Purgatorium. 24. Gesang. |
|
| In diesem Kapitel wird von Piccarda, der edlen Schwester Foreses's und Corso Donati's, und von Gentucca (die noch keinen Schleier trägt, d. h. unvermählt ist), einer von Dante angebeteten Dame aus Lucca, gesprochen, dann von drei Dichtern, dem Bonagiunta, ebenfalls aus Lucca, den man einen leichten Finder der Reime, aber einen noch leichteren der Weine nannte, dem Notar Giacomo Lentino, und dem Mönch Guitttone, von Martin von Tours dem Papst, dem Ubaldino von Pila einem Ghibellinen, dem Bonifaz, Erzbischof von Pisa, und dem Marchese Forti, welcher, als ihm sein Kellermeister berichtete, man sage in der ganzen Stadt von ihm, er tränke immer, antwortete: "Dann sage du, ich hätte immer Durst." Die Worte, welche hier angeführt werden: "Ihr Frau'n, die Ihr Verstand vom Lieben habt", bilden den Anfang eines Sonetts von Dante an Beatrice. Als abschreckende Beispiele werden noch angeführt: Die Centauren, Kinder des Ixion und der Wolke, welche beim Trinkgelage den Theseus, den Herzog von Athen anfielen und von ihm erschlagen wurden, und die Juden, welche sich vom Durst übermannen ließen, tranken, wo es verboten war, und wegen dieses Mangels an Selbstüberwindung von Gedeon heimgesandt wurden, ohne an der Ehre des Kampfes gegen Madian theilhaben zu dürfen. Die Prophezeiung des Forese bezieht sich auf Florenz und auf das Ende Corso Donatis, des Forese Bruder und Dante's Schwager, des hochfahrenden, streitsüchtigen, (276) aber schönen, geistreichen und tapfern Anführers der Schwarzen. Er wurde bei einem Volksaufstand gefangen, fortgeführt, und da alle Vorstellungen und Anerbietungen, mit welchen er seine Wächter bestürmte, ihm die Freiheit zu geben, umsonst waren, warf er sich vom Roß, blieb im Bügel hängen und ward von dem wildgewordenen Thier zu Tode geschleift. | |
| 1 | Nicht hemmte das Gespräch den Gang, den schnellen, |
| Der Gang nicht das Gespräch; wir zogen fort | |
| Wie'n Schiff bei günst'gem Wind durchkreuzt die Wellen. | |
| 4 | Das Volk, das uns so fahl schien und verdorrt, |
| Als sei's zweimal gestorben, stand ergriffen, | |
| Und starr vor Schreck sah's mich an diesem Ort, | |
| 7 | Da es, daß ich lebendig sei, begriffen. |
| Doch ich sprach weiter: "Sieh, des Statius Geist | |
| Enteilte schneller, hielt auf diesen Riffen | |
| 10 | Ihn Liebe nicht zurück! Jetzt, wenn du's weißt, |
| Jetzt sag, wo deine Schwester ist, erzähle! | |
| O sag, wie dieser oder jener heißt, | |
| 13 | Der stiert nach mir aus tiefer Augenhöhle." |
| "Piccarda, von der nicht sich sagen ließ, | |
| Ob reicher sie an Schönheit war der Seele, | |
| 16 | Ob auch des Leibes, freut im Paradies |
| Sich ihrer Krone schon!" So sprach Forese, | |
| Und dann, indem er auf die Schatten wies: | |
| 19 | "Da unkenntlich die Pein uns macht, die böse, |
| Nenn' gern ich Manchen dir aus unserm Schwarm, | |
| Sieh, dies ist Bonagiunta, der Lucchese; | |
| 22 | Der da, mit hohlem Antlitz, hielt im Arm |
Die Kirche einst; aus Tours die Kathedrale |
|
Sandt den nach Rom, der jetzt, daß Gott erbarm, |
|
| 25 | Hier fasten muß, weil ihm Bolsenas Aale |
Und feiner Wein geschmeckt." Noch zeigt' er jetzt |
|
Mir Viele, die zu sehr geschwelgt beim Mahle, |
|
| 28 | Doch schien, weil er genannt, kein Geist verletzt. |
Ich sah, wie sein Gebiß im leeren Munde |
|
Umsonst von Pila Ubaldin gewetzt, |
|
| 31 | Und auch Marchese, der mit feuchtem Schlunde |
In Forli trank, und doch stets durstig blieb; |
|
Auch Bonifaz kaut hier umsonst zur Stunde, |
|
| 34 | Er, der dort unten große Heerden trieb. 277 |
Wie Jener, der sich Vieles hat betrachtet, |
|
Und dann was ihm gefällt und was ihm lieb |
|
| 37 | Für sich behält und weiter nichts beachtet, |
So macht' ich's hier mit dem Lucchesen auch. |
|
Zu kennen schien mich der, der halb verschmachtet, |
|
| 40 | Denn der Gentucca Name kam wie'n Hauch |
Von jenem Mund, an dem der Himmel rächte |
|
Die Gier nach Leckerei und nach dem Schlauch. |
|
| 43 | "Sprich Geist, der gerne mit mir reden möchte, |
Mein Wunsch zu hören ist nicht minder groß." |
|
"Geboren ist aus adligem Geschlechte," |
|
| 46 | Erwidert er, "ein Web, noch schleierlos; |
Die Stadt, die jetzt du schmähst, wirst du noch ehren, |
|
Weil solch' Geschöpf entsprungen ihrem Schooß. |
|
| 49 | Daß wahr ich spreche, wird die Zukunft lehren. |
Doch sag, bist du's, der jenes Lied erfand |
|
Im neuen Styl, gar lieblich anzuhören, |
|
| 52 | Das so beginnt. "Ihr Frau'n, die Ihr Verstand |
Vom Lieben habt", und ich: "ach hin und wieder |
|
Schrieb ich, wenn Liebe still in mir gebrannt, |
|
| 55 | Was heimlich sie mir zugeflüstert, nieder". |
"Die Schlinge, die zurückhielt den Notar, |
|
Guitton und mich, den Dichter vieler Lieder, |
|
| 58 | Jenseits des neuen Styls, erkenn ich klar; |
Du folgst dem Genius, der dir im Geheimen |
|
Dictirt, mit deinem Stift unmittelbar, |
|
| 61 | Indeß wir Andern prüfend länger säumen, |
Und uns abhanden kommt der gute Styl, |
|
Der nie ersetzt wird durch gekünstelt Reimen," |
|
| 64 | So sprach der Geist. Wie Vögel, der am Nil |
Zu überwintern pflegen, sich erheben, |
|
Am Himmel kreisend erst, ein bunt' Gewühl, |
|
| 67 | Um dann in Reih'n geordnet fortzuschweben, |
So brachen auf die Schatten pfeilgeschwind, |
|
Denn guter Wille hieß die vorwärts streben, |
|
| 70 | Die schon durch Magerkeit beweglich sind. |
Forese aber ließ den frommen Haufen |
|
An sich vorüber schwirr'n, rasch wie der Wind; |
|
| 73 | Er zauderte, wie der, der matt vom Laufen, 278 |
Sich von der flieh'nden Truppe abgewandt, |
|
Um abseits einmal ruhig zu verschnaufen. |
|
| 76 | "Wann seh' ich wieder dich?" frug er gespannt. |
"Wer weiß, wie lang ich lebe! Doch ich kehre |
|
So rasch," sprach ich, "nicht heim an diesen Strand, |
|
| 79 | Daß nicht mein Wunsch vorausgeeilt schon wäre; |
Denn wo ich leben muß, die Stadt schält ab |
|
Sich wie 'ne Rinde Stück vor Stück, die Ehre, |
|
| 82 | Und wird Ruine, eh' ich sink in's Grab." |
Und er: "Sei still, der, der zumeist verrufen |
|
Als Unheilstifter, den seh ich hinab |
|
| 85 | An eines Thieres Schweif gezerrt die Stufen |
Zum Thal, wo's keine Sühne giebt. Ergrimmt |
|
Rast schon das Thier und tritt den mit den Hufen, |
|
| 88 | Der sterbend sich wie'n Wurm am Boden krümmt. |
Nicht werden oft die beiden Kugeln kreisen, |
|
Von denen jede dort im Aether schwimmt," |
|
| 91 | Und jetzt sah ich den Freund nach oben weisen: |
"Bis sich vor deinem Blick das Dunkel klärt. |
|
Leb wohl, ich kann nicht ferner mit dir reisen |
|
| 94 | In gleichem Schritt, da hier die Zeit von Werth." |
Wie aus geschloss'ner Truppe zum Duelle |
|
Ein Ritter vorsprengt mit gezogenem Schwert, |
|
| 97 | Um sich hervorzuthun an erster Stelle, |
So stob er fort und ich blieb bei den Zwei'n, |
|
Die groß in ihrer Kunst, wie Feldmarschälle, |
|
| 100 | Und seinem Lauf folgt über Stock und Stein |
Ich mit dem Blick; den Worten folgt, den schlimmen, |
|
Ich mit dem Geist. Da fiel im grünen Schein |
|
| 103 | Mir plötzlich, weil sich hier die Wege krümmen, |
Ein neuer Baum in's Auge, fruchtbeschwert. |
|
Um seine Aepfel baten ihn viel Stimmen, |
|
| 106 | Als sei ein Mensch er, der die Bitten hört. |
Die Hände ausgestreckt, die Lippen trocken, |
|
Drängt' sich dies Volk heran, von Durst verzehrt, |
|
| 109 | Den Kindern gleich, die um 'nen süßen Brocken |
Stets wieder flehn, wenn der auch taub sich stellt, |
|
Den sie gebeten, und nur um zu locken |
|
| 112 | Den Leckerbissen in die Höhe hält. 279 |
Vom Baum, den Thrähnen nicht erweicht, noch Bitten, |
|
Schied jetzt der ganze Schwarm, enttäuscht, geprellt, |
|
| 115 | Indeß wir nahe jetzt und näher schritten. |
"Bleibt fern dem Baum, denn dieser ist ein Sproß," |
|
So rief 'ne Stimme aus des Laubdachs Mitten, |
|
| 118 | "Vom Baume, dessen Frucht Eva genoß." |
Da wir hinauf nur suchten andre Straßen, |
|
Rief's wieder: "Denkt an die, halb Mensch, halb Roß, |
|
| 121 | Der Wolke Brut, die sich beim Mahl vergaßen, |
Und die, die Doppelbrust vom Wein entbrannt, |
|
Den Theseus anzufallen sich vermaßen! |
|
| 124 | Der Juden denkt, vom Durst einst übermannt, |
Die Gedeon nicht wollt' im Heere dulden, |
|
Und vor der Schlacht mit Madian heimgesandt." |
|
| 127 | Die Stimme sprach von ähnlichem Verschulden, |
Und von dem Sold, den rohe Gier empfängt, |
|
Indeß wir wanderten durch Felsenmulden, |
|
| 130 | Wo Einer an den Andern sich gedrängt. |
Als breit die Wege wurden dann, die neuen, |
|
Ging einzeln, in Gedanken still versenkt, |
|
| 133 | Ein Jeder mehr als tausend Schritt im Freien. |
Doch plötzlich hört 'ne Stimme ich ganz nah, |
|
Die frug: "Was liegt im Sinne denn euch Dreien?" |
|
| 136 | Wie'n scheues Füll'n, so schreckte auf ich da, |
Erhob den Kopf und wandt' mich zu dem Schalle. |
|
Fürwahr so hell in keinem Ofen sah |
|
| 139 | Ich Glas je funkeln oder auch Metalle, |
Wie der geglänzt, der sprach: "Biegt ab hier schräg, |
|
Denn wer zum ew'gen Frieden strebt, der walle |
|
| 142 | Auf dieser Spur und sei dabei nicht träg!" |
Vom Licht verwirrt, sucht ich mir gleich dem Blinden, |
|
Den Lehrern folgend, durchs Gehör den Weg. |
|
| 145 | Da traf ein Hauch mich, süß gleich Frühlingswinden, |
Die schon durchstrichen manchen Blumenhag, |
|
Wenn sie im Mai das Morgenroth verkünden. |
|
| 148 | Entzückt spürt' ich des Engels Flügelschlag, |
Ambrosiaduft verbreitend. "Selig heiße |
|
Ich den, der der Begierde nicht erlag, |
|
| 151 | Dem Gnade sanft gekühlt die Brust, die heiße," 280 |
| So sprach der Geist, "damit die Sinnlichkeit | |
| Von Rausch zu Rausch nicht den Betäubten reiße, | |
| 154 | Wohl dem, der hungert, wenn's die Pflicht gebeut!" 29.11.2006 |