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Uebersicht

Purgatorium. 2. Gesang.
Seite 169-173
169  Beim zweiten Kapitel kommt zuerst die astronomische Lage in Betracht. Auf dem Mittagkreis, welcher über Jerusalem hinläuft, also auch, wenn man sich die Linie um die Erdkugel gezogen denkt, über den Berg des Purgatoriums, geht die Sonne auf. Demgemäß muß es am Ganges, der mittlern Entfernung zwischen diesen beiden Punkten, Mitternacht sein. Die Nacht steigt aus dem heiligen Strom auf, mit der Waage, dem Sternbild, welches dann culminirt. Wenn die Nacht länger wird, also herrscht, d.h. im Winter, fällt ihr die Waage aus der Hand; dieselbe geht dann früher auf und unter. Von der Aurora sagt der Dcihter, sie altre, da ihr Weiß und Rosa sich in Goldorange (170) verwandelt. Der Stern, auf den beim Erscheinen des Kahns Bezug genommen wird, ist der röthlich schimmernde Mars. Der Psalm, den die Seelen in dem Schiff singen: "Als Israel aus Aegypten zog", bezieht sich auf den Auszug derselben aus der Welt der Sünde und des Schmerzes, der geistigen Knechtschaft. Casella, welchem der Dichter hier begegnet, war ein berüuhmter Musiker jener Zeit, welcher das Sonett des Dante: "Die Liebe, die mit mir im Geiste redet", componirt hatte. In dem Zwiegespräch der Künstler wird des Jubiläums, welches 1299 in Rom stattfand, gedacht, auch spricht Dante in demselben die feste Zuversicht auf einstige Rückkehr an diesen Strand aus.   
   
1      Am Horizonte, dessen Meridian     
  Grad im Zenith steht über Zions Hügel,
4 Erschien der Tag! auf umgekehrter Bahn
  Entstieg indeß die Nacht mit schwarzem Flügel,
7 Dem Gangesstrom, die Waage in der Hand,
  Die ihr, wenn sie ergreift der Herrschaft Zügel,
10 Entfällt und abwärts rollt; und sieh es schwand
 

Das Weiß und Rosa von Aurorens Wangen,

 

Gealtert schien sie, braun vom Sonnenbrand.

13

Wie der, der mit dem Geist schon weit gegangen

 

Doch still steht mit dem Leib, weil Zweifel ihn

 

Auf welchem Weg zum Ziel er komm', befangen,

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So standen wir am Strand; sieh da erschien

 

Ein Licht von fern, o daß mir's wieder leuchte,

 

So röthlich wie der Mars ist im Verglühn,

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Wenn ihn umschleiert Morgenduft, der feuchte,

 

Eh' in die See er taucht. So rasch kam's nah,

 

Daß im Vergleich mir Fliegen langsam däuchte,

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Ja als von ihm ich auf Virgil dann sah,

 

Mit Blicken fragend, was so pfeilschnell gleite,

 

Und dann zurück, stand's doppelt groß schon da.

25

Ein Schimmer kam hervor an jeder Seite:

 

Allmählich drunter auch ein weißer Glanz.

 

Noch schwieg der Weise, selbst des Zweifels Beute,

28

Als sich auch schon der ob're Strahlenkranz

 

Getheilt, und zu zwei Flügeln sich entfaltet.

 

Doch als den Fährmann jetzt erkannt er ganz,

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Rief er: "Auf's Knie, die Hände rasch gefaltet,

 

Denn das ist Gottes Engel! gleicher Art,

 

Wirst Manchen du noch sehn, der treu hier waltet.

34

Hülfsmittel hat er nicht zur weiten Fahrt,

 

Kein Ruder braucht's und andrer Segel nimmer,

 

Als seine Flügel, stark zugleich und zart."

37

Mir Federn himmelwärts gerichtet immer,

 

Mit ew'gen, nicht wie ird'sche wandelbar,

 

Bewegt die Luft er; welch' ein Silberschimmer!

40

Und nah und näher kommend, schien so klar

 

Der Himmelsvogel jetzt, daß in die Helle

 

Hinein zu schauen mir unmöglich war. 

43

Schon glitt das Schiff heran zur Uferschwelle

 

Doch zog so leicht es auf der Wasserbahn,

 

Daß kaum der Bootskiel einschnitt in die Welle,

46

Obgleich wohl hundert Schatten trug der Kahn;

 

Sie stimmten wie von einem Geist getrieben,

 

"Als Israel aus Egypten zog", jetzt an,

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Und sangen was noch sonst im Psalm geschrieben.

 

Doch als das Kreuz der hehre Ferge schlug,

 

Da sah ich aus dem Schiff die Pilger stieben;

52

Und kaum war'n sie am Land, so stieß im Flug,

 

Der Fährmann ab, und schwand in fernster Bläue,

 

So schnell wie jüngst das Schiff heran ihn trug.

55

Dem Schwarm, der blieb, schien fremd der Ort, der neue,

 

Sie standen zweifelnd, sah'n umher verzagt.

 

Schon schnellte Phöbus jetzt, der wolkenfreie,

58

Der vom Zenith den Steinbock jüngst verjagt,

 

Herab uns Pfeil auf Pfeil von jeder Seite,

 

Da völlig überall es nun getagt,

61

Als jenes fremde Volk, das gottgeweihte,

 

Den Blick zu uns erhob und so uns bat:

 

"Kennt ihr den Weg zum Berg, ihr guten Leute,

64

So zeigt ihn uns!" - "Ihr bittet uns um Rath,

 

Doch Pilger sind wir nur wie ihr, 'ne Weile

 

Vor Euch hierher gelangt auf anderm Pfad,

67

So rauh, daß im Vergleich die größte Steile

 

Uns zu erklimm'n ein Spiel nun scheinen wird."

 

Indeß den Seelen, durstig nach dem Heile

70

So Antwort gab mein Führer und mein Hirt,

 

Erkannten sie an meinen Athemzügen,  

 

Daß ich lebendig sei; erschreckt, verwirrt

73

Sahn sie mich an. Wie wenn nach langen Kriegen

 

Dem Boten mit des Oelbaums Silberast

 

Die Blicke überall entgegenfliegen,

76

So spannte jedes Aug' nach mir und fast

 

Vergaßen sie vor Staunen ihr Verlangen

 

Zu läutern sich; doch Einer schnell gefaßt,

79

Der Pilger trat hervor mich zu umfangen,

 

So liebreich, daß im selben Augenblick

 

Ich ihm die Lippen darbot und die Wangen;

82

O Schatten, ihr besteht nur für den Blick!

 

Dreimal verschränkt ich hinter ihm die Arme

 

Und zog sie leer an meine Brust zurück;

85

Erblaßt war wohl vor Schreck ich und vor Harme,

 

Denn sieh es lächelte der Geist und trat

 

Zurück ein wenig, abseits von dem Schwarme.

88

Ich folgt' ihm bis er still zu steh'n mich bat.

 

Da kannt' ich ihn am süßen Ton der Kehle.

 

"Bleib", fleht ich, "du der stets mir Gutes that!"

91

Und er: "Wie dich im Staub geliebt die Seele,

 

Liebt sie auch jetzt dich noch, vom Leib befreit,

 

Drum säum ich gern bei dir! doch du erzähle,

94

Warum durchpilgerst du die Ewigkeit?"

 

"Ich thu's, um einst hierher zurückzukommen;

 

Doch wer nahm dir, Casella, so viel Zeit?"

97

Und er: "Wenn lange mich nicht aufgenommen

 

Der, der nur wen er will läßt in den Kahn,

 

Und wann er will, geschah mir's wohl zum Frommen,

100

Gewiß kein Unrecht hat er mir gethan,

 

Der Gottes Willen macht zum eignen Wollen;

 

Jetzt seit drei Monden darf ihm jeder nah'n,

103

Daher nahm mich auch in den Kahn, den vollen,

 

Am Strand er, wo der Tiber salzig schon;

 

Er spannt, weil dort sich Alle sammeln sollen,

106

Die nicht hinabgehn an den Acheron,

 

Stets nach der Tibermündung sein Gefieder

 

Und ist auch jetzt dahin zurückgefloh'n."

109

Und ich: "Vergaßest du noch nicht die Lieder,

 

Die einst gestillt mein Sehnen, meinen Gram, 

 

So tröste meine matte Seele wieder,

112

Die ach hierher mit meinem Leibe kam;

 

Verbeut kein neu Gesetz so süß zu scherzen,

 

So singe was ich einst entzückt vernahm!"

1145

Da hob er an: "Die Lieb, die spricht im Herzen",

 

Und sang so süß, daß noch ich's hör im Geist;

 

Und mir vergaßen aller Müh'n und Schmerzen.

118

Der Meister, ich, und die mit uns gereist,

 

Wir standen alle sorglos her um Jenen,

 

Als hätten wir im Sinne nur zumeist,

121

Zu lauschen immerdar Casella's Tönen.

 

Da rief, der plötzlich uns genaht, der Greis:

 

"Was ist? was zögert ihr euch zu verschönen?

124

Zum Berg! das Hinderniß räumt fort mit Fleiß,

 

Das noch den Schöpfer birgt vor Euren Blicken!"

 

Wie Tauben, die beim Mahl gesellt, am Mais,

127

Am Lolch und Weizen still zufrieden picken,

 

Und nicht wie sonst sich brüsten und sich blähn,

 

Wie Tauben plötzlich aufschwirrn von den Wicken,

130

Und jetzt das Mahl, das sie gelockt, verschmähn,

 

Wenn etwas sie erschreckt, so floh auch bange

 

Die neue Schaar hinauf zu Felsenhöhn.

133

Gleich dem, der vorwärts stürmt in dunk'lem Drange,

 

Kennt er auch nicht den Weg zum fernen Ziel,

 

So floh'n sie vor dem lieblichen Gesange;

136

Nicht minder rasch zog fort ich mit Virgil.    26.02. 2007

3. Gesang

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