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Uebersicht

Paradies. 20 Gesang
  Seite 420-25

          Diese Gesänge erscheinen mir in ihrem philosophischen Theil ein unaufhörliches Ringen, Unerklärliches zu erklären, Ungerechtes gerecht machen zu wollen. Ich finde sie daher voller Inconsequenzen. Ein edler Geist geräth mit starren Doktrinen in Wiederspruch, will sich selbst zwingen sie zu glauben und will sie Andern eingänglich machen. Was Wunder, daß er "Nein" und "Ja" in einem Athem sagt. Wie er mit der Gnadenwahl, mit der Taufe, mit Beseeligung und Verdammniß fertig werden will, das muß der bescheidene Commentator jedem Hörer oder Leser selbst überlassen.

          Als der Adler, ein einziges Wesen darstellend, schweigt, beginnen seine Theile, nun zu besonderen persönlichen Geschöpfen werdend, in ihrer vollen Bedeutung hervorzutreten. Sechs Sterne bilden das Auge des Aars, und diese sind die gerechten Herrscher David, Trajan, Ezechias, Constantin, Wilhelm und Ripheus. David ist allgemein bekannt, auch Trajan ein guter römischer Kaiser, von welchem wir schon sein Mitleid mit der hülflosen Wittwe im Purgatorium rühmen hörten, und den Gregor der Große aus der Hölle losbat, so daß er zum Leben zurückkehrend dann sein Heil als Christ erwirken konnte, Ezechias, ein israelitischer Herrscher, welcher durch sein Gebet Verlängerung seines Lebens um 15 Jahre erhielt, worauf sich die Stelle bezieht: "ob auch zum morgen, das heute macht des Würdigen Gebet, so bleibt doch Gottes Wahrspruch bestehen". Dann Constantin, der Gründer des oströmischen Reiches, welcher der Kirche das erste weltliche Besitzthum schenkte. Hier knüpft der Dichter die Bemerkung an, daß der schlechte Ausgang einer gutgemeinten Handlung nicht das Verdienst desjenigen, welcher sie ausübte, schädigen kann. Der nächste Stern ist Wilhelm, König von Sicilien, aus normännischem Stamme, ein vortrefflicher Monarch, der Vorgänger der Hohenstaufen, dessen einzige Erbin, seine Tante, die schon früher genannte Constanze, aus dem Kloster genommen und Heinrich dem VI. vermählt ward. Den Schluß macht Ripheus, ein trojanischer Fürst, von welchem Virgil singt:

         "Es fällt auch Rhipheus, der Gerechtesten einer
         Unter dem Teukrervolk, und des Rechts getreuster Bewahrer."

         Von diesem Heiden wird gesagt, es hätten ihm die drei Tugenden, die wir am rechten Rad des Kirchenwagens im irdischen Paradiese den Reigen tanzen sahen, so kräftig zur Seite gestanden, daß er auch ohne Taufe selig geworden sei. Diese sind Glaube, Hoffnung und Liebe. Der Vergleich der untergehenden Sonne und der aufgehenden Sterne, welche ja auch wie hier angenommen wird, durch jene begläntzt sind und ihr Licht gleichsam unter sich vertheilen, bezieht sich auf den Adler und die einzelnen Funken. Er selbst tritt zurück und diese in den Vordergrund. Der Ort, wo guter Wille nie aufersteht, ist die Hölle.

1 Wenn Jene, die das Weltenall durchfunkelt,
Herab durch uns're Sphäre steigt und ganz
Der Tag erlischt, und rings der Himmel dunkelt,
4 Dann zündet dieser, zu erneu'n den Glanz  422
Den ihm die Sonne erst verlieh'n, die eine,
Von tausend Lichtern an den Strahlenkranz,
7 Der doch nur glüht in ihrem Wiederscheine.
Des Vorgangs dacht' ich, als der Adler schwieg,
Und nun das Jauchzen all der Edelsteine,
10 Im Bild der Weltherrschaft, zum Himmel stieg.
Ach, hätt' mein schwach Gedächtniß doch behalten
Die Lieder, feiernd jenes Zeichens Sieg,
13 Die aus dem Mund der Kön'ge hier erschallten!
O süße Liebe, die sich hier verhüllt
In Lächeln hat, wie 'nes Mantels Falten,
16 Mit heiligen Gedanken hast erfüllt
Du jeden Hauch aus diesen sel'gen Chören.
Als ihre Lust sie am Gesang gestillt,
19 Meint' eines Flusses Rauschen ich zu hören,
Der überschäumend springt von Stein zu Stein.
Die Luft, geblasen durch Hollunderröhren
22 Wird erst zum Ton im Zugloch der Schalmei'n,
Im Hals der Leyer, Summen erst zu Tönen,
So wurde erst zu Worten, klar und rein,
25 Im Schnabel jenes Aars das dumpfe Dröhnen,
Das gurgelnd aufstieg, als wär hohl sein Schlund,
Zu Worten, deren ich geharrt mit Sehnen,
28 Und die ich einschrieb mir im Herzensgrund.
"Blick", sprach er hin, "wo die Organe liegen
Bei mir, die jeden Aar im Erdenrund
31 Befäh'gen keck der Sonne zuzufliegen
Und ungeblendet ihre Pracht zu schau'n!
Blick mir in's Auge, mein' ich; es besiegen
34 Die Sterne funkelnd hier in meinen Brau'n
O schau, die andern all' an Strahlenfülle,
Die meinen Umriß zeichnen hoch im Blau'n.
37 Der schönste Stern, inmitten der Pupille,
War einst des heil'gen Geistes Sänger dort.
Wo ihn umgab noch Eu're Erdenhülle;
40 Die Arche brachte er von Ort zu Ort.
An seiner Seligkeit erkennt der Dichter,
Welch' groß Verdienst und welchen Gnadenhort
43 Ihm sein Gesang erwarb. Fünf weit're Lichter  423
Steh'n gleich den Brau'n um meines Auges Kern.
Ein König war und ein gerechter Richter
46 Der, der zunächst am Schnabel steht, ein Stern
Der Trost der Wittwe für den Sohn gegeben.
Wie schwer es wiegt zu folgen nicht dem Herrn,
49 Das weiß er jetzt, da er dies Wonneleben
Geschmeckt, nachdem er erst die Hölle sah.
Den über diesem du im Rund siehst schweben
52 Der schob zurück den Tod, der ihm schon nah,
Durch wahre Buße. Was ihm sonst verborgen
Begreift er jetzt, weil es ihm selbst geschah,
55 Daß Gottes Ausspruch bleibt, ob auch zum morgen
Das heute macht des Würdigen Gebet.
Bedacht für Volkswohl und Gesetz zu sorgen,
58 In meinem Sinn, war der, der nah ihm steht;
Doch trug die gute Absicht schlechte Früchte.
Zu Lieb' dem Hirten, den er selbst erhöht
61 Und reich beschenkt, ward Grieche er. Dem Lichte
Hier ward es klar, ein schlechtes Resultat
Des guten Will'n, dient keinem zum Gerichte
64 Und ging die Welt auch unter. Groß im Rath
War der, der tiefer, Jenem steht zur Rechten,
Guglielmo. Um den Todten klagt der Staat,
67 Der mehr noch um die Lebenden, die schlechten,
Um Carl und Wilhelm weint. Sieh wie geneigt
Der Himmel ist den Kön'gen, den gerechten,
70 Und wie er's noch durch diesen Glanz bezeugt!
Wem, in der Welt des Irrthums, wem nur däuchte
Es möglich, daß sich hier der Troer zeigt,
73 Der edle Rhipheus, als die fünfte Leuchte.
Mehr weiß jetzt von der Gnade dieses Licht
Als je die Welt begreifen wird, die seichte,
76 Doch sieht bis auf den Grund selbst er noch nicht.
Der Lerche gleich, die auffliegt mit Gesange
Und droben himmlisch froh in Tönen spricht,
79 Und dann verstummt, entzückt vom letzten Klange,
Der Lerche glich dies Bild von Lust durchglüht,
  Das sprach und schwieg wie sie nach innerm Drange." 
82 Wie man des Hintergrundes Farbe sieht  424
Womit das Glas gefüttert ist, das helle,
So sah er Zweifel tief mir im Gemüth;
85 Doch drängt er mich zu fragen auf der Stelle:
"O was ist dies?" eh er den Wunsch erfüllt.
Jetzt strahlte höher jede Aetherwelle,
88 Und heiß're Gluth im Blick sprach nun das Bild:
"Du glaubst an Alles, was ich kund that, gerne,
Weil ich's gesagt, doch bleiben tief verhüllt
91 Die Gründe dir, und das Verständniß ferne,
So wie der Worte innerer Gehalt.
Dem gleichst du, der ob er auch vieles lerne
94 Und in's Gedächtniß preßte, wohl Gestalt
Und Namen kennt der Dinge, nicht ihr Wesen.
Es leidet ja das Himmelreich Gewalt!
97 Gezwungen wird ja Gott uns zu erlösen
Durch heiße Lieb' und Hoffnung auf den Herrn,
Ein Zwang, nicht menschlich, nicht im Sinn dem bösen,
100 Denn zwingen läßt sich ja die Gnade gern,
Und die Bezwung'ne zwingt nun alle Herzen,
Bezwingt durch Güte sie. Den ersten Stern
103 Und fünften unter diesen Himmelskerzen
Siehst staunend du in göttlicher Region.
So wisse denn, ihr Licht kann nichts mehr schwärzen,
106 Denn nicht als Heiden, wie du annahmst schon,
Verließen ihren Leib sie und die Erde,
Nein in dem Glauben an den Gottessohn,
109 Der, daß er litt, der daß er leiden werde.
Den Einen rief das innige Gebet
Zurück, des treu'sten Hirten seiner Heerde,
112 Vom Ort, wo guter Wille nie ersteht;
Gott gab im zweiten Leben ihm, dem neuen,
Das Jener ihm für kurze Zeit erfleht,
115 Gelegenheit den Willen zu erneuen.
An ihn, der stets noch half, wo man ihn rief,
Glaubt' er so fest dann, daß der Herr den Treuen
118 Erlöst', da er zum zweitenmal entschlief.
So zog die Hoffnung ihn selbst aus der Hölle.
Die Gnade deren Quell entspringt so tief,
121 Daß Keiner noch erspäht die erste Welle,  425
Trieb den zum Rechtthun, der beim Freudenfest
Hier mit den Vieren strahlt an letzter Stelle.
124 Da sein Vertrau'n und seine Tugend fest,
Gab Ahnung der Erlösung ihm die Gnade.
Nun warf er ab des Heidenthumes Pest.
127 Drei Frau'n, die du gesehn am rechten Rade,
Ersetzten ihm die Taufe, tausend Jahr
Und mehr vor jedem solchem Sühnungsbade.
130 O Gnadenwahl, verborgen, wunderbar,
Wie sind doch deine Wurzeln so entlegen
Für den, dem nicht der tieffste Urgrund klar,
133 Der nicht dir folgen kann auf dunklen Wegen.
Drum haltet Euch Ihr Sterblichen zurück,
Ja urtheilt über And're nicht verwegen,
136 Wir kennen, die wir Gott mit off'nem Blick
Doch schaun, noch nicht von den Erwählten Jeden!
Doch trübt dies Nichtwissen kein himmlisch Glück,
139 Denn mit dem ew'gen Will'n stimmt hier in Eden
Zusammen ja der ei'gne Herzensdrang."
So gab mir für die Augen, für die blöden,
142 Er süße Medizin. Wie dem Gesang
Der Lautenspieler folgt, und alle Lieder
Begleitet und versüßt durch holden Klang,
145 So flammte bei den Worten auf und nieder
Des hehren Bilds, der ein und andre Strahl,
Und wie zugleich sich schließen Augenlider
148 Und öffnen thaten Beide hier zumal.  22.01.2007

21. Gesang

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