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Paradies. 32. Gesang.
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| Die himmlische Rose ist getheilt, indem die eine Hälfte von den Heiligen des alten Testaments, die andere von denen des neuen eingekommen wird. Die Grenze bildet hier Mariens Thron und dort der Sitz Johannes des Täufers. Zu erinnern ist, daß Ruth die Großmutter Davids war. Dann folgt eine Betrachtung über die Taufe und über die Verschiedenheit der angeborenen Gaben, wobei Esau und Jacob als Beispiel angeführt werden. | |
| 1 | Der, der sich weihte einzig, froh entflammt, |
| Der Anschauung Mariens sonst, der süßen, | |
| Nahm ihr gehorsam auf sein Lehreramt. | |
| 4 | "Die Wunde", sprach er, "welche kam zu schließen |
| Maria, schlug einst jene Frau, die hier | |
| So anmuthsvoll ruht zu der Jungfrau Füßen, | |
| 7 | Im dritten Kreis sitzt Rahel unter ihr |
| Mit Beatrix, die mich hierhergerufen. | |
| Und unter Rahel siehst du Frauen vier, | |
| 10 | Sarah und Judith auf verschied'nen Stufen, |
| Rebecca zwischen Jenen, endlich Ruth, | |
| Des Sänger Ältermutter, der gerufen: | |
| 13 | "Erbarm dich mein, und wasch mich rein vom Blut." |
| Die Reihe setzt vom siebenten der Kränze | |
| Sich auf- und abwärts fort; in jeder ruht | |
| 16 | Ein Weib des alten Bund's. So wird die Grenze |
| Gebildet, welche in zwei Hälften theilt | |
| Den Rosenkelch, der blüht in ew'gem Lenze. | |
| 19 | Indeß die Schaar der Seelen drüben weilt, |
| Die auf den kommenden Erlöser harrten, | |
| Und einst ihm froh entgegen sind geeilt, | |
| 22 | Ruh'n diesseits hier, die ihn nicht mehr erwarten, |
| Vielmehr sich des gekomm'nen Heiland's freu'n. | |
| Die Hälfte dort ist voll des Kelch's, des zarten, | |
| 25 | Die andre zeigt noch Lücken in den Reih'n. |
| Wie dort Marias und der Frauen Throne | |
| Die Grenze bilden zwischen jenen Zwei'n, | |
| 28 | So hier in andern Theil der Blumenkrone |
| Des Täufers Sitz. Groß ist Johannes Ruhm, 476 | |
| Der ebnete den Weg dem Gottessohne, | |
| 31 | Der Wüstennoth erlitt und Märtyrthum. |
| Sieh ihm zu Füßen Weise und Gelehrte, | |
| St. Augustinus, der zum Christenthum | |
| 34 | Erst selbst bekehrt, die Brüder dann bekehrte, |
| Und Andre viel, wie Benedict und Franz. | |
| Betracht die Anordnung, die staunenswerthe, | |
| 37 | Wie hier Vertreter, gleich an Zahl und Glanz, |
| Des neuen Bundes sitzen und des alten. | |
| Schweift tiefer dann dein Blick von Kranz zu Kranz, | |
| 40 | Fall'n dir in's Auge kindliche Gestalten, |
| Die nicht durch eigenes Verdienst hier sind, | |
| Nein fremdes hat für sie den Platz erhalten. | |
| 43 | Wie anmuthsvoll reiht hier sich Kind an Kind! |
| Ihr Antlitz zeigt, wie schnell sie flohn das Leben, | |
| Und ihre Stimme zeigt's, die zart und lind. | |
| 46 | Daß jedem nicht gleich hoher Platz gegeben |
| Da sonst sie gleich sind, ängstigt dein Gefühl, | |
| Doch will ich gleich des Zweifels Schleier heben. | |
| 49 | Wie's Schmerz nicht giebt auf diesem Rosenpfühl, |
| Nicht Durst noch Hunger, Gluthen nicht und Fröste, | |
| So waltet hier auch nie des Zufalls Spiel, | |
| 52 | Für Jeden ist sein Platz auch g'rad der beste; |
| Es paßt, wie auf den Finger paßt der Ring, | |
| Der Himmelsgast auf seinen Platz beim Feste; | |
| 55 | Und wahrlich, keinem ist er zu gering. |
| Nicht jede Seele ist von diesen Allen | |
| Gleich trefflich, denn vom Gnadenschatz empfing | |
| 58 | Der viel, der wen'ger nach des Herrn Gefallen. |
| Schlag zum Beweis die Bibel auf und lies, | |
| Da wo die Zwillinge sich angefallen | |
| 61 | Im Mutterschooß, und jeder um sich stieß. |
| Verschieden soind mitsammt wir, wie die Knaben. | |
| Du fragst warum? Die einz'ge Antwort dies: | |
| 64 | Der Herr verleiht nach freier Wahl die Gaben. |
| Derselbe Kranz paßt nicht für jedes Haar, | |
| Nicht alle Throne sind hier gleich erhaben. | |
| 67 | Schuld und Verdienst giebt's nicht in dieser Schaar, |
| So muß bestimmend sein der Gnaden Fülle, 477 | |
| Die angebor'ne Art. Der Glaube war | |
| 70 | In ältester Zeit, die Absicht und der Wille |
| Der Eltern für der Kinder Heil genug; | |
| Dann nahm man ein Atom der Zarten Hülle | |
| 73 | Den Knäbchen, stärkend sie zum hohen Flug. |
| Die Gnadenzeit erschien, die freudenhelle, | |
| Da hob die Taufe auf der Erbschuld Fluch; | |
| 76 | Der unberührt bleibt von der heil'gen Welle, |
| Das Kind, dem solche Sühne noch gebricht, | |
| All' diese haften stets an tief'rer Stelle. | |
| 79 | Doch jetzt genug; schau nun in's Angesicht, |
| Das dem des Herrn am meisten gleicht von allen. | |
| Zur Gottbetrachtung giebt dir Kraft das Licht | |
| 82 | Marias nur, die uns ein Wohlgefallen." |
| Da sah ich aus den Seelen, ihr geweiht, | |
| So mächt'ge Ströme reinster Liebe wallen, | |
| 85 | Daß überwältigt mich die Herrlichkeit. |
| Nie trat in einem Wesen mir entgegen | |
| Wie in Mari'n mit Gott die Aehnlichkeit. | |
| 88 | Und Jener, der zuerst den holden Segen |
| Gesprochen hat: "Maria sei gegrüßt!" | |
| Kommt nun herbei mit mächt'gen Flügelschlägen | |
| 91 | Und seinem frohen Lobgesange schließt |
| Der Chor der Sel'gen an sich mit Entzücken; | |
| Es wächst die Lust weil Jeder mitgenießt, | |
| 94 | Und strahlt stets höher auf in allen Blicken. |
| "O Vater, der sein hold Asyl verließ", | |
| Sprach ich, "um sich zu mir herabzubücken, | |
| 97 | Wer ist der Schönste hier im Paradies, |
| Der scherzt vor seiner Herrin, wonnetrunken? | |
| In Liebesgluthen himmlisch rein und süß | |
| 100 | Wird er zu einem einz'gen Feuerfunken." |
| Und Bernhard, durch Marias Glanz verschönt, | |
| Sprach jetzt, in ihren Anblick ganz versunken, | |
| 103 | Dem Morgenstern vergleichbar, der entlehnt |
| Vom Sonnenball die Leuchtkraft und den Schimmer | |
| Und sich mit seiner Herrin Strahlen krönt: | |
| 106 | "Sieh, was ein Engel oder Geist nur immer |
| Besessen hat an Schönheit und an Muth, 478 | |
| Vereint in ihm sich, übertroffen nimmer, | |
| 109 | Daß so bevorzugt er, dünkt Allen gut, |
| Weil er der Jungfrau einst die Palme brachte, | |
| Als Christus uns're Bürde auf sich lud. | |
| 112 | Folg' mit den Augen nun mir und betrachte |
| Die Großen dieses Reichs. Zuerst sieh hin | |
| Auf zwei, die ich die Glücklichsten erachte, | |
| 115 | Weil sie zunächst sind uns'rer Kaiserin. |
| Der Rose Wurzeln nenn' ich diese Beiden. | |
| Der links har schon gelebt im Anbeginn | |
| 118 | Der Zeit. Wir mußten kosten bitt're Leiden, |
| Weil er die Frucht gekostet süß und roth. | |
| Der Kirche Vater, welcher sollte weiden | |
| 121 | Die ganze Heerde nach des Herrn Gebot, |
| Sitzt rechts von ihr, die Schlüssel gab der Heiland | |
| Zu dieser Rose ihm vor seinem Tod. | |
| 124 | Der zweite dort sah einst auf Patmos Eiland |
| Prophetisch jene Braut, verfolgt, bedrängt, | |
| Die nur erkämft mit Speer und Nägeln weiland. | |
| 127 | Bei Adam aber sitzt der, der gelenkt |
| Das Volk und ihm erbat vom Himmel Manna, | |
| Und den's dafür mit Undank hart gekränkt. | |
| 130 | Dem Petrus gegenüber freut sich Anna, |
| Und blickt auf ihre Tochter unverwandt, | |
| Selbst als sie anstimmt fröhlich ihr Hosanna. | |
| 133 | Sieh an des ersten Vaters rechter Hand |
| Lucia, die dich, da du schon im Sturze, | |
| Zu retten kam, und Beatrice fand. | |
| 136 | Jetzt halt ich ein, denn nur noch eine kurze |
| Ist dein Vision. Gab wenig Tuch | |
| Dem Schneider man zum Rocke oder Schurze, | |
| 139 | So schneidet doppelt sparsam er und klug. |
| So müssen mit der Zeit wir uns begnügen. | |
| Betracht' nichts Andres mehr, nur Eins versuch', | |
| 142 | Zur ersten Liebe muthig aufzufliegen; |
| Doch daß du nicht schon sinkest erdenwärts; | |
| Im Wahn die letzte Schwäche zu besiegen, | |
| 145 | Laß fliehn zu der uns, die in Noth und Schmerz |
| Schon drunten Beistand lieh stets, den erflehten, 479 | |
| Von meinen Worten trenne nie dein Herz | |
| 148 | Und folg' mit deiner Liebe meinem Beten." |