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Paradies. 30. Gesang.
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| Seite 466-470 | |
| Im Eingang wird der Anbruch des Tages geschildert und Bezug auf den Morgenstern und auf Aurora, die Magd, welche der Sonne vorausgeht, genommen. Dann vollzieht sich der Uebertritt aus der Sternenwelt in die des rein geistigen Lichts, aus dem neunten, dem größten Kreis, der sich am schnellsten umschwingt, in den ruhenden Himmel. Die zwei Heere, welche angeführt werden, sind das der Engel und das der Seligen. Das erste erscheint gerade so, wie es auch am jüngsten Tag erscheinen wird, d. h. vollzählig, das zweite nicht, indem es noch viele Seelen aufnehmen soll. Ein wunderbares Bild der Liebe, welche die Engel und die Seligen verbindet, wird in dem Gleichniß der Funken und Blumen ausgesprochen. Die beweglichen Funken entsprechen den Engeln, die Blumen den Seelen. Diese Erscheinung, erst ein goldener Strom, dann ein runder See, geht über in das Bild der himmlischen Rose, in deren Kelch die Seligen ruhen. Ein anderes Gleichniß ist das von der Kerze, welche erst durch eine magische Kraftwirkung fähig wird die Flamme aufzunehmen, d. h. zu brennen und zu leuchten. So wird das Auge auch erst durch das Schauen himmlischer Wunder fähig, endlich das Bild Gottes in sich aufzunehmen. Wenn dann von einer Sonne, welche ewig im Frühlingspunkt steht, die Rede ist, so muß man sich Gott selbst darunter denken. Zum Schluß gilt es noch einige historische Anspielungen in's Auge zu fassen. Daß nur wenig unbesetzte Plätze mehr im Paradiese sind, deutet auf den nahen Untergang der Welt, der leere Thron, auf dem Scepter und Krone liegen, mahnt an Kaiser Heinrich den VII., dem Dante als dem Retter Italiens sehnsüchtig entgegensieht. Bitter tadelt er dessen Gegner, Papst Clemens den V., den er den Präfekten des höchsten Gerichtshofs nennt, ihm prophezeit, er werde in den Höllenkreis Simons des Zauberers, wo die Verkäufer von Kirchenämtern leiden müssen, hinabgestoßen werden und dort den von Anagni, das ist, Bonifaz der VIII., tiefer in den Grund treten. Dies bezieht sich auf eine im ersten Theil des Werks beschriebene Höllenstrafe. Simon, der Zauberer aus Samaria, bot, nachdem er von Philippus getauft worden war, dem Petrus Geld, um die Gaben des h. Geistes dadurch zu erlangen. | |
| 1 | Vielleicht sechstausend Meilen in der Weite |
| Glüht schon der sechsten Stunde Mittagsbrand, | |
| Indeß die Schatten flieh'n in un'rer Breite, | |
| 4 | Und mancher klein're Stern schon lang verschwand. |
| Dann zeigt die Magd sich, die der Sonne immer | |
| Vorauseilt, an des Firmamentes Rand; | |
| 7 | Der Himmel schließt vor ihrem Rosenschimmer |
| Eins nach dem andern zu für uns're Welt | |
| Der Augen Fenster, bis zuletzt der Flimmer | |
| 10 | Des schönsten Sterns erlischt am blauen Zelt. |
| Die Glorie, die den Punkt, der mich geblendet, | |
| Umgiebt, doch scheinbar nur, denn er enthält | |
| 13 | Ja Alles, er der anfängt nicht noch endet, |
| Erblich, den Sternen gleich. Da wandt' den Blick, | |
| Den lang ich noch den Engeln nachgesendet, | |
| 16 | Voll Sehnsucht ich auf Beatrix zurück. |
| Könnt' ich erneu'n das Lob, das ich ihr weihte | |
| Von da, wo ich, o sel'ger Augenblick! | |
| 19 | Zuerst sie sah, bis da, wo mir zur Seite |
| Sie in erhöhter Schönheit stand zuletzt, | |
| Könnt' ich's, doch hättet dr'um kein Bild Ihr heute | |
| 22 | Von ihrer Schönheit. Auch fehlt Kraft uns jetzt |
| Vollkomm'nes zu begreifen; erst muß läutern | |
| Der Geist sich, um's zu fassen. Gott nur schätzt, | |
| 25 | Gott nur genießt es ganz. Hier werd ich scheitern, |
| Das ist der Punkt, wie jeglicher Poet, | |
| Sing' er in trag'schem Style oder heitern, | |
| 28 | An solchen kommt, wo's immer ihm mißräth, |
| Wenn es bis jetzt gefolgt bin im Gedichte | |
| Der Steig'rung iher Schönheit, die erhöht | |
| 31 | Von Stufe sich zu Stufe, so verzichte |
| Ich jetzt darauf! steht doch vom höchsten Ziel, | |
| Der Künstler, ob er bilde oder dichte, | |
| 34 | Stets ab in unbefriedigtem Gefühl. |
| Ihr Lob muß überlassen auf der Erde | |
| Dem Ruf ich, der sie preist in höh'rem Styl, | |
| 37 | Als meine Tuba, mit der jetzt ich werde |
| Das Werk fortführen, das nun bald gethan, 468 | |
| Sie aber sprach, mit Stimme und Geberde, | |
| 40 | Dem Führer gleich, der zeigt die rechte Bahn: |
| "Den größten Kreis der Welt, der materiellen, | |
| Verließen wir, und kommen eben an | |
| 43 | Im Reich des Lichts, des intellectuellen, |
| Des Lichts, das Liebe ist zu Gott, des Lichts. | |
| Das Freude ist; du wirst im Glanz, dem hellen, | |
| 46 | Die Himmelsheere sehn, die Angesichts |
| Des Schöpfers jauchzen. Eins kommt dir entgegen, | |
| Wie sehn du's wirst am Tage des Gerichts." | |
| 49 | Ein Strahl traf plötzlich jetzt mein Sehvermögen. |
| Wie'n Blitz, der blind uns macht für ein'ge Zeit, | |
| Daß Großes selbst wir nicht zu sehn mehr pflegen. | |
| 52 | "Die Lieb', die diesem Himmel Ruh verleiht, |
| Giebt so um ihre Flammen aufzunehmen | |
| Der Kerze erst die volle Fähigkeit!" | |
| 55 | Den Ruf verstand ich, der zusammennehmen |
| Mich alle Kräfte hieß, und ich errieth, | |
| Daß mich entzünden sollt' der Strahl, nicht lähmen. | |
| 58 | Da blickte muthig auf ich zum Zenith. |
| Seitdem schau kühn ich in die hellsten Gluthen. | |
| Ein Lichtstrom floß entgegen mir, umblüht | |
| 61 | Von ew'gem Lenz. Es stoben aus den Fluthen |
| Lebend'ge Funken nach dem Ufer hin; | |
| Die setzten in die Blumen sich und ruhten | |
| 64 | In ihren Kelchen aus; und mir erschien |
| Jetzt jede Blüthe, die durchstrahlt von Funken, | |
| Gleich einem goldumreiften Prachtrubin. | |
| 67 | Dann floh'n die Lichter, wie von Düften trunken, |
| Und tauchten in den Strom, der hochgeschwellt, | |
| Und neue, während jene schon versunken, | |
| 70 | Sah sprüh'n ich wieder auf das Blumenfeld. |
| "Dein Wunsch, des Wunders Kern zu schau'n, des süßen," | |
| Hob meiner Augen Sonne an, "gefällt | |
| 73 | Mir um so mehr, je mehr er wächst; genießen |
| Mußt, eh' dein Durst gestillt wird, du zuvor | |
| Von diesen Well'n, die zwischen Blumen fließen, | |
| 76 | Vorbilder sind ja nur der Blüthenflor, |
| Der Fluß, und die Topasen auf den Matten, 469 | |
| Die sprüh'n auf tausend Kelche, zart wie Flor. | |
| 79 | Der Blumen Lächeln ist ja nur ein Schatten, |
| So auch der Funken Spiel, den vor sich her | |
| Die Wahrheit wirft, denn deine Augen hatten | |
| 82 | Nicht Kraft, sie schleierlos zu sehn bisher!" |
| Nicht drängen Kinder, die die Zeit verschliefen, | |
| Wenn sie erwacht sich hin zur Milch so sehr, | |
| 85 | Als ich zum Fluß mich. Gern hätt' um zu prüfen |
| Was wahr, was Schein, zu Spiegeln ich gemacht. | |
| Die Augen jetzt. Ich sah den Strom, den tiefen, | |
| 88 | Der langgedehnt zog durch die Blumenpracht, |
| Erbreitern sich zum Rund. Wenn erst wir Leute | |
| Als Masken sehn, und Larve dann und Tracht | |
| 91 | Sie abthun später, schaut man von der Seite |
| Sie zweifelnd an, und frägt: "was ist denn wahr?" | |
| Der erste Anblick oder hier der zweite? | |
| 94 | O Glanz der Gottheit, durch den sonnenklar |
| Des ew'gen Reichs Triumph ich sah, durchstrahle | |
| Mich heut, damit ich alles Irrthums baar | |
| 97 | Wie ich ihn sah, im Bilde aus euch male. |
| Ein Licht, das sichtbar macht der Creatur, | |
| Die heiß verlangt nach seinem Himmelsstrahle, | |
| 100 | Den Schöpfer selbst, dehnt sich als Kreisfigur |
| So weit, daß für die Sonn' zum Gürtelbande | |
| Zu groß schon wär' der inn're Umkreis nur. | |
| 103 | Aus Strahlen bildet sich am äußern Rande |
| Des Empyreums jetzt ein Wiederschein. | |
| Aus diesem wundervollen Liebesbrande | |
| 106 | Saugt jene erste Triebkraft Leben ein, |
| Das weltbewegende. Wie sich die Hügel, | |
| Vom Mai geschmückt, um klare Seen reih'n, | |
| 109 | Sich selbst mit Lust beschau'nd im Fluthenspiegel, |
| So reihen Seelen um dies Rund sich dicht | |
| Die heimgekehrt sind auf der Sehnsucht Flügel; | |
| 112 | Und Thron um Thron wirft hier zurück das Licht. |
| Kann bergen schon das Tagsgestirn das große | |
| Der inn're Kreis, wie müssen da erst nicht | |
| 115 | Die äußern Blätter dehnen sich der Rose, |
| In der ich ruh'n all' diese Geister sah! 470 | |
| Doch machte nicht der Raum, der grenzenlose, | |
| 118 | Mich schwindeln, denn hier ist nichts weit noch nah, |
| Nicht wird der Blick verwirrt durch Höh'n und Breiten, | |
| Wie es auf Erden mir so oft geschah; | |
| 121 | Wo Gott unmittelbar regiert, bedeuten |
| Naturgesetze, bindend sonst, nichts mehr. | |
| Mein Blick, beschränkt im Staub nach allen Seiten, | |
| 124 | Umfaßte hier das ganze Wonnemeer. |
| Und wie umsonst ich mich zu reden mühte, | |
| Denn Ehrfurcht machte mir die Zunge schwer, | |
| 127 | Zog Beatrix mich in die gold'ne Blüthe. |
| Da that sich auf der ros'ge Blätterkreis | |
| Und hauchte, während ich anbetend kniete, | |
| 130 | Duftwolken aus, zu jener Sonne Preis, |
| Die steht im Frühlingspunkt, im ew'gen Lenze. | |
| "O sieh die Schaar in Kleidern, lilienweiß, | |
| 133 | Wie groß sie ist! Weit dehnen sich die Kränze |
| Hier uns'rer Stadt, die Stufen sind besetzt, | |
| Für Wen'ge nur ist Raum noch bis zur Grenze. | |
| 136 | Dein Auge haftet an der Stelle jetzt, |
| Wo eine Krone liegt! dort wird, noch ehe | |
| Du dich mit uns zum Hochzeitmahl gesetzt, | |
| 139 | Der strahlen, der befrei'n aus Noth und Wehe |
| Italien will! Sieh das ist Heinrich's Thron! | |
| Wie'n Kind, das ob vor Hunger es vergehe | |
| 142 | Doch fort die Amme stößt, so spricht's ihm Hohn. |
| Auch wird im Still'n und offen ihn bekriegen, | |
| Der jetzt bestimmt ist zum Präfekten schon | |
| 145 | Am höchsten Tribunal. Doch muß erleigen |
| Der Falsche und beim Magus Simon sein; | |
| Wenn er in jenen Schlund hinabgestiegen | |
| 148 | Stampft den er von Anagni tiefer ein." 09. 02. 2007 |