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Uebersicht

Purgatorium. 18. Gesang.
Seite 246-51
     Das Wesen der Liebe zu erklären, ihren Werth, ihre Entstehung und die Verantwortlichkeit des Menschen im Verhältniß zu dieser weltbewegenden Leidenschaft zu erläutern, alles dies bildet den Hauptinhalt des achtzehnten Gesanges. Die Quintessenz der verwickelten, philosophischen Auseinandersetzung erscheint dem Laien folgende: Die Liebe ist an sich ein edler Trieb im Menschenherzen, schon allein darum, weil sie den Egoismus aufhebt, mindestens abschwächt. Deßhalb vergleicht sie der große Denker mit seinem Wachs, welches ja an sich ein guter Stoff ist; um aber ein schönes Siegel herzustellen, genügt das feine Wachs noch nicht, man muß auch ein schön geschnittenes Bild darauf pressen. So kommt es auch bei der liebenden Seele, welche weich wie Wachs ist, darauf an, welches Bild ihr eingedrückt ist. Soll die Liebe als gut gelten, so muß auch das eingeprägte Bild ein gutes sein. Für die erste Regung, wird sie auch durch einen unwürdigen Gegenstand hervorgerufen, kann der Mensch nicht verantwortlich gemacht werden, wohl aber für das (247) willenlose Hingeben der Seele an eine solche, von Vernunft und besserer Einsicht verdammte Leidenschaft. Hier wird nun als Auskunftsmittel zu einer absichtlichen Selbsttäuschung gegriffen. Weil sich Jeder schämt, seine Liebe an einen unwürdigen Gegenstand zu verschleudern, so muß die Phantasie diesen umbilden und verschönern. Die Sehnsucht nach dem Ideal, welches dem Geist, wie eine Erinnerung an einen früheren seligen Zustand, vorschwebt, macht sich geltend. Bald hat der Mensch sich ein solches, oft aus den schlechtesten Stoffen, geschaffen. Im Hinblick darauf könnte man solche Liebe eine Krankheit der Phantasie nennen. Daß dies der Grundgedanke des Dichters ist, wird sich in dem folgenden Kapitel, auf das wir hier verweisen müssen, zeigen. Die trräumerisch weiche Stimmung, welche Dante beim Schluß dieses Gesanges überschleicht, ist die passende Einleitung für den Vorgang im nächsten: das persönliche Erscheinen der Sirene. Was hier in diesem Kapitel nur erst gedacht und gefühlt wird, geht in dem folgenden in die Wirklichkeit über und krystallisirt sich gleichsam in einer Person. Die mitwirkende Gnade, als eine edle Frau gedacht, vernichtet das Schemen, die Sirene. Ehe diese allgemeinen Betrachtungen sich zu einem persönlichen Konflikt zugespitzt haben, die Begegnung Dantes mit der Sirene, und eine überirdische Erscheinung, die mitwirkende Gnade, den Faden zerreißt, wird auf den guten Willen hingewiesen. Die großen Denker haben, indem sie die Freiheit desselben betonten, der Welt die Sittlichkeit gerettet. Nur das Bewußtsein der Verantwortlichkeit kann ja den von Leidenschaften hin- und hergerissenen Menschen auf der Bahn des Guten erhalten. Der Dichter, welcher das allzu Methodische vermeidet, bricht diese Betrachtungen früher ab, als es in der Erklärung geschehen, um zur Bestrafung der Trägen überzugehen. Die Beispiele treten wieder an die Stelle der Reflexionen: also Maria's Gang auf's Gebirge zur Elisabeth, Cäsars Belagerung von Marseille, welches er einnehmen wollte, um dadurch zugleich Ilerda, eine spanische Stadt, in seine Gewalt zu bringen. Abmahnend sollen wirken das Zaudern der Israeliten auf ihrem Zug in's gelobte Land, womit sie den Jordan der Freude beraubten seine Erben zu sehen, die Verzagtheit der Trojaner, welche den Aeneas begleiteten, nach der Landung in Sicilien aber sich dort ansässig machten, dem Sohn des Anchises nicht weiter folgen wollten und so des Ruhmes verlustig gingen, Mitbegründer des römischen Staates zu werden. Redend tritt in diesem Kapitel nur der Abt von St. Zeno in Verona, Gerhard, auf. Er prophezeit das nahe Ende des Albert della Scala, des obersten Machthabers dieser Stadt, welcher seinen mißrathenen Sohn zum Abt des genannten Klosters gemacht hatte. Erwähnt wird noch an merkwürdigen Oertlickeiten Pietola, das Andes der Römer, ganz dicht bei Mantua gelegen, (248) und Theben in Böotien, wo die Flüsse Ismenus und Asopus strömen, der Schauplatz der Bacchusfeste. Zu bemerken ist noch in astronomischer Beziehung, daß der Mond jetzt auf der Linie steht, auf welcher sich die Sonne hinabsenkt, wenn man sie von Rom aus zwischen Sardinien und Corsica untergehen sieht. 
   
1      Geendet hatte der erhab'ne Lehrer,
  Und sah mich an, ob Alles ich gefaßt,
  Doch Zweifel, deren Lösung schwer und schwerer
4 Mich dünkte, ließen mir nicht Ruh noch Rast.
  Ich schwieg nach Außen zwar, nicht in Gedanken.
  "Das Fragen", sagt ich mir, "fällt ihm zur Last."
7 Er aber machte, merkend wohl mein Schwanken,
  Mir redend, Muth zum Reden; ich begann:
  "Wie viel Erkenntniß hab' ich dir zu danken,
10 So weit mir dein Verstand vorleuchten kann,
  Wird sich für mich noch jedes Räthsel lösen;
  In deinem Licht wuchs meine Sehkraft an.
13 So mache klar mir denn der Liebe Wesen,
  Die Gutes schafft und fördert wahres Glück,
  Doch auch der Grund ist, ach so vieles Bösen."
16 "Richt scharf auf mich jetzt deinen Geistesblick,
  Dann kommst vom Irrthum Jener, die sich drüben
  Zu Führern aufgeworfen, du zurück.
19 Der Seele Art ist's rasch sich zu verlieben,
  Ergreifen will sie, was den Blick bestach,
  Vom Wohlgefall'n zum Handeln angetrieben;
22

Die Wirklichkeit läßt oft ein Bild dir nach,

 

Du hegst und pflegst es treu in deiner Seele,

 

Und was vielleicht an Reizen ihm gebrach,

25

Ersetzt die Phantasie, daß Nichts ihm fehle.

 

Dies fremde Sein ziehst an du mit Gewalt,

 

Damit es deinem Sein sich ganz vermähle:

28

Und das ist Liebe! Sieh das Feuer wallt

 

Nach angebor'ner Art stets in die Höhe,

 

Weil Dauer nur sein stofflicher Gehalt

31

Im Aether hat; so, wenn ich's recht verstehe,

 

Strebt auch die Liebe, die zur Sehnsucht ward

 

Nach des geliebten Gegenstandes Nähe,

34

Denn Sehnsucht ist Bewegung geist'ger Art,

 

Und im Genuß erst ruhen diese Triebe;

 

Im Leben hast du's wohl schon oft gewahrt,

37

Daß gut von vornherein nicht ist die Liebe,

 

Auf's Ziel kommt's an; doch sei's dahingestellt;

 

Ich frag, wenn dir vielleicht ein Zweifel bliebe,

40

Ob jedes Zeichen man für gut schon hält,

 

Weil gutem Wachs dies Zeichen eingegraben?"

 

Und ich: "Kommt Liebe durch die Außenwelt

43

In's Herz uns, bietet selbst uns ihre Gaben,

 

Und geht die Seele mit demselben Fuß,

 

Ob gut, ob böses Ziel im Aug' wir haben,

46

Warum denn die Verantwortung am Schluß?

 

So weit als die Vernunft reicht", sprach er offen,

 

Belehr' ich dich, was weiter liegt, da muß

49

Verweisen ich auf Beatrix dein Hoffen,

 

Denn das ist Glaubenswerk. Besondrer Kraft

 

Hat Alles was verwebt mit Erdenstoffen,

52

Doch Stoff allein nicht ist; die Eigenschaft

 

Verschied'ner Wesen läßt heraus sich finden

 

An ihrem Handeln erst, wie Lebenssaft

55

Des Baums uns grüne Blätter erst verkünden.

 

Woher die Urbegriffe, was erregt

 

Die Triebe, ist unmöglich zu ergründen.

58

Idee und Trieb scheint Euch in's Herz gelegt,

 

Wie Trieb zum Honig machen in die Bienen;

 

Und solch ein Trieb, so willenlos gehegt,

61

Kann Strafe nicht und auch nicht Lohn verdienen,

 

Doch ihm, der an sich selbst nicht schuldig macht,

 

Gesellt der Wille sich; wir müssen sühnen

64

Was wir mit seiner Zustimmen vollbracht.

 

Der Wille ist der Geist des Raths; die Schwelle

 

Der Einwill'gung wird treu von ihm bewacht,

67

Entscheidung giebt nur er für alle Fälle,

 

Läßt ein und weiset ab, wie's ihm gefällt;

 

Hier ist des Lohns und auch der Strafe Quelle.

70

In Frag' ward diese Freiheit nie gestellt

 

Von großen Denkern, neuen oder alten,

 

Die so bewahrt die Sittlichkeit der Welt.

73

Wenn Liebe denn durch äußere Gewalten

 

In's Herz Euch dringt, so habt Ihr doch die Macht

 

Sie abzuweisen oder zu behalten.

76

Da sie von edler Kraft sprach, hat gedacht

 

An diesen Willen, Beatrix, die weise."

 

Der Mond stand jetzt, denn fast war's Mitternacht,

79

Wie'n glühender Kessel, roth und rund, im Gleise,

 

Das von der Sonne wird zur Zeit durchglüht,

 

Wo zwischen Sarden ihre Tagereise

82

Und Corsen sie, der Römer enden sieht.

 

Der Geist, um dessentwillen auf der Erden

 

Erwähnung mehr noch Pietola's geschieht

85

Als Mantuas, hatte nun mich der Beschwerden

 

Des Zweifels ganz entledigt. Noch erwog

 

Die Fragen ich, und wie gelöst sie werden,

88

Als aus dem Traum ein Lärm mich plötzlich zog.

 

Nicht sah sich solchen Sturm und Drang erheben

 

Asopus und Ismenos je, nie flog

91

Solch wild Getümmel durch das alte Theben,

 

Wenn sich die Stadt vereint zu Bacchos Lob

 

Und jauchzend feierte den Gott der Reben,

94

Als jetzt in unserm Rücken sich erhob.

 

Der Schaar voraus, die Liebe hetzt zum Heile,

 

Sah zwei ich rennen; als vorbei sie stob,

97

Da riefen diese: "Auf's Gebirg, das steile

 

Lief schnell Maria; um Marsilia rang

 

Ilerdas Willen, Cäsar und in Eile

100

Zog er nach Spanien dann, das er bezwang.

 

"Rasch, rasch" so mahnten Andre aus dem Haufen,

 

"Die Gnade grünt auf's Neu, die welk schon lang,

103

Wenn wir nur eifrig sind; kommt laßt uns laufen!"

 

"Ihr, die Ihr sucht, die Zeit, die eingebüßt

 

Aus Lauheit drüben ward, zurückzukaufen,

106

Und gut zu machen, was Ihr unterließt,"

 

So sprach Virgil: "Zeigt diesem Mann die Stiege,

 

Ihm, dem das Blut warm in den Adern fleißt,

109

Denn seht er lebt, ich sage keine Lüge,

 

Und will den Berg hinan, ohn' Aufenthalt,

 

So lang die Sonne Licht giebt zur Genüge!"

112

"Folgt uns, so findet Ihr gewiß den Spalt,

 

Nicht stillstehn können wir, ja kaum die Schritte

 

Ein wenig mäß'gen nur, denn mit Gewalt

115

Treibt wahre Lieb uns fort, trotz deiner Bitte.

 

Wir üben an uns selbst Gerechtigkeit,

 

Doch gegen dich ist's Mangel guter Sitte.

118

Abt von San Zeno war ich zu der Zeit

 

Des guten Rothbart, der an Leib und Habe

 

Die Bürger Mailands strafte, die noch heut

121

Deß eingedenk. Mit einem Fuß im Grabe

 

Steht der, der bald um dieses Kloster schon

 

Wird trauern, da belehnt er mit dem Stabe

123

Anstatt des rechten Hirten, hat den Sohn.

 

An Leib und Seele schlecht, und schlecht geboren,

 

Herrscht in Verona er, der Welt zum Hohn."

127

Sprach er noch mehr und kam's mir nicht zu Ohren,

 

Schwieg still er schon, da rasch er los sich riß,

 

Nicht weiß ich's, denn er ging mir bald verloren.

130

Doch dies behielt ich, und geschieht's gewiß!

 

Mein Helfer hob jetzt an: "dort kommen Zweie,

 

Die Letzten sind's! gieb Acht, manch scharfen Biß

133

Versetzt ihr Mund der Trägheit stets auf's Neue."

 

"Das Volk, vor dem der Herr zurückgestaut

 

Das Meer einst hatte, starb, das ungetreue,

136

Eh' noch der Jordan seine Erben schaut;

 

Und jenes, das Anchises Sohn, dem kühnen,

 

Nicht folgte, weil's vor Mühsal ihm gegraut,

139

Verlor den Ruhm, den Träge nicht verdienen."

 

So riefen sie, und schossen fort im Lauf.

 

Da stieg, als nichts mehr war zu sehn von ihnen,

142

Mir ein Gedanke neu und lockend auf,

 

An den sich Andre reihten ohne Säumen;

 

Die Augen fielen zu mir bald darauf.

145

Dies Denken, süß bestrickend, ward zum Träumen.  25.11. 2006

19. Gesang

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