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Paradies. 28. Gesang.
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| Seite 456-460 | |
| Das Hauptaugenmerk müssen wir auf den Gegensatz der irdischen zu den himmlischen Zonen richten. Dabei darf man nicht vergessen, daß die Erde damals als der Mittelpunkt des Planetensystems galt. Je weiter die irdischen, materiellen Kreise vom Centrum abliegen, je mehr veredelt sich ihr Inhalt und Wesen und ihre Schwungkraft, je weiter die himmlischen, geistigen Kreise von ihrem Mittelpunkt, Gott, entfernt sind, je weniger vollkommen sind sie. Jeder irdische Kreis entspricht einem himmlischen, denn in letzteren weilen die Engel, welche jene leiten. Je mächtiger und erhab'ner diese Führer sind, je größer muß ihr Wirkungskreis sein. Gott ist hier nur als mathematischer Punkt gedact. Merkwürdig ist die Frage des Dichters, wie es zugehe, daß das Beispielgebende den, der das Beispiel empfängt, zu entgegengesetztem Verhalten bewegen könne? Das will sagen, wie kommt's, daß die himmlischen Kreise sich umgekehrt zu ihrem Centrum verhalten, als wie die irdischen zu ihrem Mittelpunkt? Zur weiteren Erläuterung dieses Kapitels diene noch Folgendes: Dionysius Areopagita schrieb eine Hierachie der Engel, einen geistlichen Engelsstaat, in welchem er die verschiedenen Chöre benennt und charakterisirt. Dazu soll ihn eine himmlische Vision befähigt haben. Gregor der Große sprach sich gegen dieses Werk aus. Der Juno Botin, welche hier angeführt wird, war Iris, der Regenbogen. | |
| 1 | Was ich gefühlt, entsinn' ich mich noch g'nau, |
| Als ich, nachdem das Bild, das wahre, treue, | |
| Der Gegenwart, entrollt die edle Frau, 457 | |
| 4 | Der Menschheit Elend schildernd, als auf's Neue |
| Ich jenen Augen jetzt mich zugewandt, | |
| Die meinem Geist verlieh'n die höchste Weihe, | |
| 7 | Aus deren Strahlen Amor Fesseln wand, |
| Die mich in alle Ewigkeit umstricken. | |
| Da fühlt ich das, was Jener wohl empfand, | |
| 10 | Der plötzlich sah vor den erstaunten Blicken |
| Im Glas das Abbild einer Fackel loh'n, | |
| Die man entzündet hinter seinem Rücken; | |
| 13 | Noch eh er nachgedacht, wandt' er sich schon, |
| Zu prüfen, ob's als richtig sich erweise, | |
| Und fand, daß, wie das Metrum stimmt zum Ton, | |
| 16 | Das Bild zum Urbild stimmt'. In gleicher Weise |
| Ging's mir; was ich in ihrem Aug' erblickt | |
| Sah, rückwärts ich gewandt, im neunten Kreise. | |
| 19 | Ein Stern stand da, der hellste Blitze zückt: |
| Welch' Auge kann vor ihm die Wimpern heben! | |
| Dies Licht, das mir die Lider zugedrückt | |
| 22 | Ist nur ein Punkt; erscheinen müßt' daneben |
| Der kleinste Stern wie'n Mond! So nahe auch, | |
| Wie sich vom Ring, den selbst er malt, umgeben | |
| 25 | Der Mond uns zeigt dann, wenn der feuchte Rauch |
| Am dich'sten ihn umschließt, sah hier 'nen Bogen | |
| Ich kreisen um den Punkt, wie'n Feuerhauch, | |
| 28 | Noch schneller als wie den, von dem umzogen |
| Das Weltall ist. Den ersten Ring umfaßt | |
| Ein zweiter, ja ein dritter, vierter flogen | |
| 31 | Und noch drei and're, doch in mind'rer Hast, |
| Um's Centrum. G'rad so weit vom sechsten Ringe | |
| Steht ab der nächste, daß dazwischen paßt | |
| 34 | Der Juno Botin. Größer ist die Schlinge, |
| Die acht' und neunte noch. Wenn sich erhöht | |
| Der Abstand von dem Centrum aller Dinge, | |
| 37 | Verlangsamt sich der Kreislauf. Mehr auch geht |
| Auf näh're Kreise über von dem Wesen | |
| Des Urlichts, mehr sind sie vom Geist durchweht. | |
| 40 | Die Herrin, die in meiner Brust gelesen |
| Und mich von Zweifeln sah so bang beengt, | |
| Beeilte jetzt sich freundlich sie zu lösen. 458 | |
| 43 | "Schau Himmel und Natur", begann sie, "hängt |
| An diesem Punkt! d'rum siehst zumeist du eilen | |
| Den nächsten Kreis, da heiß're Lieb' ihn drängt, | |
| 46 | Als wie die andern. Wär in allen Theilen |
| Geordnet so wie hier das Weltenall, | |
| Dann würd' bei dieser Frag' ich nicht verweilen; | |
| 49 | Doch findet statt der umgekehrte Fall |
| In unser'm Weltsystem. Je mehr die Kränze | |
| Abstehn vom Mittelpunkt im Erdenball, | |
| 52 | Vergöttlicht sich ihr Wesen." "O ergänze", |
| Bat ich, "was mir noch fehlt, damit gestillt | |
| Mein Wunsch im Engelstempel, dessen Grenze | |
| 55 | Nur Licht und Liebe ist. Wie kann ein Bild |
| Dem Urbild, wie das Beispiel widersprechen | |
| Dem Beispielgebenden?" Da sprach sie mild: | |
| 58 | "Ach deinen Fingern wird's an Kunst gebrechen, |
| Zu lösen diesen Knoten selt'ner Art. | |
| Doch haben Schuld daran der Menschheit Schwächen; | |
| 61 | Denn dieser Knoten wurde nur so hart, |
| Weil ihn zu lösen, selten man sich mühte, | |
| Und so er endlich unentwirrbar ward. | |
| 64 | Nimm denn die Speise, die ich willig biete, |
| Wenn du dich sätt'gen willst und wende an | |
| All deinen Scharfsinn. Sieh durch Gottes Güte | |
| 67 | Sind vorgesetzt den Kreisen, die wir sahn, |
| Den körperlichen, wunderbare Leiter; | |
| Verschieden ist der Kreise Maaß und Bahn, | |
| 70 | Denn weit sind alle zwar, doch ein'ge weiter, |
| Entsprechend stets der vorgesetzten Kraft; | |
| Naturgemäß ist diese Stufenleiter; | |
| 73 | Da größ're Kraft auch Größ'res wirkt und schafft, |
| Bedarf mehr Raum sie, um sich zu entfalten. | |
| Der neunte Kreis, der fort die andern rafft, | |
| 76 | Stimmt zu dem ersten droben, da enthalten |
| In diesem mehr als sonst ein and'rer hat | |
| An Lieb' und Weisheit. Wenn der Kräfte Walten | |
| 79 | Dir mehr, als wie die Form, die rund wie'n Rad, |
| Bedeutet, siehst du ein, daß von den Ringen, | |
| Die wir durchlaufen, jeder in der That 459 | |
| 82 | Der körperlichen muß zusammenklingen |
| Mit einem körperlosen, mag der Kranz | |
| Sich eng, sich weit um's ew'ge Centrum schlingen. | |
| 85 | Verschieden sind die Form und die Substanz, |
| Doch gleichen sich die leitenden Gewalten." | |
| Wie Boreas herstellt des Himmels Glanz, | |
| 88 | Wenn er den Wind ausströmt, den minder kalten, |
| Den seine eine Wange birgt, wie'n Schlauch, | |
| Die Nebel scheuchend, die sich düster ballten, | |
| 91 | So klärte auf mein Hirn die Rede auch. |
| Die Wahrheit stand wie'n Stern steht im Zenithe; | |
| Jetzt stoben, als verwehrt der Stimme Hauch, | |
| 94 | Ringsum durch alle himmlischen Gebiete |
| Unzähl'ge Funken, wie beim Hammerschlag | |
| Aus glühendem Eisen fahren. Neue sprühte | |
| 97 | Dann wieder jeder, heller als der Tag, |
| Vertausendfachen sie, daß überlegen | |
| Die Zahl noch jener, die erzielt beim Schach | |
| 100 | Einst durch Verdopplung ward an Körnersegen. |
| Hosanna! schallte jetzt ein Jubellied | |
| Von Chor zu Chor dem festen Punkt entgegen, | |
| 103 | Der Alle hält und Alle an sich zieht, |
| Die in ihm waren, sind, und sein stets werden. | |
| "Du warst im Kreis, wo man die Throne sieht", | |
| 106 | Sprach Beatrix, mit freundlichen Geberden, |
| "Du schautest Cherubim und Seraphim | |
| Lebendig, die im Bild du sahst auf Erden, | |
| 109 | Sie streben All' mit frommem Ungestüm |
| Dem Punkt zu nah'n, der anzieht diese Schaaren; | |
| So weit sie ihn erkennen, nah'n sie ihm. | |
| 112 | Das Maaß bedingt der Anschauung des Wahren, |
| Das Maaß des Glücks, die Liebe thut es nicht, | |
| Denn Folge ist die erst des Schaun's, des klaren. | |
| 115 | Erringen könnt Ihr der Erkenntniß Licht |
| Durch guten Will'n bis an des Lebens Grenzen | |
| Und durch Bethätigung in jeder Pflicht. | |
| 118 | Die and're Dreiheit, die hier sproßt in Lenzen, |
| In ew'gen, deren Grün stets frisch und neu, | |
| Weil nie der Widder schadet ihren Kränzen, 460 | |
| 121 | Grüßt, (jeder Chor mit and'rer Melodei), |
| Den Himmelsfrühling hier, den ewig milden. | |
| Herrschaften, Kräft' und Mächte sind die Drei. | |
| 124 | Die Fürstenthümer und Erzengel bilden |
| Und Engel ohne Zahl den letzten Chor. | |
| Sie spielen auf den himmlischen Gefilden | |
| 127 | Vor Gott, wie Kinder froh im Blumenflor. |
| Hinauf schau'n Alle zu dem höchsten Bogen | |
| Und reichen All' hinab. So zieht empor | |
| 130 | Ein Jeder And're, und wird selbst gezogen. |
| Bewund'rung hat und Liebe Dionys | |
| Ihr Wesen zu durchforschen einst bewogen. | |
| 133 | Er war's, der sie benannt, wie ich sie hieß. |
| Hielt auf der Welt Gregor dies für erdichtet, | |
| So hat beim Eintritt er in's Paradies | |
| 136 | Sich selbst belacht, da sich sein Geist gelichtet. |
| Staun' nicht, daß solch geheime Wahrheit Euch | |
| Ein Mensch that kund, denn ihm hat's der berichtet, | |
| 139 | Und Vieles noch, der's sah im Himmelreich!" 07.02.2007 |