Paradies. 17. Gesang. |
|
| In diesem Kapitel läßt Cacciaguida den Dante Blicke in die Zukunft thuen. So eifrig wie Phaeton, dem Epaphus die Abstammung von Phöbus abgestritten hatte, zu seiner Mutter Clymene eilte, um die Wahrheit zu hören, so eifrig verlangte der Dichter nach diesen Offenbarungen. Die Bemerkung, "derjenigen, welcher die Väter karg mache zum Geben," bezieht sich darauf, daß der Sonnengott dem Sohn jede Bitte zu erfüllen (407) versprach, dieser für einen Tag des Vaters Gespann verlangte, und in Folge davon umkam. Dante wird zum Fragen aufgemuntert, obgleich die Himmlischen seine Wünsche kennen, bevor er sie ausspricht. Ehe wir zur Thatsache kommen, giebt es noch eine schwierige Auseinandersetzung über das, was Zufall ist. Gott lenkt die wichtigen, auf rein geistigem Gebiet sich bewegenden Dinge, nicht aber die Vorgänge in der Elementarwelt; das Gleichniß mit dem Schiff bezieht sich darauf, daß er Alles voraus weiß, für ihn alles Gegenwart ist, daß er aber nicht bei allen Geschehnissen das bewegende Princip ist. So spiegelt sich ein auf dem Fluß fahrendes Schiff im Auge des am Ufer Stehenden; dennoch fällt es Keinem ein zu sagen, das Auge treibe das Schiff vorwärts. Um das Vertrauen darzulegen, welches Dante auf die Prophetengabe des Ahnherrn hat, führt er ein mathematisches Beispiel an. Diesem sind die überirdischen Dinge so klar, so unumstößlich bewiesen, wie man hier auf Erden nur mathematische Aufgaben beweisen, nur Zahlenverhältnisse klarlegen kann; z. B. den Satz, daß in einem Dreieck nur zwei stumpfe Winkel sein können. Dante erfährt nun von seinem Aeltervater, er werde in Bälde aus Florenz fortziehen, verbannt und sich selbst verbannend, wie Hyppolit, der Sohn des Theseus, vor den Verläumdungen seiner Stiefmutter Phädra aus Athen floh. Man beschuldigte ihn der Bestechlichkeit, der wahre Grund des Bannes aber war sein Widerstand gegen Carl II von Anjou und die Partei der Schwarzen. Der große Lombarde, der hier angeführt wird, ist Bartolomeo della Scala. Er war kaiserl. Vicar in Mailand und führte deßhalb zeitweise den Adler im Wappen. Das Wortspiel mit der Stiege bezieht sich auf Scala, d. h. Treppe. Can grande, hier genannt, ist uns bekannt als Herr von Verona, so wie Heinrich VII von Luxemburg, als der heiß ersehnte Retter Italiens. Der Baske, Papst Clemens V., Robert von Neapel, und Philipp der Schöne von Frankreich bilden die Gegenpartei. Der Ausdruck "Glossen" bedeutet Erläuterungen, ein Argument wird als "unumstößlicher Beweis" gebraucht. Wenn von dem Berg die Rede ist, so meint der Dichter den Berg des Purgatoriums. | |
| 1 | Wie der fühlt ich, der flog einst zu Climene |
| In Folge des vernommenen Gerüchts, | |
| Wie der, der Väter karg macht gegen Söhne; | |
| 4 | Und so ward auch von Seiten jenes Lichts |
| Und der, die jetzt hinzutrat, meiner Stütze, | |
| Mir nachgefühlt. "Hinzu kannst fügen nichts | |
| 7 | Zu unserer Erkenntniß du, doch nütze |
| Ist's dir, sich zu gewöhnen frei und frank | |
| Den Durst gleich zu gestehn und seine Hitze, | |
| 10 | Dann reicht dir mancher wohl den Labetrank." |
| "O du, mein Stamm, stiegst auf zu solchen Höhen, | |
| Daß du viraussiehst unsern Lebensgang! | |
| 13 | Du siehst so klar, wie wir auf Erden sehen, |
| Daß stumpfer Winkel zwei nur, niemals mehr, | |
| In eines und dasselbe Dreieck gehen, | |
| 16 | Du siehst, was werden wird, als wenn's schon wär, |
| Weil auf den Punkt du immer schaust, den einen, | |
| Vor dem vergangne Tage inhaltschwer, | |
| 19 | Und die zukünft'gen gegenwärtig scheinen. |
| Als mit Virgil ich noch zusammenging, | |
| Mit ihm hinabstieg, wo die Todten weinen, | |
| 22 | Und auf den Berg klomm, wo in jedem Ring |
Sich Seelen läutern, war's, wo Worte, schlimme, |
|
| Von meinem künft'gen Leben auf ich fing. | |
| 25 | Jetzt sage nicht ich vor des Schicksals Grimme, |
Drum ist's am Besten, da ich stark genug, |
|
Daß ich mein Schicksal hör' durch deine Stimme. |
|
| 28 | Der Pfeil, den wir gewahren schon im Flug, |
Trifft nicht so scharf, weil er an Kraft verloren. |
|
Nun gab er nicht mit manchem Winkelzug |
|
| 31 | Mir Auskunft, wie das thaten wohl die Thoren, |
Bevor noch Gotteslamm als Opfer fiel, |
|
Orakel, auf die viele Heiden schworen, |
|
| 34 | Nein klar und deutlich im latein'schen Styl. |
Ereignisse, die in den Kreis gehören |
|
Der Welt des Stoffs, wo herrscht des Zufalls Spiel, |
|
| 37 | Sind in dem Antlitz Gottes, in dem hehren, |
Vorauszulesen, eh' sie noch geschehn; |
|
Doch denkt nicht, daß vorausbestimmt sie wären. |
|
| 40 | Wer dächte, hätte er das Bild gesehn |
Des Schiffes auf der Fahrt sich deutlich spiegeln |
|
Im Auge derer, die am Ufer stehn, |
|
| 43 | Wer dächte, treiben könnten oder zügeln |
Die Blicke solch' ein Schiff? nein selbst der Thor |
|
Denkt, daß nur Wind und Strömung es beflügeln. |
|
| 46 | Wie Orgelton von ferne dringt an's Ohr |
Harmonisch süß, so schweben meinen Blicken |
|
Stets nah und näher Zukunftsbilder vor. |
|
| 49 | Sieh vor der Stiefmutter und ihren Tücken |
Ist Hyppolit entflohn einst von Athen, |
|
So wendest du auch Florenz bald den Rücken. |
|
| 52 | Man will's, erstrebt's und bald wird das geschehn |
Was da, wo Christus täglich man verhandelt, |
|
Ersonnen ward. Die Schuld wirft man auf den, |
|
| 55 | Wie's das Gerücht stets thut, der so mißhandelt, |
Doch wer der Schuld'ge ist, o das beweist |
|
Die Strafe bald, die Alles rasch verwandelt. |
|
| 58 | Verlassen mußt du, was du liebst zumeist. |
Der erste Pfeil ist's, der vom Bogen fliegen |
|
Des Bannes wird. Ach was du noch nicht weißt, |
|
| 61 | Das wirst erfahren du noch zur Genügen, |
Wie salzig schmeckt der Andern Brod, wie hart |
|
Der Gang, hinauf, hinab auf fremden Stiegen. |
|
| 64 | Doch mehr wird noch ein Übel andrer Art |
Belasten dich; ich meine der Genossen, |
|
Der thörichten und schlechten Gegenwart, |
|
| 67 | Die dich bekämpfen werden fest geschlossen. |
Doch wird ihr Antlitz bald vor Schaam und Scheu |
|
Sich färben, ganz mit Röthe übergossen, |
|
| 70 | Nicht deins, im Gegentheil du wirst dabei |
Trotz allem Haß gewinnen nur an Ehren, |
|
Weil du für dich allein warst 'ne Partei. |
|
| 73 | Der große Longobarde, der den hehren, |
Den heil'gen Vogel auf der Treppe hält, |
|
Wird dir den ersten Zufluchtsort gewähren. |
|
| 76 | Bei Euch geht's umgekehrt wie in der Welt |
Wohl sonst; rasch ist wer giebt, er giebt ja gerne, |
|
Und träg der bittet, weil es schwer ihm fällt. |
|
| 79 | Den wirst du schau'n, der hier von diesem Sterne |
Bei der Geburt so stark beeinflußt war, |
|
Daß seine Thaten man in weitster Ferne |
|
| 82 | Noch preisen wird. Da mehr nicht als neun Jahr |
Umkreist die Sphären ihn, kennt noch man drüben |
|
Ihn nicht, doch wird man's eher noch sogar |
|
| 85 | Als wie der Baske Heinrichs Glück kann trüben. |
Von seiner Tugend wird er den Beweis |
|
Dann geben, wie vom Feuer Funken stieben. |
|
| 88 | Die Großmuth, die nicht sparet Geld und Schweiß, |
Wird so bekannt, daß stumm nicht bleiben mögen |
|
Selbst Feindeszungen bei des Edlen Preis. |
|
| 91 | So harre denn auf ihn und seinen Segen, |
Der Arme an den Platz der Reichen setzt. |
|
Noch Vieles wirst von ihm du ein dir prägen |
|
| 94 | Doch mach's nicht kund!" Und Dinge sprach er jetzt, |
Die dem selbst, der sie einst wird miterleben, |
|
Unglaublich scheinen werden. Dann zuletzt: |
|
| 97 | "Das sind die Glossen, die ich dir gegeben |
Zu dem, was du gehört, und das Projekt |
|
Ist dies mein Sohn, das bald schon tritt in's Leben, |
|
| 100 | Von wenig Jahreskreisen nur versteckt." |
Jetzt hörte plötzlich auf der Geist zu reden, |
|
Da schon vollendet war, was er bezweckt, |
|
| 103 | Denn eingeschlagen hatt' er alle Fäden |
Schon in's Gewebe, das ich dar ihm bot. |
|
Gewärtig jetzt der argen Schicksalsfehden, |
|
| 106 | That guter Rath mir, mehr als sonst noch, Noth. |
"Mein Vater," rief ich, "schon in großen Sätzen, |
|
Sprengt an das Schicksal, das mich lang bedroht, |
|
| 109 | Um bald die härtsten Schläge zu versetzen, |
Die den, der selbst sich aufgiebt und der flieht |
|
Noch mehr, als den der klug sich wehrt, verletzen. |
|
| 112 | D'rum waffn' ich mich mit Vorsicht, daß mein Lied, |
Wenn theure Orte man mir sperrt mit Gittern, |
|
Mir andre Zufluchtsstätten nicht entzieht. |
|
| 115 | Ich hörte in der Welt, der ewig bittern, |
Und auf dem Berg, zu dem mich dann erhöht |
|
Die Theu're, Frevel, die das Herz erschüttern, |
|
| 118 | Auch Schlimmes viel auf jeglichem Planet. |
Wollt ich's berichten, würd' die Kost, die sauer |
|
Und unverdaulich, von der Welt geschmäht! |
|
| 121 | Bin ich der Wahrheit Freund zwar, doch ein lauer, |
Steh ich nicht ein für sie, dann nach dem Tod, |
|
Dann steht es schlecht mit meines Namens Dauer! |
|
| 124 | Wie'n goldner Spiegel, von der Sonne roth, |
Ward jetzt der Herrin Glorie." Wahrlich zucken |
|
Wird nur ein bös' Gewissen, das bedroht |
|
| 127 | Sich von der Wahrheit fühlt! laß du sich jucken |
Den, der den Aussatz hat. Das herbe Kraut" |
|
So sprach sie streng, "ist es auch schwer zu schlucken, |
|
| 130 | Hat Nahrungsstoff, der, ist die Kost verdaut, |
Dem Körper neue Kräfte übermittelt. |
|
Drum sag, was du gehört hast und geschaut. |
|
| 133 | Dein Ruf soll wirken wie der Sturm, der schüttelt |
Die höchsten Gipfel nur mit vollster Kraft, |
|
Und minder an dem niedern Strauchwerk rüttelt. |
|
| 136 | Du siehst, daß groß dein Amt, und ehrenhaft. |
So zeigte man dir nur berühmte Seelen, |
|
Denn jedes Beispiel wirkt nur mangelhaft, |
|
| 139 | Und wird den richt'gen Eindruck stets verfehlen, |
Wenn nicht der Hörer seine Wurzeln kennt. |
|
Ja, wenn den tiefsten Grund wir ihm verhehlen, |
|
| 142 | Bezweifelt stets der Mensch ein Argument." 01.01.2007 |