Purgatorium. 25. Gesang. |
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| In diesem, wie in den beiden folgenden Gesängen handelt es sich um die Läuterung der Liebe von einer rein irdischen zu einer geistig verklärten. Dann wird es versucht, die Entstehung des Menschen zu erklären. Wenn der Körper nur unmittelbar durch Gott, d. h. durch die Natur, die ja auch des Schöpfers Werk ist, entsteht, so geht die Beseelung unmittelbar von Gott aus. Dabei aber ist im Auge zu behalten, daß viele Theologen und Philosophen jener Zeit noch ein Drittes außer Leib und Seele annehmen, die Lebenskraft oder Thierseele, das bewegende Princip im Körper, das auch mit dem Leibe im Tode abstirbt. Da die Seele als Bildnerin der Form gilt, so beginnt sie ihr Werk in jener Welt auf's Neue und schafft sich dort einen ätherischen Leib und unendlich verfeinerte Sinne. Daher auch ihre Leidensfähigkeit im Purgatorium und in der Hölle. | |
| 1 | Da ihren Meridian die Sonne schon |
| Dem Stiere eingeräumt, die Nacht dagegen | |
| Den ihren überlassen dem Skorpion, | |
| 4 | So war es Zeit sich ungesäumt zu regen. |
| Dem Wandrer gleich, der durch kein Hinderniß | |
| Sich läßt, weil Noth ihn treibt, den Weg verlegen, | |
| 7 | So stiegen auf wir durch den Felsenriß, |
| Vereinzelt, weil für Zwei zu eng die Stiegen. | |
| Wie's einem jungen Storch zu Muth gewiß, | |
| 10 | Der prüft die Schwingen, um hinauszufliegen, |
| Und trotz der Lust sich fort vom Nest nicht wagt, | |
| So war's auch mir zu Muth. Bisher geschwiegen | |
| 13 | Hatt' ich, trotzdem ich Manches gern gefragt. |
| Da halb entflammt die Lust, und bald verflogen | |
| Zum Reden war, ging stumm ich und verzagt. | |
| 16 | Doch schwieg, obgleich wir eilig weiterzogen, 281 |
| Der Meister nicht. "Schieß los, denn schon gespannt | |
| Hast bis zum Eisen du der Rede Bogen." | |
| 19 | Und ich, ""Da man nicht ißt im Schattenland, |
| Wie wär es denkbar, daß gefastet werde?"" | |
| "Hätt'st du bedacht, wie Meleager schwand, | |
| 22 | Da sich der Spahn verzehrte auf dem Heerde, |
Wie sich, wenn du dich regst, dein Bild sich regt |
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Im Spiegel auch, nachahmend die Geberde, |
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| 25 | Dann hättest Zweifel jetzt du kaum gehegt! |
Da sieh, da steht dein Arzt, den ich beschwöre, |
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Daß Balsam er auf deine Wunden legt." |
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| 28 | Und Statius: "Wenn den Blick ich Jenem kläre |
In deiner Gegenwart, mein Lehrer du, |
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Geschieht es nur, weil's mir unmöglich wäre |
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| 31 | Dir Etwas zu versgen; hör denn zu |
Mein Sohn; und wenn du Alles gut erwogen, |
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Hast du gewiß vor diesen Zweifeln Ruh! |
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| 34 | Das Blut, das unsern Leib durchströmt wie Wogen, |
Tritt in das Herz; dies giebt ihm Lebenskraft. |
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Wenn's dann die Adern wieder aufgesogen, |
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| 37 | Bleibt oft ein Rest zurück vom rothen Saft, |
Für den kein Platz in Adern und Geweben; |
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Wie Nahrung bleibt, zum Festmahl angeschafft |
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| 40 | Im Uebermaaß, die's nützlich aufzuheben; |
Dies Blut, das tiefer nun hinunterfällt, |
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Wird übertragen in ein andres Leben, |
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| 43 | Und in dem fremden Körper noch behält |
Der Saft die Fähigkeit, neu zu gestalten. |
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Das andre Blut, dem es sich zugesellt |
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| 46 | Empfängt die Form sie weiter zu entfalten, |
Der Keim ist flüss'ger Stoff, der bald gerinnt, |
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So daß die Theilchen fest zusammenhalten, |
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| 49 | Bis ausgewachsen er Gestalt gewinnt. |
Die Lebenskraft, die schlang so feste Bande, |
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Wird Seele, wie in Pflanzen Seelen sind, |
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| 52 | Verschieden in dem Punkt nur, daß am Strande |
Am Ziel die Pflanzenseele, auf der Fahrt |
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Die andre noch. Wie'n Schwamm am Küstenrande |
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| 55 | In dem sich die Natur der Pflanze paart 282 |
Mit der des Thiers, so fühlt, so zuckt solch Wesen, |
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Doch bald regt es sich dann in frei'rer Art, |
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| 58 | Bestrebt aus engen Fesseln sich zu lösen. |
Organe bildet es sich nach und nach, |
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Für welche es der Same selbst gewesen, |
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| 61 | Und Glieder, deren Keim im Blute lag, |
Dem schaffenden; doch wie zum Kinde endlich |
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Ein Thier, ein unvernünft'ges, werden mag, |
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| 64 | Das blieb dem Weisesten selbst unverständlich, |
Da kein Organ er für die Denkkraft fand; |
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Und wirklich macht am Leib sich keines kenntlich. |
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| 67 | So trennte er die Seele vom Verstand, |
Die Lebenskraft nennt Seele hier der Weise; |
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Wie's wirklich ist, mach ich dir jetzt bekannt. |
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| 70 | Sobald das Hirn, ein wunderbar Gehäuse, |
Vollendet, freut der Schöpfer der Natur |
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Sich ihres Meisterwerks und hauchet leise |
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| 73 | Ihm ein von seinem Geiste eine Spur. |
Und dieser Geist nimmt was er vorgefunden |
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An thät'gen Kräften auf; ein Wesen nur |
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| 76 | Macht aus nun Lebenskraft und Geist verbunden. |
Und leuchtet Alles das dir noch nicht ein, |
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So denk, wie in des Lenzes Schöpfungsstunden, |
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| 79 | Wo an der Rebe sprosset Schein um Schein, |
Wie da sich Säfte, die im Rebstock rinnen, |
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Durch Sonnengluth verwandeln bald zu Wein. |
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| 82 | Wenn Lachesis nicht Flachs mehr hat zum Spinnen, |
Löst sich vom Fleisch der Geist, doch jede Kraft |
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Sei thätig sie in Gliedern oder Sinnen, |
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| 85 | Sei's, daß auf geistigem Gebiet sie schafft, |
Nimmt mit als Keime er und Fähigkeiten. |
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Stumm sind, als hätte sie der Tod entrafft, |
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| 88 | Die erstgenannten Kräfte, doch die zweiten, |
Verstand, Gedächtniß, Wille, unberührt |
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Vom Tode, regen sich nach allen Seiten. |
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| 91 | Der Geist fällt gleich, wenn er die Form verliert, |
An einem Strand des Schattenreiches nieder. |
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Den Weg kennt er, der ihn zum Ziele führt; |
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| 94 | Hat er's erreicht, so strahlt er aus auch wieder 283 |
Die Kraft zu bilden, das was ihm entspricht. |
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So formte er auf Erden Leib und Glieder. |
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| 97 | Wie wohl in feuchter Luft ein Strahl sich bricht |
Und sie mit bunten Farben schmückt, so spiegelt |
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Sich in der Luft umher das Seelenlicht. |
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| 100 | Dies Bild, mit dem der Geist die Luft besiegelt, |
Zieht dann er nach, wie'n Feuer, das mächtig brennt, |
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Nach zieht das Flämmchen, das ihm folgt beflügelt. |
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| 103 | Zum Schatten wird der Geist in dem Moment. |
Jetzt schafft Organe er zum Seh'n und Hören, |
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Schafft Sinne sich; er spricht, fühlt und erkennt, |
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| 106 | Er lacht vor Lust; vor Schmerz vergießt er Zähren. |
Drum stauntest du!" Er schwieg und mir benahm |
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Jetzt neue Angst den Muth mich zu belehren, |
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| 109 | Da in dem nächsten Kreis, in dem ich kam, |
Dem letzten, wo in Schmerzen Seelen weilen, |
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Ich Flammen an dem Berghang wahr jetzt nahm. |
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| 112 | Sie bogen sich nach außen, glühende Säulen; |
Doch Wind, der aufstieg von dem Küstenrand, |
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Trieb sie zurück an jenen Hang, den steilen. |
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| 115 | Am äußern Saum, der breiter nicht wie'n Band |
Vom Feuer frei, ging ich dahin mit Bangen, |
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Weil hier die Abgrund droht und dort der Brand! |
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| 118 | "Jetzt", sprach Virgil, "muß Augen und Verlangen |
Man zügeln; leicht tritt fehl man hier, mein Sohn." |
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Da hört ich, wie im Feuer Seelen sangen: |
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| 121 | "O göttliche Barmherzigkeit!" Der Ton, |
Der aus der Mitte drang der Gluth, der süße, |
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Zog so mich an, daß bald ich in die Loh'n, |
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| 124 | Wo Geister wallten, sah, bald auf die Füße. |
Beim Schluß der Hymne riefen Alle dann: |
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"Ich weiß von keinem Mann!" so der Grüße |
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| 127 | Des Engels denkend; und alsbald begann |
Auf's Neu das Lied, das mit dem Ruf sie schlossen: |
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Diana war im Wald, und nicht entrann |
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| 130 | Helike ihr, die Venus Gift genossen, |
Verjagt ward schimpflich sie aus jenem Hain!" |
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Die Geister priesen treue Ehgenossen, |
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| 133 | Und Frau'n und Männer, die gelebt so rein 284 |
Wie Tugend es und Ehe uns befehlen. |
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Der Keuschheit Feier scheint genug zu sein |
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| 136 | Für jene Zeit, wo sie im Feu'r sich quälen. |
O welche Arzenei wird hier ertheilt, |
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Und welche Cur thut Noth bei diesen Seelen, |
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| 139 | Bis endlich auch die letzte Wunde heilt. 30.11.2006 |