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Uebersicht

Paradies. 9. Gesang.
   
(369)   Beim Beginn des 9. Capitels muß man sich daran erinnern, daß Clemenza die Gattin Carl Martells ist. Dieser deutet noch mehr des kommenden Unheils, welches seiner Familie bevorsteht, an. Dann erscheint Cunizza, die Schwester Ezzelins von Romano, des Tyrannen von Padua, des Hauptes der Ghibellinen in Italien. Diese bekennt sich selbst als durch die Macht der Venus im Leben besiegt, dennoch ist ihr schließlich Gnade geworden, weil sie ein mildes Herz gehabt, viele vor der Grausamkeit ihres Bruders gerettet und mit seinen Opfern getrauert und geweint hatte. Sie sagt, daß sie sich selbst ihre Schuld vergeben habe, das heißt, ihrer nicht mehr eingedenk sei. Reue hört ja im Paradiese auf, da sie mit der Seligkeit nicht verinbar ist. Das Schloß des Grafen von Romano liegt zwischen dem Rialto, also Venedig, der Brenta und dem Piave. Cunizza weist auf den Geist Fulco's von Marseille hin, der großen Nachruhm errang, im Gegensatz zu ihren Landsleuten, welche sich darum nicht kümmern. Bei diesem Anlaß werden die Städte Padua und Vicenza, die Flüsse Etsch und Tagliamento, Sile und Cagnano in Oberitalien erwähnt. Der Regent, von dem wir hören, war Richard von Cammino, Herr von Treviso, gütig und beliebt, nur dem Einfluß des schönen Sterns zu sehr unterworfen. Da er Frauen und Töchter der Großen in Schmach brachte, ward ein Mörder gedungen, der ihn beim Schachspiel erschlug. Am schlimmsten kommt hier der Bischof von Feltro weg, welcher an einem großen Blutvergießen bei Ferrara Schuld gewesen sein soll. Der obenangeführte Fulco kann sich auch einer romantischen Vergangenheit berühmen. Sohn eines Genueser Kaufmanns, ergab er sich der sogenannten scienza gaja, der fröhlichen Kunst, und ward ein berühmter Troubadour.  Nach dem Tode seiner Angebeteten ging er in ein Cisternienser-Kloster und ward ein eifriger Verfolger der Albigenser. Als Beispiel berühmter Liebenden führt der Dichter Dido an, die für Aeneas den Holzstoß bestieg, und erwähnt dabei den Sichäus, den ersten Gatten der carthagischen Königin und die Creusa, die Gattin des Aeneas, deren Tod Virgil und nach ihm in herrlichster Uebersetzung Schiller so hoch poetisch beschreibt, ferner Phillis, die rhodopische Hirtin, von Demophon verlassen, und Alcides, also Hercules, welcher für Jole starb, dann zeigt sich uns Rahab, Vielen aus dem alten Testament bekannt, welche bei der Belagerung von Jericho den Juden half und deshalb Verzeihung für ihren leichtsinnigen Lebenswandel erhielt. Die Bemerkung mit der ausgeprägten Blume bezieht sich auf die Florentiner (370) Münze, den Florin. Zum Schluß werden die Päpste und die Cardinäle, welche nicht das Evangelium, sondern nur die Dekretalen, die canonischen Rechte studiren, herb getadelt. 
1      "Nachdem, o holdeste Clemenza, mir gezeigt
  Dein Carl die Wahrheit, sprach vom unheilvollen
  Geschick des Saamens er, den Ihr erzeugt.
4 Doch weil er schloß: "schweig, laß die Jahre rollen,"
  D'rum sag ich nichts mehr, als daß seiner Zeit
  Für große Schuld viel Thränen fließen sollen.
7 Zur Sonne, die Befried'gung Allem beut,
  War das lebend'ge Licht zurückgeflogen
  Und tauchte ein in ihre Herrlichkeit.
10 Weh' Euch Geschöpfen, die sich selbst betrogen,
  Da solchem Gut die Herzen Ihr enrtreißt,
  Und bäumt den Nacken, der sich nie gebogen."
13 Wie lächelnd man den Freund willkommen heißt
  Auf Erden, strahlte zu mir Liebesgrüße
  Mit höh'rem Funkeln hier ein neuer Geist.
16 Mir schien's, daß er die Lust vorausgenieße,
  Den Wunsch, den ich verbarg noch, zu erfüll'n.
  Da zugestimmt der Herrin Blick, der süße,
19 Bat jetzt ich: "Seele, thue mir den Will'n
  Und zeig mir, daß dein Glanz, wie'n Glas, das reine,
  Zurückstrahlt, was ich mir gedacht im Still'n!"
22

Und Jene, die versteckt im gold'nen Scheine

 

Gesungen hatte, sprach so froh bereit,

 

Als machte sie zu ihren Wünschen meine:

25

"In dem ital'schen Land, voll Geiz und Neid,

 

Da wo sich zwischen Piav' und Brenta Quellen

 

Und zwischen dem Rialto dehnet weit

28

Die Ebne aus, siehst du 'nen Hügel schwellen,

 

Von dem hinab einst jene Fackel schoß,

 

Die Aufruhr hat entflammt an vielen Stellen.

31

Mit dieser stamme ich aus einem Schooß.

 

Cunizza hieß ich, und ich darf hier glühen,

 

Weil dieser Stern bestimmte dort mein Loos.

34

Daß Liebe mich besiegt hat, hab' verziehen

 

Mir selbst ich jetzt; ich sag's, wenn stark auch dünkt

 

Den Thoren, die stets falsche Schlüsse ziehen,

37

Der Ausspruch, den ich that. Nun schau, hier blinkt

 

Das köstliche Juwel im Stern der Wonnen,

 

Ein solches, dessen Ruhm nicht eh'r verklingt,

40

Bis fünfmal ein Jahrhundert neu begonnen.

 

So hat der Geist, der mir zur Seite thront,

 

Ein zweites Leben auf der Welt gewonnen.

42

An diesem Beispiel siehst du wie sich's lohnt

 

Ein tüchtiger Mann zu sein; doch jene Heerde,

 

Die an der Etsch, am Tagliamento wohnt,

46

Kennt nicht solch' Ziel und zagt stets vor Beschwerde.

 

Trotz ihrer Niederlagen bleibt sie stumpf

 

Und büßt nicht, ob sie auch geschlagen werde.

49

Doch bald wird Padua kommen im Triumph,

 

Und jene Fluthen, die Vicenza waschen,

 

Verwandeln, färben wird es roth den Sumpf.

52

Wo der Cagnan dem Sile folgt, dem raschen,

 

Herrscht Einer, der den Kopf trägt allzuhoch,

 

Obgleich das Netz gespannt schon, ihn zu haschen.

55

Um seines Hirten That weint Feltro noch,

 

'Ne That, wie eine nie begangen haben,

 

Die, die man sperrt in Malta's Kerkerloch.

58

Wohl müßt' der Trog groß sein, gleich einem Graben,

 

Der bergen könnt' Ferrara's Blut; die Hand

 

Würd' lahm, die unzenweis wög' solche Gaben,

61

Wie er sie der Partei geschenkt zum Pfand.

 

Zu unsern Sitten passen sie, o Dichter,

 

Doch wahrlich nicht zu seinem Priesterstand!

64

Dort oben giebt es Spiegel, ew'ge Lichter,

 

Ihr nennt sie Throne; diese strahlen klar

 

Herab den Ausspruch uns, den fällt der Richter;

67

D'rum ist auch, was ich sagte, recht und wahr."

 

Sie schwieg, von anderm Wunsch nun eingenommen,

 

Und flog zurück zur frohbewegten Schaar.

70

Jetzt, wie'n Rubin, im Sonnenstrahl entglommen

 

Flammt' höher auf der Geist, von dem ich just

 

Durch Jene, daß berühmt er sei, vernommen.

73

Ein stärk'rer Glanz ist Ausdruck dort der Lust;

 

Sie offenbart sich droben durch solch' Strahlen,

 

Durch Lachen hier aus froh bewegter Brust,

76

Indeß dort unten die Gewissensqualen,

 

Durch tief're Schatten in dem Angesicht,

 

Das Elend der zerstörten Seele malen!

79

"Der Herr sieht Alles, und in seinem Licht

 

Erkennst du Alles auch! warum läßt tönen,"

 

So frug ich, "du denn deine Stimme nicht,

82

An der sich freut' der Himmel, wenn mit Jenen,

 

Die aus sechs Flügeln bilden ihr Gewand,

 

Vereint du singst?" Und er: "Es wär' dein Sehnen

85

Gestillt schon, hättest du es gleich bekannt,

 

Das größte Becken, außer jenem öden

 

Und wilden Meer, das rings die Welt umspannt,

88

Dehnt zwischen Ufern, die sich stets befehden,

 

So weit sich, daß der ganze Wasserpfad,

 

Vom Orient bis zu den letzten Rheden

91

Im Westen, wohl beträgt an neunzig Grad.

 

Da zwischen Macra, die auf kurzer Reise

 

Toscana trennt vom genueser Staat,

94

Und zwischen dem Gebiet, wo seine Gleise

 

Der Ebro zieht, lebt ich am Meeresbord.

 

Die Stadt liegt unter jenem Mittagskreise,

97

Der auch Buscheia überwölbt; ihr Port

 

Ward' heiß vom Blut einst bei dem großen Tödten.

 

Man hieß mich Folco, und berühmt war dort

100

Mein Name, als Bezeichnung des Poeten.

 

Von diesem Stern empfing die Signatur

 

Ich einst, und geb' sie selbst jetzt dem Planeten.

103

So lang mein Haar noch ohne Silberspur,

 

Hab' mehr als Belus Tochter, die betrübte,

 

Die Creusa kränkt' und Sicheus brach den Schwur,

106

Geglüht ich, mehr als der, der Jole liebte,

 

Heracles, als Rhodope, die entführt

 

Von Demofont, der dann Verath verübte.

109

Doch hier bereut man nicht, man jubilirt,

 

Nicht aber über Sünden, jetzt vergessen,

 

Nein, über jene Kraft, die uns regiert,

112

Und weil die gute Wirkung wir ermessen,

 

Die auf die unt're übt die Oberwelt.

 

Gestillt ist nun dein Wunsch; du frügst indessen

115

Mich gern wohl noch, was jenes Licht enthält,

 

Das blitzt wie'n Sonnenstrahl im See, dem glatten.

 

Sieh, Rahab ist's, die hier uns zugesellt

118

Im Kreis, an den noch streift der Erdenschatten.

 

Wie eine Palme aus des Siegers Hand,

 

Der Höll' und Tod sich unterworfen hatten,

121

Blieb sie, als des Triumphes erstes Pfand,

 

Zurück in diesem Stern. Sie ward erkoren,

 

Weil sie dem Josua half im heil'gen Land,

124

Das aus den Augen hat der Papst verloren.

 

Ach, deine Stadt, vom Dämon einst erbaut,

 

Dem ersten, der sich wieder Gott verschworen,

127

Der dort den Neid gepflanzt, ein Reis, bethaut

 

Von Thränen oft, sie prägte aus die Blume,

 

Die Schaf und Lamm weglockt vom saft'gen Kraut,

130

Und macht zum Wolf den Hirt im Heiligthume.

 

Der Papst liest weder Evangelium,

 

Noch Kirchenväter; nicht gereicht's zum Ruhme

133

Den Kardinälen, daß ihr Studium

 

Die Dekretalen nur, die Tag' und Nächte

 

Man wälzt, wodurch die Ränder rauh und krumm.

136

Wenn Einer nur an Nazareth noch dächte,

 

Wo Gabriel die Flügel aufgethan!

 

O, daß sein Rom der Herr erretten möchte!

139

Doch bald wirft ab die Schmach der Vatican;

 

Rein werden dann die Stätten, die befrei'ten,

 

Die Petri Krieger an dem Schluß der Bahn

142

Mit ihrem eig'nen Blut zum Friedhof weihten."   22.12. 2006

10. Gesang

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