Purgatorium. 28. Gesang. |
|
| Seite 293-99 | |
In diesem Gesang werden wir mit einer Frauengestalt bekannt gemacht, welche der Weisheit aller Commentatoren spottet. (294) Mathilde, die Blumenpflückende, wird nicht allein als symbolische Gestalt, wie wir sie im 27. Kapitel erwähnten, sondern auch als historische Person aufgefaßt. Einige glauben, es sei die h. Mathilde, Nonne in Eisleben, welche Visionen verwandten Inhalts mit denen des Dante schrieb, Andere sehen in ihr die Gräfin von Canossa, Mathilde, die begeisterte Anhängerin des Papstthums, die Stütze der guelphischen Partei in Italien, die Beratherin und Freundin Gregor des VII. Das freudige Umherschwärmen, das heitere Singen, paßt aber weder für eine betrachtende Klosterfrau, noch auch für die ernste Gräfin, welche der Buße Heinrich des IV. auf ihrem Burghof zuschaute. Ebenso unwahrscheinlich ist es, daß ihr Dante, der Ghibelline, eine so schöne Rolle zugetheilt haben würde. Ein einziger Ausleger, auf den man wenig Werth gelegt hat, scheint mir das Rechte getroffen zu haben. Mathilde ist die wiederhegestellte Unschuld. Innere Gründe sprechen dafür. Kinder, die für uns das Symbol der Unschuld sind, lieben es vor Allem auf grünen Wiesen zu schweifen, singend umherzutanzen, Blumen zu suchen und Kränze zu binden. Die Unschuld gehört ja auch an die Schwelle des Paradieses. Warum aber heißt sie nun Mathilde? Dies hat vielleicht einen Zusammenhang damit, daß man in Toscana aus Begeisterung für die vorhergenannte Gräfin von Canossa, der größten Zahl der Mädchen ihren Namen beilegte. So mag es fast ein Sammelname für junge, eben aufblühende weibliche Wesen, die noch unberührt von der Verderbniß der Welt fröhlich dahinlebten, gewesen sein. Die Schilderung des irdischen Paradieses krankt nicht, wie man es sonst bei ähnlichen Darstellungen gewohnt ist, an Langeweile, trotzdem hier kein Wechsel und kein Gegensatz mehr vorhanden ist. Die naturwissenschaftlichen Bemerkungen geben genug zu denken. Ihr Werth besteht nicht in der Richtigkeit, sondern in der scharfsinnigen Art wie der Dichter sie begründet. Dem ersten Anstoß gemäß, welchen der Schöpfer der rollenden Welt gab, weht dort beständig derselbe Wind, dessen Stärke und Richtung sich nie verändern kann, weil hier kein Temperaturwechsel mehr stattfindet. Er muß von Osten kommen, da die Blätter sich alle nach der Seite neigen, wohin zuerst des Berges Schatten fällt. Dieser Wonnehauch nimmt die eigenthümlichen Bestandtheile der Pflanzen in sich auf und giebt sie an andern Stellen dem Boden wieder. Daher bedarf es hier des Samens nicht zur Verbreitung der Gewächse. Der Bach welcher den Garten durchströmt, wird nicht durch himmlische Niederschläge gebildet, auch wird nicht durch Regen das Wasser, welches die Sonne ihm in Dunstform entzieht, ersetzt; er schwillt weder, noch nimmt er ab, sondern quillt, keinem Wechsel unterworfen ewig aus unergründlichem Born. Ungleich andern Flüssen theilt er sich, sobald 295 er an's Licht tritt. Der eine Arm heißt "Lethe" "Vergessenheit", der andere "Eunoé" "gutes Gedächtniß". Die Mitwirkung des ersten wird vom zweiten insofern aufgehoben, als dieser die Erinnerung an das Gute, was wir gethan und erlebt haben, wieder auffrischt. Diese beiden Flüsse erhalten am Schluß die Namen "Tigris" und "Euphrat", zwischen welchen ja das Paradies, der Urwohnsitz der Menschheit gelegen haben soll. Was die Oertlichkeiten in diesem Gesang betrifft, so ist Chiassi zu erwähnen, das alte Classe der Römer, ein Seehafen für die römische Flotte; was die Sagen und historischen Erinnerungen betrifft, Xerxes, welcher den Hellespont mit Ketten schlagen ließ und bald darauf gezwungen war, ihn auf seiner Flucht mit einem elenden Kahn zu durchschiffen, dann Aeolus, der König der Winde, welcher den bisher gefesselten Scirrocco losläßt, Proserpina von Pluto geraubt, von ihrer Mutter Ceres beweint und in die Unterwelt gebannt, wo sie den Lenz mit seinen Blumen niemals wiedersah. |
|
| Voll Lust umherzustreifen in dem Walde, | |
| Wo mild gedämpft des neuen Tages Schein, | |
| Wandt' ich vom Bergsaum mich zur grünen Halde. | |
| Welch würz'ger Duft stieg auf vom Wiesenrain! | |
| Welch frischer Hauch, die Lebenskraft erregend, | |
| Berührte mir die Stirn, und bog im Hain | |
| Die Blätter alle nach derselben Gegend, | |
| Auf die zuerst des Berges Schatten fällt, | |
| Doch nicht so stark sie auf die Seite legend, | |
| Daß drum ihr Lied die Vögel eingestellt; | |
| Nein, lauter jauchzten sie, den Tag zu grüßen, | |
| Seit das Geflüster in dem Blätterzelt, | |
| Als Baß begleitet den Sopran, den süßen | |
| So summt's bei Chiassi unterm Piniendach, | |
| Wo endlos Haine sich an Haine schließen, | |
| Wenn Aeolus Scirrocco's Fesseln brach. | |
| Auf Pfaden, die von Gras und Moosen schwellen, | |
| Drang Schritt vor Schritt soweit ich nach und nach, | |
| Daß ich den Eingang nicht mehr sah, den hellen. | |
| Da hemmte ein Gewässer meinen Fuß, | |
| Das Halm und Kräuter mit den kleinen Wellen | |
| Zur Linken bog. Der klarste Bach selbst muß | |
| Gemischt mit andern Stoffen uns erscheinen, | |
| Wenn er verglichen wird mit diesem Fluß, | |
| Der Fremdes nicht verbirgt im Schooß, dem reinen. 296 | |
| Obgleich der Quell im Schatten rinnt zumeist, | |
| Wo Sonne nicht, noch Mond durch's Laubdach scheinen, | |
| So funkelt heller er, wie'n Demant gleißt. | |
| Diesseits des Bach's blieb zwar ich mit den Füßen, | |
| Doch mit den Augen war und mit dem Geist | |
| Ich jenseits schon, wo frische Maien sprießen | |
| Verschiedener Art und von verschied'nem Grün. | |
| Noch stand ich da den Anblick zu genießen, | |
| Als solch' ein Wunder drüben mir erschien, | |
| Daß Alles ich vergaß in sel'gem Schauen. | |
| Denn auf der Flur, wo tausend Kelche blühn, | |
| Wallt singend hin die herrlichste der Frauen, | |
| Die Blumen pflückend oft sich niederbeugt. | |
| "O du, die hier sich sonnt auf Wonneauen | |
| Im Strahl der Liebe," hob ich an, mir däucht , | |
| Du bist so gut wie schön, bist reich an Gnade! | |
| D'rum fleh ich, wenn für's Herz das Antlitz zeugt, | |
| Umsonst wohl nicht, komm, sing hier am Gestade, | |
| Damit die Worte genau vernimmt mein Ohr. | |
| O du erinnerst auf dem Blumenpfade | |
| Mich an Proserpina im Frühlingsflor, | |
| Die Veilchen sich und Krokos brach zum Kranze, | |
| Als Ceres sie, und sie den Lenz verlor." | |
| Wie eine schlanke Maid sich regt im Tanze, | |
| Die kleinen Füße setzend Schritt vor Schritt, | |
| So zart, daß sie nicht knickt die schwächste Pflanze, | |
| Kam nah heran sie jetzt mit leichtem Tritt, | |
| Und hielt, wie über Blumen roth und golden, | |
| Sie um sich selbst sich schwingend, näher glitt, | |
| Die Lider jungfräulich gesenkt, die holden. | |
| Und nun verstand ich ihre Worte genau. | |
| Zum Strand gelangt, wo weiße Blüthendolden | |
| Der Fluß bespült, sah auf die süße Frau. | |
| Nicht schwamm, da wider Brauch, dich Aphrodite, | |
| Der Sohn einst traf, in solchem Glanz und Thau | |
| Dein Augenpaar, wie jetzt das ihre glühte! | |
| Als sie die Farbenpracht, die ohne Kern | |
| Und Samen bringt die Flur, als Blüth' um Blühte | |
| Sie lachend brach, war ich drei Schritt nur fern. 297 | |
| Fürwahr, Leander hat gehaßt nicht grimmer | |
| Den Hellespont, wo sank des Xerxes Stern, | |
| Ein warnend Beispiel für den Stolz noch immer, | |
| Als ich den Bach! er, weil von Abydus | |
| Der Meerarm Sestus trennt und hemmt den Schwimmer, | |
| Um frei den Weg zu lassen durch sein Bette. | |
| "Neulinge seid Ihr", sprach die Maid, "so muß | |
| Mein Lachen Euch befremden an der Stätte, | |
| Die einst erwählt ward zu der Menschheit Nest. | |
| Hier meint Ihr, daß zum Scherz kein Recht man hätte. | |
| Jetzt treib ich aus der Zweifel letzten Rest! | |
O denk nur an den Psalm, Ihr sel'gen Schatten, |
|
| "Du hast mich froh gemacht"! solch Freudenfest | |
| Fei'r ich auch hier auf diese Blumenmatten. | |
| Frügst gern du mehr, du der voraus geschwind | |
| Den Andern eilt, so will ich's dir gestatten." | |
| Und ich: "Hier giebt es Wasser, gibt es Wind, | |
| So ist nicht wahr, was ich gehört noch eben?" | |
| "Wenn der Erscheinung Gründe klar dir sind | |
| Gelingt's mir schon den Widerspruch zu heben. | |
| Das höchste Gut, daß sich genügt allein , | |
| Schuf gut den Menschen, schuf ihn froh zu leben, | |
| Und gab als Friedenspfand ihm diesen Hain. | |
| Doch hat der Mensch nicht lang dies Glück genossen; | |
| Er selbst hat ja verwandelt Lust in Pein; | |
| Seitdem hat Thränen er genug vergossen. | |
| Daß nicht dem Menschen über jenem Thor, | |
| Durch das der ob're Theil des Bergs verschlossen, | |
| Der Friede, den er später doch verlor, | |
| Durch Aufruhr in der Luft verdorben werde, | |
| Steigt dieser Berg so himmelhoch empor. | |
| Nicht kann der Dunst aus Wasser und aus Erde | |
| So hoch sich schwingen, zieht hinauf ihn auch | |
| Die Wärme, ausgestrahlt vom Sonnenherde. | |
| Drum weht in einer Richtung hier der Hauch, | |
| Von Anfang an dieselbe stets, drum rühren | |
| Gleich schwach, gleich stark, im Wald, an Baum und Strauch | |
| Die Blätter sich, ein ewig Musiciren. 298 | |
| Und diese Lüfte sind es, die die Kraft | |
| Aus jeder Pflanze ziehn und mit sich führen, | |
| Aufnehmend die besondere Eigenschaft; | |
| Und diese theilt dann mit sich dem Gefilde, | |
| Wo ihre Wirkung gleiche Pflanzen schafft, | |
| Wenn gut der Boden und das Klima milde. | |
| Wer's weiß, dem scheint's nicht wider die Natur, | |
| Daß ohne Samen sich 'ne Pflanze bilde. | |
| Doch hier entstehn auf solche Art nicht nur | |
| Gewächse, nein, erfüllt ist jede Stelle | |
| Mit Samen ohne Zahl; Frucht bringt die Flur, | |
| Die drüben unbekannt. Der Bach, der helle, | |
| Entstammt nicht einer Ader, die sich füllt, | |
| Durch Niederschlag der Dünste, nicht der Quelle, | |
| Die Frost versteint und die im Lenze schwillt, | |
| Die athmet und verathmet, wächst und schwindet; | |
| Nein aus dem Born, dem wandellosen quillt | |
| Die Fluth, die an zwei Seiten Abfluß findet. | |
| Der Born ergänzt das Wasser, das dem Bach | |
| Verloren geht, wenn er durch's Kraut sich windet. | |
| Hier hat die Kraft er, was der Mensch verbrach | |
| Aus der Erinnerung gänzlich fortzuwischen, | |
| Der Flußarm dort hilft dem Gedächtniß nach, | |
| Um unsre guten Thaten aufzufrischen. | |
| An dieser Seite nennen wir den Fluß | |
| Den Lethe, aber hinter jenen Büschen | |
| Heißt Eunoé der andre Erguß. | |
| Nur der, der hier und dort thut ein'ge Züge, | |
| Spürt seine Wirkung ganz. O, der Genuß | |
| Stillt deinen Wissensdurst auch zur Genüge, | |
| D'rum war es unnürtz, macht ich mehr dir kund. | |
| Doch wird's dich freu'n, wenn Eins hinzu dich füge, | |
| Da die besondre Huld für Euch der Grund, | |
| Warum ich weiter geh' als mein Versprechen. | |
| Die alten Dichter, wenn mit frommem Mund | |
| Von gold'ner Zeit und wahrem Glück sie sprechen, | |
| Sahn wohl auf dem Parnaß im Traum dies Land, | |
| Sahn diesen seel'gen Hain mit seinen Bächen, | |
| An denen mit gesunden Wurzeln stand | |
| Der Menschheit Baum. Sieh, hier auf diesen Weiden | |
| Herrscht ew'ger Lenz, und Nectar oft genannt | |
| Ist diese Fluth!" Da nach den Dichtern beiden, | |
| Auf die die Rede paßt, sah ich zurück; | |
| Wie lächelten die Edlen voller Freuden! | |
| Nun wandt' der Maid ich wieder zu den Blick. 07.12.2006 | |