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Uebersicht

Purgatorium. 25. Gesang.
Seite 280-84
     In diesem, wie in den beiden folgenden Gesängen handelt es sich um die Läuterung der Liebe von einer rein irdischen zu einer geistig verklärten. Dann wird es versucht, die Entstehung des Menschen zu erklären. Wenn der Körper nur unmittelbar durch Gott, d. h. durch die Natur, die ja auch des Schöpfers Werk ist, entsteht, so geht die Beseelung unmittelbar von Gott aus. Dabei aber ist im Auge zu behalten, daß viele Theologen und Philosophen jener Zeit noch ein Drittes außer Leib und Seele annehmen, die Lebenskraft oder Thierseele, das bewegende Princip im Körper, das auch mit dem Leibe im Tode abstirbt. Da die Seele als Bildnerin der Form gilt, so beginnt sie ihr Werk in jener Welt auf's Neue und schafft sich dort einen ätherischen Leib und unendlich verfeinerte Sinne. Daher auch ihre Leidensfähigkeit im Purgatorium und in der Hölle.  
 
1      Da ihren Meridian die Sonne schon
  Dem Stiere eingeräumt, die Nacht dagegen
  Den ihren überlassen dem Skorpion,
4 So war es Zeit sich ungesäumt zu regen.
  Dem Wandrer gleich, der durch kein Hinderniß
  Sich läßt, weil Noth ihn treibt, den Weg verlegen,
7 So stiegen auf wir durch den Felsenriß,
  Vereinzelt, weil für Zwei zu eng die Stiegen.
  Wie's einem jungen Storch zu Muth gewiß,
10 Der prüft die Schwingen, um hinauszufliegen,
  Und trotz der Lust sich fort vom Nest nicht wagt,
  So war's auch mir zu Muth. Bisher geschwiegen
13 Hatt' ich, trotzdem ich Manches gern gefragt.
  Da halb entflammt die Lust, und bald verflogen
  Zum Reden war, ging stumm ich und verzagt.
16 Doch schwieg, obgleich wir eilig weiterzogen,  281
  Der Meister nicht. "Schieß los, denn schon gespannt
  Hast bis zum Eisen du der Rede Bogen."
19 Und ich, ""Da man nicht ißt im Schattenland,
  Wie wär es denkbar, daß gefastet werde?""
  "Hätt'st du bedacht, wie Meleager schwand,
22

Da sich der Spahn verzehrte auf dem Heerde,

 

Wie sich, wenn du dich regst, dein Bild sich regt

 

Im Spiegel auch, nachahmend die Geberde,

25

Dann hättest Zweifel jetzt du kaum gehegt!

 

Da sieh, da steht dein Arzt, den ich beschwöre,

 

Daß Balsam er auf deine Wunden legt."

28

Und Statius: "Wenn den Blick ich Jenem kläre

 

In deiner Gegenwart, mein Lehrer du,

 

Geschieht es nur, weil's mir unmöglich wäre

31

Dir Etwas zu versgen; hör denn zu

 

Mein Sohn; und wenn du Alles gut erwogen,

 

Hast du gewiß vor diesen Zweifeln Ruh!

34

Das Blut, das unsern Leib durchströmt wie Wogen,

 

Tritt in das Herz; dies giebt ihm Lebenskraft.

 

Wenn's dann die Adern wieder aufgesogen,

37

Bleibt oft ein Rest zurück vom rothen Saft,

 

Für den kein Platz in Adern und Geweben;

 

Wie Nahrung bleibt, zum Festmahl angeschafft

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Im Uebermaaß, die's nützlich aufzuheben;

 

Dies Blut, das tiefer nun hinunterfällt,

 

Wird übertragen in ein andres Leben,

43

Und in dem fremden Körper noch behält

 

Der Saft die Fähigkeit, neu zu gestalten.

 

Das andre Blut, dem es sich zugesellt

46

Empfängt die Form sie weiter zu entfalten,

 

Der Keim ist flüss'ger Stoff, der bald gerinnt,

 

So daß die Theilchen fest zusammenhalten,

49

Bis ausgewachsen er Gestalt gewinnt.

 

Die Lebenskraft, die schlang so feste Bande,

 

Wird Seele, wie in Pflanzen Seelen sind,

52

Verschieden in dem Punkt nur, daß am Strande

 

Am Ziel die Pflanzenseele, auf der Fahrt

 

Die andre noch. Wie'n Schwamm am Küstenrande

55

In dem sich die Natur der Pflanze paart   282

 

Mit der des Thiers, so fühlt, so zuckt solch Wesen,

 

Doch bald regt es sich dann in frei'rer Art,

58

Bestrebt aus engen Fesseln sich zu lösen.

 

Organe bildet es sich nach und nach,

 

Für welche es der Same selbst gewesen,

61

Und Glieder, deren Keim im Blute lag,

 

Dem schaffenden; doch wie zum Kinde endlich

 

Ein Thier, ein unvernünft'ges, werden mag,

64

Das blieb dem Weisesten selbst unverständlich,

 

Da kein Organ er für die Denkkraft fand;

 

Und wirklich macht am Leib sich keines kenntlich.

67

So trennte er die Seele vom Verstand,

 

Die Lebenskraft nennt Seele hier der Weise;

 

Wie's wirklich ist, mach ich dir jetzt bekannt.

70

Sobald das Hirn, ein wunderbar Gehäuse,

 

Vollendet, freut der Schöpfer der Natur

 

Sich ihres Meisterwerks und hauchet leise

73

Ihm ein von seinem Geiste eine Spur.

 

Und dieser Geist nimmt was er vorgefunden

 

An thät'gen Kräften auf; ein Wesen nur

76

Macht aus nun Lebenskraft und Geist verbunden.

 

Und leuchtet Alles das dir noch nicht ein,

 

So denk, wie in des Lenzes Schöpfungsstunden,

79

Wo an der Rebe sprosset Schein um Schein,

 

Wie da sich Säfte, die im Rebstock rinnen,

 

Durch Sonnengluth verwandeln bald zu Wein.

82

Wenn Lachesis nicht Flachs mehr hat zum Spinnen,

 

Löst sich vom Fleisch der Geist, doch jede Kraft

 

Sei thätig sie in Gliedern oder Sinnen,

85

Sei's, daß auf geistigem Gebiet sie schafft,

 

Nimmt mit als Keime er und Fähigkeiten.

 

Stumm sind, als hätte sie der Tod entrafft,

88

Die erstgenannten Kräfte, doch die zweiten,

 

Verstand, Gedächtniß, Wille, unberührt

 

Vom Tode, regen sich nach allen Seiten.

91

Der Geist fällt gleich, wenn er die Form verliert,

 

An einem Strand des Schattenreiches nieder.

 

Den Weg kennt er, der ihn zum Ziele führt;

94

Hat er's erreicht, so strahlt er aus auch wieder  283

 

Die Kraft zu bilden, das was ihm entspricht.

 

So formte er auf Erden Leib und Glieder.

97

Wie wohl in feuchter Luft ein Strahl sich bricht

 

Und sie mit bunten Farben schmückt, so spiegelt

 

Sich in der Luft umher das Seelenlicht.

100

Dies Bild, mit dem der Geist die Luft besiegelt,

 

Zieht dann er nach, wie'n Feuer, das mächtig brennt,

 

Nach zieht das Flämmchen, das ihm folgt beflügelt.

103

Zum Schatten wird der Geist in dem Moment.

 

Jetzt schafft Organe er zum Seh'n und Hören,

 

Schafft Sinne sich; er spricht, fühlt und erkennt,

106

Er lacht vor Lust; vor Schmerz vergießt er Zähren.

 

Drum stauntest du!" Er schwieg und mir benahm

 

Jetzt neue Angst den Muth mich zu belehren,

109

Da in dem nächsten Kreis, in dem ich kam,

 

Dem letzten, wo in Schmerzen Seelen weilen,

 

Ich Flammen an dem Berghang wahr jetzt nahm.

112

Sie bogen sich nach außen, glühende Säulen;

 

Doch Wind, der aufstieg von dem Küstenrand,

 

Trieb sie zurück an jenen Hang, den steilen.

115

Am äußern Saum, der breiter nicht wie'n Band

 

Vom Feuer frei, ging ich dahin mit Bangen,

 

Weil hier die Abgrund droht und dort der Brand!

118

"Jetzt", sprach Virgil, "muß Augen und Verlangen

 

Man zügeln; leicht tritt fehl man hier, mein Sohn."

 

Da hört ich, wie im Feuer Seelen sangen:

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"O göttliche Barmherzigkeit!" Der Ton,

 

Der aus der Mitte drang der Gluth, der süße,

 

Zog so mich an, daß bald ich in die Loh'n,

124

Wo Geister wallten, sah, bald auf die Füße.

 

Beim Schluß der Hymne riefen Alle dann:

 

"Ich weiß von keinem Mann!" so der Grüße

127

Des Engels denkend; und alsbald begann

 

Auf's Neu das Lied, das mit dem Ruf sie schlossen:

 

Diana war im Wald, und nicht entrann

130

Helike ihr, die Venus Gift genossen,

 

Verjagt ward schimpflich sie aus jenem Hain!"

 

Die Geister priesen treue Ehgenossen,

133

Und Frau'n und Männer, die gelebt so rein   284  

 

Wie Tugend es und Ehe uns befehlen.

 

Der Keuschheit Feier scheint genug zu sein

136

Für jene Zeit, wo sie im Feu'r sich quälen.

 

O welche Arzenei wird hier ertheilt,

 

Und welche Cur thut Noth bei diesen Seelen,

139

Bis endlich auch die letzte Wunde heilt.  30.11.2006

26. Gesang

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