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Uebersicht

Purgatorium. 19. Gesang.
Seite 252-56
      Die Sühne des Geizes, zugleich der Verschwendung, also der Mißbrauch irdischen Gutes nach der einen oder andern Seite hin, bildet den Vorwurf dieses Kapitels. Die Frucht der Buße wird hier durch Zähren gereift. Auf die Anhänglichkeit an Erdengüter deutet die Lage der Schatten, sowie die Worte aus dem Psalm Davids: "meine Seele klebt am Boden". Als einzige, aber großartige persönliche Erscheinung kommt Papst Hadrian der V. vor. Neffe des Papst Innocenz des IV. entsprang er wie dieser aus dem berühmten Geschlecht der Fieschi's in Genua, auch Grafen von Lavagna, nach einem Flüßchen, das zwischen Sestri und Chiaveri an der Riviera di Levante in's Meer fließt, benannt. Zum Kardinal von Ottobuoni erhoben, übernahm er mehrere diplomatische Missionen, ging als Legat nach England und ward zuletzt zum Papst gewählt. Seine Regierung dauerte nicht viel länger als einen Monat, aber doch lange genug, um ihm Gelegenheit zu geben, manche Fehler seiner Vorgänger und eigene frühere Mißgriffe zu verbessern. Er gedenkt hier als der einzigen seiner Verwandten, die ihn mit Gebeten unterstützt, Alogia's von der er wünscht, sie möge nicht dem bösen Beispiel so vieler Frauen aus dem Hause Fieschi folgen. Wenn er sagt: "Hier wird nicht gefreit", so meint er damit, irdische Beziehungen gelten nicht mehr. Astronomische und astrologische Verhältnisse kommen vor, Mond und Saturn als Kälte verbreitend, ebenso die Erde, wenn die Sonne sie nicht mehr durchwärmt, dann das Glückszeichen der Negromanten, derjenigen, welche aus den Sternen prophezeien, unter welchem Zeichen man sich den Delphin oder großen Bären zu denken hat. Wenn beim Vergleich mit dem Falken von dem Federspiel die Rede kommt, so ist damit ein leichter Ball, rings mit Flaumfedern besteckt, gemeint, welchen man in die Luft warf, um den Vogel zum Aufsteigen zu vermögen. Es ist, als ob Gott selbst dieses Federspiel hin und herschwänge und so den Geist in himmlische Regionen herauflockte.    
   
1      In jener Stunde wo die Tagesgluth
  Besiegt von Erde und Saturn, dem bleichen,
  Nicht mehr dem Frost des Mondes Abbruch thut,
4 Wo Negromanten höchsten Glückes Zeichen
  Aufsteigen ostwärts sehn am Himmelssaum,
  Kurz eh' vor'm Morgenroth die Schatten weichen,
7 Kam auf mich zu ein stotternd Weib im Traum;
  Die Hände war'n verstümmelt, scheel die Augen,
  Die Farbe fahl; es trug der Fuß sie kaum.
10 Ich sah sie an; da schien sie Kraft zu saugen
  Aus meinem Blick. Wie Glieder steif und kalt
  Vom Nachtfrost, die zu keinem Dienste taugen,
13 Gelenk die Sonne macht, so löste bald
  Mein Blick die Zunge ihr von jedem Zwange.
  Jetzt dehnte und erhob sich die Gestalt,
16 Der Liebe Farbe trat auf ihre Wange,
  Von Kopf schien bis zu Fuß sie mir vertauscht.
  "Sieh, die Sirene bin ich! meinem Sange
19 "Hat süß entzückt der Schiffer oft gelauscht,
  "Und ließ das Boot von Wind und Wellen wiegen;"
  So lockte sie, "Odysseus hielt berauscht
22

Bei mir einst an auf seinen Wanderzügen.

 

Wer mit mir haust, der scheidet selten nur,

 

Denn ich bereit ihm ewiges Vergnügen."

25

Geschlossen war noch nicht ihr Mund, da fuhr

 

An mir vorbei, entgegen diesem Schemen,

 

Ein Weib, auf ihrer Stirn des Zornes Spur;

28

Die Heil'ge kam, um Jene zu beschämen,

 

"Virgil, Virgil, wer ist das?" brach sie los,

 

Und riß, da Jene säumt die Flucht zu nehmen,

31

Das Kleid ihr auf und wies auf ihren Schooß.

 

Ein Pesthauch stieg hervor aus ihrem Leibe.

 

Da schreckt ich auf. "Ich rief nicht einmal bloß,

34

Nein mehr als dreimal fort dich von dem Weibe",

 

So sprach Virgil: "nun komm, der Paß ist nah!"

 

Ich blickt umher, und von der Sonnenscheibe

37

Lag rings erhellt der Berg; der Tag war da!

 

Das Licht beschien die eine meiner Flanken,

 

Als ich, nicht wissend recht wie mir geschah,

40

Virgil gefolgt; die Stirn schwer von Gedanken,

 

Wie'n halben Brückenbogen die Gestalt,

 

So krumm schlich ich entlang die Felsenschranken.

43

Da hört' ich sagen: "Kommt, hier ist der Spalt!"

 

Die Stimme klang so süß, wie niemals Töne

 

In Erdengrenzen an ein Ohr geschallt.

46

Dann wandt' sich der mit Flügeln, weiß wie Schwäne,

 

Nach oben durch den Paß, der vor uns lag,

 

Und das Gefieder rührend sanft das schöne

49

Kühlt er die Stirne mir mit leisem Schlag.

 

"Die trauern, sollen einst getröstet werden",

 

So redend schritt er vor, und wir ihm nach.

52

"Warum", frug jetzt Virgil, "blickst du zur Erden?"

 

Und ich: "Ein inneres Bild verstört den Sinn;

 

Abwerfen kann ich Zweifel und Beschwerden

55

Noch nicht, mit denen ich belastet bin.

 

Drum geh gebückt ich, schwankend auf den Füßen."

 

"Du sahst", sprach er, "die alte Zauberin,

58

Um die hier über uns viel Thränen fließen,

 

Und weißt auch wie, und das sei dir genug,

 

Der Mensch sich löst aus ihrem Bann, dem süßen.

61

Wie'n Federball den Falken lockt zum Flug,

 

Lock' dich ein himmlisch Ziel, um das die Kreise

 

Der Ew'ge schwingt; dies Locken ist kein Trug!"

64

Da ich's vernahm, that ich nach Falkenweise.

 

Der Falk sieht auf die Klau'n beim ersten Pfiff,

 

Dann dreht er sich dem Ton zu, und nach Speise

67

Schon lüstern schießt er auf; mit festem Griff

 

Packt er die Beute dann. So stürmt entschlossen

 

Ich durch den Paß hinaus auf's Felsenriff.

70

Viel Volk hielt jener fünfte Kreis umschlossen,

 

Den ich betrat, und auf dem Antlitz lag

 

Hier Geist für Geist, und Thränenströme flossen.

73

"Am Boden klebet meine Seele, ach!"

 

So hört ich, ob Gestöhn auch mich gehindert

 

Noch Andres zu verstehn, gehaucht nur schwach.

76

"Erwählte, deren Qual die Hoffnung lindert

 

Und die Gerechtigkeit, zeigt uns den Pfad,

 

Daß sich des Weges Länge für uns mindert."

79

""Kommt Ihr nicht her, um auf dem Felsengrat

 

Zu liegen, und wollt ohne Umweg gehen

 

Auf Euer Ziel Ihr los, geb' ich den Rath,

82

Nach Außen stets die rechte Hand zu drehen.""

 

So frug Virgil, der Antwort so bekam

 

Von Einem, den ich Anfangs übersehen,

85

Da weiter hin er lag, gekrümmt vor Gram.

 

Der Meister, auf den jetzt ich fragend blickte,  

 

Winkt' meinem Wunsch, den selbst schon wahr er nahm,

88

Erfüllung zu; da eilt' ich, wie er nickte,

 

Zu Jenem hin, der dort am Grunde lag,

 

Und rief, indem ich mich hinunterbückte:

91

"Du, der du reifst mit Thränen Nacht und Tag

 

Das Eine, ohne das zurückzukehren

 

Zu seinem Schöpfer kein Geschöpf vermag,

94

Schieb auf, wenn's dich verlangt vom Ort zu hören,

 

Den lebend ich verließ, die erste Pflicht,

 

Und sag, wer bist du, und warum nur kehren

97

Nach unten Alle hier denn das Gesicht?"

 

""Der Lage Grund will ich dir nicht verhehlen,

 

Doch geb' ich erst dir von mir selbst Bericht.

100

Nachfolger Petri war ich, Hirt der Seelen;

 

Von einem Fluß der zwischen Siestri's Kamm

 

Und Chiavri's Joch vorquillt aus Felsenshöhlen,

103

Hat seinen Ehrennamen dort mein Stamm.

 

Wie schwer der große Mantel wiegt für Einen,

 

Der ihn bewahren will vor Erdenschlamm,

106

Probiert ich mehr kaum als 'nen Mond; doch scheinen

 

Mir alle Lasten, Federn im Vergleich.

 

Spät lernt ich meine Sünden erst beweinen,

109

Doch hatt', als Hirt ich ward im röm'schen Reich,

 

Durchschaut das Leben ich und wahrgenommen,

 

Daß es kein Herz beruhigt; da zugleich

112

Die höchste Stufe dort ich nun erklommen,

 

So welkte hin schon jenes Lebens Reiz,

 

Indeß für dieses jetzt mein Herz entglommen.

115

Bis zu der Zeit, war ich voll Gier und Geiz;

 

Drum lieg ich hier auf diesen Felsenplatten.

 

Ach dieser Berg hat wohl kein härt'res Kreuz.

118

Du siehst hier an der Läut'rung dieser Schatten

 

Wohin die Habsucht führt! Weil nie geblickt

 

Nach oben, drüben uns're Augen hatten,

121

So haften hier am Staub sie unverrückt;

 

Weil Geiz der Liebe uns beraubt, der warmen,

 

Und gute That in der Geburt erstickt,

124

So fesselt uns an Beinen und an Armen

 

Gerechtigkeit, und bindet jedes Glied,

 

Bis uns befreit am Schluß des Herrn Erbarmen.""

127

Jetzt wollt ich reden und war hingekniet

 

Zu ehren ihn mit Worten und Geberde,

 

Als sein Gehör ihm schon mein Thun verrieth.

130

"O welch ein Grund, rief er, zieht dich zur Erde?"

 

"Mich stäche mein Gewissen, blieb ich dreist,

 

Trotz deiner Würde, stehn hier, Hirt der Heerde;"

132

""Erheb dich, laß dich nicht beirr'n, du weißt,

 

Wir dienen einer Macht, sind alle Brüder,

 

Mitknechte sind wir Alle,"" sprach der Geist,

135

""Und hallte je in deinem Herzen wieder

 

Das Evangelium: dort wird nicht gefreit,

 

O, dann verstehst du mich, und kniest nicht nieder.

138

Nun geh, denn deine Gegenwart verbeut

 

Die Thränen mir, die das ja zeit'gen müssen

 

Wovon du sprachst, und das mich einst befreit.

141

Ich hab' in Euerer Welt noch, mußt du wissen,

 

Nur eine Nichte, die Alogia heißt!

 

Wenn nur der Ahnen Beispiel fortgerissen

143 Nicht hat die Gute, die so ganz verwaist!""  25.11.2006

20. Gesang

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