Purgatorium. 15. Gesang. |
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| Eine astronomische Auseiandersetzung, sowie die Behandlung anderer naturwissenschaftlicher Thema's, nimmt einen großen Theil dieses Abschnitts ein. Es handelt sich um die Zeitrechnung, die Richtung des Weges, um die Strahlenbrechung und Falltheorie, um die erste Himmelssphäre, welche wie ein spielendes Kind stets in Bewegung ist. Die aufmunternden und abschreckenden Beispiele werden in diesem Kreis durch Visionen gegeben, im Hinblick darauf, daß der Zorn, welcher hier bestraft wird, den Menschen außer sich bringt und ihn sich selbst entrückt. Wir sehn Maria im Tempel, welche den Sohn so lange gesucht hatte und doch nur eine leise, sanfte Klage ihm gegenüber ausstößt, anstatt heftige Vorwürfe zu machen, Stephanus, der sterbend für seine Feinde fleht, Pisistratus, dessen Gattin ihn zur Rache aufstachelt wider einen Jüngling, der die Tochter desselben aus übergroßer Liebe auf der Straße umarmt hat. Der Herrscher von Athen, der Stadt, welcher verschiedene Götter ihren Namen geben wollten, erwiederte aber: "Wenn wir dem so thuen, der uns liebt, was sollen wir dann dem thuen, der uns haßt?" | |
| 1 | So viel vom Schluß der dritten Stunde an |
| Bis Tagsbeginn ist sichtbar von der Sphäre, | |
| Die spielt wie'n Kind und nimmer ruhen kann, | |
| 4 | So viel blieb auch für das Gestirn, das hehre, |
| Noch zu durchlaufen bis vollbracht sein Kreis. | |
| Dort war es Abend erst, hier überm Meere | |
| 7 | Schon Mitternacht. Da uns in's Antlitz heiß |
| Von Westen prallten grad' die Sonnenpfeile, | |
| So sah ich in der Richtung den Beweis, | |
| 10 | Daß unser Rundgang schon vollbracht zum Theile. |
| So mächtig wuchs hinauf zum Himmelsrand | |
| Der Glanz jetzt, daß den Kopf ich wandt' in Eile. | |
| 13 | Die Wirkung sah ich, nicht den Gegenstand, |
| Von dem sie ausging; um sie abzuschwächen | |
| Hielt vor die Stirn als Schirm ich mir die Hand. | |
| 16 | Wie sich im Wasser, sich im Spiegel brechen |
| Die Strahlen und dann wieder prall'n zurück | |
| In umgekehrter Richtung von den Flächen, | |
| 19 | Abweichend rechts und links das gleiche Stück |
| Von jener Linie, in der Steine fallen, | |
| Was uns die Kunst lehrt und der prakt'sche Blick, | |
| 22 | So schien zurückgeworfen abzuprallen |
Auch hier ein Licht, vor dem mein Auge floh. |
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"Was ist", frug ich, "dies Leuchten und dies Wallen? |
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| 25 | Nicht vor dem Feu'r, das flammt so lichterloh, |
Kann ich wie sonst mich schützen mit den Händen." |
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Und er: "Ein Bote naht sich, schön und froh; |
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| 28 | Kein Wunder, wenn des Himmels Diener blenden |
Ein Auge, nicht gewohnt an solche Pracht. |
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Was jetzt dich schreckt und zwingt dich abzuwenden, |
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| 31 | Wird später dich entzücken! Hab' nur Acht, |
Wie die Empfindung wandelt sich allmählig |
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Ganz, je nachdem Natur empfänglich macht." |
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| 34 | "Kommt," rief der Engel, der genaht war, fröhlich, |
"Denn minder als die andere, ist ja steil |
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Dies Treppchen! Die Barmherz'gen preis' ich seelig, |
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| 37 | Dem Sieger, der im Kampf bestanden, Heil!" |
So hört hervor ich's aus der Spalte klingen, |
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Als ich hineintrat mit Virgil; und weil |
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| 40 | Allein hinauf wir jene Stufen gingen, |
Nutzt' zu belehren mich ich gern die Frist, |
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Und frug: "Was meint' der Geist, der sprach von Dingen, |
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| 43 | Bei denen die Gemeinschaft schädlich ist?" |
"Er weiß, für welchen Fehl er hier muß büßen, |
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Drum warnt er Euch, damit nicht einst Ihr müßt |
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| 46 | Mehr Thränen noch aus gleichem Grund vergießen?" |
"Weil Ihr nach Gütern strebt nur," sprach mein Hirt, |
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"Bei denen, je mehr Andre mitgenießen, |
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| 49 | Der Antheil eines Jeden kleiner wird, |
So wacht der Neid auf, der Eu'r Seufzen schüret, |
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Dem Blas'balg gleich; doch strebtet unbeirrt |
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| 52 | Ihr nach dem Gut, dem alle Lieb gebühret, |
Käm Angst Euch vor Verlust nicht in den Sinn, |
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Weil Keiner durch die Theilung hier verlieret. |
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| 55 | Je mehr hier theilen wächst auch der Gewinn |
Der Theilenden, wächst auch im Chor der Geister |
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Die Liebe an." "Noch hungriger ach bin |
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| 58 | Nach Wahrheit ich, als eh ich frug, o Meister! |
Noch mehr bestürmt jetzt von des Zweifels Pein! |
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Wie kann ein Theil, erklär es mir du Treu'ster, |
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| 61 | Denn jemals größer als das Ganze sein? |
Und wird vertheilt das Ganze unter Vielen, |
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So wird gewiß doch jeder Theil nur klein." |
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| 64 | "Wir saugen, wenn auf irdisch Gut wir zielen, |
Aus Licht," rief er, "nur Schatten schwarz wie Nacht. |
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Auf jene Liebe, die die Geister fühlen, |
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| 67 | Eilt zu das höchste Gut mit aller Macht, |
Wie'n Strahl durchsicht'gen Körpern eilt entgegen; |
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So viel du ihm an Liebe dargebracht |
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| 70 | Giebt's dir zurück! je mehr an Lieb wir hegen, |
Je mehr sie aus sich dehnt, wächst auch zumal |
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Der ew'gen Liebe Kraft, der Liebe Segen; |
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| 73 | Je größer der entflammten Seelen Zahl, |
Je mehr sind liebenswerth, je mehr von Allen |
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Wird hier wie dort geliebt; so läßt den Strahl |
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| 76 | Ein Spiegel in den andern Spiegel fallen. |
Hat jetzt mein Wort dein Hungern nicht gestillt, |
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So denk', bald siehst am Thor der Himmelshallen, |
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| 79 | Du Beatrix, die jeden Wunsch erfüllt. |
Doch nun laß uns hinauf die Stufen eilen, |
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Da's die fünf Zeichen zu verwischen gilt |
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| 82 | Die übrig noch und die nur schmerzend heilen." |
"Du lockst mich," wollt ich sagen, da trat just |
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Hinaus ich auf den nächsten Simms, den steilen, |
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| 85 | Wo mich mein Aug' verstummen ließ vor Lust, |
Denn fortgerissen ward ich zu Visionen |
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So klar, daß deren noch ich mir bewußt. |
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| 88 | In einem Tempel trat zu den Personen, |
Die dort vereint, ein edles Weib heran, |
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Und sprach so sanft, als woll't sie scheltend schonen: |
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| 91 | "Mein Sohn, warum hast du uns das gethan? |
Ich und dein Vater suchten dich so bange!" |
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Sie schwieg, da schwand das Bild, und ich sah nah'n |
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| 94 | Ein and'res Weib, vom Wasser naß die Wange, |
Das Schmach erpreßt. "Wenn Herr der Stadt du bist, |
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Um deren Namen Götter stritten lange, |
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| 97 | Und die ein Heerd der Wissenschaften ist |
Und Kunst," rief sie, "so straf den Arm, den frechen, |
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Der unser Kind umschloß." Und er: "Wie müßt' |
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| 100 | An dem ich, der uns haßt, mich blutig rächen, |
Wenn hart, den der uns liebt, ich strafen wollt!" |
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Jetzt hört ich aus der Ferne schrei'n und sprechen: |
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| 103 | "Auf martert, martert!" wie das braust und grollt! |
Und Männer sah ich um 'nen Jüngling toben; |
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Die haben Stein auf Stein herangerollt; |
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| 106 | Seht, sie zerschmettern ihn mit Felsenkloben; |
Zur Erde sinkt sein Leib, dem Tod geweiht, |
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Doch seine Augen blicken stets nach oben, |
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| 109 | Wie Pforten aufgethan dem Himmel weit. |
So rührend war sein Anblick, als er flehte |
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Für seine Feinde, daß Barmherzigkeit |
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| 112 | Entriegeln droben müßten die Gebete. |
Als aus der Welt, wo Zeit nicht gilt noch Raum, |
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Wo sich die Vorstellung zum Bild erhöhte, |
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| 115 | Versetzt' ich in die Wirklichkeit noch kaum, |
Erkannt' ich, daß die Bilder Schein grewesen, |
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Doch auch, daß Wahrheit nur enthielt der Traum. |
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| 118 | Noch taumelt' ich, wie der, der nicht kann lösen |
Des Schlafes Band. "Was hast du?" rief Virgil; |
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"Den Blick verhüllt, verwandelt ganz dein Wesen, |
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| 121 | Als hättest Wein genossen du so viel, |
Gehst eine halbe Meile wie benommen |
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Vom Schlaf du schon; so kommst du nicht an's Ziel." |
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| 124 | "Erzählen will ich dir, wie das gekommen," |
Erwidert ich, "und was mir widerfuhr." |
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"Wenn hundert Larven du auch vorgenommen, |
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| 127 | Doch wüßt' ich was du denkst! Du sahst dies nur, |
Damit die Friedenswasser, welche Strömen |
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Aus ew'gem Born auf Eure Erdenflur, |
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| 130 | Du nicht dich weigerst in dir aufzunehmen. |
Was hast du, frug ich nicht, wie der, der sieht |
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Nur mit dem Auge, das die Jahre lähmen, |
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| 133 | Und das erblindet, wenn das Leben flieht, |
Ich frug's, um deinen Füßen Kraft zu geben. |
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So spornt man den, der auf dem Weg verzieht, |
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| 136 | So sucht man wohl den Zaudrer zu beleben, |
Damit des Wachens Zeit zu Rath er hält." |
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Ermuthigt also rüstig fortzustreben, |
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| 139 | Ging durch den Abend ich, Virgil gesellt, |
So weit die Augen in die Ferne richtend, |
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Als er der Glanz erlaubt am Himmelszelt. |
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| 142 | Da steigt ein Dunst auf, jeden Strahl vernichtend; |
Er wächst, er hüllt mich ein vom Fuß zum Haupt; |
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Flucht ist unmöglich, weil sich stets verdichtend |
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| 145 | Er mir die Sehkraft und den Athem raubt. 22. 10. 2006 |