Purgatorium. 10. Gesang. |
|
| Wenn im Beginn dieses Gesanges von der falschen Liebe gesprochen wird, so bezieht sich das auf die Anhänglichkeit an irdische Güter, oder auf die falsche, weichliche Selbstliebe, welche (210) nicht büßen will. Wir kommen nun an eine Reihe von Bildern, welche theils positiv, theils negativ die Demuth predigen, die Demuth, das erste Erforderniß zur Erlangung der Verzeihung. Diese Darstellungen sind so herrlich, daß sie nicht allein dem großen Polyclet, den griechischen Künstler, sondern selbst die Natur, welche doch die Meisterin Aller ist, verhöhnen, das heißt, beschämen. Bei dieser Gelegenheit ist von Maria die Rede, als derjenigen, welche zuerst den Schlüssel zur verschlossenen Himmelspforte drehte, indem sie einwilligte die Mutter des Herrn zu werden. Unter den Bildern fallen einige besonders in's Auge: Die Arche, welche in Begleitung von 7 Chören vom Hause des Oberpriesters Obed-edom in die Stadt Davids getragen wird. Oza, ein Israelit, soll, indem er die Arche stützte und sich so etwa anmaßte, was ihm nicht zukam, Strafe zugezogen haben. Ferner David, der vor der Bundeslade tanzt, indeß sein Weib Mical, vom Palast herabschauend, ihn verspottet. Dann Trajan, der römische Kaiser, welcher einem armen Weibe gerecht wird und deßhalb einen Kriegszug aufschiebt. Auffallend ist in diesem Kapitel der Ausdruck, "der höchste Bildner, Gott, schuf hier ein sichtbar Sprechen", d. h. die Figuren scheinen zu reden, so lebensvoll sind sie dargestellt. Die verschiedenen Sinne des Menschen werden durch diese Bilder in Zwiespalt mit einander gebracht. Das Auge glaubt, die Gestalten singen, das Ohr aber hört keinen Ton, das Auge glaubt, die Nase müsse den Wohlgeruch der Weihrauchwolken einziehen, aber sie riecht nichts. Bei der Erscheinung der Stolzen, welche gekrümmt unter schweren Lasten gehn, gedenkt Dante der Karyatiden, der sogenannten Kragsteine. Bei dieser Gelegenheit wird der schöne Vergleich der Seele mit Raupe und Schmetterling weiter ausgeführt. | |
| 1 | Das Thor verrostet, weil vom rechten Pfade |
| Die falsche Liebe viele hat entwöhnt, | |
| Die glauben macht der krumme Weg sei grade, | |
| 4 | Fiel hinter uns in's Schloß, und wie's auch dröhnt, |
| Ich sah nicht um, denn wo nur hätt' ich Gründe | |
| Gefunden, die den Wächter dann versöhnt? | |
| 7 | Wir stiegen aufwärts durch ein Felsgewinde, |
| Wo hier der Berg bald vortritt und bald dort, | |
| Wie Wellen nah'n und flieh'n, bewegt vom Winde. | |
| 10 | "Drück fest dich in die Buchten", mahnt mein Hort; |
| Doch konnt ich langsam so nur vorwärts kommen, | |
| Querüber gleitend stets von Bord zu Bord. | |
| 13 | Schon, ehe aus dem Hohlweg wir geklommen, |
| Versank auf's neu des Monds geschmälert Rund, | |
| Das um ein gutes Theil jetzt abgenommen. | |
| 16 | Die Fläche droben, wo im Hintergrund |
| Auf's neu der Berg sich schließt durch Felsterassen, | |
| Drei Körperlängen messend wohl vom Grund, | |
| 19 | Bis wo an's Leere grenzen jene Massen, |
| Betraten wir, und sah'n erstaunt umher, | |
| Ich matt vom Klettern durch die hohlen Gassen, | |
| 22 | Und ungewiß wir Beide, ich und er, |
Wohin uns wenden, denn wie eine Wüste |
|
Lag heri die Gegend, völlig menschenleer. |
|
| 25 | Nach beiden Seiten zieht sich hin 'ne Küste |
In gleicher Höh', von weißem Marmorstein, |
|
Und ob's den Wandrer auch hinauf gelüste, |
|
| 28 | Doch führt kein Pfad ihn auf die Felsenreih'n. |
Gemeißelt sind in diese Marmorlehnen |
|
Gebilde, die nicht Policlet nur, nein, |
|
| 31 | Die selbst die Bildnerin, Natur verhöhnen. |
Der Engel, der gebracht' vom Sternenzelt |
|
Die Friedensbotschaft, lang erfleht mit Thränen, |
|
| 34 | Die Botschaft, die erschloß die Himmelswelt, |
War in Geberd' und Haltung so voll Leben |
|
Hier durch die Kunst des Meißels dargstellt. |
|
| 37 | Daß er kein stummes Bild mich däucht', nein eben |
Hob an er schon, so schien's mir: "Sei gegrüßt!" |
|
Denn die auch steht vor ihm, die gottergeben |
|
| 40 | Zuerst den Schlüssel drehte, der erschließt |
Der ew'gen Liebe lang entbehrten Segen. |
|
"Ich bin die Magd des Herrn", die Worte liest |
|
| 43 | Im Antlitz man, in dem sie aus sich prägen |
So klar wie'n Siegel, das auf Wachs gepreßt. |
|
Der Demuth Beispiel hält sie uns entgegen. |
|
| 46 | Da sprach, der an der Herzensseite fest |
Auf diesen steilen Pfaden mich behalten, |
|
"Häng nicht an einem Punkt, sieh auch den Rest". |
|
| 49 | So blickt ich um, und andere Gestalten |
Sah ich in anderm Vorgang, der mir neu, |
|
Sich hinter der Maria schön entfalten. |
|
| 52 | Damit das Bild mir gegenüber sei, |
Ging an dem Meister ich vorbei, dem lieben; |
|
Da stand die Arche, die erfüllt mit Scheu, |
|
| 55 | Daß wir ein fremdes Amt nich sollen üben; |
Auf stierbespanntem Wagen ragt ihr Dach, |
|
Umgeben von der Sängerchöre sieben, |
|
| 58 | Und diese waren's die in Zwiespalt, ach, |
Von meinen fünfen mir zwei Sinnen brachten. |
|
"Sie singen", sagt das Auge, und es sprach: |
|
| 61 | "Sie singen nicht!" das Ohr; so streitig machten |
Die Weihrauchswolken rings um das Gefähr |
|
Mir Nase auch und Augen beim Betrachten. |
|
| 64 | Der demüth'ge Psalmist, der hier noch mehr |
Und wen'ger doch als König, führt' den Reigen |
|
Und tanzte vor der heil'gen Lade her, |
|
| 67 | Indeß, die sein sich schämt vor so viel Zeugen, |
Die Mical niederblicket vom Altan, |
|
Ein Weib zu stolz auch nur das Haupt zu neigen. |
|
| 70 | Weiß schimmernd neben ihr, zog jetzt mich an |
Ein andres Bild, daran den Blick zu laben, |
|
Auf dem wir jenen Römerfürsten sahn, |
|
| 73 | An Kraft und Tugend reich, der, dessen Gaben, |
Da Demuth war der Tapferkeit gesellt, |
|
Gregor zum großen Sieg verholfen haben, |
|
| 76 | Ich rede von Trajan, dem Herrn der Welt; |
Hier steht die Wittwe auch, die in den Zügel |
|
Ihm ach mit jammernder Geberde fällt; |
|
| 79 | Die Ritter sitzen um ihn her im Bügel, |
Und Adler glänzen über seinem Haupt; |
|
Im Wind, so scheint's, bewegen sich die Flügel, |
|
| 82 | Und zu vernehmen von der Armen glaubt |
Den Ruf man, den ich heut im Geist noch höre: |
|
"Räch' meinen Sohn, der grausam mir geraubt." |
|
| 85 | Und drauf von ihm: "Wart bis ich wiederkehre", |
"Und kehrst du nicht zurück", rief sie, "wie dann?" |
|
"Was kümmert's dich, ob ich dir Recht gewähre |
|
| 88 | Ob's später thut ein Andrer," frug Trajan, |
Und sie: "Was kümmert's dich, ob Recht geschehe |
|
Durch Andre, wenn du selbst nicht Recht gethan?"i |
|
| 91 | "Getrost", sprach er, "ich helf dir eh ich gehe, |
Gerechtigkeit verlangts, und Mitleid, sieh, |
|
Hält hier mich fest." Der, der aus ew'ger Höhe |
|
| 94 | Nichts Neues sieht, schuf hier voll Harmonie |
Ein sichtbar Sprechen, nicht wie sonst durch Laute, |
|
Uns neu nur, weil's geschieht auf Erden nie. |
|
| 97 | Indeß die Bilder staunend ich beschaute, |
Mir werth des Bildners wegen und entzückt |
|
Am Beispiel wahrer Demuth mich erbaute, |
|
| 100 | Hört murmeln ich Virgil, der weiter blickt: |
"Sie da ein Trupp! doch schleichen nur die Leute. |
|
Ob Einer wohl, der dort sich naht gebückt, |
|
| 103 | Zu höhern Stufen uns vielleicht geleite?" |
Die Augen, Neues stets zu sehn erpicht, |
|
Wandt ich bei diesem Wort nach seiner Seite, |
|
| 106 | Den guten Vorsatz möcht verleiden nicht |
Ich dir, o Leser, wenn ich jetzt dir sage, |
|
Wie schwer dort drückt der ird'schen Schuld Gewicht. |
|
| 109 | O übersieh die Art und Form der Plage, |
Denk an die Folgen nur, denk, jede Pein |
|
Währt schlimmsten Falls nur bis zum jüngsten Tage. |
|
| 112 | "Was dort herankommt, sollten's Menschen sein?" |
Rief ich, "kann man die Glieder so verrenken? |
|
Mein Auge irrt sich wohl, es täuscht der Schein!" |
|
| 115 | Und er: "Verdreht hat so in den Gelenken |
Der Strafe Art sie, daß ich erst fürwahr |
|
Nicht wußte, was mir unter ihnen denken; |
|
| 118 | Sieh genauer hin, und kannst du endlich gar |
Was unter jenen Steinen kommt ergründen, |
|
So wird dir auch, was Jeder leidet klar." |
|
| 121 | O stolze Christen, o Ihr geistig Blinden, |
Weh, daß Euer Rückschritt Euch ein Fortschritt däucht! |
|
Wißt Ihr denn nicht, daß hier in seinen Sünden |
|
| 124 | Der Mensch ein Wurm ist, doch ein Wurm erzeugt |
Zum Himmelsfalter um sich zu gestalten, |
|
Der ungepanzert zu der Sonne fleugt. |
|
| 127 | Ach, seit von Stolz die Herzen überwallten |
Seid Menschen wie'n Insekt Ihr, das schon fast |
|
Entpuppt ist, und sich doch nicht kann entfalten! |
|
| 130 | Figuren gleich, die tragen eine Last, |
Sei's Dach, sei's Decke, und als Kragstein dienen, |
|
Bei deren Anblick Mitleid uns erfaßt, |
|
| 133 | So daß, was unwahr, wahrhaft rührt, erschienen |
Mir Jene, als ich sie entwirrt im Zug. |
|
Nicht gleich gebückt ging Jeder hier von ihnen, |
|
| 136 | Vielmehr der Last gemäß nur, die er trug; |
Und doch in Mien und Haltung schien zu sagen |
|
Der, der sich am geduldigsten betrug: |
|
| 139 | "Erbarmen, ach ich kann nicht weiter tragen." 10.10.06 |