|
Paradies. 21. Gesang
|
|
| Seite 425-30 | |
| Saturn, zu welchem wir jetzt gelangen, ist der Aufenthalt der betrachtenden Seelen. Deßwegen finden wir dort Peter Damianus, Bruder der Genossenschaft aus der Einöde von Fons Avellami, ein betrachtender Orden, ähnlich den Karthäusern. Sein Kloster lag unter der Spitze Catria, am Apennin. Man zwang (426) ihn später Bischof von Ostia zu werden und viele wichtige Missionen zu übernehmen, bis er im Alter wieder zu der geliebten Einöde zurückkehrte. Dem Luxus des Clerus war er sehr abgeneigt, wovon ein Brief an die Kardinäle originelles Zeugniß giebt. Er lautet also: Die Würde eines Bischofs besteht nicht in den bethürmten Mützen von Fell oder den Pelzkappen überseeischer Thiere, nicht in flammenden Rosen von Marderfell unter dem Kinn, nicht in dem Putz umherflatternder Brakteaten, nicht in den dichten Schaaren gedrängter Krieger, nicht in den knirschenden und auf beschäumte Gebisse beißenden Rossen, sondern in der Ehrbarkeit der Sitten und der Uebung heiliger Tugenden. Peter nannte sich oft aus Demuth den Sünder; dasselbe that Peter Honestis, ein anderer Heiliger aus jener Zeit, weshalb vor Verwechslung gewarnt wird. Wenn Dante von Beatrice sagt, sie habe ihm das "Wann" und "Wie" angegeben, so muß man hinzusetzten, "er reden sollte". Mythologische Andeutungen sind das gold'ne Zeitalter des Saturn, also die älteste Periode der Menschheit, und der Tod der Semele, welche vor dem Feuer des ihr als Gott erscheinende Zeus zu Asche ward. | |
| 1 | Fest hingen wieder an der Herrin Zügen |
| Jetzt meine Augen, und sie zogen nach | |
| Das ganze Herz, da andre Wünsche schwiegen. | |
| 4 | Doch lachte sie wie sonst nicht, nein sie sprach: |
| "Wollt' lachen ich, mit Wonne, stets erneuter | |
| Würd's wie der Semele dir gehn, die ach | |
| 7 | Zu Asche ward! auf dieser Himmelsleiter. |
| Nimmt zu auf jeder Stufe Lust und Licht, | |
| So würde, stiegen weiter wir und weiter, | |
| 10 | Und dämpft ich dir zu Lieb mein Leuchten nicht, |
| Es keine ird'sche Fassungskraft ertragen. | |
| Du wärst wie'n Blatt vor meinem Angesicht, | |
| 13 | Versengt vom Blitz, vom Donnerkeil zerschlagen. |
| Zum siebenten Gestirn bist du geschweift, | |
| Das dicht beim Löwen steht in diesen Tagen, | |
| 16 | Wo sich die Wärme nun, die Kraft sich häuft. |
| Blick hin, zu Spiegeln mach' die Augen beide, | |
| Und du o Geist, der was sie schau'n begreift. | |
| 19 | Folg' ihnen nach"! - Wer wüßte, welche Freude |
| Mir's macht sie anzusehn, wüßt' auch wie gern | |
| Ich ihr gehorche, da der Augenweide | |
| 22 | Entsagt' ich, um zu schau'n in diesen Stern, |
| Der kreisend durch den Weltenraum, den weiten,427 | |
| Den Namen seines Führers trägt und Herrn, | |
| 25 | Des Führers, der gebracht die gold'nen Zeiten. |
| Ein Treppenbau stieg auf in dem Crystall, | |
| Nicht reicht so weit der Blick, als Stufen leiten, | |
| 28 | Und Funken thau'n herab wie'n Wasserfall. |
| Verschmolzen schienen mir in dem Gewimmel | |
| Zu einem Schimmer hier die Sterne all', | |
| 31 | Die einzeln aufgeh'n sonst am nächt'gen Himmel. |
| Oft hast bemerkt du wohl der Krähen Heer | |
| Bei Tagesgrau'n; sie machen ein Getümmel | |
| 34 | Nach Vogelart, und sausen hin und her, |
| Zu wärmen ihre Fedrn. Die entfalten | |
| Die Schwingen wohl auf Nimmerwiederkehr, | |
| 37 | Die drehn bald um, zurück zum Platz, dem alten, |
| Die kreisen um den Fleck, wo sie geruht. | |
| So flogen auch die Flämmchen, so sah halten | |
| 40 | Ich wieder sie, wenn eine Lichterfluth |
| Die and're staute. Eins, das noch geblieben | |
| Am längsten uns, wuchs auf zu solcher Gluth, | |
| 43 | Daß ich im Innern sprach: "Ich kenn dein Lieben, |
| Dies Funkeln sagt's mir!" doch es schwieg mein Mund, | |
| Wie sehr der Wunsch zu reden mich getrieben. | |
| 46 | Es schwieg ja die, die "Wie" und "Wann" mir kund |
| Bisher gethan. Indessen sah die Theure, | |
| In dem der Alles sieht, bis auf den Grund | |
| 49 | Des Herzens mir, und sprach: "Dein Fleh'n erneu're!" |
| Und ich: "Nicht werth der Antwort bin ich, Geist, | |
| Durch irgend ein Verdienst! Doch ach entschlei're | |
| 52 | Dich der zu Liebe, die mich bitten heißt. |
| O sag, warum stiegst du so freundlich nieder, | |
| Voraus den Andern, und warum nicht preist | |
| 55 | Man wie in tief'ren Kreisen Gott durch Lieder?" |
| Und er: "Denk' dein Gehör, wie dein Gesicht | |
| Sind sterblich! denk', warum gelacht nicht wieder | |
| 58 | Die Herrin! nur weil's dir an Kraft gebricht. |
| Ich stieg herab zu feiern dich, und Segen | |
| Und Lust dir zu verleih'n durch Wort und Licht. | |
| 61 | Die Liebe, die mich rascher dir entgegen |
| Als Andre trieb, die sich dort oben freu'n, 428 | |
| Kann, ob ich auch der Erste bin, deßwegen | |
| 64 | Nicht größer als der Andern Liebe sein. |
| Du siehst's daran, daß hoch wie ich sie wallen, | |
| Ja höher noch, in sternenhellem Schein. | |
| 67 | Doch hat's der ew'gen Güte so gefallen, |
| Die uns zu Dienern macht, wie hier sie that, | |
| Der Weltregierung; ja es wird von Allen | |
| 70 | Froh unser Amt erfüllt im Gottesstaat." |
| Und ich: "Daß freie Liebe zur Vollendung | |
| Genügt all Dessen, was in Gottes Rath | |
| 73 | Beschlossen, faß' ich wohl! nicht wie die Sendung, |
| Und nicht warum sie dir verlieh'n allein." | |
| Noch sprach ich, als der Geist mit rascher Wendung | |
| 76 | Sich selbst zum Centrum machte, und wie'n Stein |
| Der eine Mühle dreht, hinflog im Kreise. | |
| "Mich traf das ew'ge Licht so stark und rein, | |
| 79 | Fuhr so gewaltig durch mein Lichtgehäuse, |
| Daß es, mit meiner Einsicht nun vereint | |
| Mich über mich erhebt", so sprach der Weise, | |
| 82 | "Und Unverstand'nes jetzt mir klar erscheint, |
| Ja, das den Ursprung alles Lichts, die Sonne, | |
| Die ew'ge, daß ich Gott zu schau'n vermeint. | |
| 85 | Glanz und Bewegung wächst mit dieser Wonne! |
| Der Blick wird klarer und der Geist mit ihm; | |
| Doch selbst der klarste, ob er auch sich Sonne | |
| 88 | In Gottes Anblick, selbst der Seraphim, |
| Der off'nen Auges stets den Herrn betrachtet, | |
| Wird nicht befried'gen hier dein Ungestüm. | |
| 91 | Im Abgrund ew'ger Satzung liegt umnachtet, |
| So tief, der Gnadenwahl Mysterium, | |
| Daß kein erschaff'ner Geist, wie er auch trachtet, | |
| 94 | Den letzten Grund erkennt und das "Warum". |
| Wann du zur Welt zurückkehrst, sag's den Leuten, | |
| Damit sie regen nicht, vermessen dumm | |
| 97 | Die Füße nach dem Ziel, dem ewig weiten. |
| Hier brennt der Geist, dort raucht er statt zu glühn; | |
| Wie sollt', was dunkel hier ihm, dort er deuten." | |
| 100 | Da Schranken er mir zog, war nicht so kühn |
| Ich, Jenen noch mit Wünschen zu bestürmen, 429 | |
| Nur wer er sei, frug schüchtern noch ich ihn. | |
| 103 | Dann hob zum drittenmal er an: "Es thürmen |
| Sich in Italien zwischen Strand und Strand | |
| Gebirge, die auch deine Heimath schirmen. | |
| 106 | So hoch ragt auf gar manche Klippenwand, |
| Daß tief noch unter ihr die Donner dröhnen. | |
| Am Fuß 'ner Kuppe, Catria genannt, | |
| 109 | Siehst du sich eine schöne Wildniß dehnen. |
| Geeignet schien mir diese Friedensbucht, | |
| An Gottbetrachtung still mich zu gewöhnen. | |
| 112 | Hier hab' ich mich im Dienst des Herrn versucht, |
| Und so befestigt, daß bei Kost, der kargen, | |
| Die nur bestand aus der Olive Frucht, | |
| 115 | Ich willig Frost und Hitze trug, die argen, |
| Versenkt in der Betrachtung Hochgenuß. | |
| Das Kloster gab, in dem sich Viele bargen, | |
| 118 | Dem Himmel Erndten ja in Ueberfluß, |
| Doch heut nicht mehr! wo sind die guten Väter? | |
| Ja der Verfall wird offenbar zum Schluß. | |
| 121 | Dort hieß ich Petrus Damian, und Peter |
| Der Sünder an der adriat'schen Fluth | |
| Im Hause uns'rer Frau'n. Man riß mich später, | |
| 124 | Schon war ich alt, gewaltsam hin zum Hut, |
| Der nach dem Schlechten stets muß Schlimm'rem dienen. | |
| Sieh Kephas kam, doch ohne Geld und Gut, | |
| 127 | Und das Gefäß ist doch der Welt erschienen |
| Des heil'gen Geistes, baarfuß, mager, blaß, | |
| Ja jede Herbergskost genügte ihnen, | |
| 130 | Doch uns're Hirten sind so schwer wie'n Faß. |
| Es stützen zwei sich auf den Treppenstufen, | |
| Der rechts, der links, der dritte schiebt fürbaß. | |
| 133 | Mit ihren Mänteln hüll'n bis an die Hufen |
| Sie ihre Zelter ein! "zwei Bestien gehn | |
| Hier unter einem Fell"! so kann man rufen. | |
| 136 | Geduld, was trägst du, was läßt du geschehn?" |
| Indeß er sprach, sah auf und ab ich steigen | |
| Viel Sterne; diese schienen doppelt schön | |
| 139 | Bei jedem Aufwärtsstreben, jedem Neigen, |
| Fest standen sie zuletzt um den, der sprach. 430 | |
| Da scholl ein Ton so stark aus diesem Reigen, | |
| 142 | Daß meinem Ohr die Fassungskraft gebrach. 08.01.07 |