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Paradies. 27 Gesang.
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| Man muß sich hier Alles zurückrufen, was an anderer Stelle über den Bau und den Zusammenhang der Himmelskreise, 452 über Art und Thätigkeit derselben gesagt worden ist. Vom Empyreum, dem ruhenden Himmel, geht alle Bewegung aus; das primum mobile ist im heftigsten Umschwung begriffen und theilt diese Kreisbewegung alle Zonen, die unter ihm liegen, mit; jedoch verlangsamt sie sich von Cirkel zu Cirkel. In demselben Abschnitt lesen wir eine heftige Strafpredigt, welche dem Apostel Petrus in den Mund gelegt wird. Er nennt Rom seinen Friedhof, weil er dort gestorben und begraben worden ist. Bei der Betrachtung des allgemeinen Verderbens wechselt Petrus und mit ihm Beatrice die Farbe, so wie es Jupiter und Mars thuen könnten, d. h. sie wurden roth vor Scham. Als Gegensatz zu den Päpsten Bonifaz VIII., Johannes XXII. aus Cahors und Clemens V. aus der Cascogne werden Lin, Cleto, Sixtus, Calixtus und Pius aufgestellt. Dante verläßt nun die Gegend des Himmels, wo die Zwillinge stehen, eine Gegend, welche er das Nest der Leda nennt, denn sie war die Mutter des Castor und Pollux. Wenn das Horn des Steinbocks an die Sonne stößt, ist es Winter. | |
| 1 | "O Vater, Sohn und heil'ger Geist!" so schallte |
| Durch alle Himmel jetzt ein Jubelchor, | |
| Bei dem mein Herz vor Freude überwallte. | |
| 4 | Die Wonne nahm ich auf durch Aug' und Ohr; |
| So schien es All, ein Jauchzen nur, ein Reigen, | |
| So süß, daß die Besinnung ich verlor! | |
| 7 | O wunschlos Glück, Schatz, Euch für immer eigen, |
| O ew'ger Friede! Sanft verklang und zart | |
| Der Hymnus jetzt. Ich in entzücktem Schweigen | |
| 10 | Sah auf die Fackeln, die vor mir geschaart. |
| Da flammte auf die, die zuerst gekommen | |
| Von Vieren, Farbe wechselnd in der Art, | |
| 13 | Wie's thu'n würd' Jupiter, der weiß entglommen, |
| Und Mars, der rothe, hätten sie mitsammt | |
| Farb' und Gestalt der Vögel angenommen, | |
| 16 | Und tauschten dann des Federkleides Sammt. |
| Verstummt war ganz der Chor der Himmelserben, | |
| Wie's die, die anweist Reihenfolg' und Amt, | |
| 19 | Die Vorsehung gewollt. "Siehst du verfärben |
| Mein Licht sich," sprach der erste, der da kam, | |
| "So staune nicht; denn wer von dem Verderben | |
| 22 | Jetzt hören wird, das mich erfüllt mit Schaam, |
| Wird seine Farbe wechseln. Der da drüben | |
| Besitz von meinem Heiligthume nahm, 453 | |
| 25 | Das trotzdem unbesetzt vor Gott geblieben, |
| Hat meinen Friedhof zu 'nem Pfuhl gemacht | |
| Voll Blut und Schlamm; und der von hier vertrieben | |
| 28 | Hinabgestürzt einst ward, hat d'rob gelacht!" |
| Den Himmel sah die Farb' ich überziehen, | |
| Mit der die Sonne vor Beginn der Nacht | |
| 31 | Und in den Morgenstunden, in den frühen, |
| Gewölk, was gegenüber liegt, verziert. | |
| Wie tief vor Schaam des Mädchens Wangen glühen, | |
| 34 | Wenn einer Andern Fehltritt man berührt, |
| Obgleich sie shuldlos selbst, so sah ich färben | |
| Das Antlitz jener sich, die mich geführt; | |
| 37 | Nicht mehr verfinstert ward bei Christi Sterben |
| Der Himmel, als er jetzt verfinstert schien. | |
| Da fuhr er fort mit Tönen, minder herben: | |
| 40 | "Nicht gab für Christi Braut mein Blut ich hin, |
| Nicht, daß man sie verschachre! zum Verkaufen | |
| Zog weder Cleto einst sie auf, noch Lin. | |
| 43 | Um hier in diesen Hafen einzulaufen, |
| Ließ für die Kirche Sixtus und Calist, | |
| Ließ Urban sich im eignen Blute taufen | |
| 46 | Und Pius, d'rum nicht hat erlöst der Christ |
| Die Menschheit, daß ein Theil soll rechts nur weiden | |
| Vom Hirten, der im Amt gefolgt uns ist, | |
| 49 | Und einer links. Die Schlüssel nicht die beiden |
| Erhielt ich, daß zum Zeichen 'ner Partei | |
| Sie würden, nicht zur Fahne, wenn man Heiden | |
| 52 | Nicht nur, nein Christen anfällt ohne Scheu, |
| Und nicht damit mein Bild auf Siegeln stehe | |
| An jedem Freibrief f'ur die Tyrannei! | |
| 55 | Auf allen Weiden seh' hier aus der Höhe, |
| Ich Wölfe schweifen, ach, im Hirtenkleid; | |
| Nach unserm Blute lechzen Basken, wehe, | |
| 58 | Und Coarsiner! O Gerechtigkeit, |
| Schloß je so tief, was einst so hoch begonnen? | |
| Doch nein, die Vorsehung ist hülfbereit, | |
| 61 | Sie, welche einst für Rom zurückgewonnen |
| Durch Scipio, Heil und Ruhm und Allgewalt. | |
| Dich zieht, der du nur kurz der Welt entronnen, 454 | |
| 64 | Zurück des Körpers Last, ach nur zu bald; |
| Bist dort du, dann verschweig' nicht, was verschwiegen | |
| Ich selber nicht, damit dort wiederhallt, | |
| 67 | Was hier du hörst. Wie Flocken Schnee's sich wiegen |
| Und zahllos stieben, wenn das Horn berührt | |
| Des Steinbocks unsern Sonnenball, sah fliegen | |
| 70 | Ich Geister jetzt, die leicht ein Hauch entführt. |
| Durch triumphir'nde Wölkchen, wonnebebend, | |
| Die nah uns eben noch, war jetzt geziert | |
| 73 | Der Aether über mir, und aufwärts schwebend |
| Entflohn sie ganz im nächsten Augenblick. | |
| Lang sah hinauf ich, in Erinn'rung lebend, | |
| 76 | Drauf wandt' ich mich zu Beatrix zurück, |
| Die freundlich sprach: "Sieh, wie du dich gewendet, | |
| Nach unten schau!" Da senkte ich den Blick | |
| 79 | Und merkte, welchen Lauf ich schon vollendet. |
| Durchflogen war der ersten Zone Raum, | |
| Von ihrer Mitte an, bis wo sie endet. | |
| 82 | Ich sah von hier, bestreut mit Silberschaum, |
| Odysseus Durchfahrt, abendwärts bei Gades, | |
| Im Osten aber jenen Ufersaum, | |
| 85 | Auf dem einst, im Beginn des Wasserpfades, |
| Zur süßen Last dem Stier Europa ward. | |
| Mehr hätt' ich überschaut noch des Gestades, | |
| 88 | Wär seit dem Anfang unsrer Himmelfahrt |
| Nicht um zwei Zeichen weiter schon gewesen | |
| Die Sonne, anderm Bild damals gepaart. | |
| 91 | Schon brannt' ich in der Herrin Blick zu lesen; |
| Fürwahr, was je Natur auch that und Kunst, | |
| Sei's durch ein Bild, sei's durch ein lebend Wesen, | |
| 94 | Um zu erschmeicheln unsrer Blicke Gunst, |
| War im Vergleich zur Schönheit, der erhöhten, | |
| Die jetzt an ihr ich sah, nur Wahn, nur Dunst! | |
| 97 | Ihr Blick entriß, ihr Lächeln, ihr Erröthen |
| Mich Leda's Nest! ich stieg mit ihr empor, | |
| Um in die rasch'ste Sphäre einzutreten. | |
| 100 | Nicht wußt' ich, welche Stätte sie erkor |
| Für mich, denn in dem Kreis, dem neuen, | |
| Sind sich die Theile gleich. Wie oft zuvor 455 | |
| 103 | Begann sie mich in's Wesen einzuweihen |
| Der Dinge; sieh, wie hold ihr Antlitz lacht, | |
| Als säh' in diesen Zügen man sich freuen | |
| 106 | Gott selbst, der diese Wonne angefacht. |
| Die Wirksamkeit beginnt an dieser Stelle, | |
| Die ausgeht von der Weltnatur; sie macht | |
| 109 | Die Mitte ruhig, doch mit großer Schnelle |
| Schwingt jeden andern Theil sie um. Dies Rund | |
| Umfaßt der ruh'nde Himmel, wo die Quelle | |
| 112 | Der Liebe ist, die der Bewegung Grund, |
| Aus dem sich schöpferische Kraft ergießet | |
| In tief're Sphären, wo im ew'gen Bund | |
| 115 | Die Liebe mit dem Licht zusammenfließet, |
| Der Himmel, den erfüllt des Geistes Wehn. | |
| Der neunte Kreis giebt, der uns jetzt umschließet, | |
| 118 | Das Tempo an, nach dem sich alle dreh'n, |
| Er reißt sie fort, doch wird sein Gang, sein Leben, | |
| Durch andre nicht bestimmt. So muß die Zehn | |
| 121 | Aus Hälfte sich und Fünftel auch ergeben. |
| Nicht umgekehrt. In dieser Runde stehn | |
| Die Wurzeln unsrer Zeit, in andern Bogen | |
| 124 | Die Blätter, die aus jenen erst entstehn. |
| O Gier, so tief hast du herabgezogen | |
| Die Menschen, daß zum freien Umblick sie | |
| 127 | Nicht mit dem Kopf mehr kommen aus den Wogen! |
| Wie'n Baum im Lenz blüht guter Wille früh, | |
| Da kommt die Regenzeit, und an den Aesten | |
| 130 | Sieht man im Herbst nur Huzeln, Pflaumen nie! |
| Im Kind lebt Treu' und Unschuld, doch gleich Gästen, | |
| Die fliehn, sobald die Wange nicht mehr glatt; | |
| 133 | Der lallend fastete, den siehst du mästen |
| Sich ohne Scheu am Fasttag nimmersatt, | |
| Sobald gelöst die Zung' ihm ist. Der Knabe | |
| 136 | Der lallend noch geliebt die Mutter hat, |
| Wünscht, wenn er mündig, daß man sie begrabe. | |
| So wird der Sonne Tochter, weiß und zart | |
| 139 | Im Anfang, nach und nach so schwarz wie'n Rabe. |
| Was staunst du, weil die Menschheit elend ward! | |
| Der Herrscher fehlt ja, da muß irr' sie gehen; 456 | |
| 142 | Doch eh noch abgelegt des Winters Art |
| Der Jänner hat, eh, was man übersehen, | |
| Das Hundertstel die Zeitrechnung bestimmt, | |
| 145 | Wird's donnern laut herab von diesen Höhen. |
| Das Schicksal, lang erharrt, naht dann ergrimmt, | |
| Die Schiffe dreht's, die erst verkehrt gelegen, | |
| 148 | Damit den richt'gen Curs die Flotte nimmt. |
| Dann folgt den Blüthen wieder Früchtesegen. | |