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Paradies. 20 Gesang
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| Seite 420-25 | |
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Diese Gesänge erscheinen mir in ihrem philosophischen Theil
ein unaufhörliches Ringen, Unerklärliches zu erklären, Ungerechtes
gerecht machen zu wollen. Ich finde sie daher voller Inconsequenzen.
Ein edler Geist geräth mit starren Doktrinen in Wiederspruch, will
sich selbst zwingen sie zu glauben und will sie Andern eingänglich
machen. Was Wunder, daß er "Nein" und "Ja" in
einem Athem sagt. Wie er mit der Gnadenwahl, mit der Taufe, mit Beseeligung
und Verdammniß fertig werden will, das muß der bescheidene
Commentator jedem Hörer oder Leser selbst überlassen. "Es
fällt auch Rhipheus, der Gerechtesten einer |
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| 1 | Wenn Jene, die das Weltenall durchfunkelt, |
| Herab durch uns're Sphäre steigt und ganz | |
| Der Tag erlischt, und rings der Himmel dunkelt, | |
| 4 | Dann zündet dieser, zu erneu'n den Glanz 422 |
| Den ihm die Sonne erst verlieh'n, die eine, | |
| Von tausend Lichtern an den Strahlenkranz, | |
| 7 | Der doch nur glüht in ihrem Wiederscheine. |
| Des Vorgangs dacht' ich, als der Adler schwieg, | |
| Und nun das Jauchzen all der Edelsteine, | |
| 10 | Im Bild der Weltherrschaft, zum Himmel stieg. |
| Ach, hätt' mein schwach Gedächtniß doch behalten | |
| Die Lieder, feiernd jenes Zeichens Sieg, | |
| 13 | Die aus dem Mund der Kön'ge hier erschallten! |
| O süße Liebe, die sich hier verhüllt | |
| In Lächeln hat, wie 'nes Mantels Falten, | |
| 16 | Mit heiligen Gedanken hast erfüllt |
| Du jeden Hauch aus diesen sel'gen Chören. | |
| Als ihre Lust sie am Gesang gestillt, | |
| 19 | Meint' eines Flusses Rauschen ich zu hören, |
| Der überschäumend springt von Stein zu Stein. | |
| Die Luft, geblasen durch Hollunderröhren | |
| 22 | Wird erst zum Ton im Zugloch der Schalmei'n, |
| Im Hals der Leyer, Summen erst zu Tönen, | |
| So wurde erst zu Worten, klar und rein, | |
| 25 | Im Schnabel jenes Aars das dumpfe Dröhnen, |
| Das gurgelnd aufstieg, als wär hohl sein Schlund, | |
| Zu Worten, deren ich geharrt mit Sehnen, | |
| 28 | Und die ich einschrieb mir im Herzensgrund. |
| "Blick", sprach er hin, "wo die Organe liegen | |
| Bei mir, die jeden Aar im Erdenrund | |
| 31 | Befäh'gen keck der Sonne zuzufliegen |
| Und ungeblendet ihre Pracht zu schau'n! | |
| Blick mir in's Auge, mein' ich; es besiegen | |
| 34 | Die Sterne funkelnd hier in meinen Brau'n |
| O schau, die andern all' an Strahlenfülle, | |
| Die meinen Umriß zeichnen hoch im Blau'n. | |
| 37 | Der schönste Stern, inmitten der Pupille, |
| War einst des heil'gen Geistes Sänger dort. | |
| Wo ihn umgab noch Eu're Erdenhülle; | |
| 40 | Die Arche brachte er von Ort zu Ort. |
| An seiner Seligkeit erkennt der Dichter, | |
| Welch' groß Verdienst und welchen Gnadenhort | |
| 43 | Ihm sein Gesang erwarb. Fünf weit're Lichter 423 |
| Steh'n gleich den Brau'n um meines Auges Kern. | |
| Ein König war und ein gerechter Richter | |
| 46 | Der, der zunächst am Schnabel steht, ein Stern |
| Der Trost der Wittwe für den Sohn gegeben. | |
| Wie schwer es wiegt zu folgen nicht dem Herrn, | |
| 49 | Das weiß er jetzt, da er dies Wonneleben |
| Geschmeckt, nachdem er erst die Hölle sah. | |
| Den über diesem du im Rund siehst schweben | |
| 52 | Der schob zurück den Tod, der ihm schon nah, |
| Durch wahre Buße. Was ihm sonst verborgen | |
| Begreift er jetzt, weil es ihm selbst geschah, | |
| 55 | Daß Gottes Ausspruch bleibt, ob auch zum morgen |
| Das heute macht des Würdigen Gebet. | |
| Bedacht für Volkswohl und Gesetz zu sorgen, | |
| 58 | In meinem Sinn, war der, der nah ihm steht; |
| Doch trug die gute Absicht schlechte Früchte. | |
| Zu Lieb' dem Hirten, den er selbst erhöht | |
| 61 | Und reich beschenkt, ward Grieche er. Dem Lichte |
| Hier ward es klar, ein schlechtes Resultat | |
| Des guten Will'n, dient keinem zum Gerichte | |
| 64 | Und ging die Welt auch unter. Groß im Rath |
| War der, der tiefer, Jenem steht zur Rechten, | |
| Guglielmo. Um den Todten klagt der Staat, | |
| 67 | Der mehr noch um die Lebenden, die schlechten, |
| Um Carl und Wilhelm weint. Sieh wie geneigt | |
| Der Himmel ist den Kön'gen, den gerechten, | |
| 70 | Und wie er's noch durch diesen Glanz bezeugt! |
| Wem, in der Welt des Irrthums, wem nur däuchte | |
| Es möglich, daß sich hier der Troer zeigt, | |
| 73 | Der edle Rhipheus, als die fünfte Leuchte. |
| Mehr weiß jetzt von der Gnade dieses Licht | |
| Als je die Welt begreifen wird, die seichte, | |
| 76 | Doch sieht bis auf den Grund selbst er noch nicht. |
| Der Lerche gleich, die auffliegt mit Gesange | |
| Und droben himmlisch froh in Tönen spricht, | |
| 79 | Und dann verstummt, entzückt vom letzten Klange, |
| Der Lerche glich dies Bild von Lust durchglüht, | |
| Das sprach und schwieg wie sie nach innerm Drange." | |
| 82 | Wie man des Hintergrundes Farbe sieht 424 |
| Womit das Glas gefüttert ist, das helle, | |
| So sah er Zweifel tief mir im Gemüth; | |
| 85 | Doch drängt er mich zu fragen auf der Stelle: |
| "O was ist dies?" eh er den Wunsch erfüllt. | |
| Jetzt strahlte höher jede Aetherwelle, | |
| 88 | Und heiß're Gluth im Blick sprach nun das Bild: |
| "Du glaubst an Alles, was ich kund that, gerne, | |
| Weil ich's gesagt, doch bleiben tief verhüllt | |
| 91 | Die Gründe dir, und das Verständniß ferne, |
| So wie der Worte innerer Gehalt. | |
| Dem gleichst du, der ob er auch vieles lerne | |
| 94 | Und in's Gedächtniß preßte, wohl Gestalt |
| Und Namen kennt der Dinge, nicht ihr Wesen. | |
| Es leidet ja das Himmelreich Gewalt! | |
| 97 | Gezwungen wird ja Gott uns zu erlösen |
| Durch heiße Lieb' und Hoffnung auf den Herrn, | |
| Ein Zwang, nicht menschlich, nicht im Sinn dem bösen, | |
| 100 | Denn zwingen läßt sich ja die Gnade gern, |
| Und die Bezwung'ne zwingt nun alle Herzen, | |
| Bezwingt durch Güte sie. Den ersten Stern | |
| 103 | Und fünften unter diesen Himmelskerzen |
| Siehst staunend du in göttlicher Region. | |
| So wisse denn, ihr Licht kann nichts mehr schwärzen, | |
| 106 | Denn nicht als Heiden, wie du annahmst schon, |
| Verließen ihren Leib sie und die Erde, | |
| Nein in dem Glauben an den Gottessohn, | |
| 109 | Der, daß er litt, der daß er leiden werde. |
| Den Einen rief das innige Gebet | |
| Zurück, des treu'sten Hirten seiner Heerde, | |
| 112 | Vom Ort, wo guter Wille nie ersteht; |
| Gott gab im zweiten Leben ihm, dem neuen, | |
| Das Jener ihm für kurze Zeit erfleht, | |
| 115 | Gelegenheit den Willen zu erneuen. |
| An ihn, der stets noch half, wo man ihn rief, | |
| Glaubt' er so fest dann, daß der Herr den Treuen | |
| 118 | Erlöst', da er zum zweitenmal entschlief. |
| So zog die Hoffnung ihn selbst aus der Hölle. | |
| Die Gnade deren Quell entspringt so tief, | |
| 121 | Daß Keiner noch erspäht die erste Welle, 425 |
| Trieb den zum Rechtthun, der beim Freudenfest | |
| Hier mit den Vieren strahlt an letzter Stelle. | |
| 124 | Da sein Vertrau'n und seine Tugend fest, |
| Gab Ahnung der Erlösung ihm die Gnade. | |
| Nun warf er ab des Heidenthumes Pest. | |
| 127 | Drei Frau'n, die du gesehn am rechten Rade, |
| Ersetzten ihm die Taufe, tausend Jahr | |
| Und mehr vor jedem solchem Sühnungsbade. | |
| 130 | O Gnadenwahl, verborgen, wunderbar, |
| Wie sind doch deine Wurzeln so entlegen | |
| Für den, dem nicht der tieffste Urgrund klar, | |
| 133 | Der nicht dir folgen kann auf dunklen Wegen. |
| Drum haltet Euch Ihr Sterblichen zurück, | |
| Ja urtheilt über And're nicht verwegen, | |
| 136 | Wir kennen, die wir Gott mit off'nem Blick |
| Doch schaun, noch nicht von den Erwählten Jeden! | |
| Doch trübt dies Nichtwissen kein himmlisch Glück, | |
| 139 | Denn mit dem ew'gen Will'n stimmt hier in Eden |
| Zusammen ja der ei'gne Herzensdrang." | |
| So gab mir für die Augen, für die blöden, | |
| 142 | Er süße Medizin. Wie dem Gesang |
| Der Lautenspieler folgt, und alle Lieder | |
| Begleitet und versüßt durch holden Klang, | |
| 145 | So flammte bei den Worten auf und nieder |
| Des hehren Bilds, der ein und andre Strahl, | |
| Und wie zugleich sich schließen Augenlider | |
| 148 | Und öffnen thaten Beide hier zumal. 22.01.2007 |