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Paradies. 26 Gesang.
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| Gott soll die höchste Liebe geweiht werden. Der Dichter erkennt dies zuerst durch Plato oder Aristoteles, dann im alten Testament durch Worte, welche Gott selbst zu Moses gesprochen und im neuen durch Johannes, den er den Aar Christi wegen des symbolischen Adlers des Evangelisten nennt. Jetzt zeigt sich Adam, der Vater aller Menschen, welchem jede Gattin zugleich Tochter und Schwiegertochter ist. Ueber die Ursprache befragt giebt er an, daß diese schon vor dem Thurmbau von Babel verloren gewesen und daß sich jede Sprache in fortwährendem (448) Wandel befände. So ist nicht einmal der Name Gottes derselbe geblieben, worauf sich die räthselhafte Stelle mit den Buchstaben bezieht. Da Dante vom Glorienschein des h. Johannes geblendet ist, tröstet ihn dieser mit dem Wunder, welches Ananias an Paulus verrichtete. Konnte seine Hand diesen sehend machen, warum sollte nicht Beatricens Blick dasselbe an Dante thuen? | |
| 1 | Ich stand in Zweifeln da, weil dichte Schleier |
| Die Augen deckten, als mir sanft und lind | |
| Ein Hand entgegenkam aus jenem Feuer, | |
| 4 | Das mich geblendet hatte. "Da du blind, |
| Will ich durch Zwiegespräch Ersatz dir geben; | |
| Beginn' denn du!" so säuselte der Wind. | |
| 7 | "Sag, was ist deiner Seele höchstes Streben? |
| Auch denke nicht, es hab' mein Glanz entrafft | |
| Das Sehvermögen dir für's ganze Leben; | |
| 10 | Nicht todt sind deine Augen, nur erschlafft. |
| Was Ananias mit der Hand verrichtet, | |
| Dazu hat ja der Herrin Blick die Kraft." | |
| 13 | Und ich: "Ob früh, ob spät die Nacht gelichtet, |
| Für diese Augen, die wie Pforten weit | |
| Einst offen war'n, auf Beatrix gerichtet, | |
| 16 | Durch die sie einzog mit dem Feu'r, das heut |
| Mich noch durchglüht, es soll mich nicht betrüben, | |
| Sie thue nach Gefall'n. Zu jeder Zeit | |
| 19 | Ist in den Schriften, wo man spricht vom Lieben, |
| Des Inhalts "A" und "O" der Herr." "Mein Sohn, | |
| Mit fein'rem Sieb mußt jetzt du durch noch sieben", | |
| 22 | So gab die Stimme, die getröstet schon |
| Mich ob der Nacht, von der mein Blick umzogen, | |
| Anlaß zu schärferer Definition. | |
| 25 | "Wer richtete", fuhr fort sie, "dir den Bogen |
| Auf's höchste Ziel?" Und ich: "Die Liebe hab' | |
| Durch Gründ' ich, philosoph'sche, wohl erwogen, | |
| 28 | Und durch Autorität, die dort hinab |
| Von hier gesandt, daß sie uns leit' und hüte, | |
| Und durch Vernunft erkannt, die Gott mir gab; | |
| 31 | Sie thu'n mir kund, Gott sei die höchste Güte, |
| Und was sonst gut ist, sei nur Wiederschein | |
| Des höchsten Guts; sie woll'n der Liebe Blüthe | |
| 34 | Die höchste, sehn gewidmet Gott allein. 449 |
| Der Erste, der mich diese Wahrheit lehrte | |
| War der, der schildert, wie in Gott sich freu'n | |
| 37 | Die ew'gen Wesen, himmlische, verklärte; |
| Dann that's die Stimme, die nicht irrt, mir kund, | |
| Durch jenes Wort, das Moses staunend hörte: | |
| 40 | "Ich zeig dir jede Kraft!" und du im Bund |
| Dem neu'n, denn du versuchst schon auf den Seiten, | |
| Den ersten deiner Schrift, dem Erdenrund | |
| 43 | Der Liebe höchst' Geheimniß auszudeuten. |
| "Autorität treibt und Vernunft uns an, | |
| Der Liebe Blume Gott zu weih'n, doch Saiten | |
| 46 | Giebt's and're noch, die auf der Himmelsbahn |
| Die Seelen fortzieh'n! laß vor mir sie tönen, | |
| Damit ich weiß, was Gott an dir gethan." | |
| 49 | So sprach das Licht: "O zeig, mit wie viel Sehnen, |
| Mit wie viel Stricken dich zum Himmel riß | |
| Der Liebe Kraft, und mit wie vielen Zähnen | |
| 52 | Der Sehnsucht Schmerz dir in die Seele biß?" |
| Warum gestellt mir Christi Aar die Fragen, | |
| Darüber, traun, war ich nicht ungewiß; | |
| 55 | D'rum hob ich an: "Es haben beigetragen |
| Die Stich' und Bisse, daß ich freigemacht | |
| Mein Herz, und ird'scher Freude mich entschlagen. | |
| 58 | Als ich mein Sein und das der Welt bedacht, |
| Den Tod des Herrn, der starb, damit wir leben, | |
| Als ich des Christen Hoffnung in Betracht | |
| 61 | Gezogen auf ein ewig' Wonneleben, |
| Da fand ich Kraft aus Fluthen, tief empört, | |
| Der falschen Liebe mich emporzuheben | |
| 64 | Zum Strand der wahren Liebe. Mir sind werth |
| Die Blätter in dem Garten, in dem reichen, | |
| Der unser'm ew'gen Gärtner angehört, | |
| 67 | Und um so mehr, je mehr sie diesem gleichen, |
| Je mehr dem Gärtner selber sie gefall'n | |
| Denn das ist ihres Werthes bestes Zeichen." | |
| 70 | Als jetzt ich schwieg, hört Chorgesang ich schall'n, |
| Und "heilig, heilig!" fiel in diese Lieder | |
| Die Stimme ein, die theuer mir vor all'n. | |
| 73 | Der, dem ein Licht bestrahlt die Augenlider, 450 |
| Die festgeschloss'nen, und ihn plötzlich weckt, | |
| Und der, noch urtheilslos, mit ihnen wieder, | |
| 76 | Als säh' er Schreckliches die Augen deckt, |
| Der kann ermessen, was ich fühlen mußte, | |
| Als jetzt der Schlei'r, der Alles mir versteckt, | |
| 79 | Sich plötzlich hob, und frei von allem Wuste |
| Die Strahlenaugen, meine mir gemacht. | |
| Obgleich ich kaum mich noch zu fassen wußte | |
| 82 | Frug ich, betäubt, dem gleich der halb erwacht, |
| Jetzt nach 'nem vierten Licht, das nahgetreten, | |
| Indeß ich blind war. "Hier in dieser Pracht | |
| 85 | Freut sich die erste Seele anzubeten |
| Den", sprach er, "der sie schuf." Wie'n Blatt, das bebt | |
| Im Wind, und an dem Baum, dem sturmdurchwehten, | |
| 88 | Sich abwärts biegt, doch gleich sich wieder hebt, |
| Sobald der erste Stoß sich nur gebrochen, | |
| Weil's stets durch eig'ne Kraft nach oben strebt, | |
| 91 | Wie solch ein Blatt war ich, als sie gesprochen. |
| Zuerst erschreckt, fühlt gleich darauf ich nur | |
| Das Herz vor Wißbegier und Freude pochen. | |
| 94 | "Du einz'ge Frucht, die reif schuf die Natur, |
| Du Aller Vater", fleht ich zu dem Sterne, | |
| "Dem jede Gattin Tochter ist und Schnur, | |
| 97 | O sprich mit mir; ich bäte mehr noch gerne, |
| Doch würd' d'rum später nur mein Wunsch gestillt." | |
| Wie in den Schalen sind versteckt die Kerne, | |
| 100 | Sind Wesen oft in Stoffe eingehüllt; |
| Doch an dem Faltenwurf sieht man, ob frohe, | |
| Ob schmerzliche Empfindung sie erfüllt. | |
| 103 | So sah ich seine Freude an der Lohe, |
| Die ihn wie'n Kleid umgiebt. "Eh du ihn nennst | |
| Ist klarer mir dein Wunsch", so sprach der Hohe, | |
| 106 | "Als das dir ist, was du am besten kennst. |
| In Gott, in dem sich spiegeln alle Wesen, | |
| Doch den kein einz'ges, weil er unbegrenzt, | |
| 109 | Ganz widerspiegelt, hab' ich es gelesen: |
| Du wüßtest gern, wie lang es her ist jetzt, | |
| Daß Gott mich in den Garten auserlesen, | |
| 112 | Zu dem dich Beatrix geführt, versetzt, 451 |
| Ob ich erfand 'ne Sprache, heut vergessen, | |
| Wie lang ich mich im Paradies ergötzt, | |
| 115 | Warum verbannt ich ward! Nicht weil gegessen |
| Vom Apfel ich, nein, weil och über's Ziel, | |
| Das mir gesteckt, hinaus ging so vermessen, | |
| 118 | Ward ich verbannt. Dort, von woher Virgil |
| Auf Beatricens Ruf dir ward gesendet; | |
| Blieb ich so lang im traurigen Exil, | |
| 121 | Bis seinen Lauf der Sonnenball vollendet |
| Viertausend und dreihundertmal, und weilt | |
| Zuvor auf Erden, wo ich erst geendet, | |
| 124 | Nachdem neunhundertmal vorbeigeeilt |
| Und dreißig er an jedem Sternenbilde | |
| Auf seiner Bahn. Eh' sich das Volk vertheilt, | |
| 127 | Das trieb zum Thurmbau Nimrod, einst der wilde, |
| War todt die Sprache, die im Paradies | |
| Ich einst gebraucht auf blumigem Gefilde. | |
| 130 | Bezeichnet, als die Erde ich verließ, |
| Ward Gottes Name durch ein L, indessen | |
| Ein E dem L man vorsetzt heut, und dies | |
| 133 | Wird auch sich wandeln nach der Welt Ermessen, |
| So wie das welke Blatt vom Baume fällt, | |
| Wenn Regengüsse es im Herbst durchnässen, | |
| 136 | Und Platz 'nem frischen macht, so in der Welt |
| Der Menschen Brauch. Was der Verstand erfunden, | |
| Der menschliche, muß welken und zerfällt. | |
| 139 | Nur von der ersten war der Tagesstunden |
| Ich bis zur siebenten im sel'gen Hain | |
| Und schied, als g'rad auf ihrer Bahn, der runden, | |
| 142 | Die Sonne trat in's zweite Viertel ein. 01.02. 2007 |