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Paradies. 29 Gesang.
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| Seite 460-455 | |
| Den Hauptinhalt dieses Kapitels bildet die Betrachtungen über die Engel, ihre Natur, Art, Zahl und Thätigkeit, über ihre Erschaffung und ihren Fall. Die verschiedenen Ansichten und Meinungen in Bezug auf dies Thema und die Vertreter derselben werden erwähnt. Ein Hauptstreitpunkt war die Zeit ihrer Schöpfung, ob vor oder ob gleichzeitig mit dem Entstehen des Weltalls. Der h. Hyronimus behauptet, die seien lange vor diesem in's Dasein getreten. Als Gegenbeweis wird angeführt, man schaffe keinen Beamten ehe das Amt vorhanden ist, das er versehen soll. Da diese hohen Wesen die Sterne führen, so können sie nicht vor diesen geschaffen worden sein. Sie hätten ja sonst ihre schöne Kunst, wie die Leitung des Weltalls genannt wird, nicht auszuüben vermocht. Als die zuerst Geschaffenen von allen Creaturen werden sie aber einstimmig anerkannt und 461 diese Schöpfung als die höchste betrachtet, da durch sie reiner Geist, von allem Stofflichem frei, hervorgebracht wurde. Schon etwas tiefer in der Schätzung steht die Erschaffung des Menschen, in welchem der irdische Stoff sich zum Geist gesellt; als die letzte bezeichnet man diejenige der übrigen Welt, die nur aus Materie besteht. Durch den Vergleich mit dem Bogen, mit welchem man drei Pfeile zugleich abschießt, möchte man auf die Vermuthung kommen, es sei von einem dreifachen, gleichzeitigen Schöpfungsakt die Rede. Ueber den Zweck der Engelschöpfung wird gesagt: Gott habe diese liebenswürdigen Wesen nicht für sich in's Leben gerufen, da er sich selbst genügt, sondern nur um seine Schöpferkraft zu bethätigen. Diese Bedeutung hat der sonderbare Ruf: "Ich bestehe, ich bin". Schließlich wird die Frage nach der Reihenfolge der Schöpfungen auf den richtigen Standpunkt gebracht, indem es heißt, von vorher und nachher könne bei Gott ebensowenig die Rede sein, als von Raum und Zeit, da vor ihm alles Gegenwart sei. Diejenigen, welche Gott unablässig betrachten, und Alles in ihm, wie in einem Spiegel schauen, also die Engel und Seligen, werden mit ihm allwissend. Die Vielseitigkeit Gottes soll durch das Bild der unzähligen, verschiedenen Strahlen, die in unzähligen, verschiedenen Spiegeln, welch' letztere die Engel bedeuten, sich brechen, veranschaulicht werden. Auch in diesem Gesang sind die astronomischen Beziehungen wieder für den Leser die unverständlichsten. Bei dem ersten derartigen Vergleich handelt es sich darum, die Kürze der Pause zu schildern, welche Beatrix im Reden macht. Sie schweigt nur so lange, als Sonne und Mond im Gleichgewicht stehn, beide am Horizont, das eine Gestirn im Zeichen des Widders, also im Frühlingspunkt, das andere in dem der Wage, d.h. der Tag- und Nachtgleiche im Herbst. Wenn unmittelbar darauf wieder von einer Wage die Rede ist, so bezieht sich das nicht auf dieses Sternbild, sondern nur auf das Gleichgewicht im Allgemeinen. Die Stelle von Sonne und Mond vertreten hier die beiden Schalen einer Wage, das Zünglein steht fest im Zenith, aber nur einen Augenblick, da es bei dem Sinken der einen Schaale und dem gleichzeitigen Steigen der andern nach einer Seite hin ausweicht. Astronomische Fragen kommen gegen den Schluß hin noch einmal zur Erörterung. Ueber die Ursache der Finsterniß beim Tod des Heilands gab es damals erbitterte Wortgefechte. War sie eine Sonnenfinsterniß im gewöhnlichen Sinne des Worts, war es ein nie vorgekommenes Wunder? Der ersten Annahme widerspricht die Stellung des Mondes, welcher damals nach genauen Berechnungen der Sonne gerade gegenüberstand, also nicht zwischen sie und die Erde treten konnte, und weil die Dunkelheit an den entgegengesetzten Punkten genau zur selben Zeit eintrat. Die zweite würde ein selbständiges 462 Zurückziehen der Sonnestrahlen erfordern, welches sich überhaupt jeder natürlichen Erklärung entzieht. Bei den auch in diesem Kapitel wiederholten Klagen über die Mißbräuche der Kirche wird St. Antons Schwein erwähnt. Dies hat keinen Bezug auf Antonius von Padua, sondern auf Antonius den Aegypter, den Stifter des Einsiedlerlebens. Letzterer wird mit einem Borstenthier an der Seite abgebildet, weil er, wie einige meinen, von Geistern in Gestalt desselben angefallen wurde; andere behaupten, er habe dies Symbol seiner Fürsorge für die Thiere zu verdanken, in welchem Sinne man auch in Rom noch vor kurzer Zeit ein originelles Fest, bei dem Esel und Pferde geputzt zur Kirche geführt, gesegnet und mit Weihwasser, zum Schutz vor Krankheiten, bespritzt wurden, feierte. Das angedeutete Mästen dieses Schweins bezieht sich auf die Ueppigkeit der Geistlichen. | |
| 1 | So lang nur als die Kinder der Latone, |
| Die mit der Wage und dem Widder gehn, | |
| Und mit desselben Horisontes Zone | |
| 4 | Gegürtet sind, im Gleichgewichte stehn, |
| So lang als wie der Wage Zünglein droben | |
| Feststeht im Schwerpunkt auf den Mittagshöh'n, | |
| 7 | So daß nicht minder sinkt, noch steigt nach oben |
| Die Sonne als der Mond am Himmelszelt, | |
| So lange schwieg Beatrix, den Blick erhoben, | |
| 10 | Den strahlenden, zum Mittelpunkt der Welt; |
| Dann sprach sie: Fragen will ich nicht, denn lesen | |
| Im Centrum, das das "Wo" und "Wann" enthält, | |
| 13 | Konnt deinen Wunsch ich. Siehe, diese Wesen |
| Schuf Gott, nicht weil er sie bedarf, nicht eins, | |
| Da er sich selber stets genug gewesen; | |
| 16 | Nur eine Aeuß'rung war's des eignen Seins, |
| Damit sein Glanz ausrufe: Ich bestehe! | |
| Sich schau'nd im Spiegel solchen Widerscheins. | |
| 19 | Die ew'ge Liebe schuf auf dieser Höhe |
| Als erstes Werk der Liebeschöre neun, | |
| Geliebt und liebend; doch dies "erst" verstehe | |
| 22 | Nicht so, als könnt' sie starr gewesen sein |
| Vorher, denn "vor" und "nach" hat nicht bestanden, | |
| Und keiner theilte noch die Stunden ein, | |
| 25 | Da eine Zeit ja auch noch nicht vorhanden, |
| So lang der Geist über den Wassern lag. 463 | |
| Stoff, Form und Lebenskraft, zugleich entstanden, | |
| 28 | War'n wie drei Pfeile, die auf einen Schlag |
| Vom Bogen mit drei Sehnen fort sich schwingen, | |
| Zu einem Ziel gelenkt. Nicht nach und nach, | |
| 31 | Nein plötzlich siehst du einen Strahl durchdringen |
| Nicht halb, nein ganz, Glas, Bernstein und Chrystall; | |
| So wirkt die Schöpferkraft in allen Dingen, | |
| 34 | Der Engel Schöpfung war im Weltenall |
| Die höchste, denn im Geisterreich erscheinen | |
| Sie gleich den Gipfeln auf dem Erdenball, | |
| 37 | Die Alles überragen. Geist, den reinen, |
| Schuf Gott als größte That; schon minder groß | |
| Ist jene, durch die Geist und Stoff sich einen. | |
| 40 | Als letzte nenn' die That ich, welche bloß |
| Den Stoff erschuf. Daß Engel es gegeben, | |
| Schon manch' Jahrhundert lang, eh' aus dem Schooß | |
| 43 | Des Chaos sich die Welt aufrang zum Leben, |
| Lehrt zwar Hyronimus, doch haben nicht | |
| Des heil'gen Geist's Autoren zugegeben, | |
| 46 | Was dem gesunden Urtheil widerspricht; |
| Wenn Engel sind bestimmt zur Weltregierung, | |
| Weßhalb denn kamen sie so früh an's Licht, | |
| 49 | Da's nichts noch gab, bedürftig ihrer Führung? |
| Rasch, wie man kaum bis zwanzig zählen könnt', | |
| Erlag dem Stolz, der mächtigsten Verführung, | |
| 52 | Ein Theil der Engel, die von Gott getrennt, |
| Durch ihren Fall noch heut den Urgrund trüben, | |
| Auf dem beruht ein jedes Element. | |
| 55 | Die hier du siehst, die sind Gott treu geblieben, |
| Und diese nahmen gleich die Führerschaft | |
| Der Sphären auf, 'ne Kunst, die gern sie üben. | |
| 58 | Der Grund des Falls, durch den die Erde klafft, |
| War Stolz des Dämons, den du sahst beladen | |
| Mit aller Last der Welt, in ew'ger Haft. | |
| 61 | Doch die du wirken siehst auf Himmelspfaden, |
| Erkennen, daß in Gott besteht ihr Werth | |
| Und ihre Einsicht. D'rum ward auch durch Gnaden, | |
| 64 | Und durch Verdienst noch ihre Kraft erhöht, |
| Die über jede Lockung nun erhaben. 464 | |
| Verdienst, sag ich, denn wer nicht stolz sich bläht, | |
| 67 | Nein demuthsvoll empfängt des Schöpfers Gaben, |
| Erwirbt sich ein Verdienst. Genug gehört | |
| Zum Heil schon würd'st du von den Engeln haben, | |
| 70 | Blieb künftig nur dein Urtheil ungestört; |
| Doch muß ich and're Punkte noch erwähnen, | |
| Da drüben manche Schule Falsches lehrt. | |
| 73 | Die Engel, so behauptet man in jenen, |
| Versteh'n, woll'n und erinnern sich. Versenkt | |
| In Gottes Anblick sind sie ja; kein Sehnen | |
| 76 | Nach Andrem hat sie jemals abgelenkt. |
| So ist das Wort "Erinnern" angemessen | |
| Wohl nicht, wenn jener Wesen man gedenkt, | |
| 79 | Die Alles schau'n in Gott, die nie vergessen. |
| Mit offnen Augen träumt man oft genug | |
| Dort unten und belehrt die Welt vermessen; | |
| 82 | Der thut's aus Unbedacht, der hält's für klug, |
| Um Aufsehn durch was Neues zu erregen. | |
| Den Letztgenannten trifft der schwerste Fluch. | |
| 85 | Ihr Menschen geht nicht auf denselben Wegen, |
| Wenn Ihr philosophirt! Der Schein nur kirrt | |
| Die, die den höchsten Werth auf Beifall legen. | |
| 88 | Doch wer die Schrift verabsäumt, wer verwirrt |
| Die Auslegung, und Lust hat am Verdrehen, | |
| Thut Schlimmres noch! Bedenk, wie viel doch wird | |
| 91 | Des Bluts verspritzt, um Wahrheit auszusäen, |
| Wie ist den Boten man des Heils geneigt, | |
| Wenn demüthig sie nahn! Doch Viele blähen | |
| 94 | Sich prahlend auf, indeß die Wahrheit schweigt. |
| Der sagt: "Als Christus starb am Kreuzesstamme, | |
| Da ging der Mond, der sonst der Sonne weicht, | |
| 97 | Zurück, verbergend ihre schöne Flamme." |
| Der meint, "versteckt hab' sie ihr Licht gewiß | |
| Aus eignem Will'n, aus Mitleid mit dem Lamme." | |
| 100 | Denn bei den Spaniern ward die Finsterniß |
| Und Indern auch zur Zeit gesehn mit Grausen, | |
| Wo in Jerusalem der Vorhang riß! | |
| 103 | Nicht so viel Lapis, so viel Bindis haufen |
| In Florenz, als man Fabeln dort ersinnt, 465 | |
| Stets neue, als mit Narrethei und Flausen | |
| 106 | Die Kanzel man mißbraucht. Gespeist mit Wind |
| Kommt aus der Predigt man, wie, leer den Magen, | |
| Die Schaafe aus der Wüste; und nicht sind | |
| 109 | Durch Dummheit sie entschuldigt. Hörte sagen |
| Zu seinen ersten Jüngern man den Herrn: | |
| "Geht, predigt Schwänke!" Feste Unterlagen, | |
| 112 | Gab für sein Lehrgebäude er, den Kern |
| Des Glaubens, eh er sandt' von Ort zu Orte | |
| Die Seinen, um zu pred'gen nah und fern. | |
| 115 | Ja Lanzen war'n und Schwerter seine Worte, |
| Und Fackeln, die der Wahrheit Licht entfacht. | |
| Jetzt braucht dafür man Witze roh'ster Sorte; | |
| 118 | Stolz ist die Kutte, wenn der Pöbel lacht, |
| Doch lugt oft aus dem Zipfel der Kaputzen | |
| Ein schlimmer Vogel, der sein Nest da macht. | |
| 121 | Wüßt' man, was das für'n Vogel ist, würd' stutzen |
| Das Publikum, als säh' es einen Geist. | |
| Doch jetzt will jeden Ablaß aus man nutzen, | |
| 124 | Und fragt nach der Beglaub'gung nicht! Wie feist |
| Wird d'rum St. Antons Schwein, und jene Leute, | |
| Die schlimmer sind als Schweine, weil sie dreist | |
| 127 | Mit falscher Münze zahlen, froh der Beute. |
| Doch wir sind abgeschweift von grader Spur; | |
| Wend' dium zurück dich, daß der Weg, der weite, | |
| 130 | Sich kürzt für dich. Es liegt in der Natur |
| Der Engel, daß an Zahl in jeder Sphäre | |
| Sie wachsen. Wer spricht aus, wer denkt sie nur | |
| 133 | Die Riesenzahl! Entsinn' dich, wie die Chöre |
| Daniel beschreibt, dann stimmst du wohl mir bei, | |
| Daß, wenn nach Tausenden er zählt die Heere, | |
| 136 | Im Tausend eine Zahl verborgen sei |
| Unendlich groß, von uns nicht festzustellen. | |
| Verschieden schillert, ewig frisch und neu, | |
| 139 | Das Urlicht in den Leuchten hier, den hellen, |
| Und aufgenommen wird ein jeder Strahl | |
| So feurig, wie er ausströmt. Alle Wellen | |
| 142 | Sind ganz verschieden, und unzähl'ge Mal |
| Bricht sich das Urlicht in verschiednem Scheine. | |
| Gott strahlt zurück aus Spiegeln ohne Zahl, | |
| 145 | Er theilt sich stets, und bleibt doch stets der Eine." 07. 02. 2007 |