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Paradies. 23 Gesang.
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| Hauptinhalt dieses Gesanges ist die Verherrlichung Marias. Sie erscheint hier im Bilde eines Sterns von blauem Licht. Die blaue Farbe ist ihr geweiht. Gabriel, der Engel der Verkündigung, umkreist sie in Gestalt einer Fackel. Er wird auch eine Leyer genannt. Regina coeli, welches die Seelen singen, ist der bekannte Psalm: "O Himmelskönigin!" Zum Verständniß nöthig ist es zu wissen, daß damals die Meinung allgemein war, die Sonne verlangsame im Zenith ihren Lauf. Die Täuschung ist entstanden, weil dort kein Gegenstand vorhanden ist, an dem man ihr Vorrücken abmessen könne. Trivia, derer gedacht wird, ist eine Bezeichnung des Mondes. Die Stelle, wo von dem die Welt bedeckenden Königsmantel die Rede ist, erscheint mit eine der dunkelsten. Philaletes erklärt sie folgendermaßen: "Maria war auf ihrer Heimkehr zum Empyreum bereits an den innern Rand des primum mobile gelangt, wo Dante's Auge (435) sie nicht mehr erreichen konnte." Wenn von den Schätzen gesprochen wird, welche die Verbannten in Babylon gesammelt haben, so müssen diese als geistige gedacht sein, da es ja zugleich heißt, sie hätten dort ihr Gold zurückgelassen. Bei dem Satz. "durch das was er geschaut", muß man sich an die Schule erinnern in der Erkenntniß himmlischer Dinge, die Dante durchgemacht hat, eine "Schule, welche ihn befähigen soll, das Höchste zuletzt anzuschauen und zu fassen." Ist von göttlicher Substanz die Rede, so bedeutet das Wesenheit, geistiger Stoff, hier im Besondern Christus selbst. | |
| 1 | Das Vöglein hält mit seinen Jungen Nachts |
| Sich unter'm trauten Blätterdach verborgen; | |
| Doch eh' der neue Tag anbricht, erwacht's, | |
| 4 | Um seine Brut mit futter zu versorgen, |
| Wobei zur Lust ihm Müh und Arbeit wird. | |
| Es späht vom freien Ast aus, ob im Morgen | |
| 7 | Am Horizont ein Rosenschimmer flirrt, |
| Verkündend ihm zuerst der Sonne Nähe, | |
| Damit es gleich ihr froh entgegenschwirrt. | |
| 10 | So stand auch sie, aufrecht, gespannt, als sähe |
| Sie das, was noch im Schooß der Zukunft lag. | |
| Zum Scheitelpunkt, wo auf der Mittagshöhe | |
| 13 | Die Sonne zaudert, zog mein Aug' sie nach. |
| Da Beatrix erschien so froh betroffen, | |
| Ward auch in mir ein heiß Verlangen wach, | |
| 16 | Doch milderte es gleich ein selig Hoffen. |
| Wie so ich mit mir selbst im Widerstreit, | |
| Sah plötzlich droben ich den Himmel offen, | |
| 19 | "Da sind die Schaaren, Christi Siegsgeleit," |
| So rief sie deutend nach den sel'gen Heeren, | |
| "Da der Triumphzug, Christi Herrlichkeit! | |
| 22 | Da ist die Frucht des Kreisens aller Sphären!" |
| So wie in klaren Vollmondnächten lacht | |
| Am Himmel Trivia mit den Nymphenchören, | |
| 25 | Versilbern jeden Raum durch ihre Pracht, |
| Wie unsre Sonne ansteckt, wenn es dunkelt | |
| Die Sterne all', so wurden hier entfacht | |
| 28 | Von einer Sonne, die sich nie verdunkelt, |
| Viel tausend Leuchten! Und durch diesen Glanz | |
| Sah ich, obgleich der Aether blendend funkelt, | |
| 31 | Durchleuchten hell die göttliche Substanz, 436 |
| Betäubt schloß ich die Augen vor den Blitzen | |
| Und bat, verlaß mich Beatrix nicht ganz, | |
| 34 | "O wolle süße Führerin mich stützen!" |
| Und sie: "Die Kraft ist groß ja in der That, | |
| Die dich bezwingt; vor ihr kann Keiner schützen. | |
| 37 | Hier ist die Macht und Weisheit, die den Pfad |
| Erschließt zum Himmel, den gesucht mit Thränen | |
| Der Mensch, den oft er Gott zu zeigen bat." | |
| 40 | Wie Feuer, das im Raum sich auszudehnen |
| Den Trieb hat, sprengt im Stuz der Wolke Schoß, | |
| Und so sich freimacht, wenn's auch sonst sein Sehnen | |
| 43 | Nach oben treibt, so rang ich jetzt mich los |
| Vom eignen Ich beim Anblick dieser Wonnen. | |
| Mein Geist ward frei und meine Schwungkraft groß. | |
| 46 | "Blick auf", so tönt' es, "dich in mir zu sonnen, |
| Sieh, wer ich bin! Durch das was du erlebt | |
| Hast du die Kraft mich anzuschau'n, gewonnen. | |
| 49 | Erinnre dich!" - Da war wie dem, der strebt, |
| Sich deutlich die Visionen seiner Nächte | |
| Zurückzurufen, mir zu Muth; er hebt | |
| 52 | Den Schlei'r nicht mehr, wie gern es es auch möchte. |
| O Gnade übergroß, kein Dank ist ja, | |
| Und wenn ich Tag und Nacht auch Opfer brächte, | |
| 55 | Genügend für die Huld, die mir geschah, |
| Du bleibst im Herzen ewig eingegraben. | |
| Wenn Alle, denen Polyhimnia | |
| 58 | Und ihre Schwestern Milch, die süße gaben, |
| Wenn alle Zungen, die an diesem Trank | |
| Der Musen sich in vollen Zügen laben, | |
| 61 | Mir schildern helfen wollten im Gesang |
| Das Lächeln Christi und die Freudenzeichen | |
| Im theu'ren Antlitz, das erglüth vor Dank, | |
| 64 | So würd' tritzdem kein Tausendstel erreichen |
| Der Wahrheit ich. Dem mann, der springt, | |
| Wenn abgeschnitten ihm der Weg, muß gleichen | |
| 67 | Der Dichter, der das Paradies besingt. |
| Denkst an das Themas Last du, hier zu tragen, | |
| Und an die schwachen Schultern, o dann dünkt | |
| 70 | Natürlich dich mein Zittern und mein Zagen, 437 |
| Dem Boot, das schon in allen Fugen kracht, | |
| Ziemt's nicht, die Fahrt, so voll Gefahr, zu wagen, | |
| 73 | Kein Steurer thut's, der nur auf sich bedacht! |
| "Kann dich so sehr mein Anblick hin denn reißen, | |
| Daß du den Garten läßt ganz außer Acht, | |
| 76 | Der aufblüht unter Christi Licht, dem heißen? |
| Sieh hier die Rode, in der Fleisch gewann | |
| Das ew'ge Wort, die Lilien sieh, die weißen; | |
| 79 | Ihr Duft zeigt uns den Weg zum Himmel an." |
| Es hatte nicht umsonst gemahnt die Traute, | |
| Da ich den Kampf der Augen neu begann, | |
| 82 | Obgleich vor jenem Glanz, den schwachen, graute. |
| Wie wenn ein Sonnenstrahl durch Wolken bricht, | |
| Und man die Wiese sieht, die frisch bethaute, | |
| 85 | Mit ihrem Blumenschmuck im vollen Licht, |
| Indeß man selbst beschattet wird von oben, | |
| So sah ich tausend Leuchten hier, doch nicht | |
| 88 | Des Glanzes Urquell. Güt'ge Kraft da droben, |
| Du hattest schon, damit umherzuschau'n | |
| Mir möglich wäre, dich empor gehoben. | |
| 91 | Die schönste Blume hofft' ich jetzt zu schau'n, |
| Die spät und früh begrüßt ein fromm Gemüthe; | |
| So suchte ich den hellsten Stern, den blau'n, | |
| 94 | Denn er mußt' ja umhüllen diese Blüthe; |
| Und da ich ihn gefunden, der im Schooß, | |
| Im goldenen, sie birgt, fuhr vom Zenithe | |
| 97 | Herab 'ne Fackel, die sie froh umschloß. |
| Und wie im Kreis sie um den Stern, den schönen, | |
| Viel rascher als die raschsten Blitze schoß, | |
| 100 | Schien sie mit goldner Krone ihn zu krönen. |
| Musik erscholl, so süß, daß neben ihr | |
| Die süßeste der Erde müßte dröhnen | |
| 103 | Wie'n Donnerschlag. O göttlicher Saphir, |
| Vertieft ward durch dein Blau des Himmels Bläue! | |
| Die Leyer aber, die gekrönt dich hier, | |
| 106 | Ertönte jetzt mit wunderbarer Weihe: |
| "Ich bin die Engelsliebe und im Flug | |
| Umkreis' ich dich! o sieh wie ich mich freue | |
| 109 | In dir, die einst die Menschheit Hoffnung trug. 438 |
| Du folgst dem Sohn, hinauf zum höchsten Bogen, | |
| Der noch durch dich verschönt wird, und dem Zug | |
| 112 | Komm' ich o Himmelskön'gin nachgeflogen." |
| Verklungen war der Engelreigen kaum, | |
| Da braust' es auf im Chor wie Meereswogen: | |
| 115 | "Maria, o Maria!" - Weil der Saum |
| Des Königsmantels, der in allen Theilen | |
| Die Welt umwallt und einschließt jeden Raum, | |
| 118 | Zu hoch war, ihr mit Blicken nachzueilen, |
| Entschwand mir die gekrönte Flamme jetzt, | |
| Und ward versteckt vom innern Rand, dem steilen, | |
| 121 | Wie nach der Mutter, die's mit Milch geletzt, |
| Das Kind die Arme ausstreckt, sie zu halten, | |
| So strebten nach die Feu'r ihr bis zuletzt, | |
| 124 | In denen sich verbargen die Gestalten. |
| Wie ward geliebt sie doch so treu und heiß | |
| Von all' den Seelen, die begeistert wallten. | |
| 127 | "Regina coeli" sangen ihr zum Preis |
| Jetzt Tausende mit solchem Wonnegruße, | |
| Daß ich wie süß es klang noch heute weiß. | |
| 130 | Welch' reiche Erndten brachten zum Genusse |
| Hier mit, die drüben gut besä't ihr Land, | |
| Wie leben hier vom Schatz im Ueberflusse | |
| 133 | Die, die gesammelt ihn, als sie verbannt |
| In Babylon, wo sie ihr Gold verloren. | |
| Wie freut des Siegs sich der, der in der Hand | |
| 136 | Die Schlüssel hält zu diesen Himmelsthoren! |
| So triumphirt auch mit dem Gottessohn, | |
| Den uns Maria einst zum Heil geboren, | |
| 139 | Der alt' und neue Rath am höchsten Thron. |