.

 

"Du, der im eignen Licht birgt die Gestalt,

 

Wie'n Vogel sich im Nest birgt, unter'm Laube,

124

Im Licht, das froh aus deinen Augen wallt,

 

Sag, wer du bist? warum ist diese Stelle,

 

Die Euer Licht verdeckt, dein Aufenthalt?"

127

Als so ich bat, da strahlte doppelt helle

 

Die Wonne aus des Geistes Angesicht.

 

Der Sonneball, der aller Wärme Quelle,

130

Verschleiert selbst sich in dem eig'nen Licht,

 

Sobald die Hitze über Fluß und Weide

 

Den Nachtdunst fortgesogen feucht und dicht;

133

Gleich ihr barg sich der Geist im Glanz der Freude,

 

Der aus den eig'nen Augen ihm gesprüht,

 

Und sprach verborgen in der Strahlenscheide,

136

Das, was verkünden wird das nächste Lied.  19.12. 2006

6. Gesang

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