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Paradies. 19 Gesang
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Adler spricht als Symbol der Gerechtigkeit. Von sich selbst sagt er: "Ich"
und "mein"; es könnte ebenso gut "Wir" und "unser"
heißen. Dieses Wortspiel bezieht sich entweder auf die Menge selbständiger
Wesen, welche ein Ganzes bilden, oder speciell auf Dante's Lieblingsidee,
die Weltmonarchie, aus allen Völkern der Erde bestehend. Ebenso seltsam ist die Verwechselung der Zahl I mit dem lateinischen Buchstaben I, [im Deutschen also [gotisches] I geschrieben]. Bei einigen der Herrscher, welche genannt werden, sollen sich die schlechten Eigenschaften wie M, mille, also tausend, zu I, d. h. Eins, verhalten. Diese sind Albert I, welcher seinen Schwager und Wohlthäter Wenzel IV. von Böhmen bekriegte, Philipp der Schöne von Frankreich, dem die Verfälschung der Münzen vorgeworfen, und an dessen Tod durch einen Eber, da er auf der Jagd umkam, erinnert wird, Eduard I. von England, der Eroberer Schottlands, Ferdinand IV. von Spanien und Wenzel IV. von Böhmen, beide ihrer Ueppigkeit wegen verrufen, der Lahme von Jerusalem, d.i. Carl II. von Anjou, Friedrich von Arragonien, Beherrscher der Feuerinsel, wo Anchises, der Vater des Aeneas, auf der Flucht von Troja starb, also Sicilien, Jacob und Peter von Arragonien, Oheime des vorher Genannten, Dyonisius von Portugal, mehr ein Handelsmann als ein Regent, Erich von Norwegen und Uros von Rascien (ein kleines, slavisches Königthum), welcher den venetianischen ähnliche Münzen schlagen ließ. Bezug wird noch genommen auf Ungarn und Navarra, welche Länder damals unter die Herrschaft der Anjous kamen, und auf Nicosia und Famagosta, zwei Städte in Cypern, welche Insel durch Heinrich und Almrich, Söhne Hugo des Großen, regiert wurden. Außer dem historischen Inhalt dieses Kapitels, finden wir hier noch einen philosophischen, welcher darin gipfelt, daß bei keiner Schöpfung die Gottheit ganz in das geschaffene Wesen überströme. Es bleibe, sagt der Commentar, immer noch ein Ueberschuß von Kraft. Nur im Wort, also in Christus, sei die volle Gotteskraft enthalten oder zum Ausdruck gelangt. Vom Schöpfer wird gesagt: "er drehe den Cirkel an der Welt Enden", eine Hindeutung auf die runde Gestalt des Universums. |
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| 1 | Das schöne Bild steht da mit offnen Flügeln, |
| In dem die Geister wie Rubinen glüh'n, | |
| Die hell die Sonnenstrahlen wiederspiegeln; | |
| 4 | Zurück fühlt' ich sie in mein Auge sprüh'n! |
| Was ich erzählen will von Wunderdingen | |
| Sprach nie 'ne Stimme, schrieb kein Stift je hin, | |
| 7 | Noch konnt' so hoch die Phantasie sich schwingen. |
| Der Schnabel that sich auf des Aars und sprach, | |
| Und "Ich" und "Mein", die Worte hört' ich klingen, | |
| 10 | Was "Wir" und "Unser" hier bedeuten mag. |
| "Weil ich gerecht war, bin ich aufgestiegen | |
| Zu hohem Ruhm! doch hülf nicht Gnade nach, | |
| 13 | Könnt' zu erlangen ihn kein Wunsch genügen. |
| Der Welt ließ einen Namen ich, so gut, | |
| Daß man ihn vielfach preist, doch nachzufliegen | |
| 16 | Um zu erringen ihn, hat Keiner Muth. |
| Wie viele Kohlen eine Hitze bilden, | |
| So einen Ton hier vieler Herzen Gluth." | |
| 19 | "Ihr Blumen auf den himmlischen Gefilden, |
| Ihr ewig blühenden, von Lust beseelt, | |
| Die eure Düfte ihr, die süßen, milden, | |
| 22 | Zu einem einz'gen Wohlgeruch vermählt, |
| Stillt meinen Hunger", bat ich, "mit der Speise, | |
| Die lange mir auf Erden schon gefehlt! | |
| 25 | Ist auch ein andres Reich in anderm Kreise |
| Der Spiegel göttlicher Gerechtigkeit, | |
| So schaut ihr doch, die ihr gerecht und weise, | |
| 28 | Sie auch in schleierloser Herrlichkeit. |
| Ihr kennt den Zweifel, an dem krankt mein Glaube, | |
| Ihr seht, daß ich zu lauschen froh bereit!" | |
| 31 | Wie'n Falke, wenn man abnimmt ihm die Haube, |
| Sich mit den Flügeln schlägt, den Kopf erhebt | |
| Und froh sich brüstet, eh er fliegt zum Raube, | |
| 34 | So that das Zeichen, wunderbar gewebt |
| Aus sel'ger Geister Hymnen und Akkorden. | |
| Dann sprach's: "Der, welcher die Natur belebt | |
| 37 | Und dreht den Cirkel an des Weltalls Borden, |
| Der Offenbares und Verborg'nes schafft, | |
| Hat, trotz des Universums, das geworden | |
| 40 | Durch ihn allein, erschöpft nicht seine Kraft; |
| Stets bleibt ein Ueberschuß; Gott ist enthalten | |
| Im Wort allein; da blieb nichts lückenhaft. | |
| 43 | Der erste Stolze fiel, weil vorenthalten |
| Ihm volle Klarheit ward, fiel wie vom Ast | |
| Die Früchte fall'n, die sich nicht ausgestalten. | |
| 46 | Wenn solch' Gefäß den Inhalt nicht gefaßt |
| Der Gotterkenntniß, wie sollt Ihr's vermögen, | |
| Und forschtet Ihr auch ohne Ruh und Rast! | |
| 49 | Wer könnte Unbegrenztes je umhegen, |
| Wer messen, was nur an sich selbst sich mißt? | |
| Da du ein Abglanz nur vom Strahlensegen | |
| 52 | Der Gottessonne, nur ein Fünkchen bist, |
| Wie könntest überschaun du da die hehre? | |
| Mit jener Einsicht, die verliehn dir ist, | |
| 55 | Und angeleitet durch die reine Lehre, |
| Suchst die Gerechtigkeit du zu verstehn; | |
| Doch geht es wie dem Wandrer dir am Meere, | |
| 58 | Dem's nah am Strand gelingt den Grund zu sehn, |
| Doch der, schifft er ins Meer hinaus, das große, | |
| Und dann hinabschaut, nie ihn wird erspähn. | |
| 61 | Die Höhle schloß ich auf, in deren Schooße |
| Verborgen saß vor dir Gerechtigkeit, | |
| So tief, daß dein Verstand, der einsichtslose, | |
| 64 | Sie nicht erkannt und stets die Frag' erneut: |
| Wenn fern am Indus kommt zur Welt ein Wesen, | |
| Da wo man nichts von Christus weiß bis heut, | |
| 67 | Wo man von ihm nicht schreibt, noch je gelesen, |
| Und dieser Mensch doch gut in Will'n und That | |
| Sich zeigt, kann er sich selber nicht erlösen? | |
| 70 | Geht er so weit auch auf der Tugend Pfad, |
| Als seine Fähigkeiten es erlauben | |
| Und menschliche Vernunft ihm hilft mit Rath, | |
| 73 | Und stirbt dann ungetauft und ohne Glauben, |
| Wo ist denn die Gerechtigkeit, die ach | |
| Verdamm'n ihn darf und ihn des Lohns berauben, | |
| 76 | Wo ist die Schuld, wenn Glaube ihm gebrach? |
| So frugst du oft, und ich frag' dich dagegen: | |
| Wer bist denn du, du, der ja blöd' und schwach, | |
| 79 | Daß du Gericht hier halten willst verwegen, |
| Und Dinge willst durchschaun, die mehr vielleicht | |
| Als tausende von Meilen abgelegen, | |
| 82 | Mit einem Blick, der kaum 'ne Spanne reicht, |
| Wie viele Zweifel würdet Ihr noch häufen, | |
| Gäb's nicht die Schrift, die kein Geklügel beugt, | |
| 85 | Die Glauben fordert, wo wir nicht begreifen. |
| Der höchste Wille, gut an sich, kann nie | |
| Wie'n andrer Wille hin und wieder schweifen. | |
| 88 | Gerecht ist was mit ihm in Harmonie; |
| Und dieser Wille wirkt, der ewig feste, | |
| Auf die erschaffnen Güter, aber sie | |
| 91 | In keiner Art auf ihn." Wie überm Neste |
| Der Storch zieht seine Kreise hoch im Blau'n, | |
| Der eben Nahrung bracht', die allerbeste | |
| 94 | Den Jungen, die nun dankbar nach ihm schau'n, |
| So schlug der Aar auch kreisend mit den Schwingen. | |
| Bewegt von Vielen, so auch mit Vertrau'n | |
| 97 | Blickt ich hinauf, ihm meinen Dank zu bringen. |
| Da hob er an: "Wie das Verständniß fern | |
| Dir meiner Worte, hörst du auch sie klingen, | |
| 100 | So geht's dir mit dem Rathschluß auch des Herrn!" |
| Jetzt wurde ruhig in dem Licherstrome | |
| Des heil'gen Geistes plötzlich Stern um Stern, | |
| 103 | Dann fuhr das Zeichen, das dem großen Rome |
| Stets Ehre brachte fort: "Zu keiner Frist | |
| Stieg auf ein Geist zu diesem Himmelsdome, | |
| 106 | Der nicht geglaubt hat an den heil'gen Christ. |
| Doch Viele beim Gericht, dem letzten, werden | |
| Dem Heiland ferner stehn, die Christ, o Christ, | |
| 109 | Jetzt rufen, als wie Jene, die auf Erden |
| Ihn nicht gekannt und lebten ohne Harm. | |
| Der Aetiope wird, wenn beide Heerden | |
| 112 | Sich scheiden, diese reich und jene arm, |
| Verdammen solche Christen. Was wird sagen | |
| Zu Eurer Kön'ge, Eurer Fürsten Schwarm | |
| 115 | Der Perser, wenn das Schuldbuch aufgeschlagen, |
| In dem die bösen Thaten angeführt. | |
| Dort ist auch Alberts That schon eingetragen, | |
| 118 | Die jetzt zum letzten Ziel die Flügel rührt, |
| Um zu verwüsten Prag, das viel umstritten. | |
| Vom Schaden liest man, den die Seine spürt, | |
| 121 | Weil Jener dort die Münzen hat beschnitten, |
| Der sterben wird einst durch ein Borstenvieh, | |
| Vom Stolz, der treibt zu frevelhaften Schritten | |
| 124 | Den Engländer und Schotten, und daß nie |
| Von Böhmen, dem das kleinste Werk gerathen. | |
| Bezeichnen wird man da mit einem I | |
| 127 | Die guten, mit 'nem M die bösen Thaten |
| Des Lahmen von Jerusalem; verdammt | |
| Wird, weil er schwelgt, der Herr der span'schen Staaten, | |
| 130 | Und der regiert die Insel, die da flammt, |
| Auf der Anchises schloß das lange Leben. | |
| Des Geiz'gen Werke werden insgesammt | |
| 133 | Mit abgekürzten Worten angegeben, |
| Zum Zeichen, daß sein Wirken ärmlich sei. | |
| Vom Ohm und Vater liest man darum eben, | |
| 136 | Weil ihren Stamm sie und der Kronen zwei |
| Mit Schmach bedeckt. Dann werden die verachtet, | |
| Die Norwegen bedrückt durch Tyrannei | |
| 139 | Und Portugal, und der, der schief betrachtet |
| Venedigs Stempel, Rachiens Fürstensproß. | |
| Gesegnet Ungarn, wenn du nicht geachtet | |
| 142 | Auf fremden Ruf! Gut ist Navarra's Loos, |
| Verschließt's sich in die Berge, die's umragen; | |
| Denn Jeder sieht, es ist ein Handgeld bloß | |
| 145 | Ein Vorgeschmack all' der zukünft'gen Plagen, |
| Nicosia's und Famagosta's Schrein, | |
| Die über ihre Bestie sich beklagen; | |
| Doch werden besser nicht die andern sein." 21.01.2007 | |