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Paradies. 22. Gesang
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| In diesem Gesang ist der h. Benedict die Hauptperson. Der Mittelpunkt seines Ordens befand sich auf Monte Cassino im Neapolitanischen, an der Stelle, wo ehemahls ein Götzentempel gestanden hatte. Romuald und Maccario werden von seinen Schülern besonders genannt. Die Frucht, welche die Mönche toll macht, soll der Zins der Klosterguts sein. Auf Astronomie bezieht sich der Ausspruch: Vater und Sohn gehen verschiedene Wege; d. h. Saturn und Jupiter laufen auf verschiedenen Bahnen. Die Zwillinge werden gepriesen als das Sternbild, unter dem der Dichter geboren worden war. Hyperion ist der Brudersohn des Saturn, Maja ist die Mutter Mercurs, und Dione die Mutter der Venus. | |
| 1 | Ich wandt' zur Führerin mich tief betroffen, |
| Wie'n Kind thut, wenn Gefahren rings ihm drohn; | |
| Es flieht dahin, wo sichrer Schutz zu hoffen. | |
| 4 | Und sie, der Mutter gleich, die ihren Sohn, |
| Den blassen, dem die Angst zuschnürt die Kehle, | |
| Aufmuntert mit der Stimme güt'gem Ton, | |
| 7 | Sie sprach: "Und weißt du nicht, verzagte Seele, |
| Daß du im Himmel weilst, daß Alles gut | |
| Im Paradiese ist und ohne Fehle, | |
| 10 | Grund alles Thuns nur heil'gen Eifers Gluth? |
| Wie hätt'st du bei den Hymnen erst gezittert, | |
| Bei meinem Lächeln wie, wenn deinen Muth | |
| 13 | Schon durch und durch der einz'ge Schrei erschüttert, |
| Der eine Rache bald heraufbeschwört, | |
| Die heute schon die Schuldigen umwittert, | |
| 16 | Und die du sehn wirst, eh' du stirbst. Das Schwert |
| Trifft nicht zu langsam, nicht zu schnell von oben, | |
| Doch meint, wer's fürchtet oder wer's begehrt, | |
| 19 | Es werde nicht zu rechter Zeit erhoben. 431 |
| Nun blick auch auf die Andern! sieh gekrönt | |
| Mit Strahlen, hohe Geister hier und droben, | |
| 22 | Von denen einer immer noch verschönt |
| Den andern, durch den Widerschein, den hellen." | |
| Ich stand wie der, der sich zu reden sehnt, | |
| 25 | Und doch zuviel nicht möcht' der Fragen stellen, |
| Und so zurück des Wunsches Stachel drückt, | |
| Da trat hervor, zu uns sich zu gesellen, | |
| 28 | Die schönste Perle, die man hier erblickt. |
| "Bekannt hätt'st du uns schon deine Gedanken, | |
| Begriffst du nur, wie hier man gern beglückt. | |
| 31 | Doch daß dich auf dem Weg nicht zu viel Schwanken |
| Noch ferner aufhält, geb' ich Auskunft schon", | |
| So sprach der Geist. "Der Berg an dessen Flanken | |
| 34 | Casino liegt, war bis zum höchsten Thron |
| Besetzt mit Volk, starrköpfig, arg betrogen; | |
| Ich trug hinauf in diese Region | |
| 37 | Den Namen dessen, der vom Himmelsbogen |
| Herab die Wahrheit trug, die uns verklärt. | |
| Die Städte wurden ringsum abgezogen | |
| 40 | Vom sünd'gen Cultus, der die Welt entehrt. |
| So strahlten über mir die Geistesblitze, | |
| Daß zu der wahren Gottverehrung Heerd | |
| 43 | Ich diesen Berg gemacht bis an die Spitze. |
| Wir lebten fern der Welt, die treibt und lärmt, | |
| Nur der Betrachtung, und von jener Hitze, | |
| 46 | Die Blüthen bringt und Früchte, stets durchwärmt. |
| Sieh Romuald, Maccario sieh! begrüße | |
| Der Brüder Schaar, die funkelnd uns umschwärmt, | |
| 49 | Der Brüder, die an's Kloster einst die Füße |
| Und Herzen fesselten ihr lebelang." | |
| Und ich: "Eu'r Anblick, den ich hier genieße, | |
| 52 | Zusammen mit dem freundlichen Empfang, |
| Hat mein Vertrau'n entfaltet, wie die Rose | |
| Sich aufschließt, wenn die Sonne sie durchdrang, | |
| 55 | So daß kein Blatt mehr zugerollt im Moose. |
| D'rum bitt ich frei, laß wissen mich, ob je | |
| Ich schau'n dein Antlitz soll, das schleierlose, | |
| 58 | Ob Vater ich dir einst in's Auge seh?" 432 |
| Und er: "Im höchsten Kreis wirst du erst stillen | |
| Den Wunsch, wie meiner auch auf dieser Höh, | |
| 61 | Und alle Wünsche dort sich erst erfüllen. |
| Denn dort gedeihn sie zur Vollkommenheit, | |
| Die schwankend unserm Busen erst entquillen. | |
| 64 | Nichts wechselt dort den Platz, nichts kann die Zeit |
| Verwandeln, keinen Raum giebt's, keine Leere, | |
| Und keine Pole, nichts ist nah, noch weit. | |
| 67 | Die Treppe hier führt bis in jene Sphäre, |
| D'rum auch verlierst du sie aus dem Gesicht. | |
| Zwar Jacob sah, der Patriarch, der hehre, | |
| 70 | Sie bis zum Himmel reichen, als sie dicht |
| Besetzt mit Engeln war. Doch was kann's nützen; | |
| Vom Staub reißt los der Mensch die Füße nicht, | |
| 73 | Sollt' auch der Himmel ihm entgegenblitzen. |
| Zu nichts dient meine Satzung mehr, es sei | |
| Denn nur um weiße Blätter zu bespritzen. | |
| 76 | Die Mauern, die zu Kirche und Abtei |
| Sich wölbten, sind Spelunken, Räubergrotten, | |
| Und Säcke sind voll schlechten Mehls und Spreu | |
| 79 | Die Kutten derer, die des Ordens spotten. |
| Die Wucherzinsen sind ein Gräu'l, doch thut | |
| Mehr Schaden noch die Frucht, die ganze Rotten | |
| 82 | Von Mönchen toll macht. Zins vom Kirchengut |
| Ist da, damit man es den Armen spende, | |
| Nicht der Verwandschaft oder schlimm'rer Brut, | |
| 85 | Das Fleisch verlockt. Nicht bürgt für'n glücklich Ende |
| Der schöne Anfang. Keimt auch und gedeiht | |
| Die junge Eiche froh im Waldgelände, | |
| 88 | So ist's doch bis zum Eicheltragen weit. |
| Durch Gold und Silber wirkte nicht Sankt Peter, | |
| Durch Fasten wirkte ich und Einsamkeit, | |
| 91 | Durch Demuth aber Franz, der fromme Beter. |
| Bedenk, was im Beginn die Orden werth | |
| Und sieh, wohin sie abgeirrt dann später, | |
| 94 | Und wie sich Weiß so rasch in Schwarz verkehrt. |
| Und doch, wie lang auch schon die Hülfe säumte, | |
| Sie kann noch kommen. Minder staunenswerth | |
| 97 | Wär's immerhin, als daß zurück sich bäumte, 433 |
| Durch Gottes Will'n, der Jordan, und das Meer | |
| Entfloh und Israel die Stelle räumte." | |
| 100 | Er sprach's und wandt' sich zu der Brüder Heer; |
| Das schloß zusammen sich, und wirbelnd flohen | |
| Wie'n Vogelschwarm die Geister vor uns her. | |
| 103 | Sie aber trieb mich nach zum Ziel, dem frohen, |
| Und die Natur, die schwach und mangelhaft, | |
| Ward gleich gestärkt durch einen Wink der Hohen. | |
| 106 | Da man allein mit angebor'ner Kraft |
| Hier unten sich bewegt, läßt nichts vergleichen | |
| Sich meinem Flug! kehr' aus der Erdenhaft | |
| 109 | Ich zum Triumph zurück, den zu erreichen |
| Ich oft verzage, der Verzweiflung nah, | |
| So weiß ich nun, wie schnell man aus den Zeichen | |
| 112 | Des Stiers in's nächste dringt, das jetzt ich sah. |
| Den Finger steckst in's Feuer und ziehst ihn wieder | |
| So schnell zurück nicht, als wie das geschah. | |
| 115 | "Glorreiche Sterne, Eu'rer Kraft, Ihr Brüder, |
| Dank meinem Geist ich, sei er wie er mag! | |
| Mit Euch Ihr Zwillinge stieg auf und nieder | |
| 118 | Die Mutter alles Lebens an dem Tag, |
| Wo mich Toscana's Luft zuerst umwehte. | |
| In Eure Nähe zog mich Gnade nach, | |
| 121 | Die mich zum Fixsternhimmel jetzt erhöhte, |
| Der Euch umher in seinem Kreise schwingt. | |
| So gebt mir jetzt die Kraft, die heiß erflehte, | |
| 124 | Damit der letzte, große Schritt gelingt!" |
| "Dein Blick ist, da du nah dem letzten Heile, | |
| Schon klar und scharf! jetzt eh er weiter dringt, | |
| 127 | Zum Höchsten", sprach sie, "zög're noch 'ne Weile |
| Und sieh, was ich zu Füßen dir gelegt | |
| Vom Weltall schon! Des Schauens Freude theile | |
| 130 | Mit jener Schaar, die hereilt, froh bewegt." |
| Zurück lief jetzt mein Blick durch Sphären, sieben; | |
| Da sah den Ball ich, der uns Alle trägt; | |
| 133 | Ich lächelte, denn klein schien er von drüben: |
| Mir dünkt zu hoch nicht achten dieses Rund, | |
| Sei weise! Andres denken noch und lieben | |
| 136 | Zeigt edlen Sinn. Jetzt sah auf blauem Grund 434 |
| Latonens Tochter ich, die zarte, blasse; | |
| Die Schatten fehlten, die für mich der Grund | |
| 139 | Zu glauben war'n, verschieden sei die Masse. |
| Hier konnt' den Sprößling des Hyperion, | |
| Den sonst ich nimmermehr in's Auge fasse, | |
| 142 | Ich ungeblendet schau'n! um seinen Thron |
| Sah Maya ich und Venus froh sich regen, | |
| Und zwischen Vater strahlte mir und Sohn. | |
| 145 | Jetzt Jupiter mit mild'rem Licht entgegen. |
| Ich wußt' es nun, warum sie ihren Stand | |
| Verwechseln, laufen auf verschied'nen Wegen, | |
| 148 | Wie groß, wie schnell sie sind, wie schön entbrannt, |
| Als mit dem Zwillingspaar ich fortgeschossen, | |
| Sah unten ich dies Plätzchen, Welt genannt, | |
| 151 | Das uns so stolz macht, ganz vom Meer umflossen, |
| Der Ströme Ausfluß sah ich und die Höhn! | |
| Die Augen wandt' ich nun, die viel genossen | |
| 154 | Zurück zu ihren Augen, göttlich schön! 30.01.2007 |