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Uebersicht

Purgatorium. 22. Gesang.
Seite 266-71
     Der Grundgedanke dieses Kapitels entspricht dem 7. der Hölle. Wie dort Geiz und Verschwendung gestraft werden, so auch hier. Wenn, sagt der Dichter, die Krone des einen Giftbaums hier verdorrt, so werden dem ihm entgegenstehenden Laster, welches  wieder als Baum gedacht ist, zugleich die Sprossen abgepflückt. Gemahnt wird an das Turnier in der Unterwelt, wo Geizige und Verschwender mit Lasten beschwert sich entgegenlaufen. Am Schluß dieses Abschnitts gehn wir, schon vor dem Baum und der Quelle, in den Kreis über, wo die Völlerei gesühnt wird. Im Bezug dazu steht der Spruch aus der Bergpredigt: "Selig sind, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit"; der Engel spricht erst bloß vom Dürsten, weil dieser Durst dem Golddurst entgegengestellt werden soll, vom Hungern wird erst beim Uebergang in den Kreis der Schlemmer geredet. Personen, welche in diesem Gesange genannt werden, sind: Juvenal, ein Schriftsteller zu Virgils Zeit, Iocaste, die Gattin des Oedipus und die Mutter der feindlichen Brüder von Theben, Antigone, Ismene ihre Tochter, Deiphile, die Gemahlin des Tydeus, Argia, Gattin des Polyneikes, Hysipyle, welche einer griechischen Heeresabtheilung die Quelle Langia zeigte, Daphne, die Tochter des Sehers Tiresias, Thetis, die Mutter des Achilles und Didameia, die Tochter des Lycomedes, welche, da ihre Schwestern in der Hochzeitsnacht ihre Gatten erschlugen, allein des ihrigen schonte: alles Gestalten, die in den Dichtungen des Statius vorkommen. Erwähnt werden ferner von römischen (267) Schriftstellern: Terenz, Plautus, Varrus, Cecil und Persius; von griechischen: Euripides, Antiphon, Agathon, Simonides; der Dichter, welcher am höchsten steht, soll Homer seinb, und der Verfasser der Idyllen ist Virgil selbst.
     Wenn von einem Fischer die Rede ist, so müssen wir uns Petrus, den Menschenfischer denken. Das Schiff bedeutet die Kirche.  
 
1      Der, welcher in den sechsten Kreis uns wies,
  Austilgend einen von des Schwertes Hieben
  Auf meiner Stirn, der welcher selig pries,
4 Die nach Gerechtigkeit verlangt schon drüben,
  Der, welcher sprach vom Durst, doch sonst nichts mehr,
  Der Engel war schon jetzt zurückgeblieben;
7 Und schnell durchschritt, wie keinen Paß vorher,
  Ich diesen Paß, und folgte, leicht die Glieder,
  Den Geistern, als ob selbst ein Geist ich wär.
10 Im Geh'n lauscht ich dem Dichter hoher Lieder.
  Er sprach: "Die Lieb, entstammt der Tugend, facht
  Stets neue Liebe an in Andern wieder,
13 Sobald sie offen brennt! Ich hab's gedacht
  Seit Juvenal zum Vorhof kam der Hölle,
  Der deine Liebe mir bekannt gemacht;
16 Geliebt mich wissend, liebt ich auf der Stelle
  So sehr dich, wie geliebt je Einer ward,
  Den nie man sah! Lieb' ist der Liebe Quelle.
19 Gehst du mit uns, dünkt kurz mich nur die Fahrt."
  Gern früg' ich dich als Freund, doch mußt vergeben
  Du erst dem Freund, erscheint er dir nicht zart,
22 Da grade das Vertrau'n zu dir ihm eben
  Den Zaum gelockert hat, gern früg' ich dann,
 

Wie konntest du, erfüllt vom höchsten Streben,

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Dem Geiz verfall'n? - "Als Liebespfand nehm' an",

 

So lächelte der Geist, "ich deine Worte,

 

Doch sieh, wie man im Urtheil irren kann.

28

Mit Geiz'gen trafst du mich an einem Orte,

 

Und hälst für geizig mich! Oft liegen tief

 

Die letzten Gründe, gleich 'nem gold'nen Horte,

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Und wer sie nicht herausgräbt, urtheilt schief.

 

Zu fern war mir der Geiz im Lauf des Lebens;

 

Viel Zeit, viertausend Monde warn's, verlief, 

34

Eh' ich gebüßt Maßlosigkeit des Gebens.  268

 

Und Lasten wälzend, würd ich im Turnier

 

Mitspielen dort, wo alle Müh vergebens,

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Wenn deinen Ruf: "Wohin treibt euch die Gier

 

Nach Gold, Ihr Staubgebor'nen? "ich nicht hörte,

 

Den Ruf, der einst im Zorn entfahren dir,

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Als die Verderbniß dich der Welt empörte.

 

Da sah ich ein, daß man die Hand zu weit

 

Auch aufthun kann, und ich der spät Belehrte

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Hab' diese Schuld und andre dann bereut.

 

Wie Viele werden noch mit kalhlem Haupte

 

Einst auferstehn, weil sie Unwissenheit

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Im Leben und im Tod der Reu' beraubte.

 

Wenn eines Lasters Krone hier verdorrt,

 

Dem Giftbaum gleich, den Sommergluth entlaubte,

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So nimmt dem Laster man am gleichen Ort,

 

Das jenes Lasters Gegentheil, die Sprossen

 

Zu gleicher Zeit; drum fandest du mich dort,

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Doch nicht, weil ich die Hand zu fest geschlossen."

 

Als Statius so geredet hatte, frug

 

Der Dichter der Idyllen den Genossen:

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"So war der Glaube, ohne den genug

 

Zum Heil kein gutes Werk ist, in der Stunde

 

Dir fremd noch, als du sangst von Thebens Fluch,

58

Und von den Waffen, die die Doppelwunde

 

Iocasten schlugen, fremd, als Clio's Hand

 

Dir in die Saiten griff? O, gieb mir Kunde,

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Wenn's wirklich so, welch Licht hat, hell' entbrannt,

 

Ja welche Sonne dir den Blick entschleiert,

 

So daß du gleich die Segel ausgespannt

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Und muthig bist dem Fischer nachgesteuert?"

 

Und Jener: "Zu den Quellen des Parnaß

 

Fand ich den Weg nur, weil du mich befeuert;

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Da trank in Grotten ich vom heil'gen Naß.

 

Du warst mein Licht, du, nächst dem Gott der Gnade;

 

Doch gleichst dem Mann du, Nachts im dunklen Paß,

70

Der hinter sich das Licht hält, Andrer Pfade

 

Beleuchtend hell, indeß die eig'ne Bahn

 

Im Schatten liegt! So machtest du es grade,  

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Als einst den großen Ausspruch du gethan:  269

 

"Die Welt erneut sich, gold'ne Zeit kommt wieder,

 

Gerechtigkeit ersteht, und frei vom Wahn

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Steigt schon ein neu Geschlecht vom Himmel nieder."

 

Durch dich nur ward ich Dichter, ward ich Christ!

 

Die flücht'ge Zeichnung mal' ich jetzt, Ihr Brüder,

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Euch farbig aus, damit sie klar Eucht ist.

 

Der Glaube, den gesät sie Gottgesandten,

 

War überall gekeimt zu jener Frist.

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Da deinen Worten, den vorher genannten,

 

Die ihren gleichen, sucht ich auf sie gern.

 

Wie heilig schienen die mir, die bekannten

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Bei der Verfolgung Domitians den Herrn!

 

Ach meine Thränen flossen, als sie litten!

 

Stets mußt ich ihrer denken, und hielt fern

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Mich andern Sekten. Neben ihren Sitten

 

Schien, was sonst Tugend hieß, mir nur gering.

 

Noch eh' die Griechen mit des Dichters Schritten

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Zu Thebens Flüssen ich geführt, empfing

 

Die Taufe ich: doch Alles in der Stille.

 

Vierhundert Jahr harrt' ich im vierten Ring,

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Weil mit der Einsicht nicht gestimmt mein Wille.

 

Du hobst den Schleier meines Glücks, Virgil!

 

Zieh vom Geschick der Freunde auch die Hülle,

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Und sag, indeß wir klimm'n zum höchsten Ziel,

 

Wo ist Terenz, der Ahnherr uns'rer Sippe,

 

Was ward aus Plautus, Varrus und Cecil?

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Sind sie verbannt, und sie, auf welche Klippe?"

 

Und er: "Sie, Persius, ich, und Viele noch

 

Sind bei dem Griechen, dessen holde Lippe

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Die Musen, auf des Berges Doppeljoch,

 

Mit Milch gelabt so reichlich, wie noch keine.

 

Gebannt im ersten Höllenkreis, faßt doch

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Kein Schmerz uns an. Wir Dichter im Vereine,

 

Wir denken dort des Bergs, wo Lust durchglüht

 

Die, die uns nährten, schwärmen durch die Haine.

109

Euripides ist dort und Simonid,

 

Auch Antiphont und Agathon, Hellenen

 

Im Loorbeerschmuck, auch die, die nennt dein Lied:

112

Antigone, Ismene noch in Thränen,  270  

 

Die, die den Griechen "Langia" wies im Gras,

 

Und Deidamia mit den Schwestern, denen

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Die Tochter folget des Teiresias,

 

Auch Argia, Thetis auch und Deifile."

 

Jetzt traten Beide aus dem Felsgelaß

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Und spähten scharf umher nach einem Ziele.

 

Vier Mägde war'n des Tags am Himmelssaum

 

Zurückgeblieben in der Morgenkühle,

121

Schon trat die fünfte an den Deichselbaum,

 

Das glüh'nde Horn grad zum Zenithe drehend,

 

Da sprach Virgil: "Kehr zu dem leeren Raum

124

Die rechte Schulter, stets nach links nur gehend."

 

Gewohnheit ward uns Richtschnur, mußt es sein,

 

Da Statius nickte, das Vertrau'n erhöhend.

127

Nun gingen Beide vor, ich hinterdrein,

 

Den Reden lauschend, die mir Kraft zum Dichten

 

Und Urtheil lieh'n. Doch hielten bald sie ein,

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Da uns ein Baum, so hoch und breit wie Fichten,

 

Im Wege stand, mit Aepfeln ganz bedeckt.

 

Ein Balsamduft entströmte diesen Früchten.

133

Wie sich die Tanne breit und breiter streckt

 

Nach unten, so nach oben diese Pflanze.

 

Dadurch wird, wer hinauf will, abgeschreckt.

136

Im Hintergrund stürzt von 'ner Felsenschanze

 

Ein Quell, der rauschend alle Blätter näßt.

 

Das Laubwerk funkelt wie im Silberglanze.

139

Jetzt hört ich eine Stimme im Geäst:

 

"Nach dieser Frucht verlangt Ihr noch, Ihr Seelen?"

 

Und dann: "Maria dacht beim Hochzeitsfest

142

Mehr dr'an, daß nichts den Gästen möchte fehlen,

 

Als an den eig'nen Mund, der immer jetzt

 

Für uns noch fleht. Es haben ihre Kehlen

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Die alten Römer nur am Born genetzt.

 

Auch Daniel errang solch tiefes Wissen,

 

Weil er an Speis und Trank sich nicht ergötzt:

148

In alter Zeit, die arm war an Genüssen,

 

Doch reich an Glück, da macht' im grünen Wald

 

Der Hunger Eicheln selbst zu Leckerbissen,

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Der Durst zum Nektar, Wasser rein und kalt.

  Heuschrecken nur und Honig aß der Täufer,
  Drum, wie die Schritt uns ausmalt die Gestalt,
154 Ward groß er durch Enthaltsamkeit und Eifer."  29.11.2006

23. Gesang

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