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Purgatorium. 27. Gesang.
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| Zunächst muß hier der Stand der Sonne ins Auge gefaßt werden. Sie befindet sich gerade im Zeichen des Widders, Frühlingsanfang, der Waage gegenüber. Da es nun Abend auf dem Berg des Purgatoriums ist, so muß in Jerusalem die Sonne aufgehn, muß es am Ganges Mittag und am Ebrofluß Mitternacht sein. Da Gott und Christus Eins sind, so kann von dem Ort gesprochen werden, wo der Schöpfer der Sonne sein Blut vergossen hat, also von Jerusalem. Dann gedenkt der Dichter Cythaerens, also der Venus, des Morgensterns. Wenn er aufgeht, vor Tagesanbruch kommen die bedeutungsvollen Träume, denen wir drei im Fegefeuer zu verzeichnen haben. Den ersten, als Lucia, die anregende Gnade, den Dichter bis vor das Thor des Purgatoriums trägt, den zweiten, welcher sich auf den Kampf des Menschen mit der Sinnlichkeit, die in Gestalt der Sirene erscheint, bezieht, den dritten an dieser Stelle, vor dem Eintritt in den Paradiesesgarten. Hier wird der oft angeregte Gedanke, des thätigen und beschaulichen Lebens, als Gegensatz und ale Ergänzung weiter ausgebildet. Wie im neuen Testament Martha und Maria diese beiden Richtungen vertreten, so hier Lea und Rahel. Jene sucht ihr Glück in der Thätigkeit, diese in der Beschaulichkeit. Die Arbeit der Lea ist allerdings eine sehr süße, echt paradisiche, denn sie besteht im Blumdenpflücken und Kränzewinden, so auch die Beschaulichkeit der Rahel, welche nichts anderes als ihr eigenes schönes Bild im Spiegel betrachtet. Dieser Traum hat einen innigen Zusammenhang mit dem Vorgang im folgenden Kapitel, wo Mathilde, die blumenpflückende Jungfrau , erscheint, für die hier Lea als Vorbild gilt, indeß Rahel einen geistigen Zusammenhang mit Beatrice haben soll. Gute Werke, fromme Betrachtung und ein sich Versenken in Gottes Wesen, sind ja der Inbegriff menschlicher Vollkommenheit und passen deßhalh hierher, wo die menschliche Natur in ihrem ursprünglichen paradiesisischen Zustand wieder hergestellt wird. Ehe die Wandrer aber in diesen biblischen Garten gelangen, muß Dante die Läuterungsflammen durchschreiten, wozu ihm Virgil durch die Hinweisung auf ihre Höllenfahrt und ihren Ritt auf dem Drachen Geryon Muth macht. Hier wird auch Pyramus erwähnt, der das blutige Gewand der Thisbe im Walde fand, sie vom Löwen zerrissen wähnte, sich selbst entleibte und mit seinem Blut die einst weiße Maulbeere roth färbte. Die Augen, welche geweint haben und nun wieder heiter werden, sind die der Beatrice, welche sich um ihres getreuen Liebhabers ewiges Heil sorgte. An der Schwelle des Paradieses erklärt Virgil seine (290) Unfähigkeit zu weiterem Schutz und Rath und spricht den nun geläuterten Dante frei, indem er ihm die eigenthümlichen Worte sagt: "Ich will dir Mitra jetzt und Krone leihen", die Symbole geistlicher und weltlicher Herrschaft. Der Dichter soll nun eine süße Frucht genießen, die reine Liebesseligkeit, nach der die Menschheit auf verschiedenen Wegen sucht, ohne sie auf Erden zu finden. |
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Die Sonne stand jetzt, da ihr Lauf beschlossen |
| Am Punkt, von dem den ersten Strahlengruß | |
| Dem Land sie schickt, wo einst sein Blut vergossen | |
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Ihr Schöpfer hat, indeß der Ebrofluß |
| Verfallen schon der Herrschaft war der Wage, | |
| Und Ganges glüht' von Helios Feuerkuß, | |
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Indem es Mitttag ward in dieser Lage. |
| Die Dämmrung nahte, als am Felsenhang, | |
| Abseits vom Brand, der röther als am Tage, | |
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Ich einen Engel sah, der schmetternd sang: |
| "Ich preise selig Euch, Ihr reinen Herzen!" | |
| Trau'n, niemals hört ich solcher Stimme Klang! | |
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"Kommt auch die letzte Sünde auszumerzen! |
| Und seid für uns're Hymnen nur nicht taub, | |
| Ihr drei, sie lindern auf dem Gang die Schmerzen." | |
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Ich hört's und wähnt' mich doch des Todes Raub! |
| Schon sah die Phantasie in jenen Bränden | |
| Verkohlte Leiber, halb zerfall'n zu Staub! | |
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Am Boden lag ich mit gerungnen Händen. |
| Da wandten sich, gerührt von meiner Noth, | |
| Die Führer und "Laß Feigheit dich nicht blenden, | |
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Hier giebt's wohl Qualen, aber keinen Tod, |
| Bedenk," so rief Virgil "wenn ich dich schirmte, | |
| Als uns Geryon zur Fahrt den Rücken bot, | |
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Wenn ich's gekonnt, wo Alles uns bestürmte, |
| Was kann in Gottes Nähe thun ich erst! | |
| Und wenn sich höher noch die Lohe thürmte, | |
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Und du auch hundert Jahr im Feuer wärst, |
| So würd's dir noch kein einzig Haar verkohlen, | |
| Und glaubst du's nicht, so mußt, was du entbehrst, | |
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Den Glauben, du mit eig'ner Hand dir holen; |
| Steck deiner Kleider Zipfel in den Brand. | |
| Jetzt frisch herein, der Engel hat's befohlen! | |
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Dies Feue'r ist zwischen dir die Scheidewand |
| Und Beatrix!" wie Pyramus, der gute, | |
| Gefühlt, als Thisbes Namen ward genannt, | |
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Und er, war auch die Maulbeere vom Blute |
| Schon roth, die Lider aufschlug, die zu schau'n, | |
| Für die er starb, so war auch mir zu Muthe, | |
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Beim Namen, der verscheucht mein Todesgrau'n. |
| Da frug Virgil und zog die Stirn in Falten; | |
| "Was gilt's, wir soll'n wohl hier noch Hütten bau'n?" | |
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Dann lächelt' er; so lachen zu die Alten |
| Dem Kind, wenn's nach dem Apfel greift behend, | |
| Und fügsam wird, nur um ihn zu erhalten. | |
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Zuerst trat er in's heiße Element |
| Und bat: "o Statius, schließe du die Kette," | |
| Denn dieser hatte uns bisher getrennt. | |
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Als mitten in den Loh'n ich war, da hätte |
| Zur Abkühlung ich in geschmolz'nes Glas | |
| Mich gern gestürzt aus diesem Flammenbette. | |
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Von Beatrice redend ging fürbaß |
| Der Meister stets und sprach: "Mich dünkt, ich sehe | |
| Die Augen, die von Freudenthränen naß!" | |
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Uns führte eine Stimme in die Höhe, |
| Die sang: "Kommt, Ihr Gesegneten des Herrn!" | |
| Als ich entronnen aus der Flammen Nähe, | |
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Sah über uns am Berg ich einen Stern, |
| Aus dem die Stimme kam. "Auf", sprach sie weiter, | |
| "Die Sonne sinkt, die Nacht ist nicht mehr fern, | |
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Beeilt Euch denn!" Der Weg ging wie 'ne Leiter |
| In solcher Richtung grade auf das Joch, | |
| Daß ich der Sonne Strahlen goldig heiter, | |
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Die letzten, selber mir versteckt, und doch |
| Bemerkt' ich ihr Verschwinden gleich, da Schatten | |
| Ich keinen warf, indem herauf ich kroch. | |
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Eh' manche Stufe wie erstiegen hatten, |
| Und schwarz noch nicht der ganze Himmel ward, | |
| Da machten, nicht aus eigenem Ermatten, | |
| 70 | Nein, nur weil es gebot des Berges Art, |
| Wir Halt und legten hin uns auf den Stiegen. | |
| Oft sah um Mittag lagern dicht geshaart | |
| 73 292 | Auf Bergesgipfeln ich die muntern Ziegen, |
| Die erst voll Uebermuth, doch wenn sie satt | |
| Geweidet sich, still wiederkäuend liegen, | |
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Indeß auf seinen Stab gestützt sich hat |
| Der Hirt, der selbst zur Stütze dient der Heerde. | |
| Der Schäfer sucht sich Nachts die Lagerstatt | |
| 79 | Auch bei der woll'gen Schaar auf bloßer Erde, |
| Stets unter freiem Himmel, nur aus Scheu, | |
| Daß sie zerstreut vom Raubgezüchte werde. | |
| 82 | Wie diese Alle, lagen hier wir Drei, |
| Die Ziege ich, die Hirten beide Dichter. | |
| En Wall war rechts und links; so blieb nur frei | |
| 85 | Ein Stückchen Himmel, wo die ew'gen Lichter |
| Herab ich funkeln sah mit hell'rem Strahl | |
| Und größer auch und auch geschaart noch dichter, | |
| 88 | Als sie mir je gelacht im Erdenthal. |
| Erlebtes wiederkäu'nd und durch die Lücke | |
| Des Berg's betrachtend Funken ohne Zahl, | |
| 91 | Befiel der Schlaf mich, der oft die Geschicke, |
| Die uns betreffen soll'n, im voraus kennt. | |
| Ein Traum umfing zur Zeit mich, wo die Blicke | |
| 94 | Cythere aufschlägt fern im Orient, |
| Und hoch und höher schwebt, bis daß die Holde | |
| Mit Augen, ach, in denen Liebe brennt, | |
| 97 | Den Berg beglänzt, als ob sie ihn vergolde. |
| In jener Stunde sah auf grüner Au, | |
| Wo Kelch an Kelch sich drängt und Dold' an Dolde, | |
| 100 | Ich wandeln eine wunderschöne Frau; |
| Sie sang, indem sie Blumen brach am Hügel: | |
| "Wißt, ich bin Lea, und im Morgenthau | |
| 103 | Reg' ich die Hände rasch, als wären's Flügel, |
| Denn einen Kranz wind ich, mit dem geschmückt | |
| Ich dann mich gern beschau in meinem Spiegel; | |
| 106 | Nie sieht von ihrem Rahel fort, entzückt |
| Zu schaun in ihre eignen Augensterne, | |
| Da die Betrachtung einzig sie beglückt. | |
| 109 | Ich aber zier' mit eig'ner Hand mich gerne, |
| Denn Thätigkeit ist meine Lust allein!" | |
| Das Morgenlicht, an dem sich die, die ferne | |
| 112 293 | Nicht mehr der Heimat sind, die Pilger freun, |
| Vertrieb die Schatten jetzt und Schlaf und Träume. | |
| Da stand ich auf und trat zu jenen Zwei'n, | |
| 115 | Die schon zum Gehn bereit. "Nicht länger säume. |
| Denn deinen Hunger wird bald still'n die Frucht, | |
| Von der auf Erden ich nur sah die Keime, | |
| 118 | Die an verschiedenem Zweig die Menschheit sucht." |
| Nicht machte wem 'ne Gabe solch' Vergnügen, | |
| Als mir dies Wort. Jetzt auf der Treppenflucht | |
| 121 | Wuchs gleichsam eine Feder mir zum Fliegen |
| Bei jedem Schritt; hinauf trieb's mich mit Macht. | |
| Als hinter uns die letzte lag der Stiegen, | |
| 124 | Hob wied'rum an der, der mich treu bewacht: |
| "Du sahst das zeitliche und ew'ge Feuer, | |
| Und jetzt hab ich dich an den Ort gebracht, | |
| 127 | Wo ich von keinem Räthsel heb den Schleier. |
| Hier reicht mein Blick nicht aus, hier staun' ich bloß! | |
| Wart nicht auf Wink und Wort mehr, reg dich freier! | |
| 130 | Vom Himmel lacht die Sonne wolkenlos, |
| Und Gras und Blumen seh' vom Thau ich blitzen; | |
| Von selbst bringt Alles hier der Erde Schooß, | |
| 133 | Nun magst du wandeln, magst im Grünen sitzen, |
| Indeß die Augen wieder sich erhell'n | |
| Die weinend einst mich baten dich zu schützen. | |
| 136 | Sieh' wie dir Moos und Kraut entgegenschwell'n, |
| Kein stein'ger Pfad mehr, Müh nicht und Beschwerde, | |
| Hier wird dir nichts die reinste Lust vergäll'n, | |
| 139 | Den sünd'gen kann man nicht wie auf der Erde. |
| Dein Urtheil ist gesund, dein Wille rein; | |
| Da du dich selbst beherrschen kannst, so werde | |
| 142 | Ich Krone jetzt und Mitra die verleih'n!" |