Paradies. 11. Gesang. |
|
| In diesem Gesange setzt Thomas von Aquin das begonnene Gespräch fort, und löst die Zweifel des Dante betreffend den Satz: wo man sich mästet, und den: es kommt kein zweiter Geist. Jener bedeutet, wer auf der fruchtbaren Weide, zu welcher Dominicus seine Heerde führt, bleibt, dem wird es wohlergehen, und dieser bezieht sich auf Salomo, den kein Zweiter an Weisheit erreicht. Dann werden Dominicus und Franziscus charakterisirt, der eine als Cherubim, d. h. "Fülle der Erkenntniß", der Andere als Seraphim, "der Erwärmende". Die beiden Orden entstanden im Beginn des 13. Jahrhunderts, wurden erst von Papst Innocenz und später noch einmal von Honorius III. bestätigt. Ihre Tendenz, so wie die Hauptzüge aus dem Leben der Stifter sind bekannt. Diejenige der Franziskaner wird aufs lebenvollste durch die Ehe des h. Franz mit der Armuth veranschaulicht, mit der Armuth, deren erster Gemahl Christus war. Dabei hören wir den Schiffer Amyclas erwähnen, welchem die Armuth Schutz gewährte. Der flüchtende Cäsat klopfte eines Nachts an seine Hütte, um sich bei ihm zu verbergen und Amyclas öffnete ihm ohne Furcht, weil er nichts zu verlieren hatte. Als Hauptschüler des h. Franz werden der h. Bernhard, Egidius und Sylvester genannt. Aus seinem reichen Leben führt der Autor nur wenige Thatsachen an, so seine Missionsreise in den Orient und seinen Aufenthalt in Rom. Dann wird seiner Demuth gedacht, daß er sich, als sein Vater ihn verstoßen hatte, einen Bettler, Pier Bernardone, zum Vater annahm. Zuletzt bezieht sich Dante auf die Wundmale Christi, welche dem h. Franz eingedrückt waren. Assisi, sein Geburtsort, wird als auf einer Höhe liegend, von der bald heiße, bald kalte Winde durch das Sonnenthor in Perugia hereinwehen, geschildert, hier begrenzt vom Thal des Tupin, dort vom Fluß, der dem Hügel des h. Ubaldus entströmt. Gualdo und Nocera bergen sich hinter jener Höhe, Städte, welche unter der zeitweisen Herrschaft von Neapel gestanden haben sollen. | |
| 1 | O Sorge, thörichte, der Sterblichen, |
| Wie sind doch all' die Gründe dumm und schlecht, | |
| Die dich zum Fluge, zum verderblichen, | |
| 4 | Nach unten treiben! Der studirt das Recht, |
| Die Aphorismen der, zum Priesterstande | |
| Wär' dieser gern befördert, jener möcht' | |
| 7 | Regieren unumschränkt im ganzen Lande, |
| Sei's durch Gewalt, sei's auch durch Lug und Trug. | |
| Der geht auf Raub aus mit der wilden Bande, | |
| 10 | Der sucht Gewinn im Handel, rührig, klug, |
| Der jagt nach Sinnenlust. Im Weltgetümmel | |
| Hetzt sich der Mensch; doch ich nahm meinen Flug, | |
| 13 | Befreit von all' den Dingen jetzt zum Himmel. |
| Da jeder Geist zum Platz, wo erst er stand, | |
| Gelangt war in dem frohen Lichtgewimmel, | |
| 16 | Hielt an der Tanz. Wie Kerzen froh entbrannt |
| Auf Leuchtern, standen sie auf einer Stelle. | |
| Da sprach der Geist, der sich mir selbst genannt: | |
| 19 | "Weil mich durchdrängt das Gotteslicht, das helle, |
| In dem die menschlichen Gedanken all' | |
| Sich spiegeln, wie dies Bild in reiner Quelle, | |
| 22 | So ist's mit deinen Wünschen auch der Fall. |
Du meinst, erklären soll ich dir noch weiter |
|
Die Worte, die für dich noch leerer Schall: |
|
| 25 | "Wo man sich mästet, und es kommt kein Zweiter." |
Die Vorsehung, die keiner ganz durchschaut, |
|
Verlieh durch hohen Rathschluß einst zwei Leiter |
|
| 28 | Der mit dem Blut des Herrn erkauften Braut, |
Für die gesorgt er mit dem letzten Stöhnen. |
|
Zum Schutz der Treue ward sie anvertraut |
|
| 31 | Den Beiden, die zur Seite gehn der Schönen. |
Der Eine ist an Lieb' ein Seraphim, |
|
Der And're, den hier gleiche Strahlen krönen, |
|
| 34 | An Geist und Wissenschaft ein Cherubim. |
Ihr Wirken ging auf's selbe Ziel; d'rum loben |
|
Den Zweiten wir im Ersten. Wenn von ihm |
|
| 37 | Ich rede jetzt, wird Jener mit erhoben. |
Begrenzt auf einer Seite vom Tupin, |
|
Und auf der andern durch den Fluß, der droben |
|
| 40 | Von Sanct Ubaldus Hügel kommt, lacht grün |
Und fruchtbar an dem Berge eine Aue, |
|
Auf der unzähl'ge Pflanzen fröhlich blüh'n, |
|
| 43 | Am Berg, der durch das Sonnenthor bald laue, |
Bald kalte Winde nach Perugia schickt, |
|
Und hinter dessen Kamm, das Joch das rauhe |
|
| 46 | Neapels, Gualdo und Nocera drückt. |
Wo ausgezackt der Hang ist, ward geboren |
|
Die Sonne, welche du bei uns erblickt, |
|
| 49 | Die schöner ist, wie an des Morgens Thoren |
Die, die dem Gangesstrom entsteigt. Drum nennt |
|
Ascesi, Aufgang, nicht den Ort, erkoren |
|
| 52 | Zu solchem Ruhm, nein nennt ihn Orient! |
Noch war vom Ausgangspunkt am Horizonte |
|
Nicht weit des Licht, als Trost es schon vergönnt |
|
| 55 | Der Erde hat, die freundlich es besonnte. |
Früh zeigte sich die Tugend, da gefreit |
|
Er die, die keine Mitgift bieten konnte, |
|
| 58 | Die, die man minder nicht als Sterben scheut. |
Weil coram patrem er die Hochzeitsfeier |
|
Vollzog, kam mit dem Vater er in Streit. |
|
| 61 | Doch ihm ward mehr und mehr dir Gattin theuer, |
Die, seit ihr erster Gatte einst verschied, |
|
Wohl über tausend Jahr fand keinen Freier. |
|
| 64 | Was halfs ihr, daß sie nicht in Angst gerieth |
Bey Amyclat, als drohend einst geklungen |
|
Der Ruf des Mann's, vor dem die Welt geknieet. |
|
| 67 | Nichts hat's genüzt ihr, daß sie aufgeschwungen |
Zum Kreuz sich, da Maria unten blieb, |
|
Daß dort sie ihren Heiland noch umschlungen! |
|
| 70 | Des Muth's, der Treue wegen hatte lieb |
Sie doch kein Mensch, sie ward vielmehr geflohen, |
|
So daß man sie von jeder Thüre trieb. |
|
| 73 | Damit du nicht verkennst den Sinn, den hohen |
Der Rede, sag ich dir, daß dieses Paar, |
|
Dem Wonne lachte aus dem Blick, dem frohen, |
|
| 76 | Der heil'ge Franz und seine Armuth war; |
Solch' Bild des Glücks, auf dem manch' Auge ruhte, |
|
Weckt gleichen Wunsch in einer frommen Schaar, HK |
|
| 79 | Aus der St. Bernhard sich zuerst entschuhte; |
Wie rasch er lief, sich selbst erschien er träg. |
|
Egidius lief, Sylvester lief, der gute, |
|
| 82 | Dem Bräutgam baarfuß nach auf rauhem Steg, |
So sehr wuchs an der Braut das Wohlgefallen. |
|
Der Vater und der Meister zog jetzt weg |
|
| 85 | Mit seinem Weib und seinen Jüngern allen, |
Die umgelegt den Strick der Demuth schon. |
|
Nie ward von Herzensfeigheit Franz befallen, |
|
| 88 | Nie senkt' beschämt die Stirn er, wenn man Sohn |
Ihn Peter Bernadones hieß, wenn Leute |
|
Ihn überschütteten mit Spott und Hohn. |
|
| 91 | Nein, frank und frei, da Tadel er nicht scheute, |
Legt' Innocenz er vor dann den Beschluß, |
|
Hart schien er, ward bekämpft von mancher Seite, |
|
| 94 | Doch setzt der Papst sein Siegel drauf zum Schluß. |
Als nun das arme Völkchen wuchs, bescheerte |
|
Der heil'ge Geist ihm durch Honorius |
|
| 97 | Die zweite Krone; doch er selbst begehrte |
Noch die des Märtyrthums, und nach Byzanz |
|
Begab er sich zum Sultan; allda lehrte |
|
| 100 | Mit seinen Brüdern er, doch unreif ganz |
Fand er das Volk, des Sultans Herz verschlossen. |
|
Heim zog, um unnütz nicht zu leben, Franz, |
|
| 103 | Wo auf Italiens Flur mit den Genossen |
Von bess'rem Feld er reife Frucht gepflückt. |
|
Dort im Geklüft, vom Tiberstrom umflossen |
|
| 106 | Und Arno, ward das Siegel aufgedrückt |
Das letzte ihm; zwei Jahr hat er's getragen: |
|
Da dort er klein gemacht sich, und gebückt |
|
| 109 | Sich tief, sollt' er hier Viele überragen. |
Doch als auf Erden nicht mehr sein Verbleib, |
|
Und seine Brüder ihn umringt mit Klagen, |
|
| 112 | Vererbt' er ihnen sein geliebtes Weib. |
Aushauchen wollt' die Seele er, die klare, |
|
In ihrem Schoß, und auch für seinen Leib |
|
| 115 | Verlangte da er keine and're Bahre. |
Bedenk', wie groß muß der sein, den man dort |
|
Erwählt einst hat, daß er mit Jenem fahre |
|
| 118 | Und Petri Schifflein lenk' zum sichern Port, |
Ja, unser Patriarch war dieser Weise. |
|
Welch' gute Waare stets er führt an Bord, |
|
| 121 | Das merkt der, der ihm folgt auf seiner Reise. |
Sieh', unsre Heerde hing an ihrem Hirt, |
|
Doch sorgt sie gierig bald um neue Speise; |
|
| 124 | Nach manchem Seitensprung läuft sie verwirrt |
Durch ödes Land, wo Futter fehlt. Je weiter |
|
Ein Schaaf von seiner Hürde abgeirrt, |
|
| 127 | Je wen'ger Milch bringt's mit in seinem Euter. |
Noch giebt es Ein'ge, die behutsam klug |
|
Den Hirt umdrängen, suchend gute Kräuter; |
|
| 130 | Nicht sind's der Jünger viel; ein Stücklein Tuch |
Genügt ja schon für sie zu den Kapuzen. |
|
Dein Wunsch ist nun, sprach ich nur klar genug, |
|
| 133 | Erfüllt zum Theil; ich zeigte dir den Nutzen |
Des edlen Baums, zersplittert Stück für Stück |
|
Durch freche Hände, die die Zweige stutzen. |
|
| 136 | Nicht mehr kommst auf die Frage du zurück, |
Was wohl der unverstandne Satz bedeute, |
|
Den mahnend aussprach der, der trug den Strick: |
|
| 139 | "Man mästet sich, wenn man nicht schweift in's Weite." 24.12.2006 |