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Uebersicht

Paradies. 26 Gesang.
Seite 447-51
        Gott soll die höchste Liebe geweiht werden. Der Dichter erkennt dies zuerst durch Plato oder Aristoteles, dann im alten Testament durch Worte, welche Gott selbst zu Moses gesprochen und im neuen durch Johannes, den er den Aar Christi wegen des symbolischen Adlers des Evangelisten nennt. Jetzt zeigt sich Adam, der Vater aller Menschen, welchem jede Gattin zugleich Tochter und Schwiegertochter ist. Ueber die Ursprache befragt giebt er an, daß diese schon vor dem Thurmbau von Babel verloren gewesen und daß sich jede Sprache in fortwährendem (448) Wandel befände. So ist nicht einmal der Name Gottes derselbe geblieben, worauf sich die räthselhafte Stelle mit den Buchstaben bezieht. Da Dante vom Glorienschein des h. Johannes geblendet ist, tröstet ihn dieser mit dem Wunder, welches Ananias an Paulus verrichtete. Konnte seine Hand diesen sehend machen, warum sollte nicht Beatricens Blick dasselbe an Dante thuen?            
1       Ich stand in Zweifeln da, weil dichte Schleier       
Die Augen deckten, als mir sanft und lind
Ein Hand entgegenkam aus jenem Feuer,
4 Das mich geblendet hatte. "Da du blind,
Will ich durch Zwiegespräch Ersatz dir geben;
Beginn' denn du!" so säuselte der Wind.
7 "Sag, was ist deiner Seele höchstes Streben?
Auch denke nicht, es hab' mein Glanz entrafft
Das Sehvermögen dir für's ganze Leben;
10 Nicht todt sind deine Augen, nur erschlafft.
Was Ananias mit der Hand verrichtet,
Dazu hat ja der Herrin Blick die Kraft."
13 Und ich: "Ob früh, ob spät die Nacht gelichtet,
Für diese Augen, die wie Pforten weit
Einst offen war'n, auf Beatrix gerichtet,
16 Durch die sie einzog mit dem Feu'r, das heut
Mich noch durchglüht, es soll mich nicht betrüben,
Sie thue nach Gefall'n. Zu jeder Zeit
19 Ist in den Schriften, wo man spricht vom Lieben,
Des Inhalts "A" und "O" der Herr." "Mein Sohn,
Mit fein'rem Sieb mußt jetzt du durch noch sieben",
22 So gab die Stimme, die getröstet schon
Mich ob der Nacht, von der mein Blick umzogen,
Anlaß zu schärferer Definition.
25 "Wer richtete", fuhr fort sie, "dir den Bogen
Auf's höchste Ziel?" Und ich: "Die Liebe hab'
Durch Gründ' ich, philosoph'sche, wohl erwogen,
28 Und durch Autorität, die dort hinab
Von hier gesandt, daß sie uns leit' und hüte,
Und durch Vernunft erkannt, die Gott mir gab;
31 Sie thu'n mir kund, Gott sei die höchste Güte,
Und was sonst gut ist, sei nur Wiederschein
Des höchsten Guts; sie woll'n der Liebe Blüthe
34 Die höchste, sehn gewidmet Gott allein. 449
Der Erste, der mich diese Wahrheit lehrte
War der, der schildert, wie in Gott sich freu'n
37 Die ew'gen Wesen, himmlische, verklärte;
Dann that's die Stimme, die nicht irrt, mir kund,
Durch jenes Wort, das Moses staunend hörte:
40 "Ich zeig dir jede Kraft!" und du im Bund
Dem neu'n, denn du versuchst schon auf den Seiten,
Den ersten deiner Schrift, dem Erdenrund
43 Der Liebe höchst' Geheimniß auszudeuten.
"Autorität treibt und Vernunft uns an,
Der Liebe Blume Gott zu weih'n, doch Saiten
46 Giebt's and're noch, die auf der Himmelsbahn
Die Seelen fortzieh'n! laß vor mir sie tönen,
Damit ich weiß, was Gott an dir gethan."
49 So sprach das Licht: "O zeig, mit wie viel Sehnen,
Mit wie viel Stricken dich zum Himmel riß
Der Liebe Kraft, und mit wie vielen Zähnen
52 Der Sehnsucht Schmerz dir in die Seele biß?"
Warum gestellt mir Christi Aar die Fragen,
Darüber, traun, war ich nicht ungewiß;
55 D'rum hob ich an: "Es haben beigetragen
Die Stich' und Bisse, daß ich freigemacht
Mein Herz, und ird'scher Freude mich entschlagen.
58 Als ich mein Sein und das der Welt bedacht,
Den Tod des Herrn, der starb, damit wir leben,
Als ich des Christen Hoffnung in Betracht
61 Gezogen auf ein ewig' Wonneleben,
Da fand ich Kraft aus Fluthen, tief empört,
Der falschen Liebe mich emporzuheben
64 Zum Strand der wahren Liebe. Mir sind werth
Die Blätter in dem Garten, in dem reichen,
Der unser'm ew'gen Gärtner angehört,
67 Und um so mehr, je mehr sie diesem gleichen,
Je mehr dem Gärtner selber sie gefall'n
Denn das ist ihres Werthes bestes Zeichen."
70 Als jetzt ich schwieg, hört Chorgesang ich schall'n,
Und "heilig, heilig!" fiel in diese Lieder
Die Stimme ein, die theuer mir vor all'n.
73 Der, dem ein Licht bestrahlt die Augenlider, 450
Die festgeschloss'nen, und ihn plötzlich weckt,
Und der, noch urtheilslos, mit ihnen wieder,
76 Als säh' er Schreckliches die Augen deckt,
Der kann ermessen, was ich fühlen mußte,
Als jetzt der Schlei'r, der Alles mir versteckt,
79 Sich plötzlich hob, und frei von allem Wuste
Die Strahlenaugen, meine mir gemacht.
Obgleich ich kaum mich noch zu fassen wußte
82 Frug ich, betäubt, dem gleich der halb erwacht,
Jetzt nach 'nem vierten Licht, das nahgetreten,
Indeß ich blind war. "Hier in dieser Pracht
85 Freut sich die erste Seele anzubeten
Den", sprach er, "der sie schuf." Wie'n Blatt, das bebt
Im Wind, und an dem Baum, dem sturmdurchwehten,
88 Sich abwärts biegt, doch gleich sich wieder hebt,
Sobald der erste Stoß sich nur gebrochen,
Weil's stets durch eig'ne Kraft nach oben strebt,
91 Wie solch ein Blatt war ich, als sie gesprochen.
Zuerst erschreckt, fühlt gleich darauf ich nur
Das Herz vor Wißbegier und Freude pochen.
94 "Du einz'ge Frucht, die reif schuf die Natur,
Du Aller Vater", fleht ich zu dem Sterne,
"Dem jede Gattin Tochter ist und Schnur,
97 O sprich mit mir; ich bäte mehr noch gerne,
Doch würd' d'rum später nur mein Wunsch gestillt."
Wie in den Schalen sind versteckt die Kerne,
100 Sind Wesen oft in Stoffe eingehüllt;
Doch an dem Faltenwurf sieht man, ob frohe,
Ob schmerzliche Empfindung sie erfüllt.
103 So sah ich seine Freude an der Lohe,
Die ihn wie'n Kleid umgiebt. "Eh du ihn nennst
Ist klarer mir dein Wunsch", so sprach der Hohe,
106 "Als das dir ist, was du am besten kennst.
In Gott, in dem sich spiegeln alle Wesen,
Doch den kein einz'ges, weil er unbegrenzt,
109 Ganz widerspiegelt, hab' ich es gelesen:
Du wüßtest gern, wie lang es her ist jetzt,
Daß Gott mich in den Garten auserlesen,
112 Zu dem dich Beatrix geführt, versetzt,  451
Ob ich erfand 'ne Sprache, heut vergessen,
Wie lang ich mich im Paradies ergötzt,
115 Warum verbannt ich ward! Nicht weil gegessen
Vom Apfel ich, nein, weil och über's Ziel,
Das mir gesteckt, hinaus ging so vermessen,
118 Ward ich verbannt. Dort, von woher Virgil
Auf Beatricens Ruf dir ward gesendet;
Blieb ich so lang im traurigen Exil,
121 Bis seinen Lauf der Sonnenball vollendet
Viertausend und dreihundertmal, und weilt
Zuvor auf Erden, wo ich erst geendet,
124 Nachdem neunhundertmal vorbeigeeilt
Und dreißig er an jedem Sternenbilde
Auf seiner Bahn. Eh' sich das Volk vertheilt,
127 Das trieb zum Thurmbau Nimrod, einst der wilde,
War todt die Sprache, die im Paradies
Ich einst gebraucht auf blumigem Gefilde.
130 Bezeichnet, als die Erde ich verließ,
Ward Gottes Name durch ein L, indessen
Ein E dem L man vorsetzt heut, und dies
133 Wird auch sich wandeln nach der Welt Ermessen,
So wie das welke Blatt vom Baume fällt,
Wenn Regengüsse es im Herbst durchnässen,
136 Und Platz 'nem frischen macht, so in der Welt
Der Menschen Brauch. Was der Verstand erfunden,
Der menschliche, muß welken und zerfällt.
139 Nur von der ersten war der Tagesstunden
  Ich bis zur siebenten im sel'gen Hain
  Und schied, als g'rad auf ihrer Bahn, der runden,
142 Die Sonne trat in's zweite Viertel ein. 01.02. 2007

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