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Uebersicht

Purgatorium. 21. Gesang.
Seite 261-66
      In diesem Gesang tritt uns eine der anziehendsten Gestalten des ganzen Werkes entgegen, Statius, der römische Dichter, welcher die Thebaide und die Achilleis verfaßte. Neapel war sein Geburtsort, obgleich hier Toledo in Spanien angegeben ist. Er kam jung nach Rom und lebte dort unter Titus, welcher durch die Einnahme von Jerusalem die Wunden Christi rächte. Dreimal (262) ward er als Dichter, der Name der am schönsten und längsten in der Welt nachtönt, auf dem Kapitol gekrönt. Von ihm sagt Juvenal, sein Zeitgenosse: "Alles folgt der frohen Stimme und freut sich an der Thebaide holdem Gedicht! Statius hat die ganze Stadt fröhlich gemacht; er verkündet den anbrechenden Tag. Durch unendlichen Reiz hat er die Seelen bezwungen."  Die Achilleis vollendete er nicht, da ihn der Tod vorher überraschte.
     Er bekennt sich als Schüler des Virgil, von dessen Aeneide er sagt, sie habe zahllose Feuerfunken umhergesprüht, welche zum Samen für die Dichtungen Anderer geworden seien. Nachdem Statius lange vergebens die Wahrheit gesuct hatte, ward er so heftig vom Beispiel der Christen ergriffen, daß er sich in ihre Gemeinschaft begab. Da er aber nicht den Muth fand, seinen Glauben öffentlich zu bekennen, mußte er nach seinem Tod lange im Purgatorium büßen.
     In's Auge zu fassen sind hier noch die Stelle, wo von dem angeborenen Durst der Seele, also dem Wissensdurst gesprochen wird, welcher nur durch das einst der Samariterin gespendete Wasser, die göttliche Belehrung und Erleuchtung, gestillt werden kann. Wenn Virgil zu Statius sagt: "Ich seh' das Netz, in dem Ihr Euch verfingt und weiß, wie aus den Maschen du entkommen", so hängt dies mit der vorhergehenden Erklärung zusammen, daß die Seelen willig im Purgatorium bis zu ihrer völligen Läuterung ausharren,  dann aber demselben so schnell als möglich entrinnen. Die naturwissenschaftlichen Bemerkungen entsprechen den damaligen Anschauungen und unterscheiden feuchten und trocknen Dunst. Dabei ist von Taumas Tochter, der Iris, also dem Regenbogen die Rede. Die Anspielung auf die Parzen bezieht sich auf den Dichter, ebenso wie die Worte des Virgil, welcher sagt, obgleich Dante's Seele die Schwester seiner Seele und der des Statius sei, so hätte sie andere, gröbere Sinne und würde sich deshalb in der Geisterwelt nicht allein zurechtfinden können. Der Berg erbebt, wenn der Himmel das aufnimmt, was schon sein war, d. h. die geläuterte Seele.   
 
1 Der angebor'ne Durst, den Wasser nur
  Wie's einst die Samariterin begehrte,
  Zu still'n vermag, die Angst des Meisters Spur
4 Noch zu verlieren auf verstopfter Fährte,
  So wie der Anblick wohlverdienter Pein,
  Das Alles war's, was meinen Geist beschwerte.
7 Sieh da, wie Lucas schreibt, daß einst den Zwei'n
  Der Herr erschien, den sie erkannt nicht hatten,
  Im Feld, da abgewälzt des Grabes Stein,
10 So überholte uns auch jetzt ein Schatten;  263
  Er hielt sich aufrecht, wie es keinem da
  Die Fesseln sonst, die traurigen, gestatten,
13 Indeß herab auf die im Staub er sah.
  "Gott schenkt Euch, liebe Brüder, ew'ge Freude!"
  Die Worte hörten plötzlich wir ganz nah,
16 Eh' wir ihn noch geseh'n. Da wandten Beide
  Wir rasch uns um, und freundlich gab Virgil
  Den Gruß zurück. "Erlöst von großem Leide",
19 Fuhr dann er fort, "verläßt du dies Asyl,
  Denn der Gerichtshof gab dir ew'gen Frieden,
  Der mich verstößt in's ewige Exil."
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Und er: "Ist Gott zu schau'n Euch nicht beschieden,

 

Wie kommt Ihr her? der Pfad ist weit und steil?"

 

"Sieh hier, das Schwert des Engels hat entschieden,

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Die Zeichen sagen, dieser kommt zum Heil.

 

Doch spann den Rocken, den ihm Cloto's Hände

 

Wie Jedem wanden, erst nur ab zum Theil,

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Die Tag und Nacht spinnt bis der Flachs zu Ende.

 

So wáre seine Seele wider Brauch

 

Im Körper nicht gelangt auf dies Gelände,

31

Denn ist sie uns'rer Seelen Schwester auch,

 

Sieht doch sie nicht, wie's uns zu sehen eigen;

 

Wär' aus dem Abgrund ich nicht, leicht wie'n Hauch,

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Gestiegen, um die Wege ihm zu zeigen.

 

Doch sag' warum der Berg gebebt vorher,

 

Warum erschallte solch' ein Jubelreigen,

37

Ein Ruf, der tönte von dem Fuß am Meer

 

Bis zu des Berges Haupt?" Willkommne Frage!

 

Sie traf in meines Wunsches Nadelöhr,

40

Und Hoffnung linderte des Durstes Plage.

 

"Des Berges Ordnung bleibt unwandelbar;

 

Luftwechsel giebt's nicht in der hohen Lage;"

43

So sprach der Geist; "nur wenn, was sein schon war

 

Der Himmel aufnimmt, bebt der Berg, der alte;

 

Hier nah dem Gipfel bleibt der Aether klar;

46

Thau, Regen, Reif, Schnee, Hagel fällt der kalte

 

Nur unter den drei Stufen; nie wird's feucht

 

Hier oben weil Gewölk sich nimmer ballte, 

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Weshalb Taumante's Tochter nicht sich zeigt, 264

 

Die oft in tiefern Zonen tauscht die Stelle,

 

Wie trock'ner Dunst auch niemals höher steigt.

52

Kein Wechsel tritt mehr über jener Schwelle,

 

Wo Petri Stellvertreter thronet, ein.

 

Am Fuß des Bergs bebt nur das Felsgestelle,

55 Wenn eingesperrte Winde sich befrei'n;
 

Hier oben aber nur, wenn sich ein Wesen

 

Erhebt zum Flug, von allen Sünden rein.

58

Der Drang nach oben zeigt, daß frei vom Bösen

 

Solch Wesen ist; es tauscht den Aufenthalt

 

Ja nur, wenn selbst es fühlt, daß es genesen,

61

Und nicht gedrängt durch höhere Gewalt.

 

Der Drang, Gerechtigkeit an sich zu üben

 

Gebeut dem Drang nach Glück ein strenges Halt,

64

Von dem allmächtig sonst der Geist getrieben.

 

Nach Schmerz verlangt man nun, und leidet gern,

 

Drum bin fünfhundert Jahr ich hier geblieben

67

Und mehr, und hielt von meinem Glück mich fern.

 

Erst eben hab' ich froh mich losgerissen."

 

"Drum bebte auch der Berg im tiefsten Kern,

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Drum jauchzten Alle, weil die Armen wissen,

 

Daß Gott sie einst zu gleichem Flug beschwingt,

 

Und mich erhebt zu himmlichen Genüssen!" -

73

Wer lang gedurstet hat und endlich trinkt,

 

Der fühlt wie ich, als Alles ich vernommen.

 

"Ich sah das Netz, indem Ihr Euch verfingt,

76

Und weiß, wie aus den Maschen du entkommen",

 

Erwiderte Virgil, "ich kenn' den Grund,

 

Warum der Fels gebebt, und alle Frommen

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Mit dir gejauchzt auf dieses Berges Rund.

 

Nun, wer du bist, weßhalb du Tag' und Nächte

 

Hier manch Jahrhundert lagst, thu auch uns kund!"

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"Ich trug, als Titus jene Wunde rächte,

 

Durch die das Blut, sprach er, vorquoll wie'n Strom,

 

Das Judas einst verkauft, der ungerechte,

85

Den schönsten Namen unter'm Himmelsdom,

 

Der mehr als alle nachtönt; und gesungen

 

Hab ich so süß, daß man mich rief nach Rom,

88

Wo ich die Stirn mit Myrthenlaub umschlungen.  265

 

Toledo's Bürger nahm man auf als Gast,

 

Und Statius Name ist noch nicht verklungen,

91

Doch war ich glaubenslos, ohn' Ruh und Rast;

 

Von Theben sang ich und dem Zwist der Brüder,

 

Dann von Achill, doch unter dieser Last,

94

Der zweiten, fiel auf halbem Weg ich nieder.

 

Der Götterflamme Funken, rings versprüht,

 

Die tausend neue angefacht dann wieder,

97

War'n Same jenes Feu'rs, das mich durchglüht;

 

Die Aeneide mein' ich mit der Flamme.

 

Vollendet hätte ich kein Heldenlied,

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Ja nichts, was an Gewicht nur gleich 'nem Gramme,

 

Wär' Vorbild nicht gewesen mir ihr Styl.

 

Dem Dichter war sie Mutter, war sie Amme.

103

Welch' Glück gelebt zu haben mit Virgil!

 

Dafür blieb willig bis zur Tagesneige

 

Ja noch 'nen Tag ich hier, wenn's schwer auch fiel.

106

Jetzt wandte schweigend sich mein Hort, und "schweige"

 

Las ich auf seinem Antlitz. Doch vermag

 

Der Wille, wie er stark auch sonst sich zeige,

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Zu bänd'gen nicht den ersten Herzensschlag;

 

Und Lachen folgt und Weinen der Bewegung,

 

Am schnellsten bei den wahrsten Menschen nach.

112

Ich lächelte, doch war's nur leise Regung,

 

Er aber schwieg und prüfte mein Gesicht

 

An jenem Punkt, wo ohne Ueberlegung

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Zu dem, der vor uns steht, die Seele spricht.

 

"Du lachst beim ernsten Werk?" frug er, "weswegen?"

 

Jetzt faßte von zwei Seiten mich die Pflicht!

118

Der hieß mich reden, schweigen der dagegen,

 

Ich seufzte, und Virgil, stets hülfbereit,

 

Gebot mir Jenem Alles auszulegen.

121

Da hob ich an: "O Geist aus alter Zeit,

 

Du staunst, weil ich gelacht bei ernsten Dingen,

 

Du wirst fürwahr noch mehr als staunen heut!

124

Schau her, dies ist Virgil, der zu besingen

 

Die Menschen und die Götter dich gelehrt,

 

Der mir zum Flug hierher gestärkt die Schwingen.

127

Weil du gemeint, daß weit getrennt Ihr wärt,  266

 

Indeß wir lange schon vereint gegangen,

 

Drum lächelt' ich." Als Statius das gehört,

130

Neigt' er, des Meisters Füße zu umfangen,

 

Sich tief herab. "O theurer Bruder, halt",

 

Rief Jener. "Geistern ziemt nicht solch Verlangen,

133

Ein Schatten bist du, eine Luftgestalt,

 

Ein Schatten bin auch ich!" Und er: "O Meister,

 

Daraus ermiß der Liebe Allgewalt,

136

Daß ich für Körper hielt uns luft'ge Geister." 22.01.2007

22. Gesang

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