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Uebersicht

Purgatorium. 12. Gesang.
   
     Bei Beschreibung der Bilder, Beispiele bestraften Hochmuths darstellend, sehen wir zuerst den Inbegriff alles Stolzes, den Lucifer. Dann wechseln die Darstellungen in der Weise, daß eine stets dem antiken Heidenthum, die andere der biblischen Geschichte entnommen ist; so aus dem klassischen Alterthum: der Fall des Titanen Briareues, des Hundertarmigen, von Zeus besiegt, dessen Tod Apollo, hier Thymbräus, von einer Stadt in Kleinasien, wo er besondere Verehrung genoß, benannt, Pallas 219 und Mars zuschauen; Niobe, die sich gegen Latonen, der Mutter Apollos und Diana's, ihrer 14 Kinder rühmte, worauf, wie der Dichter sagt, die Zweie ihr die Vielen erschlugen, Arachne, welche mit Athenen um die Wette spann und so fein und kunstvoll, daß die erzürnte Göttin die Arbeit zerriß und Jene in eine Spinne verwandelte, Eryphile, welche mehr ein Beispiel der Eitelkeit als des Stolzes ist, da sie um eines kostbaren Schmuckes willen den Zufluchtsort ihres Gatten, des Sehers Amphiareus, der den Zug nach Theben nicht mitmachen wollte, verrieth. Alkmenes, ihr Sohn, gab ihr dafür den Tod. Zum Schluß wird der Fall Troja's angeführt.
     Von biblischen Personen kommen vor: Nimrod am Fuß des eingestürzten Thurmes von Babel, Saul, der bei Gelboë fiel, weshalb, wie David singt, dies Land fortan nicht Thau noch Regen nässen soll, Roboam, König der Juden, welcher dem ihn um Erleichterung seiner Lasten anflehenden Volk zurief: "Hat mein Vater Euch mit Ruthen geschlagen, so will ich Euch mit Scorpionen züchtigen!" Als aber endlich seine Unterthanen aufstanden und sprachen: "Welch ein Theil ist uns mit David, und welch' ein Erbe mit dem Sohn Isai?" und als sie Aduras, den Einnehmer des Tributs, steinigten, da bestieg er den Wagen und floh nach Jerusalem. Dann Sennacherib, König der Assyrer, dessen Abgesandter Rabsaces lästernd zu den Israeliten gesprochen hatte: "Hört nicht auf Ezechias, der Euch täuschend, ausruft: "der Herr wird uns befreien!" Haben denn die Götter der anderen Völker ihre Länder aus der Hand des Königs der Assyrer befreit?" Dieser Sennacherib verlor nicht nur sein ganzes Heer in einer Nacht durch einen Würgeengel Jehova's, sondern ward auch nach seiner Rückkehr zu Ninive von seinen eigenen Söhnen im Tempel seines Gottes Nesroch erschlagen. Zu erwähnen sind noch Holofernes und Cyrus, dessen Haupt Tomyis, die Skytenkönigin, in einen Schlüssel mit Blut legte, indem sie sprach: "Du hast nach Blut gedürstet, nun trink!" Der Hymnus, welcher am Schluß ertönt: "Selig, die arm im Geiste sind," nimmt hier dieselbe Stelle ein, wie die Moral in der Fabel. Bei Erwähnung der Zeit wird auf die Vorstellung der Griechen, welche sich die Horen, also die Stunden, als Jungfrauen, den Sonnenwagen umschwebend und die Rosse an- und abschirrend dachten, Bezug genommen, bei der Steile des Weges, der von den Geübten und minder durch die Schuld Gedrückten leichter als frühere Pässe erstiegen wird, auf die Treppe vom Ponte Rubiconte nach St. Miniato über Florenz. Das Lob dieser Stadt ist bittere Ironie. Wenn hier von Buch und Maß die Rede kommt, so bezieht sich das auf Unterschleife, welche bald nach Erbauung dieser Brücke in Floren geschahen. Der Dichter kommt am Schluß auf die vom Engel eingeschrammten Zeichen zurück, von 220 denen eines jetzt ausgelöscht ist, weshalb das Wandern leichter von statten geht.
   
1      Mit dem Belad'nen ging ich, tief das Haupt,
  Wie Ochsen unterm Joche gehn am Pfluge,
  Und blieb ihm nah, so lang's Virgil erlaubt.
4 Jetzt aber, als er: "Geh' vorbei dem Zuge,
  Laß ihn," mich mahnt, "mit Segeln soll sein Boot
  Und Rudern vorwärts bringen hier der Kluge,"
7 Da richtet' ich mich auf, wie er gebot,
  Doch nur die Glieder, nicht den Geist mit diesen,
  Der ganz gebeugt vom Anblick war der Noth.
10 Ich folgt ihm, und wie leicht wir war'n bewiesen
  Wir jetzt, denn gleich blieb weit die Schaar zurück.
  Da sprach mein Hort, der mich zurecht gewiesen:
13 "Hab Acht, auf deiner Sohlen Bette blick,
  Willst du erleichtern dir des Wegs Beschwerden."
  Ich that's und sah, vorbeugend das Genick,
16 Viel Bilder, wie sie eingehau'n auf Erden
  Den Steinen, die man Todten setzen läßt,
  Damit wir an ihr Thun erinnert werden,
19 Den Steinen, welche manche Zähre näßt,
  Wenn edle Herzen weinen dort um Jene,
  Denn nur ein edles Herz hält Treue fest;
22

Ja, solche Bilder, doch von höh'rer Schöne,

 

Dem Bildner angemessen der Natur,

 

Sah auf dem Pfad ich an der Bergeslehne.

25

Der edler war, als jede Creatur,

 

Den Gott geschaffen, herrlicher als Alle,

 

Den sah ich hier, wie er vom Himmel fuhr,

28

Ein Blitz, ein Donnerkeil im jähen Falle;

 

Sah Briareus, den Boden deckend weit,

 

Im Tode lastend auf dem Erdenballe;

31

Timbreus auch und Mars, der furchtbar dräut,

 

Und Pallas, an des Vaters Thron in Waffen,

 

Auf Riesenglieder blickend, rings verstreut;

34

Am Fuß des großen Bau's, deß Mauern klaffen,

 

Sah Nimrod ich; er starrt auf die wie toll,

 

Die ihm geholfen einst in Sennaar schaffen,

37

O Niobe, mit Augen thränenvoll,

 

Sah ich dich zwischen sieben stehn und sieben

 

Der Kinder, die entseelt der Göttin Groll,

40

O Saul, hier von des eignen Schwertes Hieben

 

Liegt wie in Gelboë entseelt dein Leib,

 

Dem Land, das thau- und regenlos geblieben,

43

O thörichte Arachne, halb noch Weib,

 

Halb Spinne schon, hängst in zerriss'nen Netzen

 

Du hier, die du nicht spannst zum Zeitvertreib!

46

O Roboam, nicht mehr flößt du Entsetzen,

 

Uns ein, denn auf dem Wagen fliehst wie'n Dieb,

 

Tyrann du, daß nicht Andre todt dich hetzen.

49

Das harte Pflaster zeigt uns Sennarib,

 

Als ihn im Tempel seine Söhne fällten,

 

Wo am Altar die Leiche liegen blieb,

52

Zeigt wie zu theu'r den Zierrath schön und selten

 

Erkauft vom Feind Alkmäons Mutter glaubt,

 

Da ihres Sohnes Hände streng vergelten.

55

Tomyris zeigt's, der Menschlickeit beraubt,

 

Die sprach zu Cyrus, nach dem grausen Schlachten,

 

"Du dürstetest nach Blut, nun trink du Haupt!"

58

Hier konnte die Assyrer ich betrachten,

 

Wie sie nach Holofernes Tod entflohn,

 

Hier lag der blut'ge Rest des Umgebrachten.

61

In Staub und Asche sah ich Ilion,

 

Ein Raubnest, werth, daß es der Grund verschlänge.

 

Wer führt den Stift, den Pinsel, knetet Thon

64

So gut, daß ihm die Nachbildung gelänge?

 

Wenn Linie Ihr und Schatten wiedergäbt,

 

Dann staunte selbst der Kritiker, der strenge.

67

Todt ist der Todte, der Lebend'ge lebt!

 

Der's sah in Wahrheit, sah nicht mehr, ich wette

 

Als ich! seid Evaskinder stolz, erhebt

70

Das Haupt, schaut nicht hinab! Der Sohlen Bette

 

Zeigt das Euch, was gewiß Ihr scheut zumeist!

 

Zeigt, was ein Jeder gern vergessen hätte!

73

Schon weiter war von uns der Berg umkreist,

 

Schon mehr des Weg's gemacht vom Sonnenwagen

 

Als es geahnet mein befangner Geist.

76

Da sprach, der stets vorausging ohne Zagen,

 

Nach Allem spähend: "Richt dich auf, denn Zeit

 

Ist's jetzt die Augen wieder aufzuschlagen;

79

Dort macht sich jener Engel schon bereit

 

Entgegen uns zu gehn, und schon kommt, siehe,

 

Vom Dienst des Tag's zurück die sechste Maid.

82

Mit Ehrfurcht schmück dein Antlitz, beug die Kniee,

 

Damit er uns geleite. Dieser Tag

 

Bricht nie mehr an!" Da ich ihn ohne Mühe

85

Verstand, gehorcht ich schnell: für mich vermag

 

Zu dunkel er von diesem Gegenstande

 

Nicht mehr zu reden, den er oft besprach.

88

Das schöne Wesen trat im Lichtgewande,

 

Das Antlitz funkelnd wie der Morgenstern,

 

Entgegen freundlich uns am Felsenrande.

91

Die Arme that der Bote auf des Herrn

 

Und dann die Flügel. "Hier sind in der Nähe

 

Die Stufen", sprach er "kommt, ich führ Euch gern!

94

Leicht steigt Ihr nun! dem Ruf folgt ach zur Höhe

 

So selten man! - Warum, o Menschenkind,

 

Geboren aufzufliegen, sinkst du, wehe,

97

So schnell zurück, trifft dich ein Gegenwind?"

 

Jetzt zeigte er im Wall uns eine Lücke,

 

Und mir die Stirn mit Flügeln fächelnd lind,

100

Gab er mir Hoffnung, daß die Reise glücke,

 

Wie dort, wo rechts hinauf die Straße führt

 

Zur Kirche über Rubaconte's Brücke,

103

Von der man sieht auf die, die gut regiert,

 

Durch Stufen abgeschwächt wird jene Steile,

 

Die, als noch Buch und Maaß war unberührt

106

Und sicher, eingehau'n man mit dem Beile,

 

So war's auch hier gescheh'n. Auf jenem Gang

 

Von Kreis zu Kreis streift eine Felsenzeile

109

Die andre fast. Als weiter vor ich drang,

 

Hört ich Getön, das stärker ward allmählich.

 

O, wer beschreibt wie süß die Hymne klang:

112

"Die arm im Geiste sind, nur die sind selig."

 

Fürwahr, die Klüfte hier sind andrer Art,

 

Als die der Hölle! Seufzer dort unzählig,

115

Und Flüche! Hier Musik holdselig zart.

 

Als wir hinauf die heil'gen Stufen klommen,

 

Bemerkt' ich, daß viel schneller ging die Fahrt

118

Als unten ich's gedacht. "Ist abgenommen",

 

So frug den Meister ich, "mir eine Last,

 

Und welche? Besser kann ich vorwärts kommen",

121

"Wenn, wie dies S, die Zeichen, die verblaßt

 

Schon sind", sprach er, "verschwinden ganz, die vielen,

 

Dann wird der gute Wille, den du hast

124

Besiegen deine Füße! Nicht nur fühlen

 

Sie kein Ermüden dann, nein werden flink

 

Vor Luft sein, treibst du sie zu hohen Zielen."

127

Wie der, der auf dem Kopfe hat ein Ding

 

Und ahnungslos dahergeht, bis am Ende

 

Verdacht ihn faßt bei Andrer Blick und Wink,

130

Wie der zu Hülfe ruft gleich seine Hände,

 

Die suchen, finden, und vollzieh'n das Amt

 

Für das das Aug' nicht taugt, so that behende

133

Auch ich, doch nur sechs Zeichen insgesammt

 

Fand ich noch auf der Stirne tastend leise,

 

Die dort der mit den Schlüsseln eingeschrammt;

135

Bei diesem Anblick lächelte der Weise.      19.10. 2006

13. Gesang

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