Purgatorium. 23. Gesang. |
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| Redend wird in diesem Gesang Forese Donati, ein florentinischer Lebemann, mit dem Dante in seiner Jugend die Freuden der Tafel genoß, eingeführt. Von Nella, der Gattin jenes Forese, wird gesagt: sie sein eine gute und mäßige Frau gewesen, welche denselben von seinen Schwelgereien abmahnte, ihm aber doch täglich die köstlichsten Speisen bereiten mußte. Sie steht als eine Ausnahme unter den Florentinerinnen da, welche noch verrufener gewesen sein sollen als die Sardinierinnen. Ihrer und der allgemeinen Verderbniß halber, betitelt Dante beide Landstreiche mit dem Namen der Barbarei. Genannt wird noch in diesem Kapitel Eresichton, der Verächter der Ceres, welche sie, weil er ihre heiligen Eichen umhieb, mit unersättlichem Hunger strafte. Dieser ward so heftig, daß er zuletzt seine eigenen Glieder annagte und von Grauen vor sich selbst und seiner Gier ergriffen wurde. Schlimmer noch erscheint Maria, ein Weib, von der Josephus sagt: sie habe während der Belagerung Jerusalems durch die Römer ihr eigenes Kind zur Hälfte verzehrt und die andere den räuberischen Soldaten, welche Speise bei ihr zu suchen kamen, angeboten. Zu erwähnen ist noch, daß im Mittelalter der Glaube herrschte, das Wort HOMO, [OMO] der Mensch, sei im Gesicht zu lesen. Die Augen sollten das O, Brauen und Nase das M bilden. Der Bruder der Sonne, von dem hier geredet wird, ist der Mond. Was den Psalm betrifft, von dem nur der Anfang, Wasche mich! angeführt wird und in dem es im weiteren Verlauf heißt: "Du wirst meine Lippen aufthun und mein Mund wird dein Lob verkündigen", so soll er den Gegensatz zur Gier nach Speise und Trank, zur Schwelgerei, bei der die Lippen thätig waren, bedeuten. | |
| 1 | Indeß mein Blick am Laube hing, dem frischen, |
| Wie der es macht, der jede Pflicht vergißt, | |
| Und nur drauf sinnet Vögel zu erwischen, | |
| 4 | Sprach Jener, der mir mehr als Vater ist: |
| "Nun komm, denn besser gilt es auszubeuten 272 | |
| Die uns zu hohem Zweck bestimmte Frist." | |
| 7 | Mein Antlitz wandt' ich rasch nach jener Seiten, |
| Nicht minder rasch den Schritt; so folgt ich nach | |
| Dem Dichterpaar; und mühlos schien dies Schreiten, | |
| 10 | Weil dieser bald, bald jener herrlich sprach. |
| Jetzt hört den Ruf ich, "wasch mich Herr", erschallen, | |
| Süß klang's, doch untermischt mit manchem Ach; | |
| 13 | So weckt es Schmerz zugleich mit Wohlgefallen. |
| "Was hör ich, lieber Vater"? frug ich ihn; | |
| Und er: "Die Schatten sind's, die sich im Wallen | |
| 16 | Den Knoten ihrer Pflicht zu lösen müh'n." |
| Wie Pilger thun, die leicht den Kopf nur drehen, | |
| Wenn sie an fremden Volk vorüberzieh'n, | |
| 19 | Doch Halt nicht machen, hatten sie im Gehen, |
| Uns überholend, schnell sich umgewandt, | |
| Doch still und scheu; verstummt war auch ihr Flehen; | |
| 22 | Die Augen hohl, umfaßt von dunklem Rand, |
Das Antlitz blaß, so dünn, daß über Knochen |
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Die Haut, die sich nach diesen formt, gespannt! |
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| 25 | Eresichton, der hungerte seit Wochen, |
Der ausgedörrt bis auf die Oberhaut, |
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War doch so dünn nicht als die Schuld gerochen, |
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| 28 | Da, als zumeist vor'm Hunger ihm gegraut, |
Als diese, denen schlottern die Gebeine. |
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Mir war's, als hätt' ich jenes Volk geschaut, |
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| 31 | Das einst Jerusalem verlor, wo Eine, |
Die auch Maria hieß, den Sohn zerriß. |
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Die Augen waren Ringe ohne Steine, |
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| 34 | Das M zeigt deutlich sich für den gewiß, |
Der homo meint im Angesicht zu lesen. |
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Kann reizen so des Apfels Duft zum Biß, |
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| 37 | Zum Trunk des Wassers Anblick, daß ein Wesen |
Aus Sehnsucht sich verzehrt und schmilzt vor Gier? |
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Noch stand ich da und wollt' das Räthsel lösen, |
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| 40 | Da warf 'nen Blick aus tiefen Höhlen mir |
Ein Schatten zu, und starrt' ein'ge Minuten |
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Mich an. "Welch Glück!" rief er, "o du bist hier!" |
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| 43 | Nicht am Gesicht, hätt' ich erkannt den Guten, |
Doch war die Stimme mir vertraut genug 273 |
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Und ließ mich, wer er sei, alsbald vermuthen; |
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| 46 | Und dieser Funke zündete im Flug |
Das Licht mir der Erinnerung an, der treuen. |
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Nun sah ich den Forese Zug vor Zug. |
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| 49 | "Du mußt", sprach er, "mein schuppig Fell nicht scheuen |
Die Glieder nicht, die klappern fleischlos fast |
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Nein, bleib und sprich von dir und von den Zweien, |
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| 52 | Die vor dir gehn, sag' was erlebt du hast." |
Und ich: "Dein Antlitz, das beweint ich habe, |
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Forese, als im Tod es war erblaßt, |
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| 55 | Bewein' ich heut noch mehr als wie am Grabe, |
Weil so entstellt ich seh' dein edles Haupt. |
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Was hat, da gleich Ihr seht 'nem kahlen Stabe, |
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| 58 | Was hat Euch so entblättert und entlaubt? |
Sprich du zuerst! denn der, dem in Gedanken |
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Ein andrer Wunsch liegt, redet überhaupt |
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| 61 | Zerstreut doch nur und schlecht!" "Vom Himmel sanken |
In Pflanz' und Wasser Kräfte eig'ner Art; |
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Sie wecken diese Gier, an der wir kranken. |
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| 64 | Die Geister, die hier singen dichtgeschaart, |
War'n Menschen, die auf Erden maaßlos praßten, |
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Drum heil'gen sie sich durch die Pilgerfahrt, |
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| 67 | Wie ich es thue, und durch grausam Fasten, |
Denn Durst und Hunger wird ohn' Unterlaß |
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Gereizt durch Früchte, die den Baum belasten, |
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| 70 | Und durch, im Grünen rieselnd, köstlich Naß. |
Nicht hier nur, nein, auch noch an andrer Stelle |
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Erneut die Qual sich! Qual? was sag ich, was? |
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| 73 | Trost sollt' ich sagen! denn zu Baum und Quelle |
Führt uns der Trieb, der schwellte Christi Herz, |
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Als "Eli"! er am Kreuz rief, süß und helle, |
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| 76 | Und willig auf sich nahm all' unsern Schmerz." |
So sprach der Geist, und ich nun zu Foresen: |
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"Noch sind's fünf Jahr nicht, daß du himmelwärts |
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| 79 | Dich aufgemacht, doch hast erst, als zum Bösen |
Der Tod dir Kraft nahm und Gelegenheit, |
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Die Sündenfesseln du versucht zu lösen, |
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| 82 | Hast erst zuletzt den Bund mit Gott erneut; |
Wie kommst du denn schon jetzt auf diese Höhe? 274 |
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Da, wo die Zeit ersetzt wird durch die Zeit, |
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| 85 | Da glaubt ich wärst du in des Meeres Nähe." |
"Nur meiner Nella Thränen weiß ich's Dank", |
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Erwidert er, "daß schon so hoch ich stehe |
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| 88 | Und kost' der Qualen züßen Wermuthstrank. |
Sie hat dem Kreis mich, wo man harrt, entzogen, |
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Und wenn ich andre Kreise übersprang, |
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| 91 | Ist's ihr Verdienst. Gott sieht vom Himmelsbogen |
Nur um so gnäd'ger an, die ich geliebt, |
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Bleibt meiner Wittwe um so mehr gewogen, |
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| 94 | Je schlechter ist die Welt, die sie umgiebt. |
Sardiniens Barbarei hat Frau'n, die treuer |
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Als die der Barbarei sind, wo betrübt |
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| 97 | Und einsam ich sie ließ, die mir so theuer. |
Was soll ich sagen Freund? die Zeit kommt bald, |
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Die Euch verhüllt noch durch der Zukunft Schleier, |
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| 100 | Nicht mir; sie kommt, eh' diese Stunde alt, |
Wo man den Kanzeln wird verboten werden, |
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Der Weiber Tracht, kaum deckend die Gestalt. |
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| 103 | Gab's Saracenen je, gab es auf Erden |
Barbaren, wo's bedurfte solch Gebot? |
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Doch wüßten sie, die schamlos sich geberden, |
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| 106 | Womit der rasche Himmel sie bedroht, |
Dann rissen sie wohl auf schon jetzt die Münder |
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Zum Heulen über die zukünft'ge Noth; |
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| 109 | Denn eh' erwachsen noch sind jene Kinder, |
Die heute man mit Wiegenliedern stillt, |
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Eh' sproßt der Flaum den Knaben, noch geschwinder |
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| 112 | Selbst kommt das Strafgericht, das streng vergilt. |
Doch nun red'du auch, und den Grund entdecke |
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Warum durch dich die Sonne wird verhüllt; |
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| 115 | Wir starr'n ja Alle nach dem dunklen Flecke." |
Und ich: "O mich bewegt's im Herzensgrund, |
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Wenn zaudernd jetzt ich die Erinnerung wecke, |
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| 118 | Wie Unheil dir und mir bracht' unser Bund. |
Der vor mir geht, hat mich der Welt entnommen |
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Erst ehegestern, g'rad als wieder rund |
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| 121 | Der Bruder jener ward, die hell entglommen", |
Und auf die Sonne wies ich, "droben lacht. 275 |
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In Fleisch und Blut bin ich hierher gekommen. |
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| 124 | Ja dieser führte mich durch tiefste Nacht |
Zu wahren Todten; nur von ihm bewogen |
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Erstieg den Berg ich, welcher g'rade macht |
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| 127 | Das was an Euch das Leben hat verbogen, |
Ich soll, versprach er, Beatrice sehn, |
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Und so befeuert, bin ich aufgeflogen. |
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| 130 | Weilt sie bei mir, muß dieser von mir gehn. |
Das ist Virgil und das der Engelgleiche, |
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Um dessentwillen bebten alle Höhn, |
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| 133 | Weil er entlassen ward aus Eurem Reiche." 29.11.2006 |